Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 30 (26.7.1929)
- Date
- 1929-07-26
- Page
- Seite 393 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Irrungen und Wirrungen -er -eutfthen Stuöentenfthaft. Die Heidelberger wollen den numerus clausus! Der Dank an öie jü-isthen Spender aus Amerika. Der Ausgang der Wahlen zum Heidelberger Studentenausschuß, die eine Rechtslnehrheit, darüber Hinalls aber ein jähes Anspringen der nationalsozialistischen Mandate von 0 aus 10 brachten, hat eine Entwicklung unterbrochen, die einen Wiederaufbau der einheitlichen deutschen Studentenschaft einzuleiten schien. Der Heidelberger Allgemeine Studentenausschuß hatte am 13. Juni -einstimmig, also auch mit den Stimmen der Heidelberger Korps und Burschenschaften, eine Entschließung angenommen, nach der die Schaffung einer deutschen Gesamtstudentenschaft anzustreben sei. In Absatz 3 wurde jede parteipolitische, rassenpolitische und religiöse Betätigung der neu zu schassenden Organisationen abgelehnt und in Absatz 5 bei grundsätzlicher Anerkennung des groszdeutschen Ausbaus in erster Linie staatliche Anerkennung und reichsdeutscher Zusammenschluß erstrebt. Jetzt veröffentlichen die Korps und Burschenschaften eine offensichtlich von außen beeinflußte Erklärung, in der sie ihre eigenen Vertreter desavouieren und „schärfsten Ein- - sprach" gegen die Punkte 3 und 5 des einstimmig gefaßten Beschlusses erheben. Sie betonen, „daß sie als Vertreter des arischen Prinzips grundsätzlich Klassenunterschiede kennen und das Hochziel des großdeutschen Zusammenschlusses keinesfalls hinter ein anderes zurückgestellt wissen wollen." Die Heidelberger Vorgänge sind aus besonderem Anlaß von Bedeutung. Mit Heidelberg hatten sich vor kurzem die deutsche Presse und die maßgebenden Organe des Auslandes, insbesondere Amerikas, aus freudigem Anlaß beschäftigt. Damals brachte der amerikanische Botschafter in Berlin eine große Geldspende dorthin, durch die ein neuzeitlicher Aufbau und Ausbau der Universitätsgebäude ermöglicht werden sollte. Tie Hände, aus denen die Dollarscheine kamen, wurden damals nicht nach ihrer „rassischen" Zugehörigkeit untersucht. Auch die nationalsozialistischen Studenten erfreuen sich dieser Stiftungen. Wissen sie auch, daß der jüngst verstorbene Rektor, Professor H e i n s h e i m e r, dessen Initiative und Geschick das überraschend große Interesse Amerikas an der Heidelberger Universität zu danken ist, geborener Jude war? In den schönen und neuen Räumen dürsten, wenn die nationalsozialistische Gedankenrichtung die Heidelberger Universität maßgebend beeinflußte, die ^öhne der Stifter der Wissenschaft nicht lauschen: müßten sich die Abkömmlinge der Männer, die den nationalsozialistischen Jünglingen ein ungestörtes und freies Studium ermöglichten, einer ihnen peinlichen und sic verletzenden Untersuchung unterziehen, ehe sie die Bank mit den Beschenkten teilen dürften. Die nationalsozialistischen Studenten können sich den Luxus der Gesinnungstreue heute noch leisten, weil sie nicht vor der Notwendigkeit stehen, als Mehrheit ihr Programm erfüllen zu müssen. Aber Dankbarkeit sollte man auch von nationalsozialistischer Jugend verlangen können, von der wir doch annehmen, daß sie, wenn auch verkannten, so doch idealen Gesichtspunkten folgt. Die Beschämung Deutschlands vor der Welt zu verhindern, wäre möglicherweise ein Gesichtspunkt, der die künftigen Lehrer, Richter und Aerzte zur Besinnung führen könnte. Der Rampf um -en Stammtisch. Vor den Heidelberger Wahlen fanden an einer Reihe von Universitätsstädten mit wechselnden Ergebnissen Wahlen statt. Die nationalsozialistischen Studentengruppen, die bei den letzten Studentenwahlen, insbesondere in Jena und Halle, bemerkenswerte Wahlersolge erzielen konnten, sind an anderen Hochschulen bei dem Versuch, der Studentenschaft ihren Willen aufzuzwingen, weniger erfolgreich gewesen. Die Studentenschaften von Karlsruhe und M ü n ch e n lehnten mit den Stimmen der schlagenden Korporationen und der katholischen Verbände die Besprechung nationalsozialistischer Anträge aus Einführung des numerus clausus ab. Die Anträge wurden daher bereits ohne Abstimmung in der Sache selbst ack acta gelegt. Diese erfreuliche Stellungnahme insbesondere des Waffenrings beruhte weniger auf innerer Ablehnung und besserer Einsicht, als hauptsächlich auf taktischen Erwägungen. Besonders in München, wo im Gegensatz zu Preußen die Studentenschaft noch staatliche Anerkennung genießt, fürchtete man Schwierigkeiten mit dem bayerische n Kultusministerium, das in letzter Zeit wiederholt scharf gegen judenfeindliche Ausschreitungen einzelner Studentenschaften Front gemacht und sogar mit der Entziehung der staatlichen Anerkennung gedroht hatte. Wie stark in Wirklichkeit die judenfeindliche Stimmung innerhalb des Waffenrings ist, beweist das unerhörte, jeder Honorigkeit und jedes akademischen Anstandes bare Verhalten einiger wasfenstudentischer Korporationen gegenüber der Münchener KC.-Verbindung L i e a r i a. Die Liearia hatte täglich ihren Mittagstisch im Restaurant Hoftheater. Der Waffeuring verstand es jedoch, die Liearia systematisch aus dem Lokal zu vertreiben; bereits morgens besetzten mehrere Korporationen das ganze Lokal, u. a. auch den Tisch der Liearia. Wenn dann die Liearen mittags erschienen, fanden sie keinen Platz und waren gezwungen, von höhnischem Scharren der Herren „Akademiker" begleitet, das Lokal zu verlassen. Die Mitglieder der Liearia hatten besseres zu tun, als ihren Tisch schon morgens um 10 Uhr zu besetzen. So mußte die jüdische Verbindung, da ihr auch der im übrigen korrekte Wirt nicht helfen konnte, ihren Mittagstisch ausgeben. Methoden dieser Art „unblutigen Terrors" sind sonst besonders bei polnischen „Aufständischen" oder tschechischen Sokols den Angehörigen der deutschen Minderheiten gegenüber beliebt. Jetzt haben deutsche Korporationsstudenten den Mut, mit den gleichen schimpflichen Mitteln gegen Kommilitonen zu kämpfen. Der 12. deutsche Stuöententag in Hannover. Einsichtige Mhrer ... Im Gegensatz zu den hoch schulpolitischen Vorgängen an den einzelnen Universitäten, bei denen von Politischem Verantwortlichkeitsgefühl meist wenig zu finden ist und bei denen lokalpolitische und traditionelle Momente häufig den Ausschlag geben. Zeigte der 12. deutsche Studententag in Hannover ein ernsteres politisches Gesicht. Vom 22. bis 24. Juli waren über 200 Studenten aus allen Teilen des deutschen Sprachgebietes vereinigt, um in parlamentarischer Weise ihre Arbeiten und Ziele, ihre Nöte und Sorgen zu besprechen. Die Bedeutung dieses Studententages für die deutsche Hochschulpolitik ist freilich geringer geworden. Das Ausscheiden der preußischen Hochschulen hat das Studentenparlament zu einem Numpsgremium gemacht. Als Stimmungsbarometer ist es vielleicht gerade dadurch bedeutungsvoller geworden. Tie Rücksichtnahme auf Preußen und seinen Kultusminister ist sortgefallen. Wenn sich nun nicht eine verstärkte Radikalisierung, sondern ein W i l l e zur V e r st ä n d i g u n g bemerkbar macht, so ist diese Erscheinung, wie die Dinge nun einmal liegen, zu begrüßen. Offizielle Empfänge fanden nach einem schweren Arbeitstage am Abend des 20. Juli seitens des Magistrats im Rathause und am Sonntag vormittag in der Stadthalle statt. Sowohl Oberbürgermeister Tr. M e n g e als auch die Vertreter der beiden Hannoverschen Hochschulen, Lehrer und Studenten und der Vertreter der Altherrenschaft sprachen im Sinne unbedingter Mitarbeit an Deutschlands Aufbau. Ueberall klangen die Ziele: Aufbau Großdeutschlands, Mitarbeit für den Staat und im Staat, Schaffung gegenseitiger Achtung im In- und Ausland durch. Dr. K o l b e (Berlin) vom Deutschen Schutzbund hatte seinen Festvortrag „Probleme deutscher Volkspolitik" unter diesen gleichen Gesichtspunkten gestellt. Die Arbeitstagung hatte nach kurzen Begrüßungsansprachen die Berichte der drei geschüstsführenden Vorstandsmitglieder gebracht. Der Vorsitzende, canck. jur. Walter Schmadel (Berlin) sprach über „Notwendigkeit und Aufgaben des allgemeinstudentischen Zusammenschlusses." Nach dem Jahresbericht von Referendar Ulrich Kersten behandelte canck. phil. Hermann Proebst das Thema „Die Auslandspolitik der Deutschen Studentenschaft". Es muß anerkannt werden, daß die von allen drei Rednern umrissenen Gebiete einen Umfang zeigten und einen Arbeitswillen bewiesen, die dem Vorkriegs-Altakademiker unbedingte Achtung abnötigten. Mag die Not der Zeit den Ausbau der schon früher bestehenden WirtschaftsÜmter mit sich gebracht haben, der Wille dieser geistigen Erben der Frontstudentenschaft, Mittel und Wege zu finden, den Bildungskreis der akademischen Jugend über das wirtschaftlich bedingte Spezialistentum zu erweitern, das heißt, die Lernsreiheit auszubauen, die körperliche Ertüchtigung zu fördern, innen- und außenpolitische Fortbildung, letztere besonders durch Studentenaustausch, zu bringen, wird in den Berichten als mit Erfolg eingeschlagene Bahn gekennzeichnet. Erfreulich war die wiederholte Betonung der unbedingten A ch t u n g vor dem Andersdenkende n. Allgemein kam zum Ausdruck, die Studenschaft, früher nur eine gesellschaftliche und soziale Gruppe, schlösse in sich Vertreter aller Weltanschauungen, aller politischen Parteien. Dieses hätte mit der Studentenschaft als solcher nichts zu tun, sie sei der lernende Teil der Hocksschulorganisation. Jeder Kommilitone müßte als Mitarbeiter geachtet werden. Ein Kennenlernen, ein Ausgleich führe zur Gemeinschaft im Rahmen der deutschen Volksgemeinschaft. Aus diesem Grunde wäre die Deutsche Studentenschaft trotz fehlender staatlicher Anerkennung bewußt stehen geblieben; ihre Lage sei überaus ernst, zurzeit vielleicht hoffnungslos, aber sie wäre sich bewußt, daß sie wertvolle Kräfte in sich trage zum Aufbau und Ausbau Großdeutschlands. Dieses 200köpfige Parlament folgte mit gespannter Aufmerksamkeit den Berichten ihrer selbstgewählten Führer. . . . radikale Gefolgschaft. Bedauerlicherweise zeigte die folgende zweitägige Aussprache nach der Sachlichkeit des Vorstandes um so krasser die fortschreitende Radikalisierung der Studentenschaft. Zwar gelang es, nach der debattelosen Annahme verschiedener Anträge der Ausschüsse auch noch einen die Berichte des Vorstandes umrahmenden Antrag des Hauptausschusses ohne Aussprache mit erdrückender Mehrheit durchzubringen, aber sofort nach der Annahme trat eine Erregung der radikalen Gruppen zutage. Hatte man doch einen wesentlichen Satz mit angenommen, nämlich daß die Behandlung von konfessionellen und parteipolitischen Fragen innerhalb der Studentenschaft als mit ihrem