Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- Seite 371 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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371 Europa lebte, die Monarchie gemäß der Ueber- Zahl seiner Äußerungen als die beste Regierungssorm und als die nicht nur Deutschland, sondern mich Frankreich angemessene. Diese Ansicht entspricht freilich auch dem romantischen Zuge seines Herzens; man denke nur an seine Verherrlichung Napoleons I.! Aber auch hier zeigt sich der Heinesche Zwiespalt, der doch wie fast immer, einen sachlichen Hintergrund hat: selbst an dem bewunderten Kaiser übt er später Kritik, hauptsächlich vom Pazifistischen Standpunkt aus; und verhängnisvoll sogar sür Heines Andenken wurden ja seine persönlich herabsetzenden, ätzenden Angriffe gegen deutsche Fürsten, namentlich gegen die reaktionäre Romantik Friedrich Wilhelms IV. Doch viel Paradoxer noch verhält sich zu Heines Monarchismus seine Revolutionsbegeisterung und sein Bekenntnis zu den Ideen der französischen Revolution von 1789. Aber diesem ausklärungsfreudigen Zuge wirkt nun von neuem ein romantischer entgegen: die Nivellierung der Persönlichkeit ist dem Künstler zuwider, daher auch die Demokratie, sofern sie die individuellen Unterschiede nicht respektiert; am heftigsten aber empört er sich gegen die äußerste Konsequenz der Lehre von der Gleichheit der Menschen, den Kommunismus. Aus der genauen Darlegung, die Sternberg gerade den Ausgestaltungen und Wandlungen der politischen Ansichten Heines widmet, sei nur hervorgehoben, daß er Heines so oft verdächtigte Vaterlandsliebe aufs entschiedenste verteidigt: Heines Angriffe gegen deutsche Zustände stehen nicht im Widerspruch zu seinem echten Patriotismus; — wer Heine vorurteilsloser betrachtet, kann ja daran nicht zweifeln. (Man denke etwa an den Zwiespalt in der Seele eines Russen von heute, der sich im Exil befindet!). Zugleich verbindet aber Heine mit der innigen Liebe zur Heimat kosmopolitische Gesinnung — eine Vereinigung von Rationalismus und Romantik, die auch heute von einsichtigen, idealen Persönlichkeiten angestrebt und bewährt wird. Mit wenigen Worten möge noch Heines Stellung zurReligion berührt werden. Auch wegen seines Verhältnisses zu ihr wurde Heine der Charakterlosigkeit bezichtigt. Sternbergs genaue Auseinandersetzung dieses komplizierten Verhältnisses ergibt auch hier ein anderes Urteil. Schon Heines politisches Fühlen und Denken hat weltanschauliche Hintergründe. So geht besonders der Sinn der Revolution für Heine weit über das Politische hinaus: sie soll den Menschen zur Sinnesfreude zurücksühren, den Blick von einem körperlosen Jenseits abwenden, eine freudige, diesseitige Welt schaffen. Dieses Motiv ist nun auch für Heines religiöse Haltung bedeutsam. In weitem Ausmaße gilt sein Kampf den weltflüchtigen Religionen. Ein Vorläufer Nietzsches, zu dessen Lieblingen er gehörte, stellt Heine den spiritualistischen Geisteshaltungen des Judentums und Christentums die kunstsinnige Lebensfreude griechischen. Wesens gegenüber. Doch nicht weniger „dialektisch" als sonst ist Heine auch hier; ja, aus dem vielfältigen Widerstreit der geistigen Mächte in ihm sind erst die Seltsamkeiten und die Unstimmigkeiten seiner Worte und Handlungen aus religiösem Gebiete objektiv zu würdigen. So ist fein Uebertritt zum Protestantischen Christentum nicht nur Nützlichkeitsmotiven Zuzuschreiben; vielmehr bedeutet sür Heine das Christentum eine Macht, die unsere ganze Kultur durchdringt, im Geiste des Protestantismus aber erkennt er das Prinzip der Freiheit, welches das Mittelalter überwunden, die neue Zeit heraufgeführt hat. Geistiges und Leibliches, entsprechend Heines Ideal, versöhnt. Dennoch lehnt der Künstler in Heine mit dem Christentum auch den Protestantismus Sanatorium Rebhaus Freiburg i. Br. iür Innere, Nenen- .. Pensionspreis einschliesslich laufender ärztlicher Behandlung ab JLÜ 14,—. 1929 vollständig renoviert. Leitender Arzt: Dr. L Mann. — Prospekte, Psalmen / Von Arthur Silber gleit Gottes Gedicht. Gott schrieb eines seiner fantasievollbunten Weltgeschichte mit farbigen Tinten auf die Flügel eines Schmetterlings und lieh dem beschrvingten Herolde seiner leisesten Seelenbot- Schaft die Anmut und Leichtigkeit eines seiner Luftgeister, der, gewiegt von den Blütenduftwellen, alle Knospen und Blätter umtanzt und umgaukelt. Es vermochte aber kein Irdischer, weder ein Sternenieser noch der Seelensucher Dichter, die geheimnisvolle Inschrift dieser Verse auszudeuten, und selbst Kinder und Liebende, ja betagte Weise, alle, die in tiefster Einfalt, höchstem Glücksrausch oder Traumversunkenheit den Ahnungen Gottes am nächsten sind, gönnen jene Gedankenzeichen nicht enträtseln. Weil so jene bunten Zeichen, in deren Farben sich Mondlicht, Schollenbräune und Meeresmuschelglanz zum Strahlenreigen fanden, unentziffert und unerkannt in den Lüften fächern und schaukeln, blieb’uns der Sinn Gottes vom Anbeginn bis zur Traumewigkeit verborgen. Wir suchen ihn vergebens, und wir gaukeln selbst gleich bunten Faltern bald über alle Wiesen unserer in tausend Vogelkehlen und Blütenkelchen aufgeschlossenen Seligkeit, bald zu den Gärten der Stille. Aber manchmal fängt ahnungslos ein Kind den bunten Sinn Gottes in seinem Schmetterlingsnetz ein, und wenn die farbigen Falterflügel gegen die leichten Wände des Gespinstes anzittern und taumeln, tanzt das Gedicht Gottes wie zwischen Kerkerwänden einer verschmälerten Welt in zuckenden Rhythmen und mystischem Auf und Nieder vor unseren Augen. Aber wir können es nicht entgeheimnissen, lösen und deuten, weil wir selbst in unserer Jugend nie hinreichend einfältig, in unserem Alter nie hinreichend weisheitsvoll sind. Zuweilen jedoch rauscht den vieldeutigen Sinn dieses Gedichtes ein Fluss mitten in der Stadt, ein verstohlener Brunnen oder der heldische und kühnste Wipfel eines Bergwaldes, der mit verschlungenen Spitzen, wie mit zum Gebet gefalteten Fingern, seinem höchsten Herrn, dem Vater aller Gipfel, Wolken und Sterne, entgegeneilt. Manchmal auch führt ihn eine grüngoldene Abendwolke über die ahnungslosen Länder der Welt, und es staunt der Städter und Bauer lange der Schönheit des Himmels nach.: Vergissmeinnicht. In unseren Zimmern stehen viele Vasen und Krüge, und alle erharren, o Herr, deine Lenz- und Sommerblüten in ihren WÖlbungen wie Schwestern oder Bräute zu umfangen.' Manche freilich bleiben immer leer und starren im Winter voll Neid auf die kristallenen Fensterblumen, mit denen du uns, schöner als deine Meister in ihren regenbogenbunten Tempel fenstern, deine Träume malst. Wie oft vergebens, Allvater, mühte ich mich, zu erlauschen, was deine Lenz- und Sommerblüten dir entgegenhauchen; endlich fand ich am Saume eines Baches in dem Namen einer schlichten, blauen Blume auch mein Sehnsuchstgebet: „Vergiss mein nicht!“ zugunsten einer pantheistischen Religion ab; hier eben tut sich ihm der Gegenisatz zwischen dem jüdisch^christuchen Nazarenertum und griechischer, freudiger Lebensbejahung auf. Besonders der Katholizismus wird hier getroffen, dessen romantischer Glanz dann doch wieder fein Gefühl bezaubert. Noch verwickelter als das Verhältnis zum Christentum ist das Heines zur angestammten jüdischen Religion und zum Judentum überhaupt. Sternberg hebt hervor, daß trotz seiner kritischen und romantischen Oppositionsstellung zum Judentum sich Heines Anhänglichkeit, sein tiefes Mitgefühl für die Leidensgeschichte der Juden und ein sympathisches Verständnis für ihr Wesen zu allen Zeiten kundgibt, nur verschieden in Form, Ausdehnung und Stärke. Der „Rabbi von Bacherach" und später die „Hebräischen Melodien" sind Beispiele für die Tiefe und Innigkeit, mit der Heine das Schicksal des Juden, .seine Erniedrigungen und Erhebungen, zu erleben und darum ergreifend zu gestalten vermag. In der letzten Periode seines Lebens, in der „Matratzengruft", geht ihm dann der Sinn der spiritualistischen Religionen auf; aus seinem hilfsbedürftigen Herzen ringt sich der Glaube an einen persönlichen Gott entschiedener empor. Dadurch aber gelangt er zur höchsten Reise: zur Vereinigung der Gegensätze von Griechentum und jüdisch-christlichem Spiritualismus in einer höheren Einheit. Wie ihm nun früher Shakespeare und Goethe, auch Napoleon I., als Ueöerwinder der in ihm selbst waltenden Gegensätze galten, so jetzt Moses: als gewaltiger Erbauer von „Menschenpyramiden", d, h. als der große sittliche Gesetzgeber, dessen ethische Kraft Heine als eine künstlerische schöpferische deutet und nun höher stellt als das griechische Künstlertum. Zugleich nimmt Heine eine ältere Idee wieder auf — die übrigens, wie man Nachweisen könnte, mehr ist als ein barocker Einfall — von der Geistesverwandtschaft der „beiden Völker der Sittlichkeit", der Germanen bzw. Deutschen und der Juden. Für die genauere Untersuchung Heines zum Judentum muß auf Stermbergs Werk selbst verwiesen werden. Die Orientierung darüber wird durch ein sorgfältiges, ausführliches Sachregister erleichtert, das samt dem Verzeichnis erwähnter Persönlichkeiten zu allen interessierenden Gegenständen den Weg weist. An solchen Gegenständen ist das Buch reich, denn es ist ausdrücklich und konsequent auf die Probleme des Geistes oder der Kultur gerichtet, wie sie in der beweglichen, zwiespältigen, „dialektischen" Persönlichkeit Heines zur Entfaltung gelangen. Heine aber erneut und in dieser Form darzustellen, fühlte sich Verfasser gedrängt, weil er in seinem Ringen mehr als ein interessantes Schauspiel sieht, vielmehr einen Kampf, der für die Geisteslage unserer Zeit typisch und über diese. Bedeutung hinaus allem Kulturleben eigentümlich ist. Vermöge solcher Auffassung erhält Sternbergs Heine-Buch ein kulturphilosophisches Gepräge; es vereinigt die Heine- Charakteristik mit der Behandlung einer Fülle von aktuellen, zugleich aber über die Zeit erhabenen Kulturfragen. Möge das Werk, das gerecht abwägend, klar und fesselnd, dabei durchaus allgemeinverständlich seine Aufgabe löst, vielen reiche Anregung und Belehrung gewähren! 2^7729523051