Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 27 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- Seite 355 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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■-— ‘ .. ■ 355 Stapel gegen Stapel. Goebbels „Kamps um verlin" j Frühzeitige Wahlvorbereilungen. f Ende Oktober wird in Groß-Berlin das l StadLparlament neu gewählt. Der Führer der Berliner Nationalsozialisten, Reichstags- I abgeordneter Dr. Goebbels, legt alles darauf an, | siegreich auch in das Note Haus der Reichshaupt- 1 stadt mit seinen Mannen einzuziehen. Desj Halb leistet er jetzt, mitten in den politischen j Sommerferien, Wahlarbeit nach innen und f außen. So beginnt Anfang Juli ein L ehrj gang über Gemeindepolitik für j die als Stadt- und Bezirksverordnete in Aus-! sicht genommenen Nationalsozialisten. Ber- | antwortlich für diesen Kursus zeichnet die j Gauleitung der Organisationsabteilung Groß-Berlins. Die Teilnahme an dieser wöchentlich einmal abends stattfindenden Schule ist für alle Kandidaten Pflicht. Aus dem Lehrplan ist hervorzuheben: Einführung in die Gemeindepolitik, Kassen- und Rechnungswesen, Steuerwesen, Schule und Erziehung, Beamtenpolitik, die Stadt Berlin als Arbeitgeberin, kommunalpolitische Uebungen. Man kann sich denken, was da alles j zusammengeredet werden wird! j Streicher spricht in Berlin. j Die Anschlagsäulen Groß-Berlins bej herrschten in der letzten Woche Riesenplakate,! deren Inhalt wir nachstehend wiedergeben, f weil noch Zehntausende unserer Freunde j leichtfertig daran vorübergehen und die Bef wegung für allzu harmlos halten. Versammlung der Naiionaiso!ialis!!silieB4rbelleniartei am Freiiag, den 28. M1929, abends 8 Uhr, io der Jenen Welt“. Die Rassenfrage ist der Schlüssel zur Weltgeschichte. So sagte schon der bekannte englische Jude Disraeli. Seitdem ist eine Reihe von Jahrzehnten vergangen, und nun steht die Rassenfrage und mit ihr die Judenfrage im Brennpunkt des öffentlichen Interesses. Dieses Interesse vertritt die Nationalsozialistische Arbeiterpartei mit ihrer Million Anhänger. Die Juden sind schuld, so sagen viele aus ihrem gesunden Instinkt heraus. Die Antisemiten wurden seit Jahrhunderten verhöhnt und verlacht. Aber der Antisemitismus muss allen zum Bewusstsein kommen. Wir sind nicht Judengegner aus Neid oder Missgunst, sondern aus Erkenntnis und Bewusstsein. Streicher, Mitglied des Reichstages, spricht über Alljuda, der Todfeind des deutschen Volkes! Nach ihm spricht unser Goebbels über 10 Jahre Versailles. Weg mit der Kriegsschulcllüge. Eintritt Ji 0.50, Erwerbslose Jl 0,10. Saalöffnung 7 Uhr. Die „Neue Welt", der größte Saal Berlins, war von 5000 Personen dicht gefüllt, obwohl zur gleichen Stunde im Stadion eine Riesenkundgebung gegen den Bersailler Friedensvertrag stattfand, an der die Nationalsozialisten sich zu beteiligen abgelehnt hatten. Was Streicher seinen Hörern vorzujetzen wagte, stand weit unter dem Niveau aller Volksreden der letzten Monate. Er sprach ganz im Stil seines „Stürmer". Jesus Christus sei der erste Antisemit gewesen. Der Jude sei von dem Arier völlig verschieden. Eine physiologische Untersuchung seines Körpers ergebe, daß er dem Assen nahestehe. Wenn Juden in eine christliche Familie einheiraten, sei die Familie auf viele Generationen hin verdorben. Als Beispiel nannte er die Hohenzollern, mit denen es bergab gegangen sei, seitdem eine englische Prinzessin in diese Familie hineingeheiratet hätte. Den früheren Kronprinzen sähe man immer im Verkehr mit Juden. Das sei der Zug des Blutes. Rassenphysiologisch betrachtet, stehe eine arische Dirne hoch über jeder Jüdin.... Der Jude sei mit den Römern nach Deutschland gekommen. Köln sei die erste Judenstadt in Deutschland. In Deutschland habe sich der Jude im Ghetto von den anderen abgeschlossen und bilde seitdem ein organisiertes Verbrechertum usw. usw. Der Terror des im Saal verteilten Sturmtrupps verhinderten jeden Zuruf. Wagte sich eine Stimme des Protestes hervor, antwortete der tapfere Herr Streicher bezeichnenderweise: „Da bellt wohl ein Hund!" Aus welche Hetze von nationalsozialistischer Seite aus werden wir uns im Berliner Wahlkampf gefaßt machen! Aber wir sind gefaßt. Baldur von Schirach. Wie rührig der nationalsozialistische Studentenbund in Groß-Berlin ist, zeigen nicht nur die durch die Tagespresse bekannt gewordenen Vorgänge vor der Berliner Universität am 28. Juni, sondern auch die Vorbereitungen, die die Studenten dafür, getroffen hatten. In kurzer Zeit haben im Französischen Gymnasium fünf öffentliche Versammlungen stattgefunden, die für die Studentenschaft Berlins berechnet waren. In den „Akademischen Bierhallen" kommen die nationalsozialistischen Studenten allwöchentlich zu so geheimen Sitzungen zusamen, daß sogar laut Ankündigung „Zeitungsverkäusern der Eintritt verboten" ist. Hier wurde wohl auch der Plan gefaßt, vor das Kultusministerium zu ziehen und vor dem Palais des Reichspräsidenten zu demonstrieren. Die Ruse „Numerus elausuL!" erschollen bei diesen Demonstrationen so im Takt, als ob sie sprechchorartig eingeübt worden wären. Der Führer der nationalsozialistischen Studenten in Groß-Berlin ist gegenwärtig ein Herr Baldur von Schirach. Wie feudal! 3ra Treptower Spreegarlev. Als Auftakt zum Nürnberger Parteitag der Nationalsozialisten im August ist für den 13. Juli eine Massenveranstaltung im Treptower Spreegarten geplant. Als besondere Attraktion sollen Vorkämpfe im Boxen und Jiu Jitsu dienen. Es werden geradezu krampfhafte Anstrengungen gemacht, den Groß-Berliner Extrazug für Nürnberg zu füllen. Daneben soll eine Stafette Berlin- Nürnberg von 30 bis 40 jungen Nationalsozialisten gelaufen werden. So ist ihnen jedes Mittel recht, um die bombastisch angekündigte Besucherzahl von 250 000 für Nürnberg zu erreichen. Bei alledem verkennen die Leute eins: das Berliner Publikum ist nicht mit dem anderer Städte zu vergleichen. Den Schwindel der Nationalsozialisten wird man hier bald durchschaut haben. Schr. Der Pfeil fliegt auf den Schützen zurück. Im Nahmen der „C. B.-Zeitung" sind Dr. Stapel und sein Werk oft gewürdigt worden. Wir sind dem Verfechter des sogenannten wissenschaftlichen Antisemitismus aus die Ebene seiner Auseinandersetzung gefolgt. Der jüngst verstorbene Darmstädter Gelehrte Professor Dr. I. Goldstein und der Frankfurter Professor Nölting haben sich eingehend mit seiner Wissenschaft befaßt. Wir haben nie mit unserer Befürchtung Zurückgehalten, daß diese Wissenschaft bei Halbgebildeten und Ungebildeten gar unheilvolle Wirkung haben könnte. Leider haben wir un8 nicht getäuscht. Stapel muß nun am eigenen Leibe erfahren, welche Wirkung seine Lehre in jungen Köpfen und Gemütern getan hat. Stapel ist Herausgeber des „Deutschen Volkstums". Seine persönliche Einstellung gibt dieser Zeitschrift ein deutlich judenfeindliches Gepräge. Trotzdem enthält sie bisweilen Aufsätze, die ihrer Objektivität wegen den judenfeindlichen Leser erschrecken mögen. Daraus haben nun Stapels Schüler gefolgert, es könne gar nicht anders sein, als daß Stapel auch schon unter dem Einfluß jüdischen Geldes stehe; und so muß er sich in seinem „Deutschen Volkstum" im April 1929 gegen die Behauptungen verwahren, daß das „Deutsche Volkstum" gar ein Darlehen von einem jüdischen Großbankier erhalten habe! Bei der Widerlegung dieser Behauptung, von deren Unrichtigkeit auch wir überzeugt sind, weiß sich Stapel gegen seine gelehrigen Schüler nur so zu Helsen, daß er ironisch zugibt, „er habe sich auf seine alten Tage beschneiden lassen unter der mit Ritualnwrdblut unterschriebenen kontraktlichen Zusicherung, daß er den nächsten freiwerdenden Platz im Rate der Weisen von Zion erhalte, dotiert mit einem Anteil an den Meuschheitsausbeutungsgeldern im Betrage von jährlich 12 Millionen Dollar". Gewiß, Stapel selbst kann mit diesen Dingen spielen. Er glaubt nicht an Ludendorsss Erfindung von der Zwangsbekehrung zum Juden durch künstliche Beschneidung, und er glaubt auch nicht, daß die Kinder, die vor Ostern verschwinden und nach Ostern wieder aufgefunden werden, geschachtet worden sind, und daß ihr Blut zu Ritualzwecken verwendet worden ist. Aber das Beispiel zeigt uns, wohin auch der wissenschaftliche Antisemitismus, den Stapel vertritt, führt! Daß er nur allzuleicht dazu dient, den Boden vorzubereiten, auf dem noch in unserer Zeit eine Blutbeschuldigung möglich war, wie sie jüngst anläßlich des Mordes zu Mauau gegen die Juden auftauchte. Wenn Stapel heute seine gelehrigen, aber lästigen Schüler mit einem kräftigen Tritt von sich stößt, so möchten wir hoffen, daß dieser Vorfall ihm dauernd zur Lehre dienen möge. Wie „Nationalsozialisten Tlationalheldsn beschimpfen! In einer Versammlung der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei in Amberg richtete der ehemalige Pastor a. D. Münchmeyer äußerst scharfe Angriffe gegen Dr. Eckener. Für Münchmeher ist Eckener, den die deutsche Nation wegen seiner Leistungen und Verdienste zu ihren Besten zählen darf, „ein aus der Redaktion der frankfurter Zeitung' hervorgegangener Judenknecht, der nicht nur zur Schande der ,Deutsch-Völker* eine Purim-Fahrt nach Jerusalem gemacht habe, sondern sich in Frankreich derart mit französischen Offizieren verbrüdert hätte, daß hier sogar die schärfsten Ausdrücke versagten". Wenn Herrn Münchmeher schon die schärfsten Ausdrücke versagen . . . Drei Monate Gefängnis für einen völkifchen Redakteur. Der Redakteur der nationalsozialistischen „Neuen Front", Wohlleben (Gera), hatte jüdische Kausleute beleidigt. Wie üblich, konnte er für seine beleidigenden Behauptungen den Wahrheitsbeweis rächt erbringen. Für straferschwerend erklärte das Gericht,, daß der Angeklagte schon öfter in gleichartigen Fällen mit dem Gericht zu tun hatte, „ohne daraus die Lehre zu ziehen, mit der Ehre anderer vorsichtig umzugehen".