Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 27 (5.7.1929)
- Date
- 1929-07-05
- Page
- Seite 353 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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Hinter dem jugendlichen Manasse Friedländer, der zwer Leben auf dem Gewissen hat, haben sich die Gefängnismauern geschlossen, und sie werden sich erst - nach sechs Jahren wieder auftun — wenn nicht eine Revision das Urteil ändert oder Gnade seine Vollstreckung abkürzt. Die Millionen Gehirne der Oeffentlichkeit durchmessen Zeiträume, durchfliegen sechsmaligen Wechsel der Jahreszeiten, und versuchen eine Vorstellung von dem zu gewinnen, was sechs Jahre Gefängnis aus Manasse Friedländer gemacht haben werden. Und ein Frösteln beim Gedanken an die armseligen Mittel, mit denen die Menschen die Gesetze ihres Zusmnmenlebens verteidigen müssen, geht durch die Glieder. Nicht die Schauerlichkeit der Tat der Bruder- und Freundestötung war es, welche die öffentliche Anteilnahme erregte. Auch nicht das | Milieu, dem die Tatsache der ausländischen 8 Herkunst nur wenig Unterschiede gegenüber der 8 üblichen Welt bürgerlicher Wohlhabenheit aus- Jj prägte. Es war die Enthüllung eines seelischen 1 Verhängnisses von erbarmungsloser Schwere, das diejenige Spannung zwischen Schulderkenntnis und Mitleid auslöste, die.für eine Prozessuale Sensation bezeichnend ist. Die unerbittliche Konsequenz, mit der aus unbedeutenden, ja lächerlichen Anlässen, wie kindlichen Balgereien und brüderlichem Wettstreit, sich Verzweiflung und Bluttat ergaben, griff die Nerven an. Und das auf Tiefenpsychologie und Kindheitserlebnis gedrillte öffentliche Bewußtsein geriet in Aufruhr. Es konnte nicht ausbleiben,' daß in der Prozeßberichterstattung der Rechtspresse Religion und Abstammung des Angeklagten eine Rolle spielten. Konnte man aber beim besten Willen zwischen Judentum und Brudermord keinen einleuchtenden Zusammenhang feststellen, so hielt man sich bei der Kritik der Verhandlung und des Urteils schadlos. Auch war die „Deutsche Zeitung" sich nicht zu gut dazu/die glücklicherweise vereinzelte und höchst uncharakteristische Schreckenstat fünfviertel Jahre nach dem Krantz-Prozeh zu Seitenhieben auf die östlichen „Schmarotzer an unserem guten Ruf" zu benutzen. Auch an anderer Stelle wurden die „Technik" der Verhandlung, die Haltung der Presse und die Höhe des Strafmaßes als „Justizerweichung" bezeichnet und politischen Beweggründen zugeschoben. Aber die Ernte der Judenriecher war trotz alledem gering; denn selten haben die Besonderheiten der jüdischen Umwelt in einer ostjüdischen Familie eine so geringe Rolle gespielt wie in dieser Familientragödie. Manasse habe mu jüdischen Ritual gehangen, hörte man beiläufig. Er sei jähzornig geworden, wenn man es nicht beachtete. Hier scheint ein religiöser Inhalt dieser „gnadenlosen" Seele sichtbar zu werden. Aber gleich darauf wieder hat sie das einfach menschliche Geschehen, das Schicksal des vom Leben und von der Umwelt zurückgesetzten Schwächlings, verhüllt. Vor einiger Zeit ging ein modernes Drama über die Bühne „Ton in des Töpfers Hand" von D r e y s e r, das in ähnlichem Milieu spielte. Auch dort ein Kriminalfall, ein Mord in einer ostjüdischen Familie. Auch damals hatten wir Anlaß, die jüdische Eigentümlichkeit des dramatischen Geschehens zu leugnen. Und es bedeutet kein Zurückweichen von dieser Auffassung, wenn wir eine Tatsache hervorheben, die beide Begebenheiten gemein haben, die erdichtete und die erlebte: in beiden Fällen bildet die schwer getroffene Familie eine Einheit des Leidens und der Abwehr. In Dreysers Drama stand sie Glied für Glied ein für ihr eigenes Unglück, den entarteten Sohn. In der Tragödie Friedländer öffneten sich die Arme der Eltern dem unglücklichen Sohne, dem sie bis zur Tat verschlossen waren. Was der Dichter bei Juden am sichersten voraussetzte, das hat sich in einerjüdischen Fannlie bewahrheitet: der schon fast sprichwörtliche jüdische Familiensinn; aber das ist auch das einzig spezifisch Jüdische an diesem Prozeß Manasse Friedländer. Dr. Eva Jungmarrn. Reventiows neueste Zoröerungen. In der Reichstagssttzung am 26. Juni 1929 kam es zu schallenden Heiterkeitsausbrüchen der Abgeordneten und Tribünenbesucher, als der nationalsozialistische Abgeordnete Gras zu Reventlow bei der dritten Lesung des Etats wieder einmal sein antisemitisches Steckenpferd ritt. Nicht endenwollendes Lachen bei allen Parteien, links und rechts, zeigte dem Grasen, daß man ihn nirgends ernst nahm, als er eine äußere Kenntlichmachung der Juden forderte. Wie er sich das dachte, verriet er nicht. Anscheinend stand ihm der mittelalterliche Judenfleck als begehrenswertes Ziel vor Augen. Außerdem verlangte er, man solle den einzelnen Juden nicht mehr mit „Herr", sondern mit „Jude" anreden, eine Bezeichnung, die dem Namen eines jeden Juden voranzusetzen sei. Männer aber, die im öffentlichen Leben stehen, sollten, auch wenn sie dem Judentum angehören, vor den: Titel als Jade gekennzeichnet werden, also z. B. „Ter Jude Finanzminister Hilferding", und der „Jude Reichstagsabgeordneter Bernhard" usw. (Fortsetzung dts Artikels auf Seite 354.) I!!!!!I!I!!III!!II!III!IIII!II?IIIIIIIIIIII!III!I!IIi!III!II!I!!iIIIIII!!!II!IIIII!!II!!I!IIIsI!IIIIIIIIIIIIIIIl Seite 356: Dr. Friedridi Brodnitz: Die Wahlen zur Jewish Agency. — Seite 357: Stefan Zweig: Persönliche Erinnerungen an Theodor Herzt. M Mll WWW. Von Dr. Richard Lewinsohn. Rudolf Martin, der vor dem Kriege die interessanten „Jahrbücher der Millionäre" herausgegeben hat, stellt in „Westermanns Monatsheften" (Mai 1929) eine Untersuchung darüber an, rnie sich die großen Vermögen in Deutschland gegenüber der Vorkriegszeit verändert haben. Martin, der zweifellos einer der besten Kenner auf diesem Gebiet ist, muß sich freilich jetzt auch mit ziemlich vagen Unterlagen begnügen. Er stellt die Vermögenssteuerstatistik von 1913 der vom 31. Dezember 1923 gegenüber. Inzwischen ist das Statistische Reichsamt trotz des langsamen Tempos der Steuerstatistik bereits bis zum Jahre 1925 vorgedrungen. Allerdings wird die Statistik der großen Vermögen immer mysteriöser. Während es am Ende der Inflation doch noch auf Grund des versteuerten Vermögens 3917 Millionäre gab (gegenüber 15 547 unmittelbar vor dem Kriege), werden im Jahre 1925 von der Steuerbehörde nur 2335 Millionäre gezählt. Wenn auch in der Zwischenzeit dieser und jener, der am Ende der Inflation Millionär war, der Deflationskrise zum Opfer gefallen ist, so müßte man doch annehmen, daß allein schon durch die Wertsteigerung des städtischen Grundbesitzes die großen Vermögen eher zuals abgenommen haben. Besonders auffallend ist das „Millionarsterben" in den Industriegebieten. In Essen, wo früher allein Krupp mit einem Vermögen von 187 Millionen Mark aufwarten konnte, wurden 1925 nur noch 16 Millionäre mit einem Gesamtvermögen von 92 Millionen gezählt. Mühlheim, die Stammburg der Thyssen und Stinnes, birgt zur selben Zeit noch 7 Millionäre mit nicht mehr als 47 Millionen Mark Vermögen, und Düsseldorf, die neue Verwaltungs- Zentrale der Schwerindustrie, soll sogar nur 35 Millionäre mit nur 78 Millionen Mark beherbergen. Dieses Zusammenschrumpfen der großen Vermögen darf man doch wohl in erster Linie auf die Verfeinerung der Steuerdeklaration zurückführen. Im übrigen sind diese Ziffern, die das Statistische Reichsamt mit mehr als dreijähriger Verspätung jetzt veröffentlicht, allein schon durch die Kurssteigerungen der Jndustrieaktien seit 1925 weit überholt. Rudolf Martin hat also recht, wenn er nicht, wie er es vor dem Krieg getan hat, sich auf genaue steuerstatistische Analysen einläßt. Es wäre vergebene Liebesmüh, wenn man damit versuchen wollte, der Wahrheit auch nur nahezukommen. Statt dessen nennt er, ohne in den meisten Fällen anzugeben, worauf sich seine Schätzungen stützen, eine Reihe von Millionenvermögen, die wir, mit Vorbehalt wiedergeben