Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- Seite 394 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277863--05391-2286126- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
394 Wesen unvereinbar unzulässig sei. Gleich daraus entfesselte der Bericht des Rechtsausschusses über Anträge der Studentenschaften in Brünn, Erlangen, München und Würzburg auf Einführung des numerus clausus für die Studenten nichtdeutscher Abstammung eine erregte Aussprache. Dabei wurde noch nicht einmal zur' Sache selbst gesprochen, sondern nur die formalen Möglichkeiten einer Behandlung der Allträge erörtert. Die geschickte Handhabung der Verhandlungsleitung durch den Vorstand, der gegen den Antrag war, führte schließlich in namentlicher Abstimmung mit 102 von 174 Stimmen zu seiner Ablehnung. Es ist bedauerlich, daß anscheinend schließlich formale Momente den Ausschlag gaben. Die Erkenntnis der tatsächlichen Kräfteverhältnisse und^ der wahren Stimmung in der Deutschen Studentenschaft zu dieser Kernfrage ist dadurch verhindert worden. Die herrschende Erregung ließ aber erkennen, daß manch deutscher Student sich mit Schrecken des wachsenden nationalsozialistischen Einflusses bewußt wurde. Trotz des bereits angenommenen - hochschutpolitischen Antrages des Hauptausschusses trat man auf Antrag hauptsächlich staatlich anerkannter Studentenschaften nochmals in eine Aussprache ein. Zwar war ein vorliegender Antrag, „unverzüglich mit der preußischen Negierung wegen staatlicher Wiederanerkennung der deutschen Studentenschaft sich ins Benehmen zu sehen", wegen der Stellungnahme des Kultusministers Zurückgezogen worden, doch wurden die Möglichkeiten einer Heranziehung anderer studentischer Kreise an die Deutsche Studentenschaft ausgiebig behandelt. Nadikale und nationalistische Ansichten traten bei der Erwägung der Gewährung wirtschaftlicher Unterstützungen m besonderen Füllen auch an ausländische Studenten Zutage. Eine Erklärung gegen das Uoung- Abkommen wurde einstimmig angenommen. Eine Teilnahme an der Versassungsseier wurde wegen des Verbotes der Kundgebungen am 28. Juni abgelehnt. Forderungen nach Wehrfreiheit führten zu einer erregten Aussprache, besonders München tat sich in Stimme und Ausdrucksweise kriegerisch hervor. Ein Antrag zur Frage der Fememörder seitens einer Berliner Gruppe wurde von der Tagesordnung abgesetzt. Nur einzelne Bilder, die im Nahmen dieser Zeitung interessieren mögen, konnten gezeigt werden. Der Gesamteindruck hinterläßt keine Befriedigung. Klarheit über die Ausgaben einer Studentenvertretung sowohl wie über den Inhalt wahrhaft akademisch-humanistischen Geistes besteht leider immer noch nur bei wenigen. Doch darüber werden wir in einem folgenden Aufsatz noch zu sprechen haben. $739 organisierte Zionisten in Deutschlanö. Am 23. Juni haben die Wahlen für den 16. Zionistenkongreß stattgesunden. Sie bieten auch für nichtzionistische Kreise ein gewisses Interesse, da sie einen Rückschluß aus die Stärke der Zionistischen Organisation in Deutschland und der in ihr vertretenen einzelnen Richtungen gestatten. Vorausgeschickt sei, daß jeder Schekelzahler wahlberechtigt ist. Wieviel Prozent der letzteren sich an der Wahl beteiligten, darüber schweigt sich der offizielle Bericht aus. Man sollte aber annehmen dürfen, daß alle Zionisten, die an der Bewegung wirklich inneren Anteil nehmen, auch den Weg zur Wahlurne gefunden haben werden. Es wurden im ganzen in etwa 110 Wahlorten 8739 Stimmen abgegeben. Es erhielten davon: Die Liste der Allgemeinen Zionisten (identisch mit der offiziellen Leitung der Deutschen nitürlid*« Gesundhaitang! Fachinger Yersandstelle, Berlin SW 11, Schöneberger Strasse 16a. Telefon: Lützow 8260/61. Organisation) 2838, Misrachi 2749, Poale Zion (Soz.) 1553, Radikale Revisionisten und Hitachtuth zusammen 1596 Stimmen. Im ganzen entfallen aus Deutschland neun Mandate. Da in Deutschland ungefähr 400 000 Juden im wahlfähigen Alter stehen, so bedeutet die vorstehende Zahl, daß hiervon ungefähr 2 Prozent wirklichen Anteil an der zionistischen Richtung nehmen. Der Eindruck verstärkt sich, wenn man die Wahlzisfern im einzelnen prüft; so hat z. B. Berlin, das bei der letzten Repräsentantenwahl ungefähr 130 000 Wahlberechtigte aufwies, im ganzen 2345 Stimmen gezählt; Frankfurt a. Main (etwa 30 000 jüdische Seelen) 793, Hamburg 630, Breslau 556, Köln 455, Mannheim 120, Stuttgart 13, München 153 usw. Tie vorstehenden Zahlen dürften auch für die innerjüdischen Verhältnisse der deutschen Gemeinden zum Nachdenken Anlaß geben. Auch im Auslande war die Beteiligung an den Wahlen zum Zionistenkongreß, wie es scheint, keine lebhaftere. So wird aus Wien gemeldet, daß dort im ganzen 3491 Stimmen bei einer Bevölkerung von rund 200 000 jüdischen Seelen abgegeben wurden. Nach den aus A m e - r i k a bis jetzt vorliegenden Nachrichten sollen dort im ganzen etwa 30 000 Stimmen abgegeben worden sein. Führer öer deutschen Wissenschaft. §eröinanö ölumenthal. Das Mitglied des Hauptvorstandes des Centralvereins, unser verehrter Freund Geheimer Sanitätsrat Professor Dr. Ferdinand Blume n - t h a l in Berlin, ist zum planmäßigen außerordentlichen Professor an der Universität Berlin ernannt; eine Ernennung, die insofern bedeutsam ist, als gleichzeitig das unter seiner Leitung stehende Institut für Krebsforschung in Berlin Zur planmäßigen llniversitätsanstalt erhoben worden ist. Blumenihal wurde am 5. Juni 1870 in Berlin als Sohn eines der angesehensten Berliner Praktiker, des Geheimen Sanitätsrats Tr. Julius Blumenthal, geboren. Er studierte in Freiburg, Straßburg und Berlin, arbeitete in den Jahren 1893 bis 1899 bei Salkvwski physiologisch-chemisch und wurde 1868 wissenschaftlicher Assistent an der ersten Medizinischen Klinik der Charitch unter Ernst von Lehden. Hier leitete er das Chemische Laboratorium. Im Jahre 1899 habilitierte er sich und beschäftigte sich zunächst mit Studien zur Inneren Klinik. Seine Arbeiten behandelten Tetanus, bakterielle Zersetzungen, den Diabetes, die feineren Vorgänge beim Zuckerstoffwechsel, sowie Fragen der Serumtherapie. Seit dem Jahre 1903 hat er sich zunächst als Oberarzt am Institut für Krebsforschung und dann als Leiter der Fürsorgestelle für Krebskranke in der Charite betätigt. Im Jahre 1915 übernahm er die provisorische und 1917 die definitive Leitung des Krebssorschungsinstitutes, nachdem er vorübergehend am Krankenhaus Berlin-Lichtenberg und der Inneren Abteilung des Israelitischen Krankenhauses in Berlin gewirkt hatte. Unter Vlumenthals Leitung ist das Berliner Krebsinstitut sowohl in organisatorischer Beziehung als auch, was seine wissenschaftlichen Leistungen anbelangt, in die führende Reihe der Forschungsstatten über den Krebs und seine Bekämpfung getreten. Alle Fragen der wissenschaftlichen Erkenntnis der Ursachen des Krebses, der Entstehung, Verbreitung und Behandlung sind hier bearbeitet worden. Vlumenthal hat mit einem Stabe angesehener Mitarbeiter unser Wissen vom Krebs vielfach gefördert. Herzlichen Glückwunsch dem treuen Mitkämpfer unserer Bewegung! z Dr. G. M. 1 Carl Neuberg. Professor Dr. Carl N e u b e r g, der anläßlich des Jubiläums der Technischen Hochschule in Danzig zum D r. - i n g. h. e. v o n Danzig ernannt wurde, ist Direktor des Kaiser-Wilhelm- Jnstituts für Biochemie in Berlin-Dahlem. Geboren 1877 in Hannover, studierte er in Würzburg und Berlin, habilitierte sich 1903 für Chemie in Berlin, war von 1898 bis 1909 am Pathologischen Institut der Charit6 in Berlin tätig , und wurde 1909 Abteilungsvorsteher am Tierphysiolvgischen Institut der Landwirtschaftlichen Hochschule. Neuberg, der auch an der Universität ordentlicher Honorarprofessor ist, hat sich aus den verschiedensten Gebieten der Physiologie und Pathologie des Stoffwechsels beschäftigt, hat über die Rolle der Mineralien im tierischen Körper, über die Chemie des Harns und über Gärungsvorgänge größere Arbeiten und zum Teil Monographien verössentlicht. Er begründete die „Zeitschrift für Biochemie" und hat hier selbst und mit einem großen Mitarbeiterkreis zu den wichtigsten Fragen der physiologischen und pathologischen Chemie Stellung genommen. In neuerer Zeit arbeitete er auf dem Gebiete der experimentellen Therapie und der Krebsforschung. Neuberg ist ein außerordentlich fruchtbarer Publizist, und er hat in den Berichten der Deutschen Chemischen Gesellschaft, der „Zeitschrift für physiologische Chemie" und der für Krebsforschung oft das Wort ergriffen. Er ist Ehrenmitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften. Dem hochverehrten Freunde unserer Bewegung, der uns stets selbstlos mit Rat und Tat zur Seite steht, sprechen wir zu der wohlverdienten Ehrung unsere wärmsten Glückwünsche aus. Dr. 0. M. Was ist „deutsche Rasse“? Von Julias Goldstein. Das Gemeinsame der Rasse im anthropologischen Sinne sind körperliche Merkmale, die vererblich sind. Das Gemeinsame der deutschen Rasse ist eben das „Deutsche16, d. h. ein Komplex stetig sich Handelnder, geistiger Erscheinungen, deren Existenz und tragischer 'Widerstreit aus der Rasse ebensowenig erklärt werden kann, wie etwa die Entdeckung Amerikas oder der moderne Expressionismus. Aus diesem Komplex geistiger Erscheinungen greifen die Völkischen irgendeine Tendenz, z. B. die antisemitische oder die nationalistische, heraus, und bezeichnen sie unter Ausschluss aller anderen als diejenige, die einzig und allein als deutsch anzusprechen ist — ein ebenso willkürliches nie politisch frivoles Spiel. Und um ihrer Willkür den Stempel der Objektivität zu geben, verbinden sie diesen künstlich verengten Begriff von Deutsch mit dem Rassenbegriff. Sie begehen den Missbrauch, zwei total verschiedenen Seinssphären angehörende Begriffe, wie Deutsch und Rasse, miteinander zu verkoppeln, ein Missbrauch, den Max Müller einmal mit den Worten von langschääcligcr Grammatik gegeisselt hat. Aus Jahrgang 1924 der „C. V.-Zeitung66 Seite 402. Politik nach den „Arterscheinungen der deutschen Rasse“. Von Professor Dr. Julius Goldstein (Darmstadt). Stefan Zweig über Theodor Herzl. Der in Nr. 27 („(£. V.-Zeitung" vom 5. Juli) veröffentlichte Aufsatz „Zu Theodor Herzls Todestag", Persönliche Erinnerungen von Stefan Zweig, ist in dem von Dr. T. N u s s e n b k a t t herausgegebenen Theodor Herzl Gedenkbuch „Zeitgenossen über Herz l", jüdischer Buch- und Kunstverlag, Brünn, Adlergasse 9, erschienen.