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Central-Verein-Zeitung · 1929-07-05 · 27 (5.7.1929) · p. Seite 356

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
27 (5.7.1929)
Date
1929-07-05
Page
Seite 356 (sequence 4)
Language
German
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3 56 Mlen M lewish Agency. Von Dr. Friedrich Brodnitz. Am 26. Juni trat in den Kroll-Festsälen in Berlin das „Initiativkomitee für die Erweiterung der Jewish Agency in Deutschland" zusammen, um die deutschen nichtzionistischen Delegierten für die erste Tagung der Agency im August in Zürich zu wählen. Das Initiativkomitee bestand aus etwa 150 Mitgliedern, über deren Zusammensetzung die offizielle Teilnehmerliste berichtet: „Dem Initiativkomitee sind bisher beigetreten: a) die Mitglieder des Präsidiums und des Zentralkomitees des Keren Hajessod; b) Vertreter folgender Organisationen: Die Großgemeinden Berlin, Frankfurt a. M., Hamburg, München, der Hilssverein der Deutschen Juden, der Allgemeine Nabbinerverband, der Deutsch-Israelitische Gemeindebund, die Achduth, der Kolonisationsverein „Esra", die Liga für das arbeitende Palästina, der Verband der jüdischen Jugendvereine Deutschlands, die Deutsch-jüdische Jugendgemeinschast, der Aelterenbund der Kameraden; c) Einzelpersonen." Der Beschluß des Centralvereins, der als solcher eine Beteiligung an der Jewish Agency ablehnte, ist bekannt. Auch die Jüdisch-liberale Vereinigung hat die Beteiligung abgelehnt. Einzelne Mitglieder des Vorstandes des Centralvereins haben als Privatpersonen ihren Beitritt vollzogen. Es waren deren fünszehn. In einer Vorkonferenz beschloß eine Anzahl jüngerer, dem Centralverein nahestehender Mitglieder Dr. Ludwig Tietz für eine Delegiertenstelle vorzuschlagen. O s k a r W a s s e r m a n n eröffnete als Vorsitzender die Tagung mit einer Ansprache, in der er die Entstehungsgeschichte der erweiterten Jewish Agency schilderte und deren Bedeutung für das Aufbauwerk darlegte. Er unterstrich den Willen zur Neutralität und betonte, daß es nicht Aufgabe der Agency sei, in innerjüdische Auseinandersetzungen einzugreisen. Beide Teile — Zionisten und NichLzionisten — schlössen ohne Gesinnungskompromitz einen Bund für ehrliche und ordentliche Arbeit. Er verlas Begrüßungsschreiben von W e i z m a n n, Marshalk, Felix Marburg und E i n st e i n. In einer eindrucksvollen Rede legte Dr. Leo B a e ck die Bedeutung des Agency-Gedankens für die deutschen Juden dar. Als dritter hielt Max W a r - b u r g ein längeres Referat, in dem er die Lage Palästinas aus Grund seiner persönlichen Eindrücke schilderte und den Kreis der Zukunstsaufgaben umriß, zu deren Lösung Enthusiasmus vereint mit nüchternem wirtschaftlichen Denken erforderlich sei. Er legte für seine Person ein Bekenntnis zum Gedanken der Jewish Agency ab, betonte aber ausdrücklich, daß er in einer Mitarbeit keinen Konflikt für den sähe, der flch mit der Kultur seines Vaterlandes eng verknüpft fühle. Marburg kennzeichnete in seiner Rede weiter die großen Aufgaben, die die deutschen Juden rn Deutschland zu erfüllen haben, insbesondere auch die Bekämpfung des Antisemitismus, glaubt aber, daß auch der, der „aus Ueberzeugung und Liebe seinem Vaterlande lebt, den Bestrebungen seiner Stammes¬ und Glaubensgenossen nicht gleichgültig gegenüberstehen kann". Aufgabe der Agency sei. praktische und sachliche Arbeit zu leisten, und den Ausbau als ein Werk des wahren Friedens zu (eitern — Nach einer kurzen Begründung durch Alfred L i s s e r wurden dann folgende Resolutionen einstimmig angenommen: In dem vom Völkerbund beschlossenen Palästina-Mandat wird die nachstehende, am 2. November 1917 durch Lord Balfour namens der britischen Regierung abgegebene Erklärung ausdrücklich bestätigt: „Seiner. Majestät Negierung betrachtet die Schaffung einer nationalen Heimstätte in Palästina für das jüdische Volk mit Wohlwollen und wird die größten Anstrengungen machen, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden werde, daß nichts getan werden ~ soll, was die bürgerlichen und religiösen Rechte bestehender nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und die politische Stellung der Juden in irgendeinem .anderen Lande beeinträchtigen könnte." In Uebereinstimmung mit Artikel 4 des Palästina-Mandats hat die als offizielle jüdische Vertretung für Palästina (Jewish Agency) anerkannte Zionistische Organisation die Judenhelten der Welt zum Eintritt in die Jewish Agency ausgefordert. Die am 26. Juni 1929 in Berlin tagende Konferenz des „Initiativkomitees für die Erweiterung der Jewish Ageney in Deutschland" nimmt die an die deutsche JudenHeit ergangene Aufforderung freudig an und beschließt, die Vertretung der deutschen JudenHeit innerhalb der Jewish Agency in folgender Form sicherzustellen: a) Eine Palästina-Konferenz aller deutschen Inden, die bereit sind, an den Arbeiten der durch Artikel 4 des Völkerbundsmandats für Palästina eingesetzten Jewish Agency teilzunehmen und an der Entwicklung der jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina mitzuarbeiten, ist sobald wie möglich einzuberufen. Diese Palästina-Konferenz soll die Vertreter der deutschen JudenHeit in den Council der Jewish Agency entsenden. Sollte ein Reichsverband der deutschen Juden gebildet werden, so steht es der Palästina-Konferenz frei, ihre Rechte dem Reichsverband der deutschen Juden zu übertragen. d) 11m der deutschen JudenHeit eine angemessene Vertretung auf der bevorstehenden konstituierenden Tagung des Council der Jewish Agency zu sichern, beschließt die Konferenz des „Initiativkomitees für die Erweiterung der Jewish Agency in Deutschland", bis zum Zusammentritt der Palästina-Konferenz der deutschen Juden sechs Vertreter und zwölf Stellvertreter in den Council der Jewish Agency zu wählen. Bei den Wahlen der Delegierten und ihrer Stellvertreter hielten sich die zionistischen Mitglieder des Komitees vollständig zurück. Von den nichtzionistischen Mitgliedern war, ein Teil zum erstenmal in den Kreis der Palästinafreunde eingetreten, während ein anderer Teil seit Jahren bereits im Rahmen des Keren Hajessod mitgearbeitet hat. Es war verständlich, daß gerade eine Gruppe der Neuhinzutretenden ihren Einfluß aus die Zusammensetzung der Delegierten geltend machen wollte, und insbesondere von der jüngeren Generation wurde dieser Wunsch geäußert. Unser Kampf gegen die F riedhofsschändung. Von den Massnahmen, die der Central- Verein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens gegen die grenzenlose Verrohung im öffentlichen Leben Deutschlands, die sich in den zahlreichen Friedhofsschändungen in so trauriger Weise verwirklicht hat, unternahm, gibt eine Denkschrift über die „Massnahmen zur Bekämpfung der Friedhofsschändungen in Deutschland, mit einer Liste der Synagogenschändungen“ ein deutliches Bild. Die Denkschrift enthält einen historischen Ueberblick über Friedhofsschändungen, eine genaue Liste der 71 Schändungen jüdischer Friedhöfe seit 1923, eine Liste der Synagogenschändungen, die Ergebnisse unserer Schritte bei den Behörden, ein Bild von der Auswirkung in der Presse und einen genauen Bericht über die Kundgebung „Versündigung an der deutschen Kultur“, die am 18. Oktober 1928 im Herrenhaus stattfand, auf der neben zahlreichen führenden jüdischen Persönlichkeiten der Reichsminister der Justiz, der Präsident des Preussischen Landtags, der Staatssekretär Hölscher vom Preussischen Justizministerium und der Polizei-Vizepräsident von Berlin sprachen. Zahlreiche Bilder verwüsteter Friedhöfe vermitteln ein trauriges Bild von der Auswirkung gewissenloser antisemitischer Hetze. Interessenten steht die Denkschrift durch den Philo-Verlag, Berlin SW 68, Lindenstrasse 13, zum Preise von 1 Mark zur Verfügung. Nach einer kurzen Aussprache wurde, um allen Wünschen Rechnung zu tragen, ein siebengliedriger Wahlausschuß eingesetzt, der aus den Herren Dr. Leo B a e ck, Jnstizrat B l a it, Dr. Friedrich Brodnitz, Dr. H o r o v i tz-Frankfurt, Alfred L i s s e r, Dr. M e Y e r s b e r g - Bochum und Max Marburg bestand. Die Beratungen des Wahlausschusses dauerten 1^ Stunden und gestalteten sich angesichts der vielen zu berücksichtigenden Richtungen und Menschen nicht einfach. Die Schwierigkeit, daß die Nichtzionisten nicht als geschlossene Gruppe auftreten konnten, zeigte sich deutlich. Obwohl allseitig anerkannt wurde, daß die jüngere Generation einen Anspruch aus eine besondere Vertretung habe, gelang es nicht, den von dieser Gruppe Vorgeschlagenen in die Zahl der Hauptdelegierten, die sowieso schon auf 7 erhöht wurde, aufzun-ehmen. Wenn es auch schließlich gelang, mehrere stellvertretende Delegiertensitze mit Jüngeren zu besetzen, so bleibt es doch bedauerlich, daß neben Dr. Leo B a e ck kein Vertreter der jüngeren, dem C. V. nahestehenden Generation in die Agency gewählt werden konnte. Hoffen wir, daß die weitere Entwicklung der Dinge auch hier einen Ausgleich schassen wird. Die Vorschläge der Wahlkommission, die Max Marburg als ihr Obmann verkündete, wurden einstimmig angenommen und demgemäß gewählt. Als Delegierte: die Herrn Stadtkämmerer Bruno Asch- Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Leo B a e ck - Berlin, Justizrat Dr. B l a u - Frankfurt a. M., Dr. Bernhard Kahn-Berlin, Kommerzienrat Gerson Simon- Berlin, Rabbiner Dr. Isaak Unna- Mannheim, Oskar Wassermann- Berlin. Als stellvertretende Delegierte die Herren: Professor Georg Bernhard - Berlin, Dr. Friedrich Brodnitz- Berlin, Willy Dreh fuß-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Hahn- Essen, Jakob H e ck s ch e r - Hamburg, Ministerialrat Dr. Otto Hirsch- Stuttgart, Rabbiner Dr. Jakob H o r o v i tz - Frankfurt a. M., Berthold Israel- Berlin, Öberlandesgerichtsrat Dr. N e u nt eher- München, Leo Simon-Berlin,' Professor Dr. M. Sobernheim- Berlin, Dr. Albert Sond - h e i m e r - Frankfurt a. M., Dr. Ludwig Tietz- Bernn, Frau Margarete Tietz- Köln. Ein Delegierter und fünf stellvertretende Delegierte gehören dem Hauptvorstand des Centralvereins an. Nach diesen Wahlen wurde eine Entschließung gefaßt, die die deutschen Juden zur Mitarbeit an der jüdischen-nationalen Heimstätte in Palästina auffordert, und nach einer kurzen Ansprache von Colonel Kisch begrüßte Kurt B l u - menseld namens der zionistischen Partner der Agency die gewühlten Vertreter der Nichtzionisten. Er betonte nochmals, daß die Agency den Beweis erbringen soll, daß „gemeinsame Arbeit Zwischen Zionisten und Nichtzionisten nicht zugleich auch mit Gesinnungskompromiß verbunden fein muß", und daß die zionistische Organisation gewillt ist, den Vertrag mit den Nichtzionisten als ein „aufrichtiges und echtes Bündnis" zu halten. Mit einem kurzen Schlußwort von Oskar Wassermann schloß die Konferenz. Der bayerische Verfassungsaustchuß zur Schächtfrage. Wie wir der IVA (Jüdische Telegraphen-Agentur) entnehmen, hat laut Meldung der „Münchner Post" der Verfassungsausschuß des bayerischen Landtags über die Schächtfrage verhandelt. Es lagen drei Eingaben vor, und zwar zwei von Tierschutzverbänden, daß der vom Landtag im Juli 1926 gefaßte Beschluß auf Vorlage eines Gesetzes über den Betäubungszwang beim Schächten endlich verwirklicht werde, sowie die Eingabe des Verbandes bayerischer israelitischer Gemeinden, daß das Gesetz aus die rituellen Schächtungen nicht angewendet werde. Der Ausschuß beschloß mit den Stimmen der Deutschnaiwnalen, Völkischen, des Bauernbundes und der Sozialdemokraten gegen die Bayerische Volkspartei, die Eingaben der Tierschutzvereine der Negierung Zur. Berücksichtigung zu überweisen. Jedoch fügten die Sozialdemokraten hinzu, daß den religiösen Gefühlen der Juden möglichst Rechnung getragen werden solle. Der Landtag wird über diesen Antrag zu entscheiden haben.

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