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Central-Verein-Zeitung · 1929-07-12 · 28 (12.7.1929) · p. Seite 369

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
28 (12.7.1929)
Date
1929-07-12
Page
Seite 369 (sequence 5)
Language
German
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Die Juden von Sitolia. j Sonder bericht für | Bitolia (Mazedonien), Juli 1929. Z Als die Juden, unter dem Druck der Inquisition, 1^ Spanien verlassen mußten, siedelten sie sich teilweise in den Ländern des damaligen vttvmanischen Reiches, besonders auf dem Balkan, an. In allen Städten der Balkanhalbinsel von Saloniki bis Belgrad und von S k u t a r i bis Kon - stantinopel entstanden starke Judenkolonien. Sie konnten sich frei und unbehindert entwickeln. ^Die Balkanvölker nannten sie die „Spaniolen", I weil sie untereinander einen spanischen Dialekt ^sprechen. Sie selbst nennen sich „Sephardim". I Bis gegen Ende des 19. Jahrhunderts haben |bie Sepharden in allen Balkanländern ihre Eigenj art bewahrt. Sie unterschieden sich durch Bekleidung und Lebensgewvhnheiten von der übrigen z Bevölkerung und wohnten auch in besonderen Z Stadtteilen. Sie hatten ihre eigenen Eemeinde- Verwaltungen und Behörden, die sie gegenüber den I Staatsbehörden vertraten. Die staatlichen Umwälzungen auf dem Balkan im Laufe des 19. Jahrhunderts und die Europäisierrlng der Balkanstädte haben auch im Leben der Sephardim Veränderungen hervorgerufen, so daß heute in den meisten Städten ihre Eigenart gänzlich verlorengegangen ist. Nur in zwei Städten Jugoslawiens haben sie etwas von ihrer früheren Eigenart bewahrt: in Sarajewo in Bosnien und in Bitolia, im | südlichen Mazedonien. I Bitolia, auch ^llonastir genannt, war einmal jj die bedeutendste Dtadt Mazedoniens. Sie ist das f Spiegelbild der Volks- und Religionsverhüllnisse I in Mazedonien. Früher zählte sie über 100 000 I Einwohner, setzt ist ihre Zahl auf 50 000 herabf gesunken. Darunter gibt es mazedonische Slawen, | Griechen, Aromänen, Türken, Albaner, Sephardim { und Zigeuner. Nach Religion sind sie Christen, f Mohammedaner und Juden. Die meisten dieser § Völkerschaften bewohnen gesonderte Stadtteile. So I auch die Sephardim. Die „jevrejska mahala", die Judenstadt von Bitolia, liegt im Zen-; trum der Stadt, angrenzend an das Türkenviertel. : Die Juden von Bitolia sind größtenteils arme i Leute. So sieht auch das Judenviertel von Bitolia ) ärmlich aus. Ein paar enge, unregelmäßige 2 Straßen mit kleinen baufälligen Häusern. § Straßenpflaster gibt es nicht, nur hier und dort einige katzenkopsartige Steine, auf denen man l herumspringen mutz, um nicht in Zahlreiche ) Pfützen und Straßenkot zu versinken. Kein Sonnenstrahl dringt in diese Straßen herein, in denen es nach Moder und ungebranntem Fett ß riecht. Die Häuser, aus Holzgeflecht und Lehm S zusammengeklebt, wackeln in allen Fugen, wenn | ein Wagen sich durch die Straßen hindurchzwüngt. | Kleine Fenster sind in den Mauern angebracht, und j auch die bleiben immer verschlossen. Frische Luft j dringt in diese Häuser nie herein, in denen oft j Zeichen edler Gesinnung. Ein Mitglied unserer Ortsgruppe München sendet uns nachstehende Zeilen eines jungen in Chikago * lebenden ventsck-en Ingenieurs: s . . Und nun komme ich noch zu dem, was ich eingangs dieses Briefes schon andeutete > — und das mir schon sehr, sehr lange das Get wissen belastete. . . Es handelt sich um eine frühere Verbindung 1 mit einer gewissen politischen Richtung und da- * mit um einen Vorfall aus dem Jahre 1924, dessen Sie sich wohl noch erinnern werden. i Ich begegnete Ihnen damals — zusammen f mit meinem Vater, der allerdings der Sache fernstand — in der Barerstraße in München, und zwar trug ich das Abzeichen jener Partei. Im Augenblick jener Begegnung wurde mir I damals schon die verallgemeinernde Gedankenlosigkeit — um nicht zu sagen „Dummheit" meiner ganzen Einstellung bewußt —, wenn auch später noch alles beim alten blieb. Heute bin ich aber ferner der Ansicht, daß jener Vorfall und damit die ganze Sache meinerseits noch lveit mehr war — nämlich eine Beleidigung I für Sie (und nicht nur für Sie allein), die ich V schon längst sehr bedaure und für die ich mich g bei Ihnen in aller Form zu entschuldigen habe. d i e „C. V.- Zei tun g". eine Zwanzigköpfige Familie zusammengepfercht lebt. Jedes Haus hat der Straße zu einen offenen Raum, einer Art Holzbude, die als Verkaufsraum benutzt wird. Armselige Waren, alte Kleider und Schuhe, Leder, Eßwaren, alles liegt da Zusammengewürfelt durcheinander. Man wundert sich nur, wer in diesen Ländern etwas kauft, wenn alle Leute Verkäufer sind und dieselben Waren anbieten. Hier und da sieht man eine offene Garküche, aus der ein mörderischer Geruch dringt. Männer in langen gelben, schwarzen, grauen Kaftanen mit Prophetenbärten tummeln sich in diesen Straßen herum. Sie tragen als Kopfbedeckung größtenteils einen Fez oder Turban, die Kopfbedeckung der Türken. Die Frauen gehen nicht verschleiert, tragen eine ovale Kopfbedeckung, halb Schachtel, halb Rohr, die an der oberen Seite offen ist. Auch die Frauen haben türkische Kleidung angenommen. Sie tragen keine Röcke, sondern phjamaähnliche Hosen, die an den Knöcheln Zusammengeschnürt sind. Arme, ausgehungerte Leute sind es, denen das Elend aus den Augen herausleuchtet. Dazwischen kugelt eine llnrnenge halbnackter, schmutziger Kinder, die vor dem Fremden wie eine Schar aufgescheuchter Vögel auseinanderfliegen. Man betrachtet' den Fremden wie ein Wunder, denn selten finden sie den Weg in dieses Stadtviertel. Die Händler in ihren Holzbuden bieten Waren an, doch niemand reicht die Hand zum Betteln hin, wie dies auf Schritt und Tritt in dem Zigeunerviertel von Bitolia der Fall ist. Nicht immer war die Judenstadt von Bitolia so ein Elendsviertel. Einmal wohnten hier reiche und gelehrte jüdische Kaufleute, die mit dem ganzen Orient Geschäftsverbindungen hatten. Sie wohnten in großen Zweistöckigen Häusern, wie die „Begs", die türkischen Aristokraten, hatten schöne Synagogen, in denen sie gelehrte Dispute abhielten. Denn in der Nähe von Bitolia, in der Stadt O h r i d, am wunderschönen See von Ohrid, gab es damals eins' berühmte Talmudschule, und die Gelehrten und Lehrer kamen von dort nach Bitolia, um mit den Glaubensgenossen Religionssragen zu besprechen. Auch aus Saloniki, Konstantin o p e l und Belgrad kamen Gelehrte und Geschäftsfreunde, und die Judenstadt von V i t o - l i a war berühmt auf dem ganzen Balkan und Orient. Int Weltkrieg tobte zwei Jahre lang ein erbitterter Kampf um Bitolia. Von beiden Seiten wurde die Stadt mit Kanonen beschossen und nur ein Trümmerhaufen blieb von ihr übrig. Zwischen diesen Trümmern lebten nur noch die Armen, denn sie wußten nicht, wohin sie flüchten sollten. Sie bauten ihr Viertel wieder aus Armut und Elend auf. Armut und Elend, das ist heute die Judenstadt von Bitolia. Maksim Mrzljak-Dvorski. Zu meinen Gunsten- (und vieler, die gleich mir dachten) kann ich vielleicht nur anführen, daß ich in meinem Kummer um die Not unseres Vaterlandes aus mangelnder Urteilskraft und Gedankenlosigkeit durch Propaganda auf falsche Bahnen gelenkt wurde. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß zahllose gute Deutsche, die zufällig nicht „der allein guten Rasse" angehörten, deren Herz aber nicht minder warm für ihr Vaterland schlug, durch eine von einzelnen schlechten Beispielen — die aber auch wo anders nicht allzu schwierig zu finden gewesen wären — herstammende Verallgemeinerung zu Feinden und ungeeigneten Volksgenossen gestempelt wurden. Es war insbesondere eine ungeheure Beleidigung für die jüdischen Frontkämpfer, die in Ost und West ihre Pflicht taten und von denen viele ihre Leben gaben, datz Deutschland bestehe. Gerade darum, sehr geehrter Herr Doktor, möchte ich mich bei Ihnen wegen meiner damaligen Haltung entschuldigen — und ich habe auch nichts dagegen einzuwenden, wenn Sie obige Erklärung gegebenenfalls an geeigneter Stelle bekanntzumachen wünschen — zum Wohle der Verständigung aller deutschen Volksgenossen. 36* .Sonnenbichr CJolf- Hotel pp« I Garmisch ■ Haus I. Ranges, direkt am Wald und See. ■ Pension JUl 11,-- bis 18,—. Nachmittags und ■ abends Konzerte. / Tennisplatz / Garage / ÄBoxen / Waschräume / Garagenmeister. Golfplatz-Eröffnung August. Achtet auf die Schulbücher. Von Stndienrat Dr. Schwarz (Hannover). Unsere Ortsgruppen und Landesverbände dürfen nicht darauf verzichten, den Schulbüchern an unseren Volksschulen und höheren Lehranstalten ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Anscheinend im Ton ruhiger Sachlichkeit und in Form wissenschaftlich gesicherter Erlebnisse werden darin persönliche Meinungen der jeweiligen Verfasser ausgesprochen, die bei der Empfänglichkeit der Jugend für das gedruckte Wort geeignet sind, bei Schülern und Schülerinnen Mißtrauen gegen ihre jüdischen Volksgenossen zu wecken. Und wie häufig wird das gesprochene Wort des Lehrers die Wirkung des Lehrbuches noch verstärken! Tie ausgestreute Saat fängt noch in der Schulzeit an zu keimen und erweckt den Glauben, daß es sittlich gerechtfertigt sei, sich von jüdischen Klassengenossen und überhaupt vom Umgang mit Juden sernzuhalten. Nach und nach schießt die Saat so ins Korn, daß kein Wort und keine Tat es mehr ausrotten können. Auch die unsinnigsten Behauptungen über Juden und Judentum finden dann Glauben. Diese Gedankengänge werden durch die Lektüre des weitverbreiteten „Lehrbuchs für evangelischen Religionsunterricht an höheren Schulen", herausgegeben von Dr. Schuster und Dr. Franke*), nahegelegt. In dem Oberstusenband dieses Werkes „Glaube und Leben" findet sich folgende Stelle, die hier wegen ihrer Bedeutsamkeit in ihrem genauen Wortlaut wiedergegeben werden soll. Sie knüpft an die Darstellung der bekannten Fehde zwischen Reuchlin und dem getauften Inden Pfefferkorn an, der die Vernichtung der rabbinischen Literatur von Kaiser Maximilian gefordert hatte. Reuchlin, zu einem Gutachten anfgefordert, hatte sich für die Erhaltung dieses Schrifttums ausgesprochen. Nun heißt es in dem Lesebuch nach der Schilderung dieser Vorgänge folgendermaßen: a) Reuchlin gilt jetzt noch in extrem antisemitischen Kreisen als „bestochener Beschirmer der Juden"'). d) Der Antisemitismus beruhte in früheren Zeiten und beruht größtenteils noch jetzt aus Nassen- und Neligionshaß. Beides ist unchristlich. Daß von jeher aus dem Judentum heraus Hatz gegen Christus und die Christen laut geworden ist (wie z. B. in den Schmähschriften, die auch Reuchlin vernichtet haben wollte), ist unleugbar, aber die Christen haben das wettgemacht durch die grausamen Judenverfolgungen im Mittelalter und die Pöbelexzesse in neuerer Zeit. Mehrere angeblich im jüdischen Volkscharakter wurzelnde häßliche Eigenschaften erklären sich aus der Rolle, die den Juden durch ihre Geschichte aufgenötigt worden ist: „Unterwürfigkeit im Dienen, Härte im Herrschen, Rachsucht liegen einem oft verfolgten, Jahrhunderte lang vielfach außerhalb der bürgerlichen Rechtssicherheit gestellten Volk sehr nahe, wie Gewinnsucht und Geldgier einem Volke, das durch Jahrhunderte hindurch ein Volk von Händlern gewesen ist, die den vermehrten Besitz doch nicht in politische Macht oder in freien, reichen Kulturgenuß mnsetzen konnten." *) Verlag Diesterweg, Frankfurt a. M. . 2) Divier unter b in Anführungsstrichen wieder« gegebenen Stellen sind so aus dem Lehrbuch über» nommen worden. Woher die Verfasser diese Zitate haben, sagen sie nicht.

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