Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 32 (9.8.1929)
- Date
- 1929-08-09
- Page
- Seite 417 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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417 Der Nürnberger Parteitag -er Nationalsozialisten. Sonderbericht für X. Nürnberg, 5. August. Ohne Zweifel haben die Nationalsozialisten in der letzten Zeit bei verschiedenen Wahlen starke Ersolge errungen. Und doch hat der eben in Nürnberg beendete Parteitag bewiesen, -atz trotz aller Bemühungen die Größe der Partei nicht überschätzt werden darf. Gewiß sind Parteitage keine Künder der Starke einer Bewegung; denn gerade bei den radikalen Parteien wird bei solchen Tagungen am wenigsten ernste Arbeit geleistet. Aber immerhin: wenn man 100 000 ankündigt, und es kommen nur wenige Zehntausende, so beweist das, daß auch die nationalsozialistischen Baume nicht in den Himmel wachsen. Heerlager in Nürnberg. Die Beslaggung der Stadt war spärlich und in keiner Weise mit der vom Deutschen i Tag im Jahre 1923 zu vergleichen. Dies ist mit so bemerkenswerter, als im „Fränkischen Kurier" eine große Anzeige erschienen war, die unter Hinweis auf das Arbeiter-Sportfest - acht Tage vorher aufforderte „zu einer großen j Kundgebung, die vom 2. bis 4. August stattj findet", mit den schwarzweißroten, bayerischen j und Nürnberger Stadtsahnen zu flaggen. In j echt völkischem Mannesmut trug diese Anzeige } weder eine Unterschrift, noch war in ihr das jj Wort Nationalsozialisten überhaupt erwähnt. j Bereits am Donnerstag trafen Hakenkreuz- 5 ln ein. Vor den Tagungslotalen entwickelten ' fie ein Lagerteben wie in einer besetzten Stadt. § Hochbepackte Autos fuhren an. Für eine P „Arbeiter"-Parbei allzu elegante ausländische h Marken darunter, was auch ein eigentümliches Licht auf die völkische Praxis wirst. Uniformierte Jünglinge betätigten sich davor in Zweckloser Aufgeregtheit. Tagelang durchzogen sie dann die Straßen der Stadt. Immer wieder begegnete man denselben Personen urid den gleichen Autos. Meistens waren es ganz junge Burschen, noch nicht im wahlberechtigten Alter. Man sah auch Orden und Ehren-- d i e „C. V. - 3 e i t u n 9". den, in einem wundersamen Deutsch geschriebenen Satz formulierte: „Darum auch bekämpfen wir das Frauenrechtlertum, sondern versuchen durch reines Werben an Stelle des oft mißverstandenen Landsknechtstums bei der heutigen Männerwelt die schöne deutsche Ritterlichkeit hervorzubringen." Illusion unö Wirklichkeit. 170 Sonderzüge waren an den Plakatsäulen und im „Führer des Parteitages" angekündigt. Nur ein kleiner Prozentsatz davon ist eingetrosfen. 100 000 Besucher kündigte die völkische Presse an. Beim Festzug der S. A. am Sonntag marschierten nach vorsichtigster Rechnung höchstens 17 500 auf, wobei die angeworbenen, in Hitler-Uniform gesteckten Kapellen und auch die Jugendlichen von 10 bis 16 Jahren mitgezählt sind. Das Schlimmste war aber das „Monstre- Feuerwerk: Die Westfront". Die Getöse der großen Weltkriegsschlachten, Schrapnell- und Kanonengeräufche wurden im Feuerwerk nachgeahmt. Die völkische Presse rühmt, daß es „leuchtete, donnerte und krachte, wie damals in der Schlacht bei Verdun oder in den Abwehrkümpfen an der Somme". Es ist dies wohl die schlimmste Verhöhnung der schwersten Zeit des deutschen Volkes, die sich je eine Partei g e - leistet hat. Das nationalsozialistische Manifest". Die Politik begann damit, daß das Nürnberger sozialdemokratische Blatt einen Brief von Hellmuth von Mücke erhielt, den wir auf Seite 418 auszugsweise wiedergeben. Er wirft ein scharfes Licht auf die Zustände im völkischen Lager. Hitler eröffnete den Kongreß mit einer Botschaft. Innenpolitisch enthielt sie die üblichen völkischen Beschimpfungen gegen republiaus der Sondertagnng für Schul- und Jngendfragen. Wahrend die Nationalsozialisten sonst immer vorgeben, besondere Freunde der Lehrerschaft zu sein, sprach hier der bayerische Abgeordnete S ch e m m den schönen Satz: „In die verschrobene Lehrerschaft von heute muß ein politisches Kampsinstrument gesetzt werden" und redete dann weiter davon, daß man auf der Dresdener Tag u u g des Deutschen L e h r e r v e r e i n s sichtlich die deutsche Lehrerpersönlichkeit erdolchen wollte. Lehrer, merkt euch diese Worte. Ausschreitungen ohne <knöe. Für die Politische Linie der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei wie die politischen Verbände ist kennzeichnend, daß auch Prinz August Wilhelm von Preußen und der zweite Bundesführer des Stahlhelm, Düsterberg, als Ehrengäste an der Tagung teilnahmen. Man sah auch vereinzelt Leute, die zugleich Stahlhelm- und Hakenkreuz-Abzeichen trugen. Hat man den Parteitag zahlenmäßig überschätzt, so befinden sich auch alle diejenigen im Irrtum, die da meinen, die völkische Bewegung sei über das Rowdytum hinausgewachsen. Seit den kommunistischen Straßenkrawallen des Jahres 1919 hat Nürnberg keinen so gräßlichen Tag gesehen, wie biefen Sonntag. Schon in der Nacht vom 2. zum 3. August kam es zu einer Schießerei Zwischen Neichsbannerleuten und Hakenkreuzlern, bei der eine unbeteiligte Frau getötet und ein Neichsbannermann schwer verwundet wurde. Am 3. August drangen 20 Leute in Hitler-Kleidung in das Wirtschaftslokal des Gewerkschaftshauses und verlangten vom Wirt die Einziehung der schwarzrotgoldenen Fahne. Als diesem Verlangen nicht entsprochen wurde, demolierten die Hitler-Leute Einrichtungsgegenstande und Fenster; der Wirt selbst wurde tätlich angegriffen und verwundet. Am Sonntag abend kam es dann an allen Ecken und Enden Zu schweren Ausschreitungen. Ein Polizeibeamter wurde schwer verletzt, verschiedene andere Polizeibeamte verwundet. Die Zahl der mit Hieb- und Stichwaffen verwundeten Zivilisten steht bis zur Stunde noch nicht fest, wird aber in der hiesigen Presse auf 40 Personen geschätzt. Die Stadt bot das Bild eines Ortes, in den fremde Truppen eingezogen sind. Die Polizei mußte ganze Straßenzüge abriegeln, Beamte zu Pferde und zu Fuß Aüe ’AepuMi&amc flaggen am 11. August! j Zeichen und mußte sich angesichts der vielfach § sehr jungen Gesichter fragen, ob diese Leute sich | künstlich zehn Jahre lang jung gehalten haben, | oder ob sie schon als Zehnjährige am Weltkrieg teilgenommen haben. Zu den eigentlichen :A Arbeiten des Parteitages wurden diese Massen | offenbar nicht zngelassen. Häufig konnte man i Bemerkungen wie diese hören: „Die Groß- | kopfeten, welche in den Luxushotels wohnen, | dürfen in den Kongreßsaal; die aus Strohsäcken f in den Schulhäusern schlafen, müssen herum- J laufen." Sehr apart war die Kleidung der Hitler-Jüngerinnen mit braunen Blusen und braunen Nöcken. In dieser Tracht sind sie; Zweifellos geeignet, die ihnen von der Dorj sitzenden des völkischen Fvauenordens, Elsbeth jj Zander, gestellte Aufgabe zu erfüllen,'welche 8 sie in der „Flamme" vom 4. August in solgenkanische Minister, besonders gegen Stresemann. Außenpolitisch bezeichneke sie Frankreich als den Gegner und setzte sich warm für eine Verständigung mit Italien ein. Als Ehrengast des Parteitages war auch ein Vertreter der italienischen F a s ch 1 st e n, Sandoni, anwesend. Gleich nach Hitler sprach dann der Reichstagsabgeordnete Feder über den Nvnng-Plan, gegen den er die Nation ausrief, den gleichen Voung-Plan, den jetzt das von seinem Meister Hitler so verherrlichte Italien befürwortet. Deutsche Lehrer, merkt euch öos! Die gleiche politische Logik zeigten auch die Sondertagungen, die für Kultur-, Bauern-, Presse-, Parlamentarier-, Beamtensragen usw. angesetzt waren. Als Beispiel berichten wir durchsprengten die Straßen, teilweise mit gezogenem Säbel, Hakenkreuzler stürmten in bedrohlicher Haltung umher, bliesen und pfissen zum Sammeln — losgelassenen Janhagels. Schließlich schienen die Führer Angst vor ihren eigenen Horden zu bekommen. Sie gaben den Befehl „Abrücken zu den Bahnhöfen und Abrücken in die Quartiere". Der Bevölkerung hatte sich eine ungeheure Panik bemäa)tigt, und noch heute stehen Grupp-en umher, die die schauerlichen Ereignisse erregt besprechen. So hat der Parteitag der N. S. D. A. P. gezeigt, daß bei aller Toleranz keine Stadt diese Partei aufnehmen kann, ohne sich der Gefahr auszusetzen, Krawalle in ihren Straßen zu sehen. Es ist wieder einmal Blut geflossen. Das ist das Ergebnis des Nationalsozialistischen Parteitages.