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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-09 · 32 (9.8.1929) · p. Seite 416

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
32 (9.8.1929)
Date
1929-08-09
Page
Seite 416 (sequence 4)
Language
German
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416 lassen müssen. Weshalb die Bombe gerade an die Landkrankenkasse und nicht an ein anderes behördliches Gebäude, wie z. B. das Finanzamt, gelegt worden ist, ist recht unklar. Die Gründe die die Tagespresse hierfür bringt, sind nicht recht glaubhaft. Es kann auch leicht sein, daß es sich bei diesem Attentat lediglich um ein sogenanntes Deckungsverbrechen gehandelt hat, mit dem man die eigentlichen Spuren verwischen wollte. Seit Jahren judenSeindtidie Aussdireitungen in Lüneburg. Tr. Strauß hatte 1924 im Anschluß an eine Ausklärungsversammlung des Centralvereins eine scharfe Zeitungspolemik mit den Völkischen. Dr. Strauß war auch der Vertreter der Lüneburger Synagogengemeinde, die als Nebenklägerin in dem Verfahren gegen die Synagogenschänder im Jahre 1927 austrat. Damals wurden — wie noch erinnerlich — Nationalsozialisten als Täter verurteilt; allerdings brauchten sie ihre Strafe nicht abzusitzen, da das Gericht die Tat auf Politische Motive zurücksührte und so das Amnestiegesetz Anwendung fand. Der damalige Vorsitzende der Lüneburger nationalsozialistischen Ortsgruppe, ein Schmied Otto Witthöft, war von den Angeklagten angeschuldigt. Schmiere gestanden zu haben, wurde aber — wie es ausdrücklich im Urteil heißt — nicht, weil er der Tat nicht verdächtig war, sondern nur aus Mangel an Beweisen freigesprochen. Seine geistige Urheberschaft muß aber heute noch als wahrscheinlich gelten. Auch ein zweiter Fall, mit dem Dr. Strauß als Anwalt nichts zu tun hatte, muß als Ergänzung der Stimmungsbilder hier erwähnt werden. Wenige Monate nach diesem Synagogenprozeß am 25. Februar 1928 wurden an der Lüner Torbrücke und vor der Synagoge Hakenkreuze und die Worte „Tod den Juden. Raus mit den Juden. Deutschland erwache. Hitler" mit roter Farbe aus das Straßenpslaster gemalt; damals wurde der derzeitige Vorsitzende der nationalsozialistischen Ortsgruppe, Robert Tarnowski, als Täter verurteilt; er gestand, sich die Farbe extra von Hause geholt zu haben, um diese Tat zu begehen, und wurde zu zwei Monaten Gefängnis verurteilt. Es ist merkwürdig, daß auch er die Strafe noch nicht zu verbüßen brauchte, sondern daß ihm Bewährungsfrist bis zum 31. Oktober 1931 zugebilligt wurde, obschon das Gericht ausdrücklich sestgestellt hat, daß die Straftat nicht unter die Amnestie fällt und der Täter aus seiner aufhetzerischen Absicht auch nicht den geringsten Hehl gemacht hat. Diese Tatsache ist um so auffälliger, als das Gericht diese Bewährungsfrist nicht bei dem Urteil ausgesprochen hat, sondern erst, nachdem bereits die Aufforderung an Tarnowski ergangen war, die Strafe anzutreten. Tarnowski ist auch heute noch Mitglied der N. S. D. A. P. Diese judenfeindliche Stimmung wird nun seit zwei Jahren durch den „Niedersachsen- Stürmcr", der in Buchholz, Kreis Harburg, erscheint und von einem Nationalsozialisten Otto T e l s ch o w herausgegeben und verlegt wird, weiter geschürt. Die Nummern bestehen fast nur aus judenfeindlichen Artikeln, und besonders die Lüneburger Juden sehen sich in diesem „revolutionären Kampsblatt für das Landvolk" immer wieder mehr oder weniger liebenswürdig abkonterseit. So bringt die 18. Folge vom 1. Februar 1929 unter anderem eine Aufzählung „Die Juden in Lüneburg". Der Artikel beginnt mit den Worten: „Emen sehr geringen Prozentsatz — etwa 0,4 v. H. — der Bevölkerung der Stadt nehmen die Deutschen Staatsbürger jüdischen Glaubens', die Juden, ein. Aus der kleinen Blutenlese derer vom Hause David aber können unsere Leser ersehen, welchen bedeutenden Einfluß diese wenigen Juden auf das Leben der Stadt ausüben." Und nun folgt die Liste, die — nach Berufen geordnet — dreiunddreißig Namen enthält, und dies bei einer Stadt von mehr als 30 000 Einwohnern! Der einzige, dem in diesem Aufsatz ein etwas längerer Absatz gewidmet wird, ist Herr Dr. Strauß, dem man vorwirst, daß er „Vertreter der Regierung in Lüneburg in allen gerichtlichen Streitsachen dieser hohen Verwaltungsstelle der ,christlichen Republik sei. Ein geeigneter deutscher Anwalt für diese Angelegenheiten dürste in Lüneburg nicht vorhanden sein." Des „Niedersachsen-Stürmers" „36. Folge" vom 7. Juni 1929, die mit einer großen Ueberschrift „An den Zitzen der jüdischen Sau" erscheint, nimmt sich dann in einem Aufsatz „Juda in Lüneburg" wieder Rechtsanwalt Dr. Strauß, eine jüdische Reserendarin und die jüdische Kreisschulärztin vor, die alle drei nichts weiter verbrochen haben, als daß sie eben Juden sind. Gegen den „Genossen" Dr. Strauß, der übrigens nicht Sozialdemokrat, sondern Demokrat ist, wird wieder der Vorwurf erhoben, daß er die Prozesse der Regierung zu führen habe. In dem Artikel werden weiter Regierungspräsidenten zu Juden „ernannt", die es niemals waren, und es wird so richtig nach dem Grundsatz gehandelt: wenn man auch eigentlich nichts zu sagen hat, etwas bleibt immer hängen. Rethlsradikaie Propaganda in Lüneburg. Diese Stimmungsmache in der Zeitung unterstützt die Arbeit der an sich nicht sehr großen judenseindlichen Organisationen Lüneburgs. In der Stadt Lüneburg haben die Natonalsozialiften nur 25 Mitglieder. Die sogenannte L a n d v o l k bewegung, die im vorigen Jahr in Schleswig gegründet wurde und in den Lüneburger Landkreisen in Form von Ausschüssen Fuß zu fassen sucht, hat in der Stadt Lüneburg selbst keinen Anhang gesunden. In W i n s e n, wenige Kilometer von Lüneburg, hatte sie einen Ausschuß gegründet, der aber dank der Gegenarbeit des Kleinbauern- und Püchterbundes wieder „abgesetzt" wurde. Sehr radikal tritt die Landvolk bewegung dagegen im Kreis Bleckede bei Lüneburg aus. Lebhafter aber als Landvolk und Nationalsozialisten ist die Aktion des T a n n e n b e r g - Bundes, der besonders im Landkreis Lüneburg, in L y ch o w , Dannenberg und Wustrow gut besuchte Versammlungen einberust. Gewiß darf man, solange die polizeilichen Ermittlungen nicht abgeschlossen sind, gegen keine Partei den Vorwurf der Tat erheben. Es ist aber wichtig, innner wieder sestzustellen, daß allein die Stimmungsmache der Parteien und Blätter den Boden für derartige Taten vorbereitet. Die Polizei verfolgt Spuren nach rechts und nach links. Haussuchungen bei Konununisten haben Sprengkapseln zutage gefördert. Sie beweisen noch nichts. Aber bei aller Abneigung der Kommunisten gegen die Völkischen muß doch sestgestellt werden, daß man bisweilen den Trennungsstrich Zwischen beiden Gruppen nicht leicht findet. Erklärung des Oberpräsidenien Noske zum Lüneburger Bombenaliental. Sofort nach Bekanntwerden des Attentates begab sich der Syndikus unseres Landesverbandes Hannover an den Tatort, um unseren dortigen Freunden zur Seite zu stehen und die notwendigen Schritte, über die wir im einzelnen aus naheliegenden Gründen noch nicht berichten können, einzuleiten. Die Anwesenheit unseres Syndikus und der Besuch unserer Schriftleiterin werden unserem verdienten Freunde Dr. Strauß und seiner Familie bewiesen haben, mit welch tätiger Anteilnahme den Centralverein das gegen ihn geplante Verbrechen erfüllt. Der Syndikus unseres Landesverbandes Hannover nahm auch Gelegenheit, mit dem Oberprasidenten der Provinz Hannover über die Lüneburger Attentate zu sprechen. Herr Oberpräsident Noske- Hannover lehnt es ab, vor Abschluß der polizeilichen Ermittlungen bezüglich der Sprengattentate und besonders des Sprengattentates in Lüneburg irgendeinen Verdacht gegen Mitglieder einer der radikalen Parteien rechts oder links zu äußern. Ein Einwirken aus die Polizei liegt ihm fern. Er sehe in den Sprengattentaten keine systematische Handlung bestimmter Gruppen, da diese unmöglich geheim bleiben könne. Anderseits würden bei etwa ausgegebenen derartigen Richtlinien die Sprengattentate viel häufiger Vorkommen. Herr Noske glaubt vielmehr, daß es sich um Taten einzelner Personen, allerdings auf Grund der systematischen Verhetzung, handelt. — Diese Verhetzung, besonders die antisemitische, sei eine Erscheinung, die immer in Zeiten politischer und wirtschaftlicher Gärung austräte. Er selbst sieht auch in dem derzeitigen Anwachsen der nationalsozialistischen Bewegung und der Erregung des Landvolkes keine unmittelbare Gefahr für den Staat. Daß zeitweilig Einzelpersönlichkeiten ^darunter litten, wäre bedauerlich. Er hoffe, daß es der Polizei gelingen würde, die Attentate auszuklären. „Die große Brüderschaft des Todes/' In Brünn hat sich, wie die Tageszeitungen vor einiger Zeit berichteten, ein bedauerlicher Vorfall ereignet, der in seinen Zusammenhängen von den Behörden noch nicht restlos aufgeklärt ist. Eine Schar überspannter junger Leute hatte sich zu einer „großen Brüderschaft des Todes" zusammengeschlossen. Ihr Statut mit phantastischem VundeszweckZuar auf Pergament, zum Teil mit hebräischen Lchriftzeichen, geschrieben. Die Verluendung von Zyankali scheint irgendwelche Bedeutung für die Erreichung des Bundeszweckes zu haben. . Ein Zweieinhalbjähriger Knabe ist infolge der leichtfertigen Verwendung des schweren Giftes gestorben. Tie tschechoslowakische Presse, auch solche Organe, die aus ihrer judenfeindlichen Gesinnung sonst keinen Hehl machen, hat an den hebräischen Schriftzügen nichts Bemerkenswertes gesunden. Teilweise wurde dieses Faktum als völlig belanglos gar nicht erwähnt. Dies blieb einer g e - wissen deutschen Presse Vorbehalten. Um Quellenvergiftungen vorzubeugen, haben wir sestgestellt, daß der verhaftete Hauptschuldige, der inzwischen übrigens auf freien Fuß gesetzt worden ist, N i ch t j u d e ist. Soweit Namen der 21 Bundesmitglieder zu ermitteln waren, befand sich auch unter diesen kein Jude. Man erklärt sich die hebräischen Schriftlichen aus einer bloßen Nachäfferei von Vorbildern, die man bei jüdischen Mitschülern gesehen hatte. in sti tl h P £ tt Ci li n d £ i i \ \ i

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