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Central-Verein-Zeitung · 1929-07-19 · 29 (19.7.1929) · p. Seite 383

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
29 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
Seite 383 (sequence 7)
Language
German
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383 charaktervolle Selb st bek undun g jüdi- I scher Frömmigkeit und Geisteshaltung bot. Die gewichtige, leider immer noch zu oft unterschätzte Aufgabe, zwischen den Konfessionen eine zuverlässige, gegenseitige Kenntnis zu vermitteln, wird immer noch d viel zu selten systematisch in Angriff ge- ] nommen. Es genügt keineswegs, einen jj Außenstehenden auf die üblichen Handi bücher und Lehrschriften einer Konfession 1 zu verweisen; man muß sich vielmehr be-! mühen, seine Eigenart dem Fremden s o j zu interpretieren, daß er von seinen z Voraussetzungen aus hinhören und verstehen kann. Dabei zwischen den beiden Gefahren einer zu sehr in sich befangenen, selbstbewußten Aussage und einer nux auf den Kontakt mit dem Fremden bedachten und deshalb verschwommenen Darstellung j glücklich hindurchzusreuern, erfordert eine Kombination von verschiedenen Gaben, j wie sie gerade Julius Goldstein eigen war. Es ist vielleicht möglich, nach der einen oder der anderen Seite Namen zu nennen, die es an Gewicht mit dem seinigen ausnehmen können, aber es ist im Augenblick 1 so gut wie ausgeschlossen, einen deutschen 1 Juden zu nennen, der ohne weiteres alle 1 Voraussetzungen in sich trüge, um das Werk Goldsteins da auszunehmen, wo dieser es hat verlassen müssen. Drittens: lieber das Gesagte hinaus ist mir persönlich vor allem noch wichtig geworden, daß im „Morgen" ernsthaft um die interkonfessionelle Auseinandersetzung gerungen wurde. Denn die schwerste Frage hebt ja erst dann an, wenn man fremde Religiosität nicht mehr bloß von außen und obenhin wahrnimmt, sondern wenn einem innere Verständnismöglichkeiten erschlossen worden sind. Dann beginnt das tief persönliche und doch in seiner Grundsätzlichkeit zugleich öffentlich bedeutsame Ringen um die religiöse Wahrheit. Gerade hierin hat der „Morgen" Großes geleistet. Wie oft sprach da nicht mehr bloß der Jude zum Christen oder umgekehrt, sondern man begann wirklich, miteinander zu reden und aufeinander zu hören, wissend sowohl um das, was die Konfessionen trennt, als auch um das, was sie eint! Und gerade dadurch wurde man herausgehoben aus dem unfruchtbaren Dilemma zwischen Hochmut und Verschwommenheit, zwischen Abkapselung und Grenzverwischung. Das mögen sehr persönliche und private Ansichten sein. Doch ich weiß, daß auch andere nichtjüdische Leser genau so urteilen, und darf es deshalb wagen, an die jüdischen Kreise die Bitte zu richten, die Zeitschrift Julius Goldsteins nicht nur unter innerjüdischen Aspekten zu bewerten, sondern daran zu denken, was im Oefsentlichen und im stillen an Verbindungsfäden zwischen den Konfessionen, Parteien usw. durch den „Morgen" angeknüpst worden ist. Wir Außenstehenden würden es als wirklichen Verlust empfinden, wenn das Werk Julius Goldsteins und damit seine geistige Art nicht von jüdischen Gesinnungsfreunden als teures Vermächtnis weitergeführt werden könnte. Es ist in diesen Wochen so viel ehrlicher Dank und aufrichtige Bewunderung zum Gedächtnis Julius Goldsteins laut geworden, daß ich an dieser Stelle mit dem Appell an die Erben seines Vermächtnisses schließen darf. Denn was könnte es — menschlich gesehen — für einen würdigeren Nachruf auf einen Verstorbenen geben, als daß man daran denkt und sich einander daran erinnert: der beste Dank ist doch die Tat und das wirksamste Gedächtnis die Fortsetzung des verwaisten Werkes! / von Julius SolöMn. Julius Gold stein meldete sich im August 1914 als Freiwilliger Zum Heeresdienst und rückte als OMierstellverLreter an S die Front. Weihnachten 1914 wurde er zum Leutnant befördert und war mit kurzen Unterbrechungen bis zum Kriegsende im | Felde. — In nachstehendem kleinen Aufsatze, der im „Berliner | Tageblatt" am 13. Dezember 1918 erschien, gab Goldstein den I Gefühlen Ausdruck, die ihn bei feiner Heimkehr überwältigten, i Die Schriftleitung. s Nach 50 Monaten betrete ich wieder mein Arbeitszimmer — i als freier Mensch. Ich habe die Uniform abgelegt, die mich | meiner bürgerlichen Existenz fast entfremdet hat. Wieder ge- J höre ich meiner Familie, meinem Heim, meiner Arbeit, meinem s alten Kreise von Pflichten. Wie oft habe ich da draußen in Feindesland diese Stunde herbeigesehnt, herbeigeträumt, wie j habe ich sie mir ausgemalt, diese Stunde der Heimkehr, voll f rauschender Musik, voll wehender Fahnen — und nun ist j alles anders gekommen! Fahnen hängen zwar aus den Fen- > stern, aber es sind nicht Fahnen miltärischen Sieges. Es sind I Fahnen, die dankbare Freude künden sollen über die Rückkehr j der Väter und Söhne; .es sind darunter auch Fahnen, die j Symbole umwälzender Geschehnisse bedeuten. Ich bin unter! ihnen hinweggegangen langsamen, gedankenvollen Schrittes, f wie unter einem neuen, noch nicht ganz enthüllten Schicksal, j Draußen schon übersiel es mich, inmitten einer feindseligen I Bevölkerung, schreckhaft, unbegrisfen, in drohender Sprache;! ich war qualvolle Wochen lang von allen Nachrichten der Heimat abgeschnitten; raunende, wilde Gerüchte gingen von s Mund zu Mund; Zeitungssetzen, die der Zufall uns zuführte, | enthielten Mitteilungen von Aufruhr und Gewalt. Alles, was wir von den Schrecknissen russischer Zustände gelesen, wurde 1 wach: so sollte es jetzt im Vaterlande aussehen? s Wir setzten den Fuß auf deutschen Boden und atmeten aus. Gott sei Dank: die Straßen, die Häuser, die Menschen wie ehedem, es war die alte Heimat, wie wir sie verlassen; Ordnung, wenn auch eine andere, herrschte überall. Ich habe mich zu melden im alten Rathaus wie früher — vor der j gleichen Behörde — wenn sie auch aus anderen Menschen besteht. Und wie ich ausjubelte beim Vormarsch im August 1914, da ich den ersten Schritt in Feindesland tat, so jetzt, als ich den ehrwürdigen Boden des Vaterlandes -wieder unter mir fühlte. Seine Fahnen grüßen mich in stiller, gedämpfter Freude. Liebe Hände haben das Heim erhalten, das ich vor Jahren verlassen. Als Urlauber habe ich es mehrfach betreten — zu flüchtigem Aufenthalt. Jedesmal schlich ich scheu an den Büchern vorbei, die ans hohen Regalen wie aus einer fremden Welt mich anzublicken schienen. Wie ich wohl den Weg zu euch wiederfinden werde? Und wann? Und nun ist der Augenblick gekommen: Geistes Heimkehr! Nun stehe ich vor euch, ihr meine alten lieben Gefährten aus der Zeit, da man noch in den Sicherheiten eines politisch fest umhegten Daseins lebte, da man noch in keinem von euch eine Zeile finden konnte, die die Ungeheuerlichkeiten eines solchen vierjährigen Krieges auch nur ahnen ließ. Nun kehre ich zu euch zurück, verwandelt — und doch der gleiche. Wie vieles von dem, was ihr mir berichtet habt, von Krieg und Brand, von Heereszügen und Strapazen, habe ich selbst erlebt! Ich nehme euch anders zur Hand wie früher, ihr schön gereihten Geschichtswerke. Ihr habt mir geholfen, manches von dem zu begreifen, in das ein unfaßbares Schicksal mich jahrelang hineingestellt hat. Ihr seid mir nicht länger Literatur, nicht länger Sagen aus alter Zeit. Und ich greise weiter mit zögernder Hand zu euch, ihr deutschen Dichter und Denker aus der Zeit, als noch in Jena und Weimar die Seele des deutschen Volkes lebte. Früher habe ich immer ein leises Gefühl der Scham gehabt, wenn ich im alten imperialistischen Deutschland mich in euch vertiefte. Kant und Fichte, Goethe und Herder, Schelling und Hegel — auf euch hat man sich stets berufen, wenn man lärmend vom Imperialismus des deutschen Geistes sprach. Waren wir wirklich eure Erben? War dieses Deutschland der „Realpolitik", des „nationalen Egoismus", das Deutschland Treitschkes und Chamberlains, war es das Deutschland, das ein Recht hatte, sich auf euch zu berufen? Ich habe es nie glauben können. Aber ich blieb still, gelähmt von dem Unglauben, es könne je wieder ein Deutschland erstehen, das Ernst machen würde mit eurem Geiste, das an euch wieder anknüpfen würde: nicht an das Vergängliche eurer Konstruktionen, wohl aber an euren „Enthusiasmus des Geistes", an eure Forderungen edlen Menschentums, an eure weltweiten Gedanken einer in sich gegliederten Menschheit, in der auch das deutsche Volk als Träger ursprünglichen göttlichen Lebens eine ewige notwendige Sendung zu erfüllen hat. Darum gleiten jetzt meine Blicke voll neuer Hoffnung an diesen Kostbarkeiten deutschen Geistes entlang: was wir mit altem, verbrauchtem Wort als „Revolution" bezeichnen, das birgt die Möglichkeit zu einem anderen, edleren Deutschland, das eure Gedanken zu neuem Leben und Segen zu erwecken vermag. Ich schüttle den Staub von euch ab ihr Werke — ich hebe euch zum Lichte empor: ich habe die Rückkehr zur deutschen Heimat gefunden.

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