Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 31 (2.8.1929)
- Date
- 1929-08-02
- Page
- Seite 403 (sequence 3)
- Language
- German
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SHffi 403 evangelische Kirche habe mit der Nassenfrage nichts zu tun. Christus stehe über der Frage J des Blutes und der Nasse. Den Talmud zu I lesen sei scheuer, und man dürfe nicht einzelne V Stellen anführeu und aus dem Zusammenj Hang herausreißen. Lluf Grund seines Talmudß studiums könne erbezeugen, daß der Genuß j v o n Nt e n s ch enblut 3 u rituelle n ^Zwecken nicht erlaubt sei. Auch die I ersten Christen in Nom seien des Nitualrnordes beschuldigt worden. Man solle deshalb mit solchen Vorwürfen vorsichtig sein. Christus \ habe nicht Haß, sondern Liebe gepredigt. Diese A u s s ü h r u n g e n 51 a p p l e r s l ö st e n großen Beifall aus. j Leh wußte dem nichts Rechtes entgegenzu-! stellen. Cr beschränkte sich daraus, judenfeindliche Aeußerungen Luthers vorzutragen. I Die Versannnlung verlief ruhig. Die Besucher waren, soweit sie den Ausführungen Leys Beifall zollten, Nationalsozialisten. Dagegen | hörte man viele, die sich über das konfuse | Gerede lustig machten. 'Robert Kronfeld Jakob Ledermann Heinz Kissin Jüdische Jüeq-et Mmm I Sieg der Wahrheit! j 2000 Menschen besuchen öie Rölner £♦ v.-versammlung. \ Im gleichen Saal, drei Tage später, E gab die Ortsgruppe Köln des Central- \ Vereins die Antwort auf die Einladung Dr. Leys. Tagelang klebten riesengroße | Plakate an den Anschlagsäulen und luden k Kölns Bevölkerung ein. Der Andrang aber überstieg alle Erwartungen. Kurz nach 8 Uhr mußte der Saal, der normalerweise 1300 bis 1400 Personen faßt und in dem sich 2000 Besucher drängten, polizei- | lich gesperrt werden. Draußen schwoll die | Flut der Einlaßbegehrenden unaufhörlich j an, so daß gegen ^9 Uhr der Berkehr in I den umgebenden Straßen stockte. Starke I Polizeiaufgebote wurden herangezogen, z um einigermaßen Ordnung zu schaffen, j Etwas Aehnliches hat Köln aus Anlaß I einer Versammlung wohl selten gesehen. f Mindestens 90 v. H. der Anwesenden I waren Nichtjuden, die einmal sachliche j Ausführungen, frei von Parteileidenschaft j der anderen, zu hören wünschten. j Der Syndikus des linksrheinischen Ber- | bandes des Centralvereins, E. Jacobi j (Köln), eröffnete und leitete die Verj sammlnng. Er begrüßte die Erschienej neu, deutete auch Anlaß und Zweck der jj Versammlung an und sprach die Erwar- | hing aus, daß der Abend ruhig und f erfolgreich verlaufen möge. Rabbiner j Dr. Rosenthal (Köln) übermittelte im j Auftrag des Erzbischöflichen General- I Vikariats dessen Sympathie für die Bej strebungen des Abends. Sodann nahm j Rabbiner Dr. Eschelbacher (Düsiel- I dorf) das Wort. Er ging von dem Glad- I becker Primanermord aus und Zeigte an I Hand des bekannten, der Anklage gegen § Dr. Ley zugrunde liegenden Aufsatzes im! „Westdeutschen Beobachter" und des j abscheuerregenden Bildes, wie ein Ritual-! mordgerücht entsteht. Chronologisch ging! er dann all die bekannten Ritualmordj Prozesse' durch und zeigte, welche Rolle in allen Füllen Irrwahn und Folter gespielt haben. Rabbiner Dr. R 0 s e n t h a I wies in Untersuchungen, die bis in die graueste Vorzeit Zurückgingen, nach, daß man bei dem Volke Israel ein Menschenopfer zu k u (t u r e I1 e n Zwecken nie gekannt habe. An vielen Stellen der Bibel Der Verfasser dieses Aufsatzes, Ernst Schaffer, hat als FliegeroffizLer am Kriege teilgenommen. Die Schriftleitung. Im Nachkriegsreichstag tat ein Abgeordneter die Aeußerung, er wolle den Juden sehen, der sich im Kriege in ein Flugzeug gesetzt habe. Kurz darauf stellte es sich bei der Neuauflegung des Buches „Jüdische Flieger im Weltkriege" heraus, daß die Juden sogar ü b e r den von den Gegnern immer angeführten Prozentsatz hinaus ihr Kontingent auch bei der Fliegerwaffe gestellt haben. Die breitere Oeffentlichkeit hat jedoch wenig von diesen Dingen erfahren. Erst als der bekannte Hamburger Zigarrenindustrielle Wolfs vor wenigen Jahren starb, da wurde bekannt, unter welchen Schwierigkeiten es ihm gelungen war, zur Fliegerei zu kommen, und wie schwer man ihm dort noch das Leben gemacht hat. Er stellt ein trauriges Beispiel dar für die Behandlung der Juden im Kriege im allgemeinen und der jüdischen Flieger im besonderen. Nach der Revolution war es wiederum ein Jude, der die Bedeutung der Luftfahrt rechtzeitig in ihrer ganzen Tragweite erkannte, obwohl man damals sicherlich andere Sorgen an dieser Stelle gehabt hat. Es war Hugo P r e u ß,. auf dessen Veranlassung die Volksbeaustragten ein Reichslustamt ins Leben riefen, aus dem später die Luftfahrtabteilung des Neichszeigte Dr. Rosenthal die Absurdität der Blutbeschüldigung und malte in prachtvoller Sprache aus, wie gerade Israel dem Gottesbegriff in der Gottesvorstellung und der Vorstellung von der Gottähnlichkeit des Menschen einen neuen Sinn gegeben habe. „Daß nicht nur Päpste und Kaiser die Beschuldigung als Lüge erkannten, sondern daß noch am 2 6. Juli 1929 ein deutsches Gericht einen deutschen Mann ob solcher wahnsinnigen Behauptung verurteilen m u ß, das ist Ironie und Tragik!" rief er zum Schluß aus. Der Beifall war unbeschreiblich und steigerte sich in minutenlanger Dauer. Die kurze Diskussion konnte naturgemäß keine neuen Momente bringen. Gegner meldeten sich nicht zum Wort. Ein Versuch, am Eingang des Saales eine Stinkbombe zu werfen, hatte keinen Erfolg. So konnte die Versammlung in Ordnung unter größter Ruhe zu Ende geführt werden. Verkehrsministeriums hervorgmg. In die so geöffnete zivile Fliegerei strömten die ehemaligen Kriegsflieger, und es war daher kein Wunder, daß sich auch dort eine allgenieine Ablehnung der Juden breit machte. Die erste Bresche in diese Front schlug die Segelflugabteilung des Reichsbuudes jüdischer Frontsoldaten, die im Jahre 1924 im Fliegerlager auf der Rhön erschien, das damals beinahe eine Hochburg des Judenhasses war. Durch beachtenswerte Leistungen gelang es in relativ kurzer Zeit, auch in diesen'Kreisen aufklärend zu wirken. Es war der schwerverwundete jüdische Kriegsflieger Jacob Ledermann, der diese Bewegung gemeinsam mit seinen R. j. F. - Kameraden, Studienrat Dr. R a b a u und Dr. Sult a n , vorwärts trieb. Leider mußte aus Mangel an Mitteln diese sportliche Betätigung in "den daraufsolgeuden Jahren brachliegend obwohl hierfür vervoendete Summen sehr wirksam angelegt gewesen wären. Erst jetzt betätigt sich die Gruppe wieder; sie legt weniger aus Rekordleistungen als aus die Ausbildung von jüdischen Junasliegern Wert. Aber einem anderen jüdischen Segelflieger war es Vorbehalten, den deutschen Segelslug durch Rekorde mächtig vorwärts zu treiben. Der Deutschösterreicher Robert Kronfeld, Student an der Technischen Hochschule Darmstadt, als tüchtiger Sportsmann in Wien schon lange bekannt, erschien im vorigen Jahre zum erstenmal aus der Rhön. Sogleich gelangen ihm eine Reihe von bemcrkenswerten Stnudenflügen. In diesem Jahre bewarb er sich um den Preis, den der Verlag der „Grünen Post" für einen 100- Kilometer-Langstreckenslug ausgesetzt hatte. Kronseld verließ die Rhön und ging nach dein Teutoburger Walde. Dieses Gelände erschloß er dem bis dahin dort noch unbekannten Segelflug. Nach wenigen Tagen absolvierte er einen 102 Kilometer langen Flug, und in diesen Tagen konnte er bereits bei dem Wettbewerb aus der Rhön einen solchen von fast 150 Kilometer Länge machen, bei dem er gleichzeitig einen Höhenrekord ausstellte. Mit der Bescheidenheit des Könners sagt er darüber in der „Vossischen Zeitung":, „. . . Vor einer Gewitterwalze, die über das Land zog, flog ein Segelflugzeug, diesmal nicht unter, sondern über den Wolken. Schräg hinten unter dem Flugzeug entlud sich Blitz auf Blitz, ein Donnerschlag folgte dem anderen. Ein motorloses Flugzeug hing hoch über den sich türmenden Wolkenballen, suchte den Weg der Gewitterwand entlang. Städte und Dörfer zogen vorbei, eine Stunde verging nach der anderen, und immer zog noch der motorlose Vogel dahin in Höhen zwischen 2000 und 3000 Meter. Nach 4)4 Stunden Fluges waren 143 Kilometer erreicht worden, und die 950 Meter hohe Startstelle um rund J