Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- Seite 366 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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366 ohne sich AU äußern. Wie mir genaue Kenner der Göttinger Studentenschaft mitteilten, sollen auch viele Verbindungsstudenten dagewesen sein, die sich aber ebenfalls neutral verhielten. Den zahlreichen Zuhörern, besonders den Mitgliedern der Gelehrten- und Professorenschaft, von denen gerade einige ältere Herren außerordentlich unter den Belästigungen und den Wirkungen des Tränengases litten, gebührt besonderer Dank, daß sie bis zum Ende der Versammlung ausharrten. Nachdem die Ruhestörer gemerkt hatten, daß sie nicht durchdrangen und daß ihnen auf die Finger gepaßt wurde, versuchten sie mit anderen Mitteln zu stören. Sie sangen plötzlich die Nationalhymne: „Deutschland, Deutschland über alles", ohne sich aber von den Plätzen zu erheben, was von dem Vorsitzenden ausdrücklich gerügt wurde. Besonders interessant war, daß keiner der zahlreich anwesenden Nationalsozialisten zur Aussprache das Wort erbat, fordern daß sie sich darauf beschränkten, Krach zu machen, sich aber der geistigen Auseinandersetzung entzogen. In einer Göttinger deutschnationalen Zeitung las ich nachträglich eine Mitteilung, es sei nicht wahr, daß die Nationalsozialisten sich nicht zum Wort gemeldet hätten. Es hätte sich wohl ein Diskussionsredner gemeldet, er sei aber von der Versammlung gewaltsinn am Reden verhindert worden. Tatsächlich hat der Vorsitzende nach Schluß meines Referates laut und vernehmlich erklärt, daß eine ausführliche freie Aussprache stattsinden solle, und daß er eine kleine Pause zur Einreichung von Wortmeldungen mache. Nach dieser Pause hatte sich nur ein einziger Redner gemeldet. Das hat der Vorsitzende mitgeteilt und ausdrücklich gefragt, ob niemand weiter das Wort wünsche. Nachdem keine Meldung mehr erfolgte, hat dieser erste und einzige Diskussionsredner das Wort erhalten. Als dann der Vorsitzende — ich glaube, es war nach meinem Schlußwort — darauf aufmerksam machte, wie bezeichnend das Schweigen der Nationalsozialisten sei, stellte sich in einer der vorderen Reihen ein Herr aus den Stuhl (mir wurde gesagt, es sei der Führer der nationalsozialistischen Studenten gewesen) und versuchte eine Ansprache zu halten, die mit den Worten begann: „Wir Nationalsozialisten verzichten . . Er wurde nach dieser kurzen Einleitung allerdings von Reichsbannerleuten vom Stuhl herabgeholt, weil es sich ja nicht um eine Diskussionsrede, sondern nur eine N u h estörung handelte. Im übrigen interessierte es niemandein zu wissen, woraus die Nationalsozialisten verzichten, während es sehr interessiert Hütte, zu erfahren, was die Nationalsozialisten zu meinem Vortrag zu sagen hätten. Der einzige Diskussionsredner war ein j früherer nationalsozialistischer Student, der i jetzt republikanisch gesinnt ist und der demoj kratischen Weltanschauung nühersteht. ohne jedoch einer Partei anzugehören. Er sprach! sehr eindrucksvoll für die Verständigungspolitik, die die Reichsregierung seit T h o i r y betrieben habe, polemisierte aber gegen gelotste! Stellungnahmen der demokratischen Presse,! insbesondere auch gegen meine Haltung in ein-; zelnen Fragen. Ich konnte mein Schlußwort f darauf beschränken, auf seine Ausführungen j sachlich zu erwidern. Die Versammlung j konnte also mit Diskussion und Schlußwort, 1 entgegen den Absichten derer, die sie hatten E frühzeitig stören wollen, zu Ende geführt j werden. Das ist neben dem musterhaften Verß halten der größeren Zahl der Versammlungs- I Le i ln eh m er besonders dem entschiedenen Auf- 1 treten des Reichsbanners und der wirklich vor- 1 bildlichen Haltung der Schuhmannschaft zu | verdanken. -j Daß hinterher noch draußen aus der s Straße eine Rotte nationalsozialistischer Z Rowdys einige friedfertige jüdisches Staatsbürger mißhandelten, ist z nun einmal ein Zeichen des traurigen j Mutes, den die Nationalsozialisten immer! und nur dann besitzen, wenn sie in der lieber- - macht sind." I Cöuarö Spranger über unsere jüdische fugend. Am 2. Juli veranstaltete die Deutschjüdische Arbeitsgemeinschaft Berlin einen Ausspracheabend über Kulturprobleme der deutschjüdischen Jugend. Besondere Bedeutung erlangte dieser Abend durch die Teilnahme des bekannten Berliner Pädagogen und Philosophen Professor Dr. Eduard Spranger und seine grundsätzlichen Ausführungen zu den behandelten Fragen. Das Hauptreferat hielt Dr. Ernst Heinrich S e L i g s o h n. Er führte aus: Aus der Stellung zur nichtjüdischen Umwelt, der Einstellung zu innerjüdischen Dingen und der Haltung des Deutschen zum Juden in Deutschland erwachsen die Probleme für die deutsch-jüdische Jugend der Gegenwart. Der Angleichungsprozetz, den die deutschen Juden seit 150 Jahren durchmachen, ist in der jetzigen Generation zu einem Abschluß gekommen. Sie ist mitten in der deutschen Volksgemeinschaft ausgewachsen. Diese ist ihr eine selbstverständliche Tatsache. Darum braucht die jüdische Jugend nicht erst besonders ihr Deutschtum zu betonen. Auch ludenseindliche Aeußerungen, die ihr das Deutschtum absprechen wollen, können sie im tiefsten Grunde nicht berühren. Sie wissen aber auch um die Distanz, die zwischen den nichtjüdischen und den jüdischen Deutschen besteht. So sicher die seelische Stellung des jungen Juden als Deutscher ist, so prekär ist sie als Jude. Liberalismus und Orthodoxie spielen heute für die meisten deutschen Inden keine entscheidende Rolle mehr. Der Zionismus suchte einen Ausweg, indem er die radikale Neusormung des ganzen Lebens in einem neu zu bauenden Palästina forderte. Er kann aber die Seele des jungen deutschen Juden damit nicht ausfüllen. Deshalb ringt die jüngere Generation um eine neue Stellung zum Judentum. Diese wird umfassender sein als die früher eingenommene, sie wird deÄ Wandel der Gesinnung in der Sozialarbeit, die Bemühungen um Berufs- Umschichtung, um ein vertiesteres Lernen einbeziehen. Schwierig, aber auch entscheidend, wird der Kamps um eine neue positive Stellung zur Religion sein, in dem erst die in uns verschütteten Seelenkräste wieder freigelegt werden müssen. Das Verständnis des Deutschen für die „Judenfrage" leidet unter der politischen Erregtheit unserer Zeit; die Gelegenheit zu einer Aussprache, in der jeder Teil weniger durch Argumente als durch den Einsatz seines ganzen Wesens wirkt, hat bisher nur selten bestanden. Die jüdische Jugend wird sie aber suchen. Irr der nun einsetzenden Lebhaften Aussprache nahm Profcsior Spranger zweimal das Wort. Er zeigte, wie die Jugend im 20. Jahrhundert begonnen habe, die geistige und seelische Vertiefung, die im 19. Jahrhundert verloren gegangen ist, wieder zu suchen. Man beginnt wieder das Metaphysische zu spüren. Jede Gruppe, die eine tiefere Weltanschauung entwickeln will, muß auf die Tradition zurückgehen. Wenn jeder in Wirklichkeit die Tradition, zu der er gehört, in ihren Tiefen auch ausschöpft, wird damit dem Frieden unter den verschiedenen weltanschaulichen Gruppen sehr gedient sein.JKamps und Gehässigkeit entstehen nur in der Sphäre, in der es um weniger geht als um Letztes. Sobald man spürt, daß der Mensch bis ins Echteste zurückreicht, empfindet man trotz aller Differenzen ein unlösliches Band. Für die jüdische Jugend besteht daher keine andere Aufgabe, als ihre Verwurzelung im Judentum so stark wie möglich zu machen. Das schließt die Teilnahme an der allgemeinen Entwicklung nicht aus. Im Gegenteil: nur wer etwas Eigenes zu geben hat, kann in der Welt wirken. Die Gestaltung des Verhältnisses zwischen jüdischen und nichtjüdischen Deutschen ist noch im Werden. Der Kampf, der sich auf dem Boden des Geschästslebens oder der Politik abspielt, ist nicht entscheidend. Entscheidend ist die Auseinandersetzung in der Geisteswelt. Hier läßt sich ein erfreuliches Verhältnis feststellen; denn gerade der gebildete Nichtjude empfindet für eine bestimmte Art jüdischen Wesens Sympathie, so daß er zu seinem Freundeskreis meist Juden zählt. Einer anderen Art von Juden bringt er Abneigung entgegen. Der Unterschied der Wirkung beruht -s auf dem Grade der Echtheit, die der einzelne * Jude besitzt. * Nicht eine selbstverständliche Naivität, vielz mehr eine gesunde Selbstsicherheit muß an die £ stelle von Kränkungsgesühlen oder gar Minf derwertigkeitsgefühlen treten. Um so starker I wird auch die Wirkung der jüdischen Eigenart 1 auf bte Umwelt sein. Man darf von außen diese Lelbstsicherheit nicht gefährden; aber man A muß diese selbst sicherst eit auch leben. Das § scheint der beste Weg zu einer gegenseitigen 8 Verständigung und Hochschätzung zu sein. j Um Süütirol. j Eine erfreuliche Erklärung des Andreasj Hofer-Bundes. | Der Andreas-Hofer-Bund für Tirol, der das J Deutschtum in Südtirol pflegen und eine Ver-; einigung Südtirols mit Deutsch-Oesterreich zu § erstreben sucht, hat au uns ein Schreiben gerichj tet, dem wir die folgenden Sätze entnehmen: Ter f Andreas-Hofer-Bund sieht sich veranlaßt, f „höslichst mitzuteilen, daß beim Andreas- § Hofer-Bund von einer politischen oder tonfessionellen Einstellung n i ch t die Rede ist. j Schon in Anbetracht der ungeheuren Not, die f in Südtirol herrscht und die uns veranlaßt, | derartige Gegensätze, welche in anderen Krei- 1 sen und Vereinen immerhin bestehen mögen, j vorbehaltlos zu überbrücken und | jeden ohne irgendeinen Unterj| schied herzlichst willkommen zu heißen, wenn er uns die helfende Hand reicht. —;] Wir müssen sogar gestehen, daß wir von An- | gehörigen jüdischen Glaubens schon des österen unterstützt worden sind und zumal der j Presse dieser Richtung allerhand zu danken pj haben ..." I Wir begrüßen die Erklärung des Andreas- 8 Hoser-Bundes, wenngleich wir bemerken möchj ten, daß es eine „Presto dieser Richtung" in I Deutschland nicht gibt, es sei denn, daß die g jüdisch-religiösen Zeitungen gemeint seien . . . 8