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Central-Verein-Zeitung · 1929-08-02 · 31 (2.8.1929) · p. Seite 406

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
31 (2.8.1929)
Date
1929-08-02
Page
Seite 406 (sequence 6)
Language
German
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40- Der sechzehnte Awnistenkongreß. Sonüerbericht für die „C.v.-Zeitung". S. Gvesfev Spe?ialhgus für feine Herrrn-Wäsche, TriKatsgen ufw. BERLIN W FERNSPRECHER: CHARLOTTENSTRASSE 65 MERKUR 6330 halt ihrer Anzeigen nachprüft, so findet man ein erstaunliches Maß von Geschmacklosigkeit. Gewiß ist vom sittlichen Standpunkt die im gesamten Volke — nicht nur bei den Juden — heute vielfach angewandte Art der Ehevermittlung auch durch die Zeitung nicht ohne weiteres zu verurteilen. Aber gerade hierbei sollte man Geschmack und Würde walten lassen. Wenn wir gar in einem Blatte die Ueberschrist „Heiratsmarkt" lesen müssen, so ist das eine Ausmachung, die durch ihre äußere Form den Inhalt kompromittiert. Hierfür wollen wir die Gewissen schärfen und alle die zur Mitarbeit aufrufen, die gleich uns in diesen Fragen empfinden. Die Erklärung üer rheinisch-westfälischen Rabbiner. Im Bewußtsein der Verantwortung gegenüber dem Judentum, die ihr Amt ihnen auserlegt, erklären die am 30. Juni 1929 in Düsseldorf versammelten rheinisch-westfälischen Rabbiner: 1. Während in den großen Fragen des jüdischen Lebens die Getrennten heute sichtlich zueinander streben, beobachten wir mit Sorge die zunehmende Schärfe der jüdisch-politischen Gegensätze innerhalb vieler Einzelgemeinden. Der Augenblick ist gekommen, wo diese Gegensätze manche Gemeinden zu sprengen drohen. Und doch ist die Erhaltung des Judentums untrennbar verknüpft mit dem Bestand der Gemeinde. Die Erfüllung seiner altehrwürdigen, aber auch seiner neuen Aufgaben wird unmöglich, wenn die Gemeinden zerfallen. Unsere jüdischen Gemeinden m Deutschland wollen Einh eits gemeinden sein. Sie erheben den stolzen Anspruch, daß jeder Jude, der auf ihrem Gebiete wohnt, ohne weiteres ihr angehöre. 'Dieser Anspruch legt Gemeindeverwaltungen wie Gemeindemitgliedern hohe Pflichten auf. Die Gemeindeverwaltung muß, ungeachtet zufälliger Majoritätsverhältnisse, jeder jüdisch-religiösen oder jüdisch-politischen Richtung in ihrer Mitte die volle Möglichkeit des Lebens und der Betätigung auf dem Boden der Gemeinde geben. Von den Gemeindemitgliedern darf gefordert werden, daß sie bei aller Wahrung ihrer Ueberzeugung mit Andersgesinnten im Rahmen der gleichen Gemeinde sich Zusammenfinden und im Bewußtsein, daß wir alle Glieder der einen, großen jüdischen Gemeinschaft sind, in verantwortungsbewußter gegenseitiger Duldsamkeit die Gemeinde aufrecht erhalten und an ihren Aufgaben teilnehmen. Austritt aus der Gemeinde, aus welch, en Gründen immer, ist unter den heutigen Verhältnissen Versündigung am Judentum und, wo vollzogen, rückgängig zu machen. Die Kraft der brüderlichen Ge-, sinnung muß uns den Weg zurück zur Einigkeit finden lassen. Dr. h. c. Margarete Behm gestorben. Am 28. Juli starb im Alter von 59 Jahren im Augusta-Hospital in Berlin die frühere deutschnationale Reichstagsabgeordnete Margarete V e h m. Mit ihr ist eine Frau dahingegangen, die in der deutschen Sozialpolitik eine hervorragende Rolle gespielt hat. Vor einigen Jahren hat Margarete Behm, die Ehrendoktor der medizinischen Fakultät von Greifswald war, in der sozialpolitischen Arbeitsgemeinschaft der Deutschnationalen Volkspartei mit erfreulicher Klarheit und Offenheit gegen den Judenhaß Stellung genommen. Wir werden ihr Andenken in Ehren halten! Zürich, 29. Juli. Vor 32 Jahren trat unter der Leitung Theodor H e r z l s der erste Zionistenkongreß in Bafel zusammen. 25 Jahre nach dem Tode des Führers versammeln sich wiederum in der Schweiz, und zwar in Z ü r i ch, Delegierte und Mitglieder des Aktionskomitees zum sechzehnten Zionistenkongreß. Das Bild H e r z l s grüßt als einziger Sehmuck des Stadttheaters die etwa 1400 Menschen, die sich zur seierlichen Eröffnung des Kongresses eingesunden haben. S o k o l o w ehrt das Andenken des großen Vorkämpfers .in einer Packenden hebräischen v Rede, preist ihn als „Propheten" und seine Leistung als „messtanisch" und vergißt — die Feierstunde läßt es verzeihlich erscheinen — die Kritik, die bedingungslose Heldenverehrung oft genug in nationaljüdischen Kreisen erfahren hat. Statt der 197 Delegierten, die der erste Kongreß in Basel sah, vereinigen sich in Zürich 322, davon 254 Delegierte und 68 Mitglieder der Aktionskomitees. Nur 29 Delegierte stellt Palästina, das Land, dem jüdische Massen Zuzuführen das Streben noch jeden Kongresses gegolten hat. Schwach vertreten sind die westlichen Länder; Frankreich und Italien haben je einen Vertreter entsandt, England neun, die wohl vornehmlich auf die Wahl englischer Ostjuden Zurückgehen. Das große Kräftereservoir jüdischer Menschen, Rußland, aber kommt nur durch einen Vertreter zu Wort; die Unterdrückung der zionistischen Bewegung durch die Sowjets und die Abkehr weiter Kreise der russischen Juden vom jüdisch-politischen Leben mögen die Ursache für diese schwache Vertretung sein. Auch die deutschen Zionisten spielen zahlenmäßig auf diesem Kongreß mit ihren neun Delegierten nur eine geringfügige Rolle, während die 54 Abgeordneten Polens und Galiziens und die 55 Vertreter der 17.8. A. und Kanadas durch solches zahlenmäßiges Uebergewicht den Anspruch erheben dürfen, jüdische Massen zu vertreten. Im ganzen ist das Kongreßbild ein buntes Gewimmel von Menschen aller Völker; der deutsche Jungzionist im Mandervogelaufzug neben dem ehrwürdigen polnischen Misrachisten Was haben die Juden an substanzbildenden Kräften dem deutschen Geistesleben zugeführt? Geistesleben in dem tieferen Sinne, in dem ich es verstehe, ist die Summe jener Erlebnisse, die in ursprünglichen Geistern zum ersten Male sich offenbart haben und die dann als dauernd nachwirkende Bildungsmotive in der Allgemeinheit bewusst oder unbewusst wirksam gewesen sind. Ich wiederhole meine Frage: was haben die Juden an substanzbildenden Kräften dem deutschen Geistesleben ziigeführt? Um diese Frage zu beantworten, muss man auf die einzelnen deutschen Bildungsepochen eingehen. Die deutschen Bildung sepochen muss man daraufhin ansehen, was Juden und jüdischer Geist ihnen an Silbstanzen ziigeführt haben. Und da ist nun folgendes zu sagen: die erste deutsche Bildungsepoche ist das theologische Zeitalter. Theologisches Zeitalter bedeutet nicht, dass jeder einzelne Theologie treibt3 sondern dass alles, was die Menschen jener Zeit tun und treiben, direkt oder indirekt auf Theologie Bezug hat, dass jeder in seinem innersten Erleben, in seinem in patriarchalischer Tracht; die galizischen Proletarier neben den eleganten Modedamen Englands; palästinensische Vertreter neben dem überzüchteten Intellektuellen typ Westeuropas. Und ebenso zeigt das Sprachengewimmel — Jiddisch, Englisch, Deutsch, Hebräisch —, wie fern noch das Ziel einer „einheitlichen jüdischen Kultur" liegt. Dem unbefangenen Betrachter muh diese Veranstaltung eher als ein Völkerkongreß, denn als ein „Volks"-Kongreß erscheinen. So verschieden wie die äußere Erscheinung ist auch die geistige und politische Haltung der Delegierten. Wohl dürfte die starke Partei der „Allgemeinen Zionisten" (Weizmann, Blumenfeld) die maßvolle, realpolitische Haltung der Exekutive zu sichern in der Lage sein. Wohl wird die bedeutungsvolle misrachistische Fraktion „das Zustandekommen der erweiterten Jewish Agency ans Grund der von Dr. Weizmann geführten Verhandlungen unterstützen". Aber wer die so oft als Ziel gepriesene „jüdische Solidarität" finden will, darf sie nicht auf dem Zionistenkongreß suchen. Sechs Parteien — die Splittergruppen ausgeschlossen — haben mn die Stimmen der Wählerschaft gekämpft, oft mit Mitteln, die der Vorsitzende des Kongreßgerichts, Rechtsanwalt Gronemann, auf Opfer an den gewohnten ethischen Ueberzeugungen zurücksührte. Hart umkämpst wird von diesen Parteien das Problem der Jewish Agency, obwohl bereits kurz nach dem Kongreß der zur Hälfte vom Zionistenkongreß, zur Hälfte von Nichtzionisten nominierte Council (Rat) der Jewish Agency Zusammentritt. In staatsmännischer Verantwortlichkeit begrüßt Präsident Weizmann in seiner Eröffnungsrede das neue organisatorische Gebilde der Jewish Agency, und mit dem Dank an die amerikanischen Nichtzionisten, die ausschlaggebenden Finanziers, verbindet er die Feststellungen: „Der Zionismus ist mit einem Male nicht mehr nur eine Sache der geistigen Entscheidung, (Fortsetzung Seite 407). intellektuellen Schaffen zu dem theologischen Problem Stellung nimmt. Wie in Italien, in England, in Frankreich die Renaissance es ist, mit der die Neuzeit beginnt, so ist -es in Deutschland das religiöse Problem, die Reformation, mit der die Neuzeit anhebt. Einen Shakespeare muss man aus der Renaissance zu verstehen suchen, ein Klopstock hingegen, ein Lessing, ein Herder, ein Kant und ein Fichte, diese deutschen Männer sind nur zu begreifen aus der Reformation, sind nur zu begreifen aus dem Grunderlebnis Luthers. Und was hat dieses Grunderlebnis Luthers ausgelöst? Meine Damen und Herren! Gehen Sie nach Worms, dort steht der mächtige Mann und hält in der Hand wie einen Schatz ein Buch, und dieses Buch ist — die Bibel! Wir Juden haben dem deutschen Geiste die Bibel gegeben — damit allein schon haben wir das geistige Heimatrecht in Deutschland erworben. (Auszug aus dem stenographischen Bericht über eine auf der vierten Hauptversammlung des Verbandes der deutschen Juden im Neuen Operntheater zu Berlin am Sonnlag, den 5. November 1911, gehaltenen Rede). Unser geistiges Heimatrecht. Von Julius Goldstein.

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