Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 27 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- Seite 354 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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554 Die reichsten Millionäre sind, nach Martin, heute wieder die Großgrundbesitzer. Nächst dem Ex-Kaiser, der als König von Preußen 180 Millionen Mark Abfindung bekommen hak, rangieren an erster Stelle der Fürst von Thnrn und Taxis mit vielleicht 200 Millionen Mark, Fürst zu Hoheulohe-Oehringen, Fürst zu Fürstenberg, Fürst HenckeL von Donnersmarck und Fürst von PLetz mit je 100 Millionen Mark. Dann kommt der frühere Großherzog von Sachsen-Weimar mit 00 Millionen, während dem Herzog Albrecht von Württemberg, dem Fürsten von HohenzMern Sigmaringen und dem früheren König von Sachsen nur je 30 Millionen Mark zugeschrieben werden. Unter den nicht-fürstlichen Multimillionären stellt Martin den Berliner Bankier Jacob Michael an die Spitze, dessen Vermögen er, wohl etwas reichlich, aus vielleicht 100 Millionen Mark beziffert. Vermögen über 40 Millionen Mark schreibt er den Bankiers Franz von Mendelsohn und Jacob Goldschmidt, dem Geschäftsinhaber der Darmstädter und Nationalbank, Zu. Der alte Karl Fürstenberg soll mehr als 20 Millionen Mark besitzen, und ein besonders großes, nicht näher beziffertes Vermögen wird den Hamburger Bankiers Max M. Marburg und Fritz M. Marburg Zugeschrieben. Mehr als 10 Millionen Mark sollen ferner die Bankiers Louis Hager: in Köln, Eduard Veit von Speyer in Frankfurt a. M., Paul von Schwabach (Bleichröder), die Kölner Freiherren Alfred und Emil von Oppenheim und die Berliner Freiherren Albert und Erich von Goldschmidt-Rothschild besitzen. Während die besonders reichen Bankiers, die Martin aufzählt, durchweg Juden oder jüdischer Herkunst sind — der nicht-jüdische Bremer Bankier Schröder und manche andere fehlen merkwürdigerweise in der Liste —, so nehmen unter den- Multimillionären der Industrie die Juden heute, ebenso wie vor dem Kriege, einen weit geringeren Platz ein. Als der reichste Mann der Schwerindustrie wird, wohl mit Recht, Fritz Thyssen bezeichnet. Nähere Angaben über Krupp fehlen. Das Vermögen des Eisenindustriellen und Großhändlers Otto Wolfs, der übrigens mit dem Judentum nicht das geringste zu tun hat, und ebenso das von Wolffs jüdischem Sozius Ottmar Strauß bewertet Martin auf über 50 Millionen Mark. Einen anderen (nichtjüdischen) Großindustriellen, der heute zweifellos zu den reichsten Männern der Schluss des Artikels: Reventlows neueste Forderungen. Gras zu Reventlow möchte in seinem fanatischen Judenhaß möglichst gleich ganze Arbeit machen. Denn diese Forderungen berühren säst milde und erscheinen nebensächlich in Anbetracht der Tatsache, daß er weiter für die Beseitigung der bürgerlichen Gleichberechtigung der Juden vor dem Gesetz eintrat, und zwar „mit Rücksicht auf die Schändlichkeit und Schädlichkeit des Mischen Volkes". Der demokratische Abgeordnete und frühere Reichsinnenminister Dr. Külz antwortete aus diese Rede, deren Argumente zum Rüstzeug des finsteren Mittelalters gehörten, nur mit zwei Sätzen: „Man würde dem Grafen Reventlow zu viel Ehre antun, wenn man auf seine Rede eingehen würde. Ich antworte ihm nur mit einem Morte Kaiser Friedrichs III.: ,Der Antisemitismus ist die größte Schmach des Jahrhunderts!'" Mit diesen Morten erntete er lebhaften Beifall bei der größeren Mehrheit des Hauses. Ohne die Rede des nationalsozialistischen Abgeordneten Grasen Reventlow zu überschätzen und ihr eine Bedeutung zuzugestehen, die sie nicht hat, muß man doch seststellen, daß sie als bedenkliches Zeichen des durch die jüngsten Schwerindustrie gehört, Friedrich Flick, hat Martin ganz übergangen. Die Braunkohlenindustriellen Petscheck, die große Teile der mittel- und ostdeutschen Braunkohlenselder besitzen, werden aus mehr als 50 Millionen Mark geschätzt, Carl Bosch, der Generaldirektor der I. G. - Farbenindustrie, aus über 20 Millionen Mark. An erster Stelle unter den Chemie-Industriellen aber stehen noch die Frankfurter Brüder Carl und Arthur von Weinberg. Auch die Kunstseidenindustriellen Fritz Blüthgen (Vereinigte Glanzstoff-Fabriken) und Wilhelm Springorum gehören heute wohl zu der vordersten Reihe der Jndustriemillionäre. In der Elektroindustrie steht, auch den: Vermögen nach, Carl Friedrich von Siemens weitaus an erster Stelle. Nicht zu vergessen sind schließlich die Inhaber der großen Warenhäuser, wenigstens soweit sie noch, wie die Berliner Tietz und Wertheim, Familienunternehmungen sind. Gerade die Warenhausbesitzer gehören, nebenbei bemerkt, zu den größten städtischen Grundbesitzern und schon dadurch zu den reichster: Männern in Deutschland. Will man zusammenfassend die großen Vermögen in Deutschland eingruppieren, so ergibt sich, daß die Veränderungen gegenüber der Vorkriegszeit nicht so groß sind, wie es unmittelbar den Anschein hatte. Der (fast vollkommen nichtjüdische) Ländliche Grundbesitz stellt noch immer unter den Multimillionären ein beträchtliches Kontingent, auch wenn hier die Vermögensbildung stagniert. Die Industrie- Vermögen sind im Wachsen begriffen, doch sammeln sich bei dem verstreuten Kapital der Aktiengesellschaften nicht mehr so große Familienvermögen an, wie in den Jahrzehnten vor dem Kriege. Aber die neuen Industrien bringen doch auch schon wieder neuen, großen Reichtum heraus. Das Bankenkaprtal, das während der Inflation gegenüber dem Industriekapital stark ins Hintertreffen gekommen war, hat in den letzten Jahren eine kräftige Regenerationsperiode durchgemacht, wobei mehr neue Männer als in der Industrie sichtbar geworden sind. Das Handelskapital weist in ein paar Einzelfällen ebenfalls erhebliche Steigerungen aus, obwohl es in: ganzer: an Bedeutung verloren hat. lieber diese Feststellung, daß es bei einzelnen Juden wie Nichtjuden wieder große Vermögen gibt, darf die Tatsache nicht vergessen werden, daß der Mittelstand — und zwar gleichermaßen der jüdische, wie der nichtjüdische — nach den schweren Folgen des Krieges und der Inflation seine Verluste noch nicht wieder ausgeglichen hat. Wahlerfolge in Mecklenburg und Koburg erheblich gesteigerten Selbstgefühls der Nationalsozialisten zu werten ist. A. Ph. Gefängnisstrafe für Münchmeher. Vor einigen Tagen stand Münchmeyer vor dem Schöffengericht Mannheim, um sich wegen Beleidigung der Neichsfarben Zu verantworten. In der Verhandlung erklärte Münchmeher öffentlich, er habe „sein Pastorenamt freiwillig aufgegeben, um als freier deutscher Mann seinem Vaterlande in voller Unabhängigkeit dienen zu können". Daß dem nicht so ist, wissen die Leser dieser Zeitung besser, und wohl auch der Vorsitzende, der seine Ausführungen verschiedentlich als Unsinn bezeichnest. Münchmeyer wurde zu drei Wochen Gefängnis bzw. hundert Mark Geldstrafe verurteilt. In der Urteilsbegründung hieß es, daß er es im allgemeinen mit Geschick verstehe, mit allerlei Winkelzügen gerade noch an der Strafe vorbeizukommen. Münchmeher und seine Freunde benutzten die Gerichtsverhandlung, um in dem Eerichtssaal Karten für einen Vortragsabend des Herrn Münchmeher zn verkaufen, und er selbst lud wiederholt das Gericht und die Zuhörer ein, sich am Abend von seiner treudeutschen Gesinnung zu überzeugen. Das Gericht war aber erfreulicherweise genügend aufgeklärt. Smanuel Sheenwck. j Ein jüdischer Minister im Kabinett | MaeDonald. „Jede Staatskunst und jeder gesunde l Volksinstinkt nimmt Begabungen, wo er sie j t findet, die Franzosen in Napoleon einen Jta- \ * liener, die englischen Konservativen in j Disraeli einen Juden, der russische Adel und | < Klerus in Katharina II. eine Deutsche". I; Diese Betrachtungen stellt ein keineswegs | c philosemitischer Autor wie Spengler der Poli- | s tik der Völkischen gegenüber, die Realpolitik z s auf Raffegesühlen aufbauen möchten. Wie j \ klein, flach, beschränkt und unwürdig, meint z ( er weiter, steht neben dem englischen Satz j , „Right or wrong my country“ der deutsche j , „Juden hinaus". Spengler gibt englischer z , Staatsgesinnung den Vorzug, die „jeden! Fremden als Engländer anerkennt, wenn er j und solange er sich für die Größe Englands! mit seinen Talenten, Mitteln und Beziehungen einsetzt". Seit jenem Tag des Jahres 1828, da die Aeltesten der City os London beschlossen, den Juden das Bürgerrecht zu verleihen, hat Großbritannien bei der Besetzung auch seiner bedeutendsten nationalen Aemter niemals gefragt, ob der : Kandidat Christ oder Jude sei. Schon zwanzig Jahre nach der Gewährung des Bürgerrechts saß der erste Jude Benjamin j ( Disraeli (Lord Beaconssield) als Schatzkanzler im Ministerium des Earl of Derby, und wenige Jahre später bestieg er den Sessel des f Ministerpräsidenten. Später war Sir Alfred j Mond (Lord Melchett) Minister im Kabinett j Lohd Georges, Sir Rufus Isaaks (Lord j Reading) war Vizekönig von Indien und f Finanzminister, der konservative Sir Philip 1 Sassoon Unterstaatssekretär im Luftfahrt- \ Ministerium, Lord Bearsted, der Bruder Sir j Herbert Samuels, war Lordmahor von Lonj don. Während wohl die Mehrzahl der engj lischen Staatsmänner jüdischer Abkunft den | seit Generationen hoch angesehenen und | reichen jüdischen Familien (Rothschild, Monj tagu, Sassoon, Mond, Bearing) angehöron, z sind hier auch Fälle nicht selten, wo Person- } lichkeiten im wahrsten Sinne des Wortes aus j der Tiefe aufstiegen, wie Lord Reading, der | seine Karriere als Schiffsjunge begann, Lord f Bearsted und Sir Herbert Samuel, die in j Whitechapel geboren waren. j Während jedoch diese Männer alle ge- | borene Engländer waren, ist jetzt ein nicht j in England geborener, sondern erst später j naturalisierter Bürger jüdischer Abstammung k Minister geworden. Emanuel Sheenwell, der j bereits früher als Labour-Parky-Abgeordj neter dem ersten Kabinett MacDonalds anj gehört hatte, ist von MaeDonald auch in sein I neues Kabinett als Minister ohne Portefeuille j wie Lord Arnold und Mosley übernommen jj worden. Der gegenwärtig im 44. Lebensjj jahr stehende Minister ist der Sohn eines Z Flickschusters aus Lodz; in seinem vierten I Lebensjahr sah sich seine Familie gezwungen, J infolge Arbeitsmangels nach England auszu- I wandern. In Whitechapel besuchte er die! staatlichen Schulen, wurde bereits in jungen 1 Jahren Mitglied der Labour-Party und erß hielt wichtige Parteiämter. Im jetzigen Ka- E binett hat er das Referat für die Kohlen- { gruben und die Montan-Jndustrie. Man | rühmt dem neuen Minister nach, daß er j trotz seiner Naturalisierung in England nicht { nur den: Glauben, sondern auch den Tradi-! tionen seiner Väter treu geblieben sei und den f Zusammenhang mit seinen Verwandten in f Polen gern ausrechterhält. f Diese Vorurteilslosigkeit gegenüber den j verdienten englischen Bürgern jüdischen Glau- I bens läßt den Ausspruch des bekannten Polij tikers Lord Birkenhead verstehen, der in Ab- | ändernng des Wortes: „Jedes Land hat die i Juden, die es verdient", meinte, „Großbritan- 8 nien verdient gute Juden, und es hat sie auch 8 im großen und ganzen bekommen." W. R. 1