Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- Seite 423 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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423 in tp r Der Rebell von öernburg. Itfiue Heimat für Christen rrnd Juden — für Menschen ♦ . . Wenn ich an dieser Stelle von dem Buch jctne§ sehr begabten jungen Autors spreche, so geschieht es, weil ich das besondere Interesse |bc§ C. V. - Kreises daraus hinlenken möchte. 'er Dichter heißt Gerhard Herrmann! M ostar, sein Buch „Der Aufruhr des schiefen Calm" ist im Safari-Verlag, Berlin, erschienen. Mit einer Fülle ausgezeichnet gesehener Gestalten, Negierende und Negierte, und ans einem tiefen, wenn auch resignierten weltanschaulichen Liberalismus heraus, gesiecht auf geschichtliche Tatsachen, schildert Mostar die Miniatur-Revolution, die ein Jahr nach den Berliner Märztagen, also im Jahre 1849, das „Volk" von Anhalt, im ganzen noch nicht 50 000 Köpfe stark, in revolutionäre Siedehitze trieb und rasch wieder zur Kniebeuge brachte, nachdem einiges wenige, und auch das nur in verdünnter Form, erreicht war. Das war die „grande revolution“ in Vernburg, der Residenz des schwachsinnigen Alexander Franz und seiner Herzogin, die es in jeder Hinsicht lieber mit dem gesunden und machthungrigen Junker von Trosegk hält. Und wer ist der Führer? Das ist der „schiefe Ealm", der kleine, verhutzelte, jüdische Lohgerber, auch er eine historisch beglaubigte Figur. In steigender Teilnahme bewegt es uns, wie ein nichtjüdischer Autor diese Judengestalt schildert. Hier hat weder Haß die Feder gelenkt noch auch etwa das, was man so obenhin Philosemitismus nennen konnte. Es ist nichts anderes und kann gar nichts Größeres sein als dichterisches Verständnis für einen Menschen, der die besonderen Merkmale des deutschen Juden von vor hundert Jahren trägt, aber auch von einem seelischen Gepräge, das heute noch gilt. Dieser Calm wird in den Zorn gegen das absolute Regiment durch ein persönliches Erlebnis gedrängt. Aber wenn er sich, wie von einem Dämon getrieben und seiner selbst kaum bewußt, in den Aufruhr stürzt, ist das mehr als ein Aufbegehren verletzten Selbstgefühls, und es ist auch etwas anderes als das sehr unklare Freiheitsbedürsnis der christlichen Kleinbürger ringsumher. In Calm lebt und zündet die Liebe des deutschen Juden für seine Wohnstatt, dieses trotz aller bitteren Erfahrungen unverlöschbare Hinstreben nach Deutschland, von dem er wiedergeliebt sein möchte. Natürlich, es soll ein freies Deutschland sein, frei von Druck, frei von Verhöhnung, frei vom letzten Kettengeraflel des Ghetto. „Anne Heemat", so sagt er, „sor Christen un Juden, sor Menschen!" Aus sehnsuchtsvoller Liebe, nicht aus Zerstörungslustigem Groll wird er Rebell; so frommgläubig er ist, er erlaubt der Tochter die Heirat mit einem Christen, und dieser eine Zug scheint mir nicht echt zu sein. Daß er, der Sache getreu, tragisch endet, ist selbstverständlich. Er stirbt in einem anderen Aufruhr zwanzig Jahre später, wie wiederum fünfzig Jahre später andere Juden starben, die nach dem Weltkriege von einem neuen, freieren, reineren Deutschland träumten. F. E. Wiener Grabsteine ans dem ]ai;rel244 Auf den Spuren Wischer Vergangenheit in Men. Bon Dr. A. S. Frischarrer. Aus dem Giebel des Palais Liechtenstein befand sich in den Reihen der einfach behauenen Steine des Firstes eine Platte, deren eingemeißelte fremdartige Schriftzeichen deutlich verrieten, daß dieser Stein feiner ursprünglichen Bestimmung nach nicht als einfacher Baustein gedacht sein konnte und daß ihn bloß ein späteres Schicksal irrtümlich auf seinen hochgelegenen Platz verbannt hat. Die eingeschnittenen Schristzeichen waren hebräische Buchstaben, die sich zu einer Gedenkschrift für einen Verstorbenen zusammenfügten. Und der auf den Dachfirst eines Varockpalais verirrte Stern war eine jüdische Grabplatte, die mehrere Jahrhunderte zuvor entstanden war. Dort, wo heute die bewegteste Straßenkreuzung der inneren Stadt sich Zwischen Kürntnerstraße und Opernring schneidet, au der 0teEc des Operngebüudes und im Zentrum des elegantesten Hotelviertels erstreckte sich der ehemalige Judenfriedhof von Wien. Es war der Friedhof der mittelalterlichen Wiener Juden, der bis zu ihrer ersten Auswanderung im Jahre 1421 in Benutzung stand. Von dieser altjüdischen Begräbnisstätte hatten sich Grabsteine in größerer Anzahl erhalten. Viele von ihnen machten nach ihrer zwangsweisen Wtragung belvegte Irrfahrten mit, bevor sie im jüdischen Museum in der Leopoldstadt landeten, wo sie jetzt noch' zu sehen sind. Anläßlich von Neubauten wurden mehrmals solche Gedenksteine, die Jahrzehnte oder Jahrhunderte hindurch in einem versteckten Winkel den Dienst eines gewöhnlichen Bausteines versehen hatten, an das Tageslicht gefördert. Einige waren z. B. auch in die Wände der alten Universität vermauert. Die ersten jüdischen Einwanderer in Wien dürsten sich bis in die Nömerzeit zurück verfolgen lassen, als Lieferanten und Marketender der Legionen, die nach dem vorgeschobenen Ostkastell Vindobona geschickt wurden. Urkunden des 12. Jahrhunderts tun eines Juden als des Münzmeisters Herzog Leopolds V. Erwähnung und im 13. Jahrhundert muß es schon eine ausgebreitete jüdische Gemeinde in Wien gegeben haben, denn ihr Hauptplatz, der Mittelpunkt ihres Wohnbezirks, der heute noch durch seinen Namen an seine einstige Bestimmung erinnert, der Judenplatz, war damals der Ort ihrer Synagoge, des Fleischhoses jür rituelle Schlachtungen und der rituellen Badestube. — In der Gegend um den Judenplatz herum betrieben die mittelalterlichen Juden ihre Gewerbe, häufig das Geldgeschäft und größtenteils den Textilhandel. Als bald nach der Auswanderung im Jahre 1421 neuerdings jüdische Einwohner in Wien austauchten, wurde ihnen auf Geheiß des Kaisers Maximilian die Himmelpsortgasse Zunächst als Quartier eingeräunlt und sieben Familien erhielten die offizielle Erlaubnis, hier Zu hausen. Ein richtiges Ghetto im Sinne eines völlig abgesonderten Viertels, dessen Tore bei Nacht verschlossen wurden und eine selbständige Judensiedlung innerhalb einer Christenstadt absondern, gab es in Wien nur ganz kurze Zeit. Es war in den Jahren von 1625 bis 1679, im Anfang der Bestedlung der heutigen Leopoldstadt. Man unterschied damals zwischen drei Arten von Juden in Wien. Es gab sogenannte Privilegierte Hofjuden, die, von jeder Steuer und vorn Zwang des Judenzeicheus bcsreit, ein Leben in besten Verhältnissen führten, daneben „gemeine" Juden, denen kein Vorrecht zustand und die dem Gesetz nach bis 1781 den gelben Fleck auf dem Gewand zu tragen hatten, und schließlich fremde Juden, die stets ihren gemeinnützigen Ausenthaltsgrund nachweiserr und für die Ausenthaltsbewilligung weniger Tage mehrere Flor ins zahlen mußten. Die führenden Familien des 17. Jahrhunderts in Wien waren die O P P e n h e i m e r und die Wertheime r. Samuel Oppenheimer vor allem war ein Finanzmagnat ga'nz großen Formates. Er hatte sich in den Zeiten des Dreißigjährigen Krieges durch Armeetieferungen und als Bankier des Hofes sein großes Vermögen und die Protektion der Regierung, insbesonderedie persönliche Gunst des Prinzen Eugen, erworben. — Am Ende des 17. Jahrhunderts kam es von neuem zu einer Spannung Zwischen dem Staat und der jüdischen Gemeinde in Wien. Der Gattin des Kaisers Nur Simson-Supra! ’lporund“' Der deutsche Wagen! Wailenfabrikes Si i s o n & Co., AM.MomobiiiaMiieQ Suhl i. Thür«