Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- Seite 368 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277861--05363-2286096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Politiker oder Trommler? / vo« vr. ya»s «erchma»«. In Berlin heilt der frühere Heilgehilfe Weißenberg viele von der Ueberzeugung, daß die. Zeit der Flagellanten und Veitstänzer vorüber ist. Er sammelt Taufende, die ihn als Propheten verehren, um sich und ihre Beitragsgelder in seiner Tasche. Wenn er im eleganten Automobil vorfährt, England untergehen und nach Bedarf wieder auserstehen läßt, wenn er hysterische Menschen in Trancezustand versetzt und als Bismarcks Geist zu ihnen spricht, jagt man ihn nicht etwa aus dem Tempel, sondern inan heißt ihn „göttlicher Meister". Vielleicht zieht er, wie früher sein Kollege Häußer, mit seiner Sekte in den nächsten Wahlkampf. Wir haben schon manche Partei erleben müssen, deren Wahlfeldzug mehr einer Maskerade als einem politischen Unternehmen glich. Warum nicht auch: „Wühlt Weißenberg!" Wenn die nationalsozialistischen Führer im Automobil in die Versammlung eilen, die Köpfe ihrer Anhänger erhitzen und ihnen versprechen, „Judas Untergang löse alle politischen Fragen", .dann ist man geneigt, die massenpsychologischen Wurzeln der Weißenberg- und der Hitlerbewegung in den gleichen Ursachen zu suchen: der faszinierenden Kraft eines Redners, der Wirkung von Musik und Uniform — auch die Weißenberg-Anhänger tragen schwarzweißrote Abzeichen — und dem dunklen Erlösungsstreben, hieraus der Angst vor dem Tode, dort aus wirtschaftlicher Not. Und doch tut man den Nationalsozialisten Unrecht, wenn inan sie, wie es bisweilen geschieht, so unernst nimmt wie Sekten vom Schlage der Weißenberger. Man erweist ihnen aber auch zu viel Ehre, wenn man ihre Bewegung als soziologisch notwendig anerkennt und ihnen eine geschichtliche Aufgabe beimißt. Die innere Berechtigung einer politischen Strömung folgt noch nicht aus den zahlreichen Anhängern. Die nationalsozialistische Partei kann 809 060 Wähler answeisen und hat im letzten Jahre fast überall in Deutschland an Zulauf gewonnen. Waren es ursprünglich verbohrte Antisemiten, die die Partei gründeten, so find heute viele Tausende junger Lerite, denen eine Fahne wichtiger ist als ein Parteiprogramm, den Fansarenrusen Hitlers gefolgt. Wie in Amerika der Kn Klux Klan sich teilweise aus demobilisierten, abenteuerlustigen Soldaten rekrutiert, so spielen in der Hitler-Partei ehemalige Freischärler lind gewohnheitsmäßige Putschisten eine erhebliche Rolle. Immerhin aber hat sie einen kräftigen Zuzug auch aus den Kreisen des Mittelstandes und des Kleinbürgertums gerade in den letzten Monaten erhalten. Und es ist nicht zu leugnen, daß auch mancher Beamte und mancher idealistische Student unter dem Eindruck einer Hitler-Rede, umrahmt von Musik und Fahncnschwenken, aus ehrlicher Ueberzeugung sich zu dem nationalen und sozialen „dritten Reich" bekennt. Möglich, daß der nationalsozialistische Vormarsch sortschreitet und die fleißige Wühlarbeit der Agitatoren auch in Zukunft noch Volksgenossen blenden wird. Es wird aber den Nationalsozialisten nicht gelingen, ihre Anhänger für die Dauer zu halten. Denn entscheidend für die Lebenskraft einer politischen Bewegung ist ihr Programm, das Vorhandensein eines festen soziologischen Kerns und die praktische Wirksamkeit ihrer Führer. Was biekel uns das mlioualsozialisiische Vrogranrm. Es enthält Proklamationen, die jeder Deutsche als selbstverständlich unterschreiben wird: „Wir fordern den Zusammenschluß aller Deutschen auf Grund des Selbstbestimmungsrechts der Völker 31t einem Erotz-Deutschland." Welche Partei bekennt sich nicht 3U dieser nationalen Forderung! Aber der O ' .rreichisch-Deutsche Volksbund hat mehr für die Verwirklichung dieses Z.,..s getan als all die Schreier, die so bewegt von der nationalen Zersetzung Deutschlands durch die Juden Zu klagen wissen. „Wir fordern die Gleichberechtigung des deutschen Volkes gegenüber den anderen Nationen, Aushebung der Friedensverträge von Versailles und St. Germain." Welcher Deutsche forderte das nichl! Rathenau hat sich praktisch um die Revision des Friedensvertrages bemüht; dafür wird selbst heute noch sein Andenken begeifert. Und während die deutschen Sachverständigen in Paris die wirtschaftlichen Lasten Zu mindern suchen, halten die Nationalsozialisten es für national, in der Volksversammlung diese Männer, die sich doch nur die nationalsozialistische Programmforderung Nummer zwei zu erfüllen bemühen, zu schmähen. Und dann wieder liest man im Programm der Hitler-Partei Sätze, die man nach Inhalt und Form schon anderswo gesunden hat. „Alle Staatsbürger müssen gleiche Rechte und Pflichten besitzen." (Punkt 9 des Programms.) Erfte^ Pflicht jedes Staatsbürgers muß sein, -geistig oder körperlich zu schaffen. Die Tätigkeit des einzelnen darf nicht gegen Öle Interessen der Allgemeinheit verstoßen, sondern muß im Rahmen des Gesamten und zum Nutzen aller erfolgen. (Punkt 10 des Programms.) Wir schlagen die deutsche Reichsverfassung aus und finden im Artikel 109 die Sätze: „Alle Deutschen sind vor dem Gesetz gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich die gleichen staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten." Und im Artikel 163: „Jeder Deutsche hat unbeschadet seiner persönlichen Freiheit die sittliche Pflicht, seine geistigen und körperlichen Kräfte so zu betätigen, wie cs das Wohl der Gesamtheit erfordert." Wie heißt es doch im nationalsozialistischen Jargon? „Tie Versasinng des Juden Preuß." Wir sind gern bereit, den Nachweis fortzusetzen, daß das nationalsozialistische Programm sich in zahlreichen Punkten in merkwürdiger llcbereinstimmnng mit der so viel gelästerten deutschen Neichsversassung befindet; also längst in der von ihnen bekämpften „Judenrepublik" Staatsgrundgesetz ist. lieber den wirtschaftlichen Teil des nationalsozialistischen Programms werden wir in einem besonderen Aufsatz eingehend zu sprechen haben. Heute nur so viel: Man braucht den Arbeiter, und man braucht den Kleinbürger, man wirbt um den Bauern, und man lockt den Beamten. Dem Bauern verspricht der Nationalsozialismus ein Agrarprogramm; aber er ist gleichzeitig töricht genug, sich für eine kommunistisch wirrende „unentgeltliche Enteignung von Boden für gemeinnützige Zwecke" einzusetzen. Dem Mittelständler verheißt er den Kampf gegen das Warenhaus und die Konsumgenossenschaft; aber er übersieht dabei, daß dieser Kampf den Arbeiter abschrecken muß, der in der Konsumgenossenschaft die Möglichkeit verbilligten Wareneinkaufes findet. Den Arbeiter wiederum umwirbt er mit Scheinsozialismus; aber er bekämpft Marx! Und er glaubt, pseudosozialistische Forderungen auch gegenüber jenen Mittelftändlern und Gewerbetreibenden vertreten zu dürfen, deren Interessen angeblich durch sozialistische Politik so schwer geschädigt werden. So ist das nationalsozialistische Programm eine schillernde Auslage, und der nationalsozialistische Agitator gleicht jenem Schieber, der mit allem handelt, was gerade absatzfähig ist. And warum findet eine solche Varkei iwch noch Anhänger? Das einzig Originelle an dieser Partei ist ihre grundsätzliche negative Kritik; nichts besteht vor ihren Augen, Opposition um jeden Preis ist die Parole! Aus dieser Taktik ist auch der agitatorische Erfolg zu erklären. Tie wirtschaftliche Not ist groß, und die Zahl der unkritischen Menschen, die nur irgendeinen Weg aus ihrer Not suchen, ist noch größer. Aber alles laute Schreien und die augenblicklichen Erfolge können nicht darüber hinwegtäuschen, daß die Partei keine Idee, keine ernsten Führer und keinen soziologisch notwendigen Kern hat, die ihr eine dauernde Lebensberechtigung gäben. Als ernst ist weder Hitler anzusehcn, der nicht, wie der alte Bebe! es im Reichstag tat, sich zu stellen und sein Programm zu verteidigen wagt, sondern der uns, die wir ihn immer wieder um eine geistige Auseinandersetzung ersucht haben, ignoriert, lind auch seine große Rednergabe wird für die Dauer über den Mangel an Ideen nicht hrnwegtäuschen können. Was sonst noch an aus der Bahn geworfenen Elementen, ja an kriminellen oder pathologischen Naturen sich als Führer in der Partei aufspielt, hat seine Bedeutungslosigkeit bereits in der Praxis der Parlamente erwiesen, wo sie noch nicht einen originellen Antrag eingebracht haben, sondern sich nur im Schimpfen erschöpften. Wie sehr die Partei Führer mit einer gewissen persönlichen Note mißachtet und sie der im Augenblick gebotenen opportunistischen Taktik opfert, das lehrt das Schicksal Tinters; sein „GeistchristeMum" und seine Ablehnung der Kirche lagen zweifellos in der Linie, die die Teutschtümelei des ursprünglichen Nationalsozialismus aufwies. Gerade in diesen Tagen wirbt der „Hammer" für einen „^ormensieg-Jahrweiser 1930", „der das uns artfremde C h r i ft e n t u m a b l e h n t". Als sich aber bei dem Bemühen, den Kreis der Parteianhanger so groß wie möglich zu ziehen, der einigermaßen originelle Grundsatz der Kirchenseindlichkeit für das Anwachsen der Partei hinderlich zeigte, wies man Herrn Dinter die Tür und erinnerte sich höchst undankbar nicht mehr, daß gerade er mit seinen „Sünden"-Romanen Zehntausende von Deutschen für völkische Lehren empfänglich gemacht hatte. Dieses Fehlen einer Idee, diese opportunistische Einstellung aus den Stimmenfang, diese wirre, undurchdachte Sammlung von ködernden Programmpunkten, der Mangel an Theoretikern und ernsten Führern, und nicht Zuletzt das politische Rowdytum — wer sich nicht im Straßenkamps bewährt, gilt in den S. A.-Trupps nicht als ganzer Kerl — nehmen dem Nationalsozialismus das Recht, sich als Partei Zu bezeichnen. Solclze Bewegungen gab es schon immer. In der Geschichte der deutschen Antisemitenparteien finden sich zahlreiche Gruppen und Grüppchen, die in lauter Demagogie einmal den Anspruch, genau wie Hitler heute, daraus erhoben, d i e Partei der Zukunft zu sein. Sie sind alle zerrieben worden. Und so ist auch der Nationalsozialismus nicht eine Partei, sondern eine Sekte, die gehalten wird durch die Persönlichkeit des großen Vvlksredners Hitler, durch verantwortungslose Demagogie und durch die abstruse Forderung des Antisemitismus. Dem echten Nationalsozialisten kommen solche Bedenken nicht. Ob Partei oder Sekte, er fühlt sich als Teil einer Weltbewegung: des Faschismus. Aber ebensowenig wie vom Sozialismus, weiß er etwas vom organisatorischen und wirtschaftlichen Kern des Faschismus. In seiner Jdeenseindlichkeit setzt er die äußere Erscheinung seiner militärischen Anfzüge mit Faschismus gleich und glaubt, mit Soldatenspielerei dem italienischen Faschismus wesensnah zu kommen. Ein hervorragender. Vertreter des italienischen Faschismus, den wir wegen dieser Zusammenhänge befragten, hatte für sie nur ein Lächeln übrig. Die politischen Parteien haben den Nationalsozialismus bisher wenig ernst genommen. Sie werden aber gut daran tun, seine Agitation energischer zu beantworten, um der Gefahr vorzubeugen, daß die Wühlarbeit der N. S. D. A. P. einen, wenn auch nur vorübergehenden, unverdienten Erfolg hat. Wir aber müssen uns mit der Bewegung immer wieder auseinandersetzen; denn jede Woche nationalsozialistischer Agitation bedeutet einen Zuwachs von neuen Judenfeinden 1 Ter Nationalsozialismus ist der fruchtbarste Boden für die Keime des Judenhasses, und die aus ihnen erwachsenden Vorstellungen und Gedanken werden leider noch weiter treiben und blühen, wenn der Nanie der Partei längst der verdienten Vergessenheit anheimgefallen sein wird.