Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- Seite 421 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277865--05420-2286157- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Jewish Agency, Wirtschaftskrise, Mabersrage und anderes auf -em 16. Zionistenkongreß. Sonderbericht für die „C.V. - 3 eilung". Zürich, 5. August. Der Kongreß, der nun schon über acht Tage dauert, gleicht zwar in seinen äußeren Formen einem Parlament. Aber sehr zahlreiche Redner verwechseln ihn mit einer Volksversammlung; viele Zuhörer sehen auch lieber theatralische Gebärden und berauschen sich an sonor deklamierten Phrasen („ich werde Sicherungen sür die Agency bis zu meinem letzten Atemzug fordern", sagt SLephen W i s e, U. S. A.), als daß sie die nüchternen und staatsmännischen Erklärungen des Präsidenten und seiner Kollegen von der Exekutive oder die kluge, bewußt auf rhetorische Erfolge verzichtende Nede Kurt Blumenselds hören. Wenn der frühere Legionsführer I a b o L i n s k y, den man, an nationalistischer Verstiegenheit gemessen, den jüdischen Hitler nennen könnte, redet, dann rast die Galerie, und der Beifall hallt um so lauter, je maßloser die Angriffe gegen den Präsidenten Professor Weizmann, die Exekutive und das Zentrum des nationaljüdischen Parlaments, die „Allgemeinen Zionisten", hageln. Zwar darf dieser Beifall nicht darüber hinwegtäuschen, daß hinter Jabotinsky nur eine geringe Zahl extremer Richtung steht und daß die viel gemäßigtere Exekutive sich immer wieder gegen diese radikale Opposition durchsetzt; aber der Eindruck bleibt: Der Zionismus verkörpert keineswegs „die jüdische Einheit". In so scharfer, oft persönlich verletzender Form, wie auf diesem Kongreß Zionisten einander bekämpfen, pflegt selbst der Gegensatz der Anschauungen Zwischen Antizionisten und Zionisten in Deutschland nur selten ausgetragen zu werden. „Als ich mehr in die zionistische Arbeit hineinkam, da habe ich gestaunt und mich gefragt: Ist das eine Organisation mit verschiedenen Teilen, oder sind es verschiedene Organisationen, die einmal in zwei Jahren Zusammenkommen, um mit einander zu kämpfen," meinte das Mitglied der Exekutive Professor Dr. Brodetsky, und er hat recht. Daran sollten sich die deutschen Nationaljuden erinnern, die so gern die Wahrung nicht- oder antizionistischer Gesinnung als einen „Verrat am Judentum", als frivolen Angriff gegen „d i e heilige jüdische Sache" verfemen. Worum geht -er Kampf? Der Kampf geht noch immer um das Problem der erweiterten Jewish Agency. Zwar rüstet man schon zum Empfang der nichtzionistischen Juden, die in der erweiterten Ageney Mitarbeiten werden an: a) der dauernden Verstärkung der Einwanderung nach Palästina und des Erwerbs des Bodens als Volksbesitz; d) der landwirtschaftlichen Kolonisation aus Grund der jüdischen Arbeit; c) Förderung der hebräischen Sprache und der hebräischen Kultur. Man sollte meinen, daß dieses Programm, zu deren Erfüllung sich Teile der nichtzionistischen Judenheit verstanden haben, von jedem Zionisten freudig begrüßt würde. Wer das annimmt, weiß nicht, wie fern einander die Gralshüter der „wahren" zionistischen Tradition und die parteidogmatisch nicht gebundenen Palästina-Freunde stehen. Selbst die allgemeinen Zionisten sind in den Augen der radikalen Opposition nur Kompromißler, die des echten zionistischen Heiligtums längst nicht mehr teilhaftig sind. Sie müssen sich heute schon gegen den Vorwurf verwahren, schlechtere Nationaljuden zu sein als die misrachistische Rechte und die radikale Linke. Vielleicht lernt man daraus und ist auch in der allgemeinen innerjüdischen Auseinandersetzung vorsichtiger mit der Abwertung solcher jüdischen Gruppen, die nicht die eigene Meinung teilen. Die fingst vor -er Jewish Agency. Warum diese Angst vor der Erweiterung der Jewish Agency? Bisher hatte die zionistische Organisation nach dem Palästina-Mandat die Stellung einer Jewish Agency (jüdischer Beirat). Jetzt gibt sie diese Funktion ab an einen Kreis von etwa 220 Personen, von denen die Hälfte nichtzionistisch ist. Das bringt nach der Meinung der Opposition die Gefahr einen Verwässerung, der zionistischen Arbeit: Die nationale Linie, die bisher, solange nur Zionisten am Werk waren, verfolgt wurde, werde unterbrochen, wenn Assimilanten aus religiösen oder humanitären Beweggründen am Palästina-Aufbau Mitwirken. Um so schlimmer aber wiege dieses Mitbestimmungsrecht, weil die Nichtzionisten, die es ausüben, nicht wie die Zionisten demokratisch gewählt wären. Man habe, so begehrt die Opposition auf, sich dem plutokratischen Amerika gebeugt. „Wir", versichert der Radikale Soloweitschik, „werden uns nicht von den grundlegenden Theorien des Zionismus durch Unternehmungen abbringen lassen, die Ausgeburten von Nervosität und Hysterie sind." So werten Führer oppositioneller zionistischer Richtungen die Ageney, die nach sechsjähriger mühevoller Arbeit des Präsidenten Weizmann Zustandekommen soll. Und die Exekutive muß sich sagen lassen, daß sie den Kongreß vor fertige Tatsachen gestellt und Komödie mit ihm gespielt habe. Welche Rolle man den Nichtzionisten zuweist, haben Jabotinsky und andere sehr klar und brutal ausgesprochen: Sie sollen den goldenen Regen bringen. Aber man bezweifelt ihre Fähigkeit, Palästina die Millionen zu geben, die es braucht. Die Eiferer sehen auch in dem Finanzinstrument der Agency, dem Keren Hajessod, eine Konkurrenz für den Keren kajemeth Lejisrael (Jüdischer Nationalfonds). Präsident Weizmann schlägt ein Jahresbudget von 750 000 Pfund Sterling und ein Eventualbudget von einer Million Pfund Sterling vor. Der Nationalsonds verlangt ebenfalls eine Million Pfund Sterling sür seine besonderen Ausgaben, wie Bodenauskauf usw. Noch ehe man aber die Ehe mit den Nichtzionisten eingeht, fordert man Sicherungen für die Ehescheidung. Deshalb wird ein Brief des englischen Kolonialamts hart umstritten, der sich zu dem Fall der Auslösung der jetzt gewählten Jewish Agency äußert. Für bk\m Fall „will die britische Regierung die Zionistische Organisation als Jewish Agency im Sinne des Artikels 4 des Mandats sür Palästina anerkennen, vorausgesetzt, daß ihre Organisation und Verfassung zu dieser Zeit angemessen sind". Dieses Prüsungsrecht, das sich die Negierung vorbehält, ruft wiederum die Streiter auf den Plan. Besonders leidenschaftlich greifen Dr. Stephen W i s e und Jabotinsky diese Bestimmung an. Bisher nahm die Zionistische Organisation uneingeschränkt gegenüber ihrem Partner England die Stellung einer Agency ein. Jetzt soll man Bedingungen eingehen, falls sich die erweiterte Agency nicht bewährt. Jetzt soll man sich prüfen lassen, ob „Organisation und Verfassung angemessen" sind. Die Exekutive, die diesen Angrisfsregen aus sich niederprasseln lassen muß, versucht zu beruhigen. Das Prüfungsrecht der englischen Negierung sei nur eine Formalität und „ein Bund, der einmal im Zeichen Palästinas geschlossen ist, wird nicht wieder getrennt". Auch die Bedenken, daß nach der Schaffung der Agency kein Platz mehr für die Zionistische Organisation sei, werden zerstreut. Professor Brodetsky zeichnet die Aufgaben der Zionistischen Organisation in der Zukunft. Man muß die Zeit vorbereiten, in der der Unterschied zwischen „Zionisten" und „Nichtzionisten" verwischt wird. Die „Zionisten" sollen bleiben, das „Nicht" soll wegsallen. Deshalb will man in London ein Department für zionistische Propaganda in der ganzen Welt eröffnen. Eine stärkere Hebraisierung soll erfolgen. Die innerzionistischen Gegensätze sollen zurückgestellt und in jedem Land soll eine Organisation der Zionisten zur intensiveren Werbung geschaffen werden. Vor allem aber will man die Jugend erfassen; die allgemeinen Zionisten müssen sich sagen lassen, daß sie mit ihrer nüchternen Realpolitik überhaupt keine Jugend hinter sich haben. Streiflichter aus -er Generak-ebatte. Neben diesen Hauptproblemen des Kongresses läuft die Erörterung wirtschaftlicher und politischer Fragen. Die katastrophale Lage, in der sich Palästina vor zwei Jahren befand, wird allgemein zugestanden; jetzt glaubt man, die Krise überwunden zu haben, wenn auch zu übertriebenem Optimismus kein Anlaß vorliegt, wie Dr. Weizmann betont. Schars wendet sich die Opposition gegen die angeblich lässige Haltung der Exekutive gegenüber der Mandatarmacht England. Einigkeit herrscht beim ganzen Kongreß in der Verurteilung der Vorgänge, die sich im Vorjahr am Jom Kipur an der Klagemauer abgespielt haben. Jüdische Beter sind auf arabische Intervention von der englischen Polizei gestört worden. Der Kongreß entsandte eine Delegation nach London, die Sicherungen gegen die Wiederholung in diesem Jahre von der englischen Negierung fordern soll. Das Problem Rußland, wo drei Millionen Juden leben, wird gestreift. Die Exekutive glaubt nicht, daß Proteste und das wenn auch