Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- Seite 370 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Ä70 <A. Grroffer Spr?ia!hsus für feine Hrrren-Wsschr, Trikotsgrn ufw. OEFÜ.IN W CHARLOTTENSTRASSE 65 FERNSPRECHER: MERKUR 6330 c) Mit Christentum vereinbar ist nur derjenige Antisemitismus, der die Juden bekämpft als eine sittliche und wirtschaftliche Gefahr für das deutsche Volk. Diese Gefahr wird jedoch nicht beschworen durch Ausnahmebestimmungen gegen die Juden, die diese nur verbittern und zu noch engerem Zusammenschluß treiben würden, sondern durch Stärkung der gesunden Kräfte in unserem Volke, die einen Schutzwall aufwerfen und eine Gegenwirkung ausüben können. Was soll man dazu sagen? Daß der Antisemitismus im Haß wurzelt und auch gipfelt, ist richtig. Und wenn die Verfasser, die es ja am besten wissen müssen, sagen, daß Haß unchristlich ist, so finden sie unsere volle Zustimmung. Aber wie läßt sich damit vereinen, was über Schmähschriften von jüdischer Seite gegen Christus und die Christen gesagt wird? Als ob überhaupt solche Schmähschriften einen weiten Raum im jüdischen Schrifttum einnähmen und im Vordergründe ständen! Wie werden in dem unter d angeführten Zitate den Juden eine Reihe der schlechtesten und niedrigsten Eigenschaften angeheftet, als ob es darüber gar keinen Streit geben könnte, und dann wieder in höchst fragwürdiger und schließlich geradezu beleidigender Art zu entschuldigen versucht! Vor solchen Freunden unserer Sache mag uns der Himmel bewahren! Und nun erst Punkt e! Da gelingt es den Verfassern, glücklich doch noch eine Form des Judenhasses herauszufinden und zu empfehlen, die sich nach ihrer Meinung mit dem Christentum verträgt, nachdem sie doch noch kurz vorher den Antisemitismus als unchristlich gebrandmarkt hatten! Ist das religiöse Unterweisung im Sinne der Nächstenliebe? Ist das wünschenswerte pädagogische Beeinflussung? Dient eine solche Darstellung dem Frieden unter Volksgenossen? Das sind doch die alten antisemitischen Schlager, für jugendliche Ohren neu gesetzt. Dieser angebliche Kampf gegen den Antisemitismus sieht aus wie eine Propaganda für den Antisemitismus, und die Verfasser muten einem doch zuviel zu, wenn man ihnen glauben soll, daß ihr Standpunkt etwas mit sittlichen und nationalen Interessen zu Lun habe. Sollte es unter diesem Gesichtspunkt nicht Aufgabe des Religionsunterrichts insbesondere sein, die Leidenschaften des Hasses bis zur Ausrottung zu bekämpfen und für gerechte Beurteilung und unterschiedslose Behandlung aller Volksgenossen einzutreten? Wir erwarten, daß Verleger nnd Herausgeber diese ganze Stelle einer gründlichen Neubearbeitung für die weiteren Auflagen unterziehen und möchten für die Zukunft den Wunsch aussprechen, daß das Ministerium, das in Preußen z. B. die Einführung der Lehrbücher erst zu genehmigen hat, die Genehmigung versagt, wenn unbeweisbare Behauptungen aufgestellt werden, die die Seelen der Jugend vergiften und bewußt einen Keil zwischen Angehörige eines und desselben Volkes treiben. Heinrich Heines geistige Gestalt und Welt. Zudem Buchvon Dr. Kurt Sternberg. Bon Dr. Heinrich Levy (Eberswalve). Von der Parteien Gunst und Haß verwirrt, ist Heines Charakterbild bis zum heutigen Tage schwankend geblieben. Die Wertung seiner Persönlichkeit, ihrer Schicksale und ihrer Handlungen pflegt man aber auf seine Werke zu übertragen, und vieler Urteilskraft wird hierbei schon durch Heines jüdische Abstammung getrübt. Wenn nun auch unsere suchende, krisenhafte Zeit nach mancher politischen Wandlung ein besseres Verständnis für das Wesen und die Stellungnahme des aus der Heimat verbannten Dichters begünstigt, so werden doch die Urteile über Heine, den Menschen und sein Werk, weiterhin nuseinanderstreben, sofern man, wie üblich, ihn nach einzelnen Taten oder Dichtungen und — wozu Heine den Durchschnittskritiker und gar den einseitigen Parteimenschen herausfordert — nach sestgelegten Wertmaßstäben zensiert. Den so entstandenen unfruchtbaren Auseinandersetzungen über Heine will Kurt Sternb e r g durch sein soeben erschienenes Buch „H e i n r i ch H e i n e s geistige Gestalt und W e l t"J den Boden entziehen, indem er ihn als eine geistige Ganzheit saßt und sein Gesamtwert als das Ringen geistiger" Mächte deutet, für welche die Leiden und die Freuden, das Dulden und Handeln, das Denken und Fühlen des Menschen Heine und alles, was aus ihn aus seiner Zeit einwirkt, gewissermaßen nur den zu gestaltenden Stoff bilden, aus dessen bunter Fülle Heine, der Dichter und Denker, im Dienste jener Mächte seine geistige Welt erbaut. Damit wird eine einheitliche Betrachtung aller Aeußerungen des Heineschen Genies und Talentes erzielt, die auf alle seine Schöpfungen, von den ersten poetischen Regungen bis zu seinen letzten Werken, angewendet werden kann. Eine Einheit aber, durch die man Heines zwiespältigem Wesen allein gerecht zu werden vermag, ist die dialektische Einheit von Gegensätzen; sie ist der Leitfaden, vermittels dessen Verfasser die gesamte Entwicklung Heines verfolgt. In diesem Sinne zeigt Sternberg, wie zwei entgegengesetzte Geisteshaltungen in Heines Werk, aufs mannigfaltigste abgewandelt, nebeneinander wirken, sich kreuzen, vermischen, durchdringen und verwickeln: die des Aufkläruugsrationalismus und der Romantik; sie sind es, deren Kampf in Heines Brust nie endgültig entschieden wird, und die in wechselndem Vordringen und Zurückweichen des einen oder anderen, in allen erdenklichen Kombinationen ihrer verschiedenen Gestaltungen, Heines vielseitiger Begabung Gelegenheit geben, ihre reizvolle Eigenart zu entfalten. Heines geistige Welt — die, in der er lebt und die er selbst schasst — kann hierbei jedoch nicht nach den Gegensätzen: Ausklärungsrationalismus und Romantik einfach aufgeteilt werden, so, daß etwa Heine in der Dichtung Romantiker, in der Politik Nationalist wäre. Vielmehr dringen diese Gegensätze in jedes Gebiet, in jeden Bezirk ein: romantische Sehnsucht und Innigkeit, gläubige Phantasie, romantisches Unendlichkeitsstreben finden sich überall mit nüchternem Realismus, skeptischer Kritik, Versinken in das Alltägliche, Endliche zusammen. Nicht nur die Lyrik, die subjektivste Dichtungsart, ist so bei Heine durch diese Vermählung der Gegensätze gekennzeichnet, sondern nicht minder Heines Erzählungskunst. So sind seine Reisebilder aus den verschiedenartigsten Ingredienzien seltsam und doch mit großer Kunst gemischt. Sie dienen ihm dazu, sich über ewige Probleme und aktuelle Fragen, über Gott und Welt, Religion und Politik, Kunst und Alltag auszusprechen. Wie Heine hier im Journalismus und Feuilletonismus — als einer ihrer ersten Vertreter — Romantik und Rationalismus vereinigt, wie sich i) Verlag Dr. Walther R o thschild, Berlin» Grunervald 1929. zum journalistischen oberflächlichen und aufklärerischen Berühren der Gegenstände wissen-? schastliches Eindringen, namentlich in geschicht- \ liche und gesellschaftliche Zusammenhänge, gesellt, S wie anderseits Journalismus und Künstlertum A sich hier entgegensetzen und verbinden, verfolgt ß der Verfasser aufs sorgfältigste. Es ist dies aber I nur ein Beispiel dafür, wie das Zusammen- 1 und Gegeneinanderwirken von Gegensätzen in ß Heines Werk sich verästelt. Aus dieser allentß halben eindringenden „Dialektik" erklären sich I dann auch die Urteile, die Heine über geschicht- | liche, politische, soziale, künstlerische, religiöse | Probleme wie auch über einzelne Persönlich- 1 fetten gefällt hat. Alle Ueberraschungen, die 1 man hier erlebt, alle Zwiespältigkeiten werden j sinnvoll, wenn man sie mit S t e r n b e r g als | Auswirkungen der „geistigen Gestatt" Heines f würdigt. I Es mögen hier nur in starker Vereinfachung und Auswahl Sternbergs Darlegungen über | Heines Stellung zu den wichtigsten p o l i t i - | scheu und religiösen Probte mein wiedergegeben werden. Diese Fragen sind ewig aktuell und ebenso die Geisteshaltungen, auf * Grund deren Heine sie beantwortet. Allerdings * muß die historische Situation, in der Heine? lebte, bei einer Anwendung seiner Antworten l auf die Gegenwart berücksichtigt werden. So [ gilt ihm, der in einem säst republiklosen jj Wesenserkenntnis Oes Wenlunis. j Unter dem Titel „Beiträge zur Wesenserkenntj nis des Judentums" läßt Vezirksrabbiner Dr. j Max Beermann (Heilbronn) eine Anzahl von Abhandlungen erscheinen^), die er in den „Abwehrblättern" des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus einzeln veröffentlicht hat. Der Zweck dieser Publikation ist ein apologetischer: die Vorwürfe, mit denen der Judenhaß die sittliche Minderwertigkeit des Judentums gegenüber anderen Religionen begründet, sollen widerlegt werden. Wir kennen diese Vorwürfe zur Genüge. Millionen von Flugblättern haben sie in den letzten Jahren ins deutsche Volk geworfen und zur Vergiftung der Atmosphäre Zwischen Juden und Nichtjuden reichlich beigetragen. Die Quellen dieser Lügen und Entstellungen finden sich in den Schriften der Rohling, Eisenmenger, Fritsch. „Der Gott der Juden ist ein nationaler Rachegott und nicht der des Neuen Testaments" — „Das Gut der Christen ist in den Augen der Juden herrenlos und der Aneignung unterworfen" — „Betrug und Meineid ist den Juden gegenüber den Christen gestattet" — „Die Schändung christlicher Frauen ist ein Gott wohlgefälliges Werk" — „Der Ritualmord ist ein talmudisches Gebot". Gegen derartige und viele andere Schlagwörter des Judenhasses, die mit gefälschten oder mißverstandenen Aussprüchen aus Talmud und Schulchan-Aruch belegt werden, zieht der Verfasser mit dem Arsenal eines Kenners der einschlägigen (jüdischen und christlichen) Literatur zu Felde. In volkstümlicher Darstellung erörtert er in zehn Kapiteln mit Ueberschrrften wie „Der Rache- und Nationalgott Israels" — „Die Doppelmoral j des Judentums" — „Die Stellung des Judentums J zur körperlichen Arbeit" — „Die kaufmännische Moral" — „Die Geschlechtsmoral des Judentums" 1 die feindlichen Unterstellungen und weist, soweit es möglich ist, auch die Zusammenhänge nach, l denen mancher Irrtum, manche Fälschung ihr \ Entstehen verdankt hat. I Das Büchlein erscheint zur rechten Zeit. Denn f in einem demnächst stattfindenden großen Talmud- I Prozeß vor dem Nürnberger Gericht werden gerade | die vorstehend erwähnten Angriffe gegen die jüdische Moral einer eingehenden Erörterung unterzogen werden. Die Schrift kann denen, die im Abwehrkampfe stehen, aber auch allen, die sich f über die Sittenlehre des Judentums selbst unterrichten wollen, aufs beste empfohlen werden. Rechtsanwalt k'oeräer (Breslau). *) Verlag „Abw ehrblätter", Berlin W 85, Flottrvellstraße 7.