Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 27 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- Seite 358 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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:*35$ .Sanatorium Rebhaus Freiburg i. Br. riflr Innere, Nerven- und SioflwecbselMe. Pensionspreis einschliesslich laufender ärztlicher Behandlung ab JLM 14,—. 1929 vollständig renoviert. Leitender Arzt: Dr. L Mann. — Prospekte. hätten, und dieser zänkische, rechthaberische Geist der heimlichen Revolte gegen Herzt entsremdete mich sofort der Bewegung, der rch mich nur um Herzls willen neugierig genähert hatte. Als wir einmal über das Thema sprachen, gestand ich es ihm osten ein. Er lächelte etwas bitter und sagte: „Vergessen Sie nicht, wir sind seit Jahrhunderten an das Spielen mit Ideen, an den Streit mit Ideen gewöhnt. Wir Juden haben ja historisch gar keine Praxis seit zweitausend Jahren, etwas Reales in die Welt zu setzen. Die unbedingte Hingabe muß man erst lernen, und ich selbst habe sie bis heute noch nicht ganz gelernt; denn ich schreibe noch immer zwischendurch Feuilletons und bin noch immer Feuilletonredakteur der ,Neuen Freien Presst, während es meine Pflicht wäre, keinen Gedanken außer einem zu haben, keinen Strich für irgend etwas anderes auf ein Blatt Papier zu tun. Aber ich bin schon unterwegs, mich da zu verbessern; ich will es selbst lernen und vielleicht lernen da die andern mit." Ich weiß noch, daß diese Worte mir tiefen Eindruck machten; denn das hatte uns alle unbewußt irritiert, daß Herzl sich immer noch nicht entschließen konnte, seine Stellung bei der „Neuen Freien Presse" aufzugeben — wir meinten, um seiner Familie willen. Daß dem nicht so war und er sein eigenes Privatvermögen der Sache geopfert hatte, erfuhr die Welt erst viel später, und wie sehr er selbst unter diesem Zwiespalt gelitten hatte, haben nicht nur dieses Gespräch, sondern auch viele Aufzeichnungen in seinen Tagebüchern gezeigt. Ich begegnete ihm dann noch mehrmals, aber von allen Begegnungen ist mir nur noch eine als wichtige erinnerlich und unvergeßlich, vielleicht weil sie die letzte war. Ich war im Ausland, kaum anders als brieflich mit Wien in Verbindung gewesen; endlich traf ich ihn eines Tages im Stadtpark. Er kam offenbar aus der Redaktion, ging sehr langsam und ein wenig in sich gebeugt; es war nicht mehr der alte schwingende Schritt. Ich grüßte höflich und wollte vorüber, aber er kam rasch emporgestrafft auf mich zu, bot mir die Hand: „Warum verstecken Sie sich? Ich glaube eigentlich. Sie haben das gar nicht nötig." Daß ich so oft ins Ausland flüchtete, rechnete er mir hoch an. „Es ist unser einziger Weg", sagte er. „Alles, was ich weiß, habe ich im Ausland gelernt. Nur dort gewöhnt man sich, in Distanz zur Zeit zu denken. Ich Lin überzeugt, ich hätte nie in Wien den Mut zu jener ersten Konzeption gehabt; man hätte sie mir zerstört, solange sie noch im Keime und im Wachsen war. Aber Gott fei Dank, als ich sie herbrachte, war schon alles fertig und sie konnten nicht mehr Lun als das Bein aufheben." Er sprach dann sehr bitter über Wien: hier hätte er die stärksten Hemmungen gesunden, und kämen nicht von außen, von Osten besonders, und nun auch von Amerika neue Impulse, er wäre schon müde geworden. „Ueberhaupt," sagte er, „mein Fehler war, daß ich zu spät begonnen habe. Viktor Adler, der war mit dreißig Jahren Führer der Sozialdemokratie, in seinen besten, ureigentlichsten Kampfjahren, und von den Großen der Geschichte will ich gar nicht reden. Ich brauchte irgendeinen jungen Menschen, einen leidenschaftlichen und klugen, der mit mir denkt und aus mir herausdenkt. Ich habe zuerst aus F. gehofft, aber der ist zu weich, zu unpolitisch. Wenn Sie wüßten, wie ich leide im Gedanken an die verlorenen Jahre, und daß ich nicht früher an meine Aufgabe herangekommen bin. Wäre meine Gesundheit so gut wie mein Wille, dann stünde alles gut, aber Jahre kauft man nicht mehr zurück." Ich begleitete ihn noch lange des Weges und er sprach viel von den Schwierigkeiten, die man ihm entgegenstellte, nicht so sehr erbittert, sondern eher resigniert: er schien es schon gewohnt, immer wieder Widerstand zu finden gerade an der unerwartetsten Seite. Ich versuchte ihm irgend etwas Wohltuendes zu sagen und erzählte ihm von der Ausdehnung, die seine Idee im Ausland nehme, von der Anzahl Menschen, die nur den einen Wunsch hätte, ihm die Hand zu drücken, und wies ihn darauf hin, ob er nicht selber fühle, wie weit er über sich hinausgewachsen sei, aus diesem Wien, aus diesem Oesterreich, irgendwohin bis in die fernsten Zonen der Welt. Aber er lächelte nur trüb und sagte: „Ja ihr, die ihr junge Leute seid, euch scheint Erfolg und Ruhm immer schon alles. Da," (und er wies Plötzlich auf seinen schönen und wirklich schon stark durchsilberten Bart), „da, nehmen Sie mir die weißen Haare aus meinem Bart und meinem Haar und ich schenke Ihnen meinen ganzen Ruhm." Ich begleitete ihn noch lange, fast bis zu seinem Haus. Dort blieb er stehen und gab nur die Hand und sagte: „Warum kommen Sie nie zu mir? Sie haben mich nie zu Hause besucht. Telephonieren Sie früher an, ich mache mich schon frei." Ich versprach es ihm, fest entschlossen, das Versprechen nicht zu halten; denn je mehr ich einen Menschen liebe, um so mehr ehre ich seine Zeit. Ich war fest entschlossen, nicht zu ihm zu kommen. Aber ich bin dennoch zu ihm gekommen und wenige Monate darauf. Die Krankheit, die damals schon ihn zu beugen begann, hatte ihn endlich gefällt und nur zum Friedhof mehr konnte ich ihn begleiten. Ein sonderbarer Tag war es, unvergeßlich jedem, der ihn miterlebte. Denn plötzlich kamen auf allen Bahnhöfen der Stadt, mit jedem Zug bei Tag und Nacht aus allen Reichen und Ländern Menschen gefahren, westliche, östliche, russische, türkische Juden, aus allen Provinzen und kleinen Städten strömten sie plötzlich herbei, den Schreck der Nachricht noch im Gesicht; niemals spürte man deutlicher, was früher das Gestreite und Gerede unsichtbar gemacht, daß hier einer großen Bewegung der Führer gefallen. Es wurde ein endloser Zug; mit einmal sah die Hauptstadt, daß hier nicht nur ein Feuilletonist gestorben, ein Schriftsteller oder mittlerer Dichter, sondern einer jener Gestalter von Ideen, wie sie in einem Land, in einem Volk nur in ganz großen, in ungeheuren Intervallen sich sieghaft erheben. Am Friedhof angelangt, entstand ein Tumult; zu viele strömten plötzlich hinein, um an seinem Grab zu stehen. Wernend, schreiend, drängend, unwissend, was sie taten, stürzten sie in ihrer Verzweiflung einer dem anderen voran, die jetzt verzweifelt wußten, wen sie verloren; alle Ordnung war aufgelöst in einer Art elementarer und ekstatischer Trauer, wie ich sie niemals vordem und nachdem bei einem Begräbnis jemals gesehen, wie sie eine Masse nur aus tiefstem, aufgewühltestem Empfinden ergreift. Und kein Pomp, keine fürstliche Einsargung hätte so die Größe dieses Menschen bezeugen können, als dieser grauenhaft großartige Tumult, dieser wilde weinende Schmerzausbruch vor seinem Sarg. Bücher. Julius Bah: „Schauspieler und Schauspielkunst." Neue, fünfte, bedeutend erweiterte Auflage, mit 38 ganzseitigen Tafeln. Verlag O e ste r h el d u. Co., Berlin W. 15. „Wir haben Schauspieler, aber keine Schauspielkunst" — rief Lessingim berühmten Schlußkapitel seiner „Hamburgischen Dramaturgie" aus, nachdem ihm die Kritik der Schauspieler an dem neu begründeten Deutschen Nationallheater sehr bald durch ihre Empfindlichkeiten und Intrigen verleidet worden war. Aber sein Verdikt konnte, in einer Zeit der Ackermann, Schröder, Ekhof, Hensel nicht die summarische Kunstleistung treffen; es zielte vielmehr aus eine allgemeine Theorie der Schauspielkunst ab, für die sich ihrem „transitorischen" Charakter gemäß nach seiner Meinung besondere Regeln und Grundsätze nicht aufstellen ließen. L e s s i n g s Ansicht ist, trotz des Wandels der Stilarten, dem die Kunst des Schauspielers, wie alle anderen Künste, unterworfen wurde, bis aus den heutigen Tag nicht erschüttert worden. Und so kommt auch ein so eindringlicher und erfahrener Betrachter der Bühne wie Julius B a b, dessen erstaunliche Produktivität sich an ihren mannigfaltigen Erscheinungen immer von neuem entzündet, in seinem bereits in fünfter Auflage vorliegenden Buche „Schauspieler und Schauspielkunst" zu der gültigen Erkenntnis, daß alle Schauspielkunst im Geheimnis des Blutes wurzele und sich, als individuelle Erlebnisgestaltung, in keine Formeln und Theorien einzwängen lasse. Das Material, das Bab sorgsam und, wiederum im Lessingschen Sinne, mit Bewunderung zweifelnd, mit Zweifel bewundernd, vor uns ausbreitet, ist von stärkster Beweiskraft: es sind die großen, schauspielerischen Persönlichkeiten, bei denen sich selbst die glänzendste Virtuosität äußerer Mittel in lebendige Gestalt umgesetzt hat und der innerste Wesenskern immer erneut durch die Hülle der Form hindurchbricht. Besonders reizvoll wirkt die von Bab angewandte Methode der schauspielerischen Doppelporträts, die er in einen gemeinsamen Rahmen spannt, um gleichzeitig ihre unterscheidenden Merkmale hervortreten zu lassen — eine Methode, die es ermöglicht, verwandte oder entgegengesetzte Naturelle auch aus tieferen, sinnbildlichen Zusammenhängen zu erklären. So wird ihm das Schauspielerpaar Lina Lossen — Theodor Loos zum Shmbol der sittlichen Kraft, die alle Gestalten und Gestaltungen dieser beiden, aus demselben Lebenszentrum bewegten Darsteller durchdringt: so wächst ferner für ihn die reife und vergeistigte Kunst von Friedrich K a h ß l e r und Helene F e h d m e r aus dem Jdealzustand einer wahrhaft hohen und reinen Ehegemeinschast hervor; und wenn zlvei Schauspieler verschiedenen Lebensalters und verschiedenen Darstettungsstils, wie Rudolf Schildtraut und Alexander G r a - nach, zueinander in Beziehung gesetzt werden, so ergibt sich für Bub ihre Gemeinsamkeit aus dem ostjüdischen Thpus, der sich in Schildkraut als „ungebrochenes Urjudentum mit der Kraft des Vatergefühls", in Gr an ach als ekstatische Heftigkeit eines ungehemmten Willens verkörpert. Freilich: auch Bab weiß, daß jedes Genie, auch das schauspielerische, unvergleichbar ist; daher vermag er dort, wo sich ihm die geniale' Persönlichkeit in den nur ihr eigenen Ausdrucksformen offenbart, wie bei Albert V a f s e r m a n n (dem er neuerdings ein Spezialwerk gewidmet hat) und bei Max Pallenberg (dessen vis comica er mit Recht in den Urgründen des Tragischen ansiedelt), kein künstlerisches Verwandtschaftsverhältnis aufzudecken. Am reinsten und ungebrochensten enthüllt sich der Glanz einsamer Größe, die keine vergleichenden IlllElÜiiiii 4^^