Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- Seite 419 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Rüstet zu -en Rommunalwahlenl Ueine Politik auf eigene Jaust. Der Traum muß ausgeträumt sein, daß Kommunalwahlen ureigenste Angelegenheit der Gemeinden seien. Man kann sich heute auch in der Kleinstadt kaum einen Bürgermeister vorstellen, der seine Stadtväter dazu bewegen kann, Politik aus dem Stadtparlameut herauszulassen, wie das in der Vorkriegszeit an der Tagesordnung e war. Wer heute zur Stadtverordnetenwahl Stellung nimmt, macht seine Stimmabgabe nicht mehr von einer ihm genehmen oder nicht t genehmen Anstellung eines Nachtwächters abhängig. Die politische e Üeberzeugung ist maßgebend. Kommunalwahlen sind heute politische : Wahlen wie jede Reichs- und Landtagswahl. Es gibt keine Partei, e die ihre Weltanschauung nicht auch in einem Kommunalprogrannn verankert hätte. Das Ergebnis der K o b u r g e r Stadtverordneten- - wählen war sür die Parteien ein ebenso schwerer Schlag wie der - Ausfall der sächsischen oder mecklenburgischen Landtagswahlen. r Rechtzeitig hat die Nationalsozialistische Partei das Mitglied des e Stadtrates München, Karl Fiehler, beauftragt, ein Buch über i, „Nationalsozialistische Gemeindepolitik" zu schreiben. Im Anschluß - an allgemeine Grundsätze werden darin Fragen der Finanz- und t Steuerpolitik, der Jugendpflege, Schule und Erziehung, der Gesundi heitspflege, der sozialen Fürsorge, des Bau- und Siedlungswesens, - der Beamtenpolitik usw. eingehend erörtert. Man will nicht nur in - die Stadtverordneteuparlamente, sondern auch in die Kreis- und Provinziallandtage nationalsozialistische „Üeberzeugung" tragen. Herr Fiehler umschreibt diese Aufgabe mit den schönen Worten: „Wir sind als Gemeindevertreter dazu berufen, in der gemeinsamen Front der nationalsozialistischen Bewegung zu - kämpfen'für die Erneuerung unseres Volkes und seine Erlösung i aus dem Banne der internationalen Fremdherrschaft." - Es ist selbstverständlich, daß auch wir im Centralverein den i | Kommunalwahlen unser stärkstes Interesse Zuwenden werden. Die r! gemeinsame Front der jüdischen Deutschen gegen die Judenfeindschast, ■, | von der Berliner Leitung des C. V. in Richtung gebracht, muß gerade z bei diesen Wahlen in Erscheinung treten, da die dem Terror am -! meisten ausgesetzten Mittel- und Kleinstädte in ländlichen Bezirken 3 | durch die nationalsozialistische Agitation sicherlich schwer zu leiden e;> haben werden. Es wäre Verrat an der Sache des deu tschen , \ Judentums, wollten wir einem in neuerer Zeit aufgetauchten, , 1 sicherlich wohlgemeinten Rat folgen und „den jüdischen Gemeinden - j die Beobachtung und Bekämpfung der judenfeindlichen Bewegung, * 1 soweit sie sich innerhalb der Grenzen der Gemeinden bemerkbar;s 1 macht, überlassen", weil nach Ansicht des Artikelschreibers die Stimme * | privater Vereine nicht das Gewicht habe, um an allen Stellen Ve-- ' E achtung zu finden. Mit diesem freundlichen Anreiz zum Lokals | Patriotismus werden die jüdischen Gemeinden praktisch nichts anfangen | können. Wer soll beobachten und wer soll kämpfen? Wenn, wie das § in diesen Tagen geschehen ist, eine kleine oberschlesische Stadt sich anms schickt, ein Schächtverbot zu erlassen —, wird das Gewicht der Argumente, die ein Mann vorzubringen hat, der seine Lebensarbeit dieser Frage gewidmet hat, der aber in Berlin lebt, nicht bedeutsamer sein als das Gelvicht der Stiimne des hochehremvertesteu Gemeindevorstandes dieser kleinen Stadt? Und lvenn ein Talmudprozeß in der Provinz Sachsen oder in Bayern das Gericht beschäftigt, soll das eine Angelegenheit lediglich der jüdischen Gemeinden dieser Städte sein? Es ist nicht auszndenken, welche Rückschläge die Aufklärungsarbeit auf diesem Gebiete erleiden könnte! Wie oft müssen wir zu unserem größten Bedauern erleben, daß selbst Pressest o l e ini k en in den Lo kalz ei tun g e n, die uns vor ihrer Veröffentlichung nicht Vorgelegen haben, Gutes gewollt und Böses geschaffen haben, weil in solchen Dingen ja letzten Eudes nicht der gute Wille maßgebend ist, sondern allein Erfahrung und Wissen. Und sollten vielleicht die jüdischen Gemeinden auch politische Wahlversammlungen einbernfen und Diskussionsredner in gegnerische Versammlungen entsenden? Und wo sollen die Grenzpfähle errichtet Iverden, bei denen die Beobachtung und die Bekämpfung des Judenhasses aushört? Der Judenhaß in Deutschland kennt keine Grenzpsähle, er kennt nur eine Front. In einem Gartenlokal spielt die Zuständigkeit des Nevierkellners eine Rolle; für die Aufklärungsarbeit aber kommt jeder in Betracht, der die einschlägige Literatur kennt und beherrscht, also etwas zu sagen hat. Ich erinnere mich in diesem Zusammenhänge eines Vorfalls in einer großen Stadt Thüringens, wohin man mich gerufen hatte, um einem jndenseindlichen Hetzer das Handwerk zu legen. Es wäre eine geglückte Aktion gewesen, lvenn nicht ein jüdischer junger Mann aus dieser Stadt geglaubt hätte, mitreden zu müssen. Ein Sohn der Stadt, aber doch unfähig, der jüdischen Gemeinschaft dieser Stadt zu helfen. Denn ihm fehlte die politische Begabung, ohne die man zwar ein tüchtiger angesehener und kluger Vorsteher einer jüdischen Gemeinde sein kann, die man aber braucht, um sich in dem Labyrinth schlauer Taktik und gerissener Demagogie zurechtznfinden. Gerade die bevorstehenden Kommunalwahleu sollen uns ein Warnungszeichen sein, daß wir in unsere Ausklärungs- und politische Arbeit nicht Kirchturmspolitik hineintragen dürfen. Im LiPPischen stand in grauer Vorzeit, wie man dort immer noch mit Vergnügen erzählt, der Grenzpsahl Zwischen zwei kleinen Gemeinden so unvorteilhaft, daß nur eine Gemeinde Anrecht auf den Galgen hatte. Man schickte eine Deputation in die Nachbargemeinde, diesen Galgen benutzen zu dürfen. Die abschlägige stolze Antwort lautete: „Den Galgen brauchen wir sür uns und unsere Kinder." Sollen wir dahin kommen, daß man uns eines Tages sägt: „Hände weg! Das ist rmser Judenhaß!" Hüten wir uns, auch nur mit dem Gedanken zu spielen, daß jede jüdische Gemeinde „ihren" Antisemitismus „verwalten" könnte. Artur Schweriner. 9 ), LI c u n n u n n n n [c it n :r ie ceie ech irn n!- Das En-e eines königlichen Kaufmanns. Zum Toöe vsn Eduard Simon. ’H l Der Schnß, mit dem am Sonnabend ^Eduard Simon seinem Leben ein Ende be- | rettete, bildet den Abschluß einer Tragödie. i Aber er beleuchtet auch greller als andere Ereignisse die Not der Zeit, zeigt deutlicher als 1 sonstige Vorfälle, daß die wirtschaftliche Umhsehichtung auch die Größten nicht verschont. Wir z kennen nicht die letzten Motive, die diesen wahres hast königlichen Kaufmann in den Tod getrieben 8 haben, aber wir fühlen es. daß fein Entschluß, 8 freiwillig dem Leben zu entsagen, gleichsam das 5 5 n b e einer Epoche bedeutet. Wenn dieser ^Mnnn sich selbst verurteilte, herabzusteigen in ^die Finsternis, und Abschied zu nehmen von \\ den erlesensten Genüssen des Lebens, von Reich- |htm und Ansehen, von Glanz und von Macht, I] aber vor allem von Schätzen, die sein herrliches Ahaus zierten, dann trieb ihn hierzu wohl der s? quälende Gedanke, daß für ihn rn der neuen AZeit und unter veränderten Umständen kein I" Platz mehr sei. Die Bronzen der italienischen Künstler, die Bildwerke erster italienischer Bildhauer, die einst vor Jahrhunderten in Venedig oder Florenz die Paläste großer Handelsherren geschmückt hatten, und die nun in das mit seltenstem Geschmack erbaute Haus in der Viktoriastraße übergesiedelt waren, gaben dem Manne, der sie mit tiefem Verständnis erworben hatte, das Relief seiner großen Stellung. Tenn in Eduard Simon paarte sich der W i r ts ch a f ts süh r e r und der Mäzen. Der Reichtum, in dem er ausgewachsen war, und den er zu mehren verstanden hatte, diente ihm dazu, um die hehrsten Güter der Kultur, die Künste und die Wissenschaften, zu pflegen. So wurde er nicht nur wie sein Vetter und Sozius, Dr. James S i m o n, einer der größten Sammler Berlins und Förderer der Museen, sondern er war auch ein hilfsbereiter Mäzen der Wissenschaften. Ihm verdankte besonders die medizinische Fakultät der Universität Breslau, voran der große Gelehrte N e i ß e r, bei seinen Forschungen die eifrigste Unterstützung, sür die sie in der Verleihung des Dr. med. h. e. die gebührende Anerkennung ausdrückte. Geheimer Kommerzienrat Eduard Simon hatte jahrzehntelang gemeinsam mit seinem Vetter Dr. James Simon der von den Vätern vor fast 80 Jahren gegründeten Firma Gebr. Simon vorgestanden, die das größte deutsche T e x t i l h a n d e l s u n t e r n e h - m e n und damit wohl eines der größten Häuser dieser Branche in der Welt bildete. Die Firma Gebrüder Simon war es, die fast alle Verbindungen zwischen den Produzenten und den Konsumenten in ihrer Hand hielt, die aber nicht nur den Vermittler der Ware darstellte, sondern auch neue Wege der Veredlung der Fabrikate zu gehen verstand. Erst der Krieg und vor allem die Nachkriegszeit haben die Nlonopolst ellung dieses Welthauses, dessen jährlicher Umsatz aus 50 bis 60 Millionen geschützt wurde, zu erschüttern vermocht. Die Firma hat dann versucht, sich selbst in der Textilindustrie zu betätigen, hat aber nach der Inflation die fabrikatorischen Beteiligungen wieder abgestoßen, um wieder das Großhandelshaus zu werden, das ihren Weltruf begründet hatte. Doch die wirtschaftliche Wandlung, die Deutschland besonders in dem letzten Jahrzehnt durchgemacht hat, und auf die in diesen Blattern mehrfach hingewiesen worden ist, hat kaum eine wirtschaftliche Schicht schwerer getroffen als die der Kansleute und vor allem als die jüdischen Angehörigen des deutschen Kaufmannstandes. Immer stärker versteht es heute der Großproduzent, durch seine eigenen Organe in die Sphäre des Kleinhandels unmittelbar einzudringen. immer mehr wird so der Großhandel aus allen Gebieten z u r ü ck g e d r ä n g t. Diesen Stürmen der Zeit hat auch das alte Haus der Gebrüder Simon nicht zu trotzen vermocht. In wenigen ^Wochen sollten als eines der größten Ereigniste aus dem Berliner Kunstmarkt auch die Schätze Eduard Simons versteigert und in alle Well zerstreut werden. Diese Wandlung des Schicksals hat Eduard Simon nicht zu ertragen vermocht. So zog er es vor, aus diesem Leben zu scheiden. Das tragische Ende eines königlichen Kaufmanns! K. Z.