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Central-Verein-Zeitung · 1929-07-19 · 29 (19.7.1929) · p. Seite 384

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
29 (19.7.1929)
Date
1929-07-19
Page
Seite 384 (sequence 8)
Language
German
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3S4 Nationalismus. Von Kammergerichtsrat Dr. I. Stern. Nationalismus ist eine geistig-politische Strömung, die in unserer unruhigen, kranken Zeit die Entwicklung aller Erdteile maßgebend beeinflußt, Europas und Amerikas, Afrikas und Australiens, vor allem aber Asiens; dort am tiefstgehenden und vielleicht am eingreifendsten in die Geschichte der Menschheit. Das heutige Europa verdankt seine Gestalt im wesentlichen dem im Laufe des 19. Jahrhunderts immer mehr erstarkenden Nationalitätenprinzip (jede Nationalität ein Staat), das den Friedensverträgen nach dem Weltkriege Zugrunde gelegt wurde. Ich habe in diesen Blättern öfters darauf hingewiesen (vgl. 1928, S. 370), daß die Verbindung von Orient und Okzident für den heutigen Menschen die Bildung eines einheitlichen Bewußtseins, das Neben- und Miteinander von Nation und Menschheit, die allweltliche Völkergemeinschaft umfaßt. Nationalismus ist durchaus kein einheitlicher Begriff. Um ihn zu erfassen, bedarf es der Auseinandersetzung mit anderen Begriffen, wie Nationalität und Nasse, Volk und Staat, Patriotismus, Kosmopolitismus und Internationalismus, Imperialismus und Faschismus, Militarismus und Pazifismus. Es liegt im Zuge der Zeit, daß gegenwärtig von verschiedener politischer, weltanschaulicher und wissenschaftlicher Einstellung her der Verbuch unternommen wird, den Nationalismus in systematischer Darstellung zu behandeln. Die große Bedeutung solcher Arbeit nicht bloß für den Politiker, sondern für jeden Menschen, der sich Rechenschaft geben will über die tragenden Kräfte, die heute Weltgeschichte machen, liegt zutage. Wir schulden daher unserem Julius Goldstein lebhaften Dank, der uns als letzte Frucht seiner Lehrtätigkeit an amerikanischen Universitäten die Bekanntschaft mit dem Werk des Historikers an der Columbia-Universith, N. I. Carlton I. Hayes, „Essays on Nationalem“ vermittelt und es in der von I. Friedländer besorgten deutschen Ausgabe mit einer Einführung versehen hat. Hahes versteht unter Nationalismus erstens den als Tatsache hinzunehmenden historischen Prozeß, der Nationalitäten zu staatlichen Einheiten zusammensaßt und der aus Stämmen unb Stammesgruppen den nationalen Staat gestaltet. Zweitens bedeutet ihm Nationalismus den zeitgenössischen, populären Glauben, die Eigene Nationalität oder der eigene nationale Staat besitze einen solchen Vollkommenheitswert und eine die anderen Nationalitäten über- *) „Nationalismus". Von Carllou I. H. Hayes. Aus dem Englischen übersetzt von I. F. Friedlander, herausgegeben und 'eingeleitet von I. Goldstein. 1929. Der Neue Geist-Verlag, Leipzig. Gebunden 19 Mark. VndtdVdijer^crax -Seife nimmt Der/üngung TieißfdteJgoJungjetzt. Wer^jtiJer-t^orax dem j$adzu Jetzt wm 'Verjüngt den jdjprper ganzjkjtimmt. strahlende Erhabenheit, daß alle menschlichen Verbandsformen und Treuverhältnisse bedeutungslos gegenüber dem Treuverhältnis gur Nation werden, und daß ihr und ihren Symbolen wie einer Gottheit höchste Verehrung Zukommen (Worte aus Goldsteins Einführung.) Dieser Glaube, diese Ueberwertung des Nationalen wurzelt in der Französischen Revolution; er ist ein künstlich gezüchtetes Gefühl des letzten Jahrhunderts. Hahes zeigt die Entstehung und Ausbreitung des Nationalismus, behandelt ihn als Religion (die weder Liebe noch Gerechtigkeit predigt), als Triebkraft internationaler Kriege und Nährboden des Militarismus und der Intoleranz. Hier findet Hayes Gelegenheit Zu beachtenswerten Ausführungen über Antisemitismus, jüdisches Staatsbürgertum und Zionismus. Ich hätte gewünscht, daß der klassische deutsche Idealismus (Herder, Schiller, Fichte) mit seinem Doppelideal von Weltbürgertum und Nationalstaat, ferner der Geist der gegenwärtigen Freiheitsbewegung Asiens (namentlich Chinas und Indiens) und die vorhandenen Zusammenhänge dieser beiden Richtungen ausführlicher behandelt wären. Gerade deshalb, weil der Schlußabschnitt des höchst verdienstvollen Werkes (Nationales — Fluch oder Segen?) einen Ausblick in eine bessere Zukunft eröffnet, in der der zum Verhängnis unserer Zeit entartete Nationalismus in dem Wettkampf mit der Humanität unterliegen muß, namentlich wenn in allen Ländern Schulen und Hochschulen im Unterricht der Weltgeographie, der Weltwirtschaft, der Weltbürgerlehre und der Weltgeschichte ihre Pflicht tun. „Wenn der Nationalismus", heißt es zum Schluß des Buches, „mit dem reinsten Patriotismus gleichbedeutend wird, wird er sich als ein einzigartiger Segen für die Menschheit und für die Welt erweisen." Sp möge denn Hayes Buch im Sinne des edlen Geistes Julius Goldsteins dazu beitragen, in West und Ost einer höheren Form des Nationalismus den Weg zu bahnen, einer Vereiui gung von Nation und Menschheit den Boden zu bereiten und damit der Verständigung der Völker und der Sicherung des Friedens dienen. /lus Julius Holösieins Werken. der Unsinn öes Rassenwahns. Der Rassencharakter verhält sich zum Volkscharakter wie ein Faktor zu einem Produkt. Aber seine Existenz anerkennen, bedeutet noch nicht zugeben, daß er aufgezeigt werden kann. Dasi,,Daß"desRassencharakters sagt noch nichts über sein „Wie aus. Aber gerade auf d i e E r k e n n t n i s d i e s e s „ W i e " f o m m t alles in Wissenschaft und politischer Praxis an. Die Schwierigkeiten, den Rassenfaktor aus dem gegebenen Produkt des Volkscharakters herauszulösen, sind augenblicklich noch so unübersteiglich, daß nur eine leichtfertige Tagespolitik über sie hinwegzukomr.ren vermeint. Wir hätten schon viel gewonnen, wenn wir wenigstens mit einiger Sicherheit volkspsychologische Urteile fällen könnten. Die Unzulänglichkeit aller Bemühungen, Volkscharaktere klar zu erfassen, ist keinem Geschlecht stärker zum Bewußtsein gekommen als dem unseren. Ist es schon einem gewissenhaften Beobachter unendlich schwer — von den Fehlschlüssen der Selbstbeobachtung ganz zu schweigen —, den Charakter eines einzelnen zu bestimmen, um wieviel mehr steigern sich die Schwierigkeiten, wenn es gilt, den Charakter eines ganzen Volkes oder auch nur eines Volksstammes zu erkennen! Gerade der Weltkrieg hat die politische Bedeutungslosigkeit der Rasse erwiesen. Vor dem Kriege spielte man mit dem Rassegedanken als mit einer Macht der Völkerpoütik. Gaukelnde Trugbilder pangermanischer oder panslawistischer Rassengruppierung umnebelten eine imperialistische Politik. Die Stunde der. Gefahr zeigte ein ganz anderes Bild. Mongolen, Germanen, Kelten, Slawen standen allüberall gegeneinander. Wie sehr hat es uns geschadet, daß wir das Schlagwort von dem Rassenkrieg zwischen Germanen und Slawen gebraucht haben, wo doch deutsche und österreichische Slawen gegen russische Slawen kämpften! Wie wenig Rassensympathien wirksam waren, erfuhren wir Zu unserem eigenen Schaden an der ententefreundlrchen Haltung mancher nordischen Staaten, insonderheit Dänemarks. Daß Engtanb zu unseren Gegnern überging, ließ sich schlecht mit der pangermanischen Rassenideologie vereinen. Man hals sich damit, daß man das keltische Element der Engländer betonte, während man in denselben Kreisen vor dem -Kriege gerade das Germanische der Engländer hervorhob. * Eine Zrage öer Menschlichkeit. Sich gegen den Antisemitismus wenden, heißt ferner nicht, sich solidarisch erklären mit irgendwelchen politischen Parteien, — die Frage des Antilsemitismus steht in ihrer letzten Bedeutung höher als alle Politik. Sie ist eine Frage der Menschlichkeit. Ich verurteile den Antisemitismus, weil er sich am Geiste der Religion, am Geiste der Humanität, am Geiste der Wissenschaft versündigt. Ich bekämpfe ihn, weil er aus mißleitetem Denken beruht, weil er das sittliche Feingefühl abstumpst und zerstört, weil er sich nährt von allem, was an trüben Leidenschaften und irregeleiteten Instinkten die Seele des Menschen knechtet. Aus „Rasse und. Politik“. vom jüdischen Nationalismus. Ich setze noch einmal dm nationalistischen Glauben in der Form eines artikulierten Schlusses hierher. Die jüdische Nation in Palästina hat eine hohe religiöse Kultur gehabt. Die religiöse Schöpferkraft ist seit Jahrtausenden mehr und mehr versiegt. Sie wird wieder entstehen und die religiöse Ausgabe Israels weiterführen, wenn die alten Bedingungen wiederhergestellt sein werden. Eine jüdische Nation auf jüdischem Boden. In diesem Schluß steckt eine Reihe der schwersten Fehler. Zuerst einmal: Man nimmt ein ursächliches Verhältnis zwischen der Tatsache der jüdischen Nationalität in Palästina und der Tatsache der religiösen Kultur an. Ein einzigartiges und rätselhaftes Schicksal, an dessen Geheimnis mau nur mit den Worten Gnade und Offenbarung rühren kann, wird in ein kausales Schema gepreßt, das nur verwendbar ist, wo es sich um Größen naturhaster Ordnung handelt. Einen Naturvorgang kann ich in Ursache und Wirkung auflösen, mit der Erwartung, daß mit gleichen Ursachen die gleichen Wirkungen eintreten. Für einen Geschichtsvorgang von so ungeheurer dynamischer Spannung versagt das kausale Schema. Die zionistische Auffassung, jüdische

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