Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- Seite 405 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Spaziergänge. I. Zukünftige Führer. L. H. Die sogenannten Studentenwahlen der letzten Zeit haben wieder einmal bewiesen, daß wesentliche Teile der deutschen Studentenschaft die Grundsätze unseres heutigen Staatslebens ablehnen. Auch die inneren Zusammenhänge dieser Staatsseindschast mit dem Judenhaß wurden wieder deutlich. Es ist bekannt, daß es zu einem wesentlichen Teil die sarbentragende Studentenschaft ist, die in ihren Bünden Rechtsradikalismus Pflegt und unterstützt. Gewiß versteht man die Enttäuschung, die viele jugendlich-strebende Akademiker an- Die StudenLenwahlen in Rostock ergaben, trotzdem die Nationalsozialisten zum erstenmal in den Kampf eintraten, folgendes Ergebnis : Korporationsliste 357 Stimmen 6 Sitze Nationalsozialisten 271 Stimmen 4 Sitze Finken ...... 147 Stimmen 1 Sitz Da laut „Völkischem. Beobachter" außerdem zwei der auf der Korporationsliste gewählte Kandidaten Mitglieder der sind, besitzen die Nationalsozialisten auf der Nostocker Universität mit sechs Stimmen die absolute Mehrheit. gesichts der heutigen Lebens- und Schaffensbedingungen befällt, gewiß begreift man die daraus erwachsende Not der Jugend und die Verführung, sich in verneinende und trübselige Betrachtungen zu flüchten. Diese Erklärung genügt aber allein rächt, um die oben angedeuteten Tatsachen zu verdeutlichen. Man muß gleichzeitig seststellen, daß diese Jugend nicht für sich allein steht, sondern daß sie in sehr hohem Maße, namentlich in den Verbindungen, von dem Geiste der sogenannten Alten Herren beeinflußt wird. Die Masse dieser Alten Herren würde es weit von sich weisen, wenn man sie etwa als Nationalsozialisten oder als Judenfeinde anspräche. Jeder von uns kennt eine Anzahl von Akademikern, die diesen Bündm angehören und die Gesinnungen und Reden ihrer jungen Bundesbrüder in stiller Zwiesprache mißbilligen. Wo aber bleiben die Männer, die den Mut haben, einmal öffentlich m i t d e m nötigen Nachdruck die zu ihnen gehörige Jugend auf ihren Ungeist und Unsinn hinzuweisen? Warum erheben sich diese Männer nicht, warum schließen sie sich nicht zusammen und begehen eine Kulturtat? Wo bleiben die Massen . der Geistigen unseres deutschen Volkes? Hier tut unerbittliche Härte not. Grenzenlose Lauheit, wenn nicht gar Feigheit herrscht in diesen Kreisen. Von jeher war es die Taktik der Radikalen, insbesondere unter den Judenfressern, sich durch lautes Geschrei auf jede Weise bernerkbar zu machen. Je unbedeutender die Menschen, je schwächer die Gründe waren, desto geräuschvoller war ihr Gehabe. Der Erfolg davon war, daß seinnervige Naturen sich still zurückzogen und sich scheuten, gogeu den Sturm der Leidenschaften zu kämpfen. Viele kleinere Menschen verzichteten darauf, sich durchzusetzen, um sich nicht uuangenehm zu machen. So schienen schließlich die Leute recht zu behalten, die die Lungenkraft im Kampf der Meinungen höher bewerteten als die Wahrheitsliebe. Ein berühmter süddeutscher Hochschullehrer, der im deutschen öffentlichen Leben jahrzehntelang an hervorragender Stelle stand, erzählte einmal aus seinen Erfahrungen über die Zulassung von Privatdozenten. Unter den Professoren im Senate der Hochschulen fanden sich immer einige wenige, die einen Juden im Lehramte nicht wünschten. Ost waren diese Unbeugsamen zwar in verschwindender Minderheit, aber sie trumpften auf, und die anderen schwiegen. Schließlich will man sich mit den Kollegen nicht Überwerfen, und s o wichtig ist diese Frage kaum für einen dieser Herren. Ging man dann aus der Sitzung, dann wurde mit Achselzucken allgemein das Bedauern ausgesprochen, daß an sich würdige jüdische Bewerber gefallen seien. So ist es auch heute wieder in -den Hochschulfragen. Den meisten der alten Universitütsstndenten fehlt der Mut. Sie sehen nicht das Unheil, das da kommt, und wollen nicht begreifen, daß feige Zurückhaltung in diesem moralischen Feldzug den Sieg von Fanatismus und Unvernunft bedeuten muß. Was können w i r dagegen tun? Wir müssen jede Gelegenheit wahrnehmen, um unsere Bekannten dieser Kreise auf die Zuspitzung der Lage hinzuweisen und ihnen die Bedeutung ihrer Untätigkeit klar werden zu lassen. Wir müssen nach dieser Richtung viel mehr wirken, als es bisher geschehen ist. Denn genug Männer und Frauen unserer Kreise haben die Möglichkeit, das eingeschlumwerte Gewissen jener Altakademiter zu wecken. Für sie ist es Pflicht, zu sprechen und zu fragen. Was wird aus Deutschlands Bildung, was aus seiner Kultur, wenn die Maste der Mistenden und Sehenden schweigt? N. Das neueste ,Morgen"-yest. Die erste Nummer des „Morgen", besten Erscheinen unser Freund Goldstein nicht mehr erlebt hat, liegt vor, von Goldstern noch bearbeitet und von seiner Gattin als verantwortlicher Herausgeberin gezeichnet. Mit vier Aufsätzen über Mendelssohn beginnt es. Der allgemeinen Würdigung aus der Feder des Breslauer Philosophen Albert Lewkvwitz reiht sich eine außerordentlich wichtige Zusammenstellung von Aussprüchen Mendelssohns an, die Ludwig Goldstein in Königsberg Mendelssohns gesammelten Schriften entnommen hat. Sie gibt einen lebendigen Einblick in Mendelssohns Denken und bringt ihn uns wirklich nahe, ohne lange Betrachtungen zu erfordern. Dem letzten Ziele des „Morgen", die Verbindung Zwischen Zeitkultur, Judentum und Judenheit aufzuwersen, dient die Betrachtung von Julius Bab über Juden in den Werken des von Bab als einen der größten heute lebenden Dichter bezeichneten Paul Claudel. Der Schluß des Heftes ist der Erkenntnis über Fragen der Gesellschaftswissenschaft gewidmet; in diesem Rahmen wird die internationale jüdische Frauenarbeit und ihre Auswirkung in der Weltkonferenz jüdischer Frauen von Hannah K a r minsk i und unserer Mitarbeiterin Lisa Leibholz behandelt. Der Schöpfer des „Morgen" ist von uns gegangen. Schwer ist es, sein Werbfortzu fetzen; aber wir such gewiß, die große Aufgabe wird eine würdige Lösung finden. ZARTE BISKUITS lEIBNIZ- Keks Enthält nur feinste Molker eibutter SCHOKOLADEN UND | ERFRISCHUNGSWAFFELN III. AriÜk örr RrM. In dieser Zeitung hat Artur Schweriner die Aufführung einer Komödie gegeißelt, die eine Karikatur unserer jüdischen Gesellschaft gezeichnet hat. Unsere Zeitung ist gewöhnt, in solchen Fallen Briefe von mittelbar und unmittelbar Beteiligten zn erhalten, in denen gegen das Urteil, das abgegeben wurde, Beschwerde erholen wird. Diese sind auch diesmal nicht ausgeblieben. Dabei leitet uns bei solchen Aufsätzen nicht etwa Angst vor der Kritik an jüdischem Wesen und jüdischer Gesellschaft, sondern umgekehrt der ehrliche Wille, gegen ungerechtfertigte Verzerrungen zu protestieren, die ein falsches Bild vom Juden entstehen lassen müssen. In dem Braunschen Stück wurde auch gegen das Prinzip der Eheanbahnung Sturm gelaufen. Gewiß, der Verfasser des Stuckes wird es gut gemeint haben. Menschen in ihrem ehrlichen Streben zu nahe zu treten, ist nicht unsere Sache. Wo aber das allgemeine Interesse aus dem Spiele steht, sind wir berechtigt und verpflichtet, ohne Rücksicht auf den einzelnen, tadeln srverte Dinge an den Pranger zu stellen, zumal in dem Stück des Herrn Braun ohne innere Verbindung mit dem Problem der Ehevermittlung die Stellung von Juden zu Nichtjuden in abstoßender Weise verhöhnt wurde. In diesem Zusammenhang seien einige allgemeine Bemerkungen zu dem Problem der Eheanbahnung gemacht. Eheanbahnung kann gut und zweckmäßig und in den heutigen Zeiten auch notwendig sein. Der Weg großer jüdischer Verbände, die sich dieser Frage widmen, verspricht vielleicht nicht einen Radikaler folg. Sicherlich aber kann man mit einem Fortschritt rechnen. Bei dieser Art von Eheanbahnung handelt es sich um ein durchaus sittliches und förderliches Unternehmen. Wenn man hingegen in einer großen Tageszeitung eine Vermittlungsanzeige liest, die übereifrige Bewerber und Bewerberinnen auf die Telegrammadresse „Schadchouus" hinweist, und wenn nran die Jnseratenblätter vieler jüdischer Zeitungen auf den In-