Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 27 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- Seite 357 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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367. zuMMMISMStU I 3. Juli 1904 — 1929. j Persönliche Erinnerungen f von Stefan Zweig. j Diese Erinnerungen, ich weiß es wohl, I scheinen von einem anderen Theodor Herzl zu j erzählen, als den die Gegenwart kennt. Sie j sprechen Zunächst von einem einst berühmten! und heute vollkommen vergessenen Schriftsteller, 1 dessen Bildnis die ins Überzeitliche wachsende jj Gestalt des Volksführers Herzl vollkommen! verschallet hat. J Aber es gab, aus meiner frühesten Jugend j her kann ich es bezeugen, einen begeistert ge- I liebten, heimlich und laut in ganz Oesterreich f verehrten Schriftsteller Theodor Herzl, und ihn j habe ich eher gekannt, — als der Zionismus k kaum als Nebelstreif dem geistigen Weltbild sich! darbot. Theodor Herzl war damals der erste j Feuilletonist der „Neuen Freien Presse" und i bezauberte die Leser durch die leicht melancholisch überhauchte und dann wieder geistig glitzernde, durch die prosund-gefühlsmäßige und dabei doch I kristalltluge Tönung seiner Aufsätze. Das Leichte! schien gewichtig, das Gewichtige wußte er vor-; Zutragen in der gefälligsten Art, und nicht nur; ein ironischer Skeptizismus, sondern auch die! Geschliffenheit seiner Aphorismen zeigte, wieviel - er in Paris von seinem über alles verehrten j Anatole France gelernt hatte. Niemand gab unbewußt besser, was die Wiener wollten; auch für das Burgtheater schrieb er ihnen mit einem I Kollegen zusammen so ein geschmackvolles Lust-! spielchen, aus besten Ingredienzien kunstvoll! serviert. Ueberdies war er ein ausfallend schöner Mann, konziliant, gefällig, amüsant, kurzum,; keiner war beliebter, berühmter, gefeierter als I er innerhalb der ganzen SBouxgcoifte und wohl | auch Aristokratie des alten Oesterreich. I Diese Beliebtheit erhielt nun plötzlich einen | heftigen Stoß. Bald vor dem Jahrhundertsl ende begann es so allmählich durchzustckern! (denn kein Mensch dachte wirklich daran, die \ Broschüre zu lesen), dieser elegante, noble, geist- | reiche Causeur Hütte plötzlich einen abstrusen I Traktat geschrieben, der nichts mehr und nichts j minder wollte, als daß die Juden aus ihren I Ringstraßenhüusern und Villen und ihren Gef schäften und Nechtsanwaltskanzleien, kurz, daß 1 sie mit Sack und Pack nach Palästina übersiedeln f und dort eine Nation gründen sollten. Die erste j Antwort war bei seinen Freunden verärgertes j Bedauern über diesen „Unfug". Dann setzte aber | sofort die in Wien auf jedes Geschehnis unsehl-! bare Wendung ein, die Erledigung durch Herterj keit. Karl Kraus schoß eine Broschüre gegen 1 ihn ab und ihre Spitze, das Titelwort „Der j König von Zion", blieb Herzl lebenslang in der f Haut stecken; wenn er ins Theater trat, schön f bebartet, ernst und mit zwingender hoher Hal-! hing, zischelte und wisperte es von allen Seiten: j „Ter König von Zion", oder „Seine Masestüt I ist erschienen"; aus jedem Gespräch, aus )edem i Blick funkelte ihm verdeckt dieser ironische Name { entgegen. Die Zeitungen, insofern sie nicht I wie sein Chef glattweg verboten, daß das Wort \ Zionismus in der „Neuen Freien Presse" gef druckt werden dürfe, überboten sich in Spötte- Sj reien. Vielleicht ist niemand zu Anfang des f Jahrhunderts so in dieser spottlustigen Stadt j gehöhnt worden als Theodor Herzl und jener j andere Mann, der gleichzeitig eine entscheidende j Weltidee allein und unabhängig ausgestellt, — j als sein großer Schicksalsgefährte Sigmund I Freud, den übrigens heure noch zu seinem sieb-! zigsten Geburtstage die hohe Fakultät nicht gej ruhte, mit einem Glückwunsch zu begrüßen, j (Ich übermittle diese Tatsache immer wieder j gern der gedruckten Verbreitung, weil im Aus-- f land niemand mir diese Schmach glauben will.) z Nun will ich offen sein und eingestehen, daß j all meine Liebe und Bewunderung ebenfalls zuerst nur dem heute verschollenen Schriftsteller Theodor Herzl galt. Seit ich richtig lesen konnte, hatte ich jeden seiner Aufsätze gelesen, mich daran gebildet und seine Bildung bewundert: noch heute erinnere ich mich (Kindheitserinnerungen find unbezwinglich) an säst jedes seiner Feuilletons so deutlich wie an die ersten Gedichte Rilkes und Hofmannsthals, die ich damals zum erstenmal aus der Schulbank las. Keine Autorität galt mir höher als die seine, kein Urteil wesentlicher und wirklicher. Und so war es eigentlich ganz natür> lich daß ich, gerade dem Gymnasium entlausen, an niemand anderen dachte, um ihm eine Novelle, die ich geschrieben hatte, vorzutegen, als ihm, dem für mich entscheidenden und geliebten Dichter. Nun kannte ich ihn nicht Persönlich und hatte auch feinen rechten Weg zu. ihm, so wählte ich mit dem nicht mehr wiederkehrenden Mut der Jugend den allereinfachsten Weg, nämlich ihn in der Redaktion anfzusucheu, wo _________ er als Feuilletonredakteur seines Amtes waltete. Ich hatte seine Sprechstunde erkundet, ich glaube, cs war nachmittags von 2 bis 3 Uhr, so ging ich glatt und einfach eines Tages zu ihm hin. Zu meinem Erstaunen wurde ich sofort vorgelasseu und nochmals erstaunt, in ein sehr enges, einsenftriges, nach Staub und Druckeröl dunstendes Zumuerchen, und war plötzlich, ohne daß ich mich innerlich zusammengerichtet hatte, vor ihm, der höflich aufstand und mir einen Sessel neben dem Schreibtisch anbot. Die ihm natürliche und wirklich unwiderstehliche Art seiner Höflichkeit hat mich in diesem ersten Augenblick und bei jeder Begegnung mit ihm immer wieder bezaubert. Sie kam aus französischer Schule, gewann aber an seiner majestätischen Gestalt wirklich etwas von der Höflichkeit von Königen oder hohen Diplomaten: nicht nur vom Geist, sondern gleichsam aus einem körperlichen Wesen mochte ihm der Gedanke einer Führerrolle gekommen sein. Man subordinierte sich ihm unwillkürlich, rein aus dem Gestaltmäßigen seiner Natur. Er lud mich sehr freundlich ein, Platz zu nehmen, und fragte mich: „Was bringen Sie mir?" Ich stammelte recht und schlecht, daß ich ihm eine Novelle vorlegen wollte. Er nahm sie, zählte die handgeschriebenen Seiten bis auf die letzte, sah dann gespannt die erste Seite an, lehnte sich zurück. Mit einem gewissen Schreck merkte ich, daß er in meiner Gegenwart sofort zu lesen begann. Die Minuten dauerten mh lange. Ich füllte sie, indem ich von der Seite her vorsichtig sein Gesicht betrachtete. Es war makellos schön. Der weiche, blau-schwarze, wohlgepslegte Vollbart gab ihm ein klares, fast rechteckiges Maß, dem auch die reine, klar in die Mitte gestellte Nase nicht widersprach und nicht die hohe, leicht gerundete Stirn. Aber dieses vielleicht fast zu ebenmäßige, beinahe zu bildhafte Gesicht wurde vertieft durch die weicheu, mandelförmigen Augen mit ihren schweren, schwarzen, melancholischen Wimpern, uralte Augen des Orients in diesem sonst französischen, ä la Alphons Daudet arrangierten Gesicht, das sonst leicht Parfümiert gewirkt hätte, oder Typus Frauenarzt oder „schöner Mann", ohne diesen Seelenaufschlag tausendjähriger Melancholie. Er schien es zu merken, daß ich ihn betrachtete, denn einmal beim Blättern sah er scharf, aber nicht strenge, mich an: er war es gewohnt, betrachtet zu sein, vielleicht liebte er es sogar. Endlich schlug er die letzte Seite um und tat eine merkwürdige Geste, er schüttelte die Blätter zurecht, legte sie Zusammen, schrieb etwas mit blauem Bleistift darauf, legte sie links in eine Schublade. Dann erst nach dieser umständlichen, offenbar auf Spannung berechneten Geste (ein wunderbar Theatralisches verließ ihn nie) sagte er Zu mir mit dem Bewußtsein großer Ankündigung: „Die Novelle ist angenommen." Das war viel,, unerhört viel sogar: denn zu jener Zeit galt ein Feuilleton noch als ein lEIBNIZ- Keks Enthält nur feinste Molkereibutter Heiligtum, einzig Vollwertigen oder Angegrauten zugänglich, und nur Hofmannsthal hatte einmal den geheiligten Bann durchbrochen. Herzl fragte mich dann noch allerhaiid, ums ich studiere, aber zu Gesprächen war nicht viel Zeit, und er entließ mich mit dem Wunsch, ich möchte ihm doch wieder etwas vorlegen. Er hat dann jene Novelle wirklich bald gebracht und mehr noch getan, gleichfalls unvermutet, indem er in einem seiner nächsten Feuilletons plötzlich darauf hinwies: es seien jetzt allerhand junge Leute in Wien, von denen allerlei zu erwarten wäre, und da sofort meinen Namen nannte. Es war das erstemal, daß ganz spontan, aus einem urtünllichen Vertrauen, jemand mir öffentlich Mut zusprach, und vielleicht kein Augenblick innerhalb einer literarischen Laufbahn ist so entscheidend und so unvergeßlich wie ein solcher erster unvermuteter Impuls. Ich habe es immer seitdem als eine Verpflichtung empfunden, daß es gerade Theodor Herzl war, der als erster zu mir mehr nu§ Instinkt als aus dem vorhandenen Werke Zutrauen hatte, und ich bin ihm immer noch genau so dankbar wie in jener überraschenden ersten Stunde. Ich durfte ihn dann öfters sehen, nicht zu oft freilich, denn ich studierte in Deutschland, und wenn ich nach Wien kam, hielt mich Respekt zurück, ihm seine Zeit zu nehmen, aber es kam selten vor, daß er mich im Theater sah, ohne auf mich zuzukommen und mit ein Paar freundlichen Worten nach meiner Arbeit zu fragen. Irrwischen war aus Dankbarkeit für den Menschen mir auch die Idee vertraut geworden, die ihn mehr und mehr beschäftigte. Ich begann die zionistische Bewegung zu verfolgen, ging auch hie und da als Zuhörer zu den kleinen Versammlungen, die meist im Unterkeller von Kaffeehäusern abgehalten wurden, begegnete dort und auf der Universität auch öfters und öfters dem edelsten seiner Schüler, Martin Vuber, mit einundzwanzig Jahren schon meisterlich uns allen überlegen an Ernst und Wissen, und an früher Weltweite. Aber eine rechte Bindung wollte mir nicht gelingen; mich ließen die Studenten fremd, denen die Satisfaktionsfühigkeit noch irgendwie den Kern des Judentums zu bilden schien. Und den Diskussionsabenden entfremdete mich die heute wohl nicht mehr vorstellbare Art der Respektlosigkeit, mit der sich gerade die ersten Schüler zu Herzls Person stellten. Die östlichen warfen ihm vor, er verstände nichts vom Judentum, er kenne nicht einmal seine Gebräuche; die Nationalökonomen betrachteten ihn als Feuilletonisten. Jeder hatte seinen eigenen Einwand und nicht immer der respektvollsten Art. Dieser Mangel an geistiger Subordinationssähigkeit hielt mich instinktiv von jenem Krerse fern. Ich wußte, wie Herzl gerade damals vollkornmen ergebene, selbst gegen ihre eigene Meinung wortlos mithelfende Menschen unb besonders-junge Leute wohlgetan