Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- Seite 404 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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404 2000 Meter überhöht worden. Zwei Weltrekorde waren gefallen . . ." Auch in der Motorfliegerei finden wir jüdische Piloten. In diesen Tagen beginnt, von Paris ausgehend, der Europa-Nundslug, der über die Alpen tief nach dem Balkan führt und von dort über 'Polen—Deutschland—Holland in Paris wiederum sein Ende findet. Der jüngste Flieger, der daran teiinimmt, ist Heinz Kisfin. der bereits als Siebzehnjähriger seine Fliegerprüfung machte, doch erst jetzt konnte ihm der Flugschein ausgehändigt werden, da er bis dahin zu jung war. Unter großen Schwierigkeiten ist es ihm gelungen, sich durch hilfsbereite jüdische Männer einen Teil der erforderlichen Mittel zur Anschaffung eines Flugzeuges zu verschaffen. Nicht nur in der sportlichen Fliegerei, sei es Segel- oder Motorflug, finden wir junge Juden, sondern auch in der harten Fron des täglichen Luftverkehrs. Im Dienste der Deutschen Lufthansa befinden sich ebenfalls jüdische Piloten. Einer von ihnen hat nach dem Abiturientenexamen von der Pike aus Schlosser gelernt. Da er von Hause nicht die Mittel zur Fliegerausbildung bekam, erwarb er sie sich durch Fallschirmabsprünge an Flugtagen, eine Beschäftigung, die auch nicht jedermanns Sache ist. Auf der Fliegerschule hatte er dann unter schwerstem Antisemitismus, der vor körperlichen Schädigungen nicht halt machte, zu leiden, bis es ihm endlich gelang, zur Lufthansa zu kommen. Dort ist er jetzt als Monteur tätig und wartet sehnsüchtig daraus, daß es ihm, dem von allen Seiten das Zeugnis eines ausgezeichneten Piloten ausgestellt wird, gelingt, das Steuer eines Flugapparates in die Hand zu bekommen. Schließlich darf in diesem Zusammenhang an den Luftschifskonstrukteur Dr. A r n st e i n erinnert werden, den sich Amerika zur Konstruktion seiner Niesen-Zeppelin-Luftschisse geholt hat. Auch in anderen Ländern finden wir Juden an hervorragenden Stellen der Luftfahrt. Erinnert sei an den Kabinettschef im französischen Lustsahrtministerium, Kahn, der sich kürzlich in Berlin aufhielt, nachdem er mit dem „Graf Zeppelin" nach dessen Notlandung von Toulon nach Friedrichshafen geflogen war. Hoffen wir, daß auch im neuen Deutschland endlich die Zeit kommen möge, wo man nach der Leistung fragt und nicht danach, ob einer Jude oder Christ ist. „Den Platz nach Kunst, und nicht nach Gunst, Den Stand nach dem Verstand, So steht es in der Schule wohl Und wohl im Vaterland!" So heißt es in einem schönen deutschen Gedicht. Wird dieser Wunsch einst Wahrheit, dann werden wir in der glücklichen Lage sein, die „fliegenden" Juden nicht mehr registrieren zu müssen. Hans Delbrück. „Geschichte der Kriegskunst im Nahmen der politischen Geschichte" heißt das Werk, das die geistige Eigenheit Hans Delbrücks am deutlichsten bekundet und seinen Namen am längsten wachhalten wird. Der Krieg ist ihm nicht nur die Summe kriegerischen Geschehns, sondern die immer wache, geschichtliche Kraft, deren vorbereitende Gestaltung einen Teil der allgemeinen Verfassung und Verwaltung, deren Bändigung oder Entfesselung einen Teil der allgemeinen Politik des Staates bildet. Delbrück hat seine Geschichte unter diesem Gesichtspunkt im universalen Nahmen erforscht und beschrieben und ist darüber zum Universalhistoriker geworden. Hatte er sich mit diesen Neigungen und Fähigkeiten an C l a u s e w i tz und Ranke geschult, so ist er in der Verbindung der Geschichte mit der politischen Publizistik T r e i t s ch k e s Schüler geworden. Seine geschichtliche Anschauung war in ihren Grundlagen von Rankes Prinzipien beherrscht: neben den geschichtlichen Erscheinungen stehen die Ideen als wirkende geschichtliche Kräfte; keine Isolierung der Völker und Staaten, sondern der universale Zusammenhang alles Geschehens; die Bedeutung der großen Persönlichkeit für den Gang der Geschichte; die Auffassung vom Staate als dem „kostbarsten und gewaltigsten Produkte der Kultur", in dessen Existenz sich die transzentrale Natur des Menschen dokumentiert. Wenn ihm auch die Originalität und die Genialität seines großen Vorbildes fehlte, wenn er weder Rankes religiöse Tiefe noch seinen ideellen Freisinn und seine künstlerische Erzählerkrast besaß, so hat er doch dem, was er an Prinzipien übernahm, den Sinn für das wirtschaftliche Geschehen, für die gesellschaftlichen Bindungen und Bedingungen, für die Beziehungen von Masse und Persönlichkeit aus seiner Zeit heraus hinzugefügt. Sein großes Werk über die Kriegskunst hat die lobendste Anerkennung des Generalfeldmarschalls Schlieffen gefunden. Treitschke hat ihn zum Mitherausgeber und später alleinigen Herausgeber der „Preußischen Jahrbücher" erwählt. Fast vierzig Jahre hat er in ihnen seine berühmten Ueberblicke über die innere und auswärtige Politik Deutschlands geschrieben, die später zum Teil in einigen Bänden gesammelt wurden. Sein Blick und sein Urteil waren unbestechlich. Wiewohl er, der Prinzenerzieher und freikonservative Abgeordnete des Landtags und des Reichstags, streng monarchisch gesinnt war, hat er immer wieder die Negierung vor jedem Mißbrauch der Macht gewarnt. Das S von Selma Stern. Ohr der ganzen Nation gehörte ihm, wenn er die Politik gegenüber Polen und Dänen verdammte. Der universale Historiker wurde in dem Politiker wach, wenn er immer wieder den kulturellen Zusammenhang der romanischgermanischen Völker betonte, die Gefahr einer Koalition gegen Deutschland durch seine europäische Mittellage erklärte und aus diesen beiden Gesichtspunkten heraus seine Politik vertrat, die der Beschwörung dieser Gefahr galt, weil ein „unnötiger, aber auch schon ein zur Unzeit bei nicht sehr günstiger Weltlage uns auferlegter Krieg das Gefährlichste und Furchtbarste ist, was uns treffen kann". Immer haben ihm darum die „Verrücktheiten der Alldeutschen", ihre „fortwährenden Drohungen und Reizungen", oft geradezu „Verletzungen" als die „größte Gefahr für die Gesundheit der Volksseele" gegolten. „Nichts ist unnationäler als die nationale Abschließung; denn sie dämmt Bäche ab, die dem nationalen Fruchtgarten Wasser geben." „Alle Wissenschaft, alle Kunst, ja schließlich aller Fortschritt ist zugleich national und international, indem die allgemeine Idee in jedem einzelnen Volke eine besondere Färbung annimmt. Der nationale Idealismus steht da am höchsten, wo er sich bewußt bleibt, ein Glied einer allgemeinen Kulturgemeinschast zu sein. Wo dieses Bewußtsein verloren geht, entsteht die schlimmste aller Gefahren, die Gefahr, daß der Idealismus umschlage in den Fanatismus." Mit der gleichen inneren Freiheit und Selbständigkeit bekämpfte er während des Krieges, von seinen Standesgenossen deshalb leidenschaftlich verhöhnt, die militärische Denkweise der Obersten Heeresleitung, die im Bunde mit den Alldeutschen „den Abschluß des Verständigungssriedens verhinderte", die Unwahrheit, mit der man das deutsche Volk umnebelte, den Mangel an sittlichem Mute beim General Ludendorff, und bekannte sich 1919 zu einer loyalen Durchführung des Versailler Friedens im Hinblick auf die überwältigende Macht der Gegner. Ja, der alte Mann hofft noch 1925 auf eine neue Entwicklung in der die wilde nationale Leidenschaft gebändigt, die trotz aller Kriege und konfessioneller Zerrissenheit niemals ganz erstorbene Idee des europäischen Einheitsgefühls wieder neue Krast gewinnt und die Menschheit dem entgegengesetzten Pol der Empfindung zuführt. Wenn er auch 1919 in der deutschen unabhängigen Sozialdemokratie die wahrhaft Schuldigen sah, die den Widerstandswillen zermürbten, so erkennt er doch wiederum an, daß „die einzigen Bundesgenossen in der Welt, die wir haben, die verschiedenartigen! internationalen Tendenzen sind, Pazifisten, j Sozialdemokraten, und bis aus einen ge-! wissen Grad die katholische Kirche". | Es entsprach weder seiner Abstammung! von hohen preußischen Beamten und Ossij zieren noch seinen politischen Anschauungen, I sich für die Judensrage zu interessieren oder j gar für die Juden einzutreten. Das Kapitel j über die Geschichte Israels und der Jahwe-! religion im ersten Band seiner Weltgeschichte j ist wohl der oberflächlichste Teil des ganzen! Werkes, wie auch verschiedene Aeußerungen j über die Juden Spaniens und des deutschen! Mittelalters wenig Kenntnis des Judentums jj und seiner Geschichte verraten. g Aber die Objektivität des Historikers, die j Liebe zur Wahrheit waren bei ihm stärker als j Vorurteil und Standesgefühl. In seinen: Aufj sah über „Proleten und Juden" vom 24. Ok- 1 tober 1919 sucht er das Eindringen der Juden { in die Regierung und Verwaltung soziologisch f und historisch aus der Umschichtung der gel sellschaftlichen Struktur nach dem Kriege, aus! dem gesetzmäßigen Wandel alles Geschehens j zu verstehen und das natürliche Verlangen j bisher zurückgedrängter Schichten nach polij tischer Mitarbeit Psychologisch zu. begreifen, j „Natürlich nicht, weil ihnen von der Natur | eine größere Dosis politischer Klugheit vers liehen wäre, sondern weil der internationale I Zug ihres Denkens sie behütete vor dem j nationalistischen Wahnsinn, der die anderen I umnebelte, weil sie im Kriege einen richtigen l politischen Instinkt gezeigt haben." 1 „Unser einziges und letztes Hilfsmittel," j schreibt er 1919, „ist der nationale Protest, j und dieser findet, wenn überhaupt, jenseits j ein Echo gur bei den Parteien, die selber! mehr oder weniger international gerichtet z sind. Das sind die bürgerlichen Pazifisten,! und vor allem die Sozialdemokraten — Pro- [ leten und Juden." j Eine isolierte Betrachtung der die Juden j betreffenden Erscheinungen kann nicht zu | ihrer richtigen Wertung führen. Sie bedürfen jj des Zusammenhangs mit den anderen Fragen ß des öffentlichen Lebens, in der Betrachtung 1 wie in der Handlung. Dieser Zusammenß hang kann nur erkannt werden, wenn er in « der geistigen Weite und mit der persönlichen 1 Reinheit gesucht wird, wie sie Hans Delbrücks [ publizistisches Werk beherrschen, das darum, « für den Tag geschaffen, aber über ihn'hinausj wirkend, ohne unmittelbare Beziehung auch | den Interessen dienen kann, die in diesen Blättern ihren Ausdruck finden. Nach Bremen, Elsen u. a. Die Pressemeldung über die Verhaftung von 32 Mädchenhändlern, „meist polnischen Juden", hat uns zu Nachforschungen Anlaß gegeben, die noch nicht abgeschlossen sind. Soviel steht jedoch bereits fest, daß es sich nur um Paßvergehen handelt, an denen auch einige junge Mädchen beteiligt sind. Wir werden weiteres berichten.