Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- Seite 422 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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422 nur mittelbare Eingreifen fremder Nationen die Sowjets von ihrer Unterdrückungspolitik gegen den Zionismus abbringen können. Dr. Nnppin klagt, daß durch die geschickte Jugendpropaganda der Sowjets auch die jüdische Jugend vom Zionismus und überhaupt von jüdischen Dingen entfernt werde. Unliebsame Konsequenzen öes jüdischen Nationalismus. Aus all den Debatten schält sich ein geistiges und Politisches Problem heraus: Der jüdische Nationalismus. Wie oft hatte man in der nationaljudischen Agitation gehört: Die rnessianische Idee des Judentums verkümmert in den Judenheiten der verschiedenen Lander. Nur wenn sich diese zum jüdischen Volkstum bekennen, wird auch die Idee des Judentums, die Idee des Friedens und der Völkerversöhnung wieder ihre lebendige Kraft ausströmen können. Aber man gleicht sich nicht ungestraft einer geistigen Strömung wie dem Nationalismus an. Man wird, vielleicht unbewußt, auch als jüdischer Nationalist Opfer der Entartungserscheimmgen des Nationalismus, wie sie im nationalen Chauvinismus gipfeln. Alls dem antiimperialistischen Kongreß in Frankfurt am Main, der etwa gleichzeitig wie der Zionistenkongreß tagte, mußten sich die Vertreter der Poale Zionisten von den arabischen Delegierten sagen lasten, daß sie Handlanger des englischen Imperialismus seien. Ja, es wurde sogar ein Antrag ans Ausschluß der Zionisten gestellt. Wenn der jüdische Militarist Jabot in sky spricht, glaubt man den Vertreter irgendeines faschistischen Systems zu hören, und die temperamentvolle Kraft aus dem Inhalt seiner Rede läßt das Bild des schwertgegürteten Volksaufwieglers erstehen:- HTOII ■lill'i' IUI 'III I, „Palästina ist ein Gebiet, dessen hauptsächlichste geographische Charakteristik darin besteht, daß der Strom Jordan nicht etwa a n der Grenze, sondern in der Mitte dieses Gebietes fließt." „Der Zionismus bedeutet nicht nur das Streben, in Palästina eine ß M e hrheit zu schaffen, sondern Platz zu schassen in Palästina für M i l l i o n e n auf beiden Seiten des Jordans." Wohl dämpft immer wieder die zionistische Mitte im Bewußtsein ihrer politischen Verantwortung solche chauvinistischen Darlegungen. ei Aber auch auf der anderen Seite des Hauses finden die zurückg haltenden Erklärungen der Nealpolitiker wenig Beifall. Dr. Ruppins d Auffassung von der Eigenart des jüdischen Nationalismus, der dem 2 Frieden dient und der eine Majori'sterung der Araber nicht will, klingt?■ eben schlapp, verglichen mit dem Fanfarenton des Herrn Jabotinsky. s „Zwei Völker, Araber und Inden, sollen gleichberechtigt in - Palästina leben." Nein, auch Rabbi Meir (Berlin), der Sprecher des Misrachi, bekennt sich nicht zu solcher Bescheidung; auch der Misrachi will eine j ü d i s ch e M e h r h e i t in Palästina, während c doch heute knapp 160 090 Juden mehr als 600 000 Arabern gegenüber- ( stehen. 1 Man hat viel und nichts Gutes von den Chauvinisten aller! Länder gelernt. Man flüchtete vor ihnen aus den „Wirtsvölkern", als sie mit ihren verstiegenen Forderungen die Juden als fremdnationale Minderheit brandmarkten. Aber die gleichen Leute, die j in der Politik ihres „Wirtslandes" jede Erscheinung des Chauvij nismns bekämpfen, verlieren den Maßstab, sobald es sich um das Palästinaproblem handelt. Dieser Widerspruch und diese verhängnisvolle Entwicklung! riesen einen Mann, der geistesgeschichtlich eine Situation zu werten weiß, als Warner auf den Plan: Dr. Martin Buber. Aus seine wichtige Rede werden wir demnächst Zurückkommen. Dr. Hans Reichmann. Selbstkontrolle. Bm meinem Tagebuch. Von Ernst Liffaner. Ein Freund sagte das tiefe Wort: „Die Selbstkontrolle ist die Geburtsstunde des Menschen." Sie ist der Selbstschau des Künstlers verwandt, aber von ihr unterschieden wie der schöpferische Ethiker vom Künstler. Denn wohl hält der Künstler, der sich selbst anjchaut, abbildet, malt, dichtet, in vielen Fällen zugleich „über sich selbst Gericht", wie es der Jbsensche Vers bekennt, oft aber will er sich nicht prüfen, richten, sondern bestätigen, verherrlichen. Naivität und Selbstkontrolle schließen einander fast ans. Sie sind Gegensätze; denn der naive, unbefangen, instinkthaft handelnde Mensch ist meist so sehr mit sich eins und einig, daß er Mr nicht von sich selbst zurücktreten kann, um sich zu überprüfen. In diesem Sinne stellt allerdings der schlechthin naive Mensch oft einen geringeren Typus dar, sofern er nicht — höchste, aber kaum jemals verwirklichte Ausnahme — stets von selbst das Richtige trifft. Ein anderer höchster und gleichfalls seltener Typus hingegen jener, dem sich die Unmittelbarkeit des Wesens^ und Handelns durch die Kraft, das eigene Selbst zu überwachen, nicht vermindert. Gleich der Selbstschau ist die Selbstkontrolle eine „Selbstbespiegelung"; aber dieser Spiegel verschönert nicht, er zeigt das wahre Bild, ja, eher verhäßlicht er. Die Selbstkontrolle ähnelt dem sogenannten künstlerischen Gewissen; wie der Dichter oder der Musiker sein Werk immer wieder aus taube, leere, undichte Stellen, auf mangelhaften Bau und dergleichen überdenkt, so überdenkt sie das Verhalten. Selbstkontrolle ist eigentlich nichts als das immer wache, immer tätige Gewissen. Die Geschichtsschreiber, wenn sie ihre Aufgabe im höchsten Sinne erfüllen, üben die Selbstkontrolle ihres Volkes ans: sie vollzieht sich in ihnen. Die Sagen, Mythen, Legenden der Völker aber sind fast immer einfältig und naiv, sie verklären sich in ihnen ihre Vergangenheit, sie überprüfen sie nicht. Ausgenommen die talmudischeu verwandten Sagen der Inden, ja, fast ihre gesamte nachbiblische Literatur. Sie deuten die Handlungen und Geschehnisse der Bibel aus; alle Zusammenhänge, Begründungen, Antriebe werden untersucht. Es wird zum Beispiel bedacht, daß Moses, der später verbot, zu töten, den ägyptischen Vogt erschlug, oder daß Noah nicht um den Untergang der Menschen klagte. Jene durch Jahrhunderte währende Folge von Frage, Antwort, Deutung, Auslegung — aus der dann jene Sagen und Legenden erwuchsen — sind nichts anderes als die beständige Selbstkontrolle des Judentums — Folge und Gegensolge eben seines Mangels an Naivität. Die Marburger religionskurrüüche Sammlung» Von D. Dr. Heinrich Frick, Professor der evangelischen Theologie an der Universität Marburg (Hessen). Es ist leider nur zu bekannt, in wie hohem Maße es heutzutage an Erkenntnis der Religionen untereinander fehlt. Wenn auch nicht alle konfessionellen Kämpfe ans Unkenntnis zu erklären sind, so steht doch wohl fest, daß in sehr vielen Füllen und vor allem in der breiten Oessentlichkeit nichts einen derartig günstigen Boden für gegenseitige Hetze abgibt als die erschreckende Unkenntnis auch der einfachsten Grundzüge fremden Glaubens. Deshalb ist es weit über das wissenschaftliche Interesse hinaus für die Allgemeinheit wichtig, daß man sich um das gegenseitige Kennenlernen bemüht. Vor allem sollte man unter den Geistlichen diesen Willen für eine selbstverständliche Ehrenpflicht halten. Leider ist aber auch in dieser Hinsicht noch viel zu tun. Es darf deshalb an dieser Stelle auf ein neues Unternehmen aufmerksam gemacht werden, das in Marburg unter den günstigen Bedingungen des Jubiläumsjahres 1927 ins Leben gerufen worden ist. Dank der Gesinnung und Forscherarbeit des bekannten Theologen Rudolf Otto (Verfasser von „Das Heilige") ist hier eine Religionsk nützliche S a m m l u n g begründet worden, deren zweite Abteilung die christlichen Konfessionen um das Judentum umfassen soll. Die Sammlung will j im Monat Oktober mit einer Ausstellung! „Fremde Heiligtümer" zum erstenmal an die j Oessentlichkeit treten. Dabei werden außerbibj lische Religionen gezeigt. Die jüdische Abteij lang hat bereits einen Grundstock von Gaben j erhalten und möchte zunächst im Sinne der sol- 1 genden Uebersicht vier in sich geschlossene Ein- { drücke von Kultgerätschaften des Judentums 1 vermitteln. Wir sind für den Nachweis von! geeigneten Objekten wie überhaupt sür jede Form j der Mitarbeit dankbar. 1 Denn die Sammlung möchte eine Stätte ge- £ meinsamer Arbeit, nicht ein bloßes Schaustück 8 werden. Der geistige Zusammenhang mit der s Universität ist durch eine „Gesellschaft der 8 Wissenschaften" hergestellt, die ihrem Weser | nach streng paritätisch arbeitet. Wir glauben einen indirekten Beitrag zur konsessionellcn Brr- P ständigung liefern zu können und dadurch das! Interesse der Leserschaft dieses Blattes zu finden. Die jüdische Abteilung soll umfassen: 1. Gruppe: Synagoge. Thoraschrein nn: - Vorhang, Almernor (Lesepult), Vorbeter-Gebetbuw, | Thorarolle mit Wimpel, Mantel, Schild, Krone | und Jad, Siebenarrniger Leuchter, Channklas lenchter, Estherrolle, Kiddusch-Vecher, Scbosm Tallis (Gebetmantel) schmal und breit, Tulln: (Gebetriemen) mit Berckel, Gebetbuch, Mumm, Festgebeibnch, Sargenes oder Kittel. 2. Gruppe: Wohnung mit Sabbatiism. Mesuse (Am Türpfosten, Misrach (Zur Vezcichnnne der Ostwand), Armen- oder Palüstinabüchse, Arba- Kanses (rituelles Unterkleid mit Schaufäderck. Leuchter, Brotteller, Brotdecke, Kiddusch-Vecher. Salzfaß, Hawdalah-Kerze, Vesomim-(Gewnrw - Büchse. 3. Gruppe: Severtisch. Leuchter, Haggado Becher für den Propheten Elia, Sederschüsseh Mazzetasche, Sargenes, Kissen zum Anlehnen. 4. Gruppe: Laubhütte. Esrog mit Don Lulab (Feststrauß), Brotteller, Becher, Jüdische t Bilder und Tischgeräte. August Förster FLÜGEL UND PIANOS Fabrik: Löbau i. Sa- / Filiale: Berlin | Kurfürstendamm 22. Fernruf: Bismarck 7826. 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