Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 28 (12.7.1929)
- Date
- 1929-07-12
- Page
- Seite 365 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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lenfrat Worein VMler fürüeutscktumW' unölrwentum öerlin, 12. Juli 1-2- VM. Fahrgang * Ar. 2S Cinzelnummer 20 Pfennig '0ryan des lLntnüVereias öentscker Stmttsvüryer iüöisrken AauvenSLv. Allgemeine Zeitung des Judentums Bierleljahrsabonnement 2,50 MM. (zuzügl. Bestellgeld). Verlag und Schriftleitung: Berlin SW 68, Lindenstr. 13. Amt Dönhoff 3594, 3595. Postscheckkonto: Berlin 304 72. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube 6, Berlin SW 68, Lindenstraße 7, und von Goldschmidt-Nothschild & Co., Berlin SW 8. Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expedition Rudolf Moste, Berlin SW 100, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 -A-K für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normatzeilenmeffer Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) fiir Mitglieder des Centralvereins 0,45 Ml, die 90 mm breite Reklamezeile 4,80 31JL. Tränengas und Stinkbomben, vornehme Waffen. Georg öernharö über die Göttinger Vorgänge. Als das Mitglied unseres Hauptvorstandes, Neichstagsabgeordneter Professor Georg Bernhard, am 4. Juli in einer stark überfüllten Versammlung demokratischer Studenten in Güttingen über das Reparationsproblem sprach, versuchten Nationalsozialisten mit Stinkbomben und Tränengas die Versammlung zu sprengen. Professor Georg Bernhard teilt uns zu diesen Vorgängen in einer uns gewährten Unterredung noch folgende Einzelheiten mit: Die Wahl öer Zron-e an öer berliner Universität. Obwohl die sogenannte „Allgemeine Studentenschaft" lediglich eine private Vereinigung ist, die jeder öffentlichen Anerkennung entbehrt, also auch nicht als Vertretung der gesamten Studentenschaft gewertet werden darf, beteiligten sich 65 v. H. der gesamten Berliner Studenten an den Wahlen, die in der vergangenen Woche veranstaltet wurden. Sie haben ein starkes Anwachsen der extremen Gruppen gebracht. Die fast durchweg judenseindlichen Couleurstudenten, die im „W affe n r i n g" zusammengeschlossen sind, haben statt 2275Stimmen im Vorjahr diesmal 2742 Stimmen erhalten. Die Nationals o z i a l i st e n , die im Jahre 1927 erst 118 Stimmen aufzuweisen hatten, 1928 aber bereits 749 Stimmen erreichten, konnten in diesem Jahre ihre Stimmenzahl fast verdoppeln. Sie erhielten 1377 Stimmen. Auch einzelne katholische Gruppen beteiligten sich an diesen Wahlen. Die republikanischen Studenten blieben ihnen selbstverständlich fern! * Dieses Wahlergebnis zeigt wieder einmal die großen Gefahren, die von jenen Lehrern drohen, die ihre Lehrfreiheit zu reaktionärer Hetze mißbrauchen. So lehrt heute noch an der Berliner Universität ein Professor für Staatsrecht, der die Weimarer Verfassung als „unverbindlichen Gesetzestert" bezeichnet. Wann wird die Studentenschaft sich endlich darauf besinnen, daß Jugend Fortschritt, nicht Rückschritt bedeutet? Nationalistische Stuöenten sprengen eine Versammlung. Wie wir in der ITA lesen, kam es in Frankfurt a. Main bei einer Versammlung des sozialistischen Studentenbundes unb des Klubs pazifistischer Studeuten hu „Volksbildungsheim" am 4. Juli zu judenfeindlichen Ausschreitungen. Die Versammlung war von etwa 200 Personen, vornehmlich nationalistischen Studenten, besucht. Diese beschimpften jüdische Studenten und Studentinnen bei ihrem Erscheinen lind unterbrachen den Vorsitzenden mit Pfeifen, als er die Versammlung eröffnete. Schließlich wurden sogar Stühle als Wurfgeschosse benutzt. Die Polizei säuberte den Saal. Vier Studenten wurden sestgenommen. „Der Vorfall hat wieder einmal gezeigt, mit welchen Mitteln die Nationalsozialisten und ähnlich gerichtete Elemente arbeiten. Die Ruhestörungen während der Versammlung waren sehr sorgfältig vorbereitet. Das war daran zu merken, daß sich in beinahe regelmäßigen Abständen von etwa je fünf Minuten immer an einer anderen Stelle des Saales ein oder zwei Reihen von Zuhörern mit Tränen in den Augen erheben nmßten. Die Ruhestörer ließen dort aus Flaschen Gas strömen, das bei den Herulnsitzenden Tränenausbrüche und Ilebelkeit auslöste. Daneben wurden auch richtige Stinkbomben geworfen. Als im Zusammenhang damit Tumulte ausbrachen, weil die große Mehrzahl der Zuhörer sich immer mehr entrüstete, wurden die Türen des Saales überwacht, um jeden, der den Saal verließ, zu untersuchen, ob er etwa Flaschen oder sonst verdächtiges Material bei sich führe. Es wurden auch einige sistiert. Nach der ersten halben Stunde meines 'i y Vortrages erlosch plötzlich das Licht. Eine Panik wurde nur dadurch verhindert, daß besonnene Leute: „Ruhe, sitzen bleiben!" riefen. Neichsbannerleute wurden an die Lichtschalter kommandiert. Bevor es aber noch gelang, das Licht wieder einzuschalten, flog eine Kugel auf die Rednertribüne. Sie ging dicht neben ulir nieder. Man sah eine Lunte glimmen. Die Spielleute des Reichsbanners, die auf der Rednertribüne ausgestellt waren, eilten hinzu, um die Lunte auszutreten; aber bevor das noch gelang, ertönte eine laute Explosion: der F e u e r w e r k s k ö r p e r , ein sogenannter Kanonenschlag, entlud sich mit einem großen Funkenregen. Die Sache war ja höchst ungefährlich, und da sofort das Licht anging, konnte sich auch das Publikum davoll überzeugen, daß nichts geschehen war, und daß der Redner am Pult stand. Aber immerhin hätte die Explosion bei längerer Dunkelheit großes Unglück anrichten können, da sich namentlich der zahlreich anwesenden Damen eine recht bange Stimmung bemächtigt hatte. Diese entlud sich nachher in starken Entrüstungsrufen. Es kam an einigen Stellen des Saales zu lebhaften Wortgefechtell, die sicherlich in Schlägereien ausgeartet wären, wenn nicht die Polizei in mustergültiger Weise ihres Amtes gewaltet hätte. Die Ruhestörer waren zweifellos Nationalsozialisten. Ein Teil voll ihnen ist inzwischen festgestellt worden. Es steht wohl leider auch außer Zweifel, daß ein Teil von ihnen der Göttinger Studentenschaft angehört. Demgegenüber sei aber betont, daß die Große Mehrzahl ailch der nichtdemokratischen und nicht unbedingt republikanischen Studenten, die anwesend waren, sich mustergültig verhielten. Sehr zahlreich vertreten war der Jungdo, dessen Mitglieder sehr interessiert zuhörten.