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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-28 · 26 (28.6.1929) · p. Seite 345

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
26 (28.6.1929)
Date
1929-06-28
Page
Seite 345 (sequence 5)
Language
German
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.L'n.,_^r„, ..—.. Vor Kofierschluss / gisrRei“ Nun ist alles gebügelt und geschniegelt, auf den Betten liegt bereit, was Sie einpacken werden, und die tausenderlei Kleinigkeiten, die Sie aus keinen Fall vergessen dürfen. Die Koffer sperren ihre Rachen aus — aber was werden Sie tun, meine Gnädigste, wenn Sie im Coups sitzen, wenn die Landschaft draußen leer und öd und ghr holdes Visavis sich als ein schnarchendes Ekel entpuppt, und -ic konnten keinen Eckplatz bekommen? Und was werden sie tun, ivenn es am zweiten Tag Ihrer Sommerfrische regnet? Und wenn cs nicht regnet? Sie werden im Licgestuhl oder im Strandkorb, im Sand oder auf einer Wiese, im Wald oder i>n Garten sitzen und — Sie haben die Bücher vergessen, meine Gnädigste. Ja, ja, gestehen Sie. die Bücher, aber welche Bücher? Und, sagen Sie. gute Bücher wollen Sie lesen, schöne Bücher, die Sie angehen, nichts Altes, nichts Langweiliges, Nun, meine Gnädigste, das Allerneueste ist Columbus, zweimal Columbus. Er sei Jahrhunderte tot, meinen Sie? Aber hörten Sie je davon, daß Columbus vielleicht ein Jude war? Und sagten Sie nicht, daß Sie Biographien so gern lesen? Dann lesen Sie Jakob Wassermanns Cvlumbus-Buch und wenn das Leben jenes vielleicht jüdischen Spaniers oder Geiiuescn, der über eine neue Welt gu stolpern das donguichotteske Schicksal hatte, Sic nicht hinreißt, so sicherlich die glanzvolle Darstellung des Erzählers. Wassermann zu lesen ist inimer ein unkrübliches Vergnügen, und wenn Ihnen seine nerie Gabe nicht genügt, so sei Ihnen seine Erzählung „Golowin" aus der Reihe seiner vielen schönen Bücher von neuem empfohlen, und wenn Sie mehr von ihm, dem Zeitgenossen, nassen wollen, so lesen Sie das Werk „Lebensdienst", die wesentlichen Aeußernngcn dieses wesentlichen Mitlebenden, und wenn Sie offene Augen haben, so finden Sie auch hier, was Sie suchen: Wassermann über W a s s e r m a n n. Das andere Columbus-Bnch'ist ein Roman von Jbanez. VIeente Blasco Ibanez war ein Spanier, stolz und aufrecht, dabei voller Kunst und Charme, und diesen Roman hat er im vorigen Jahre Golf- 1 Hotel ,SONNENBICHL1 GAK MISCH Haus I. Banges, direkt am Wald und See. Pension JIM 11— bis 18,- Nachmittags und abends Konzerte. / Tennisplatz / Garage Wasckräume / Garagenmeister. Golfplatz - Eröffnung August, Boxen sterbend vollendet, nachdem er jahrzehntelang Vorstudien über Columbus getrieben. Der neue spanische Nationaldichter war also entschieden Prädestiniert dazu, den Roman des spanischen Nationalheros zu schreiben, überdies, glaube ich, wird Ibanez jetzt in Deutschland Mode werten, nachdem er es in der übrigen Welt längst ist. Hier kannte man bis in die letzte Zeit, kaum sein Kriegsbuch „Mare nostrum", obwohl man es als ein Hetzwerk viel befehdet hat. Es ist allerdings ein Hetzroman, aber nicht gegen Deutschland, sondern gegen keinen geringeren Feind als den Krieg selbst, dazu ist es eine überaus schöne Dichtung. Wie hätte auch Jbanez, dessen harter und tapferer Lebenskampf den herrschenden Mächten galt, der ein Freiheitsapostel und vornehmer Sozialist war, ein Freund des Mordens sein können! Lesen Sie also mitten in der Mode der Kriegsbücher neuester Produktion diesen „toten" Spanier. Und nicht nur diesen Spanier. Jbanez hat auf seine Art, in der sich melodische Gefälligkeit und unscheinbare, aber eindringliche Charakteristik zur großen Linie vereinen, den klassischen Stierkampfroman „Die Arena" geschrieben, und sein junger Landsmann Ramon Gomez de la Ser na hat uns ein jungimpressionistisches Pendant dazu gegeben, worin sich bei der natürlichen. Geschichte vom Aufstieg und Untergang' der Toreros die entzückendsten Bonmots finden, wie dieses: „Er trug Coteletten, so daß sein Gesicht wie in AnführnngszeickM stand", oder: „Auf der Straße lagen nur Krautstrünke, wie Knochen für einen vegetarischen Hund". Aber vergessen Sie, meine Gnädigste, bei so geistvoller Unterhaltung nicht den größten lebenden Spanier, Von Miguel de Unamuno, der ein Phänomen ist an Ernst und Esprit. Ich weiß Sie vorurteilslos genug, um Ihnen diesen Romancier anzuvertrauen, obschon er Professor der Philosophie und Rektor der Universität von Salamanca war, bis der spanische Diktator ihn, den alten Herrn, zu gefährlich jung und zu geistvoll bedeutend fand, um ihn im Lande zu dulden. So erging es ihm wie Jbanez, das iberische Vaterland verbannt seine Besten, und die größten Liebhaber und die feurigsten Freunde der Heimat werden fern von ihr sterben. Aber ich weiß, daß auch Sie ein göttliches Vergnügen finden werden an der Lebendigkeit, mit der Unamuno seine handelnden Personen konsequent werden läßt. So konsequent, daß ihm seine Figuren lebendiger, wirklicher werden als er selbst, und daß sein Held im „Nebel" vor dem Selbstmord ihm, seinem Erzeuger Miguel de Unamuno, die Alternative stellt: Wenn einer sterben soll, dann besser du, der Autor, als ich, angeblich deine Figur. Geistige Abenteuer, große Unterhaltung — ich beneide Sie um diesen Sommer, um die Stille und Fülle, die Ihnen winkt. Wenn Sie aber mehr Trubel wünschen, einen Erdball voll Tumult, Traum und Gefahr, ferne Länder und fremde Menschen, so lesen Sie Jack London, lesen Sie Kipling und Joseph Conrad. Ziehen Sie mit dem kleinen „Kim" durch Städte und Basare, über die Landstraßen von Indien, rasen Sie durch Eis und Schnee von Alaska, im Schlitten hinter vierzehn Hunden, taumeln Sie mit in den Goldrausch des Nordens und in die tiefe, glanzvolle Stille der Südsee, fahren ^ie aus den sieben Meeren mit Conrad zur armen Freya von den sieben Inseln — welch eine Welt! Welch zauberhafte Fülle, welch Reichtum von Gestalten! Joseph Conrad ist ein gebürtiger Pole, der zu Schiffe ging und als erwachsener Mensch erst englisch sprechen lernte, und ist doch heute fast ein klassischer Typ der englischen Literatur. Rudyard Kipling begann als Reporter in kleinen hinterindischen Zeitungen. Jack London war Arbeiter, Matrose, Austernräuber. Sie alle wie ihre nun lange vergessenen geistigen Ahnen, Melville, Stevenson, waren in allen Bezirken des Lebens und der Erde bewandert und befahren, keine Schreibtischseelen, sondern ganze Kerls, die einen unendlichen Lebenshunger gestillt haben, bevor sie zu schreiben begannen, und sie werden ein Stück Leben auch Ihnen geben, ein gutes Stück, ein tolles, lustiges, gefährlich schönes Stück der fleißigen Leserin. Erst haben sie gelebt, erlebt, das ist ihr großartiger Vorzug, denn, singt Kipling, „so fing alles an, meine Lieben/und so sing alles an". Es regnet, meine Gnädigste, und wenn Sie wieder heimkommeu werden aus der Sonnu erfrische, so wird es anfangen, Herbst zu sein. Die Blätter werden bunte Totenkleider anziehen, in berauschenden Nebergangssarben, aber was werden Sie von den Blättern merken? Es wird wieder der städtische Trubel um Sie sein, in dem man untertaucht, ob man will oder nicht, Theater, Kino, Konzerte, Tonfilme, Gesellschaften und so viel Lärm um nichts. Werden Sie den Sommer vergessen, wie man alle Sommer vergißt? Es wird Herbst sein, wenn Sie wiederkehren, und wer Ihnen jetzt Rosen brachte, wird die späten Blüten bringen müssen, Astern und Dahlien. Darf ich offen sein, meine Gnädigste? So muß ich gestehen, daß ich ein wenig bedenklich bin und auch etwas eifersüchtig. Schon weiß ich nicht mehr, ob es recht von mir ist, Sie mit so vielen schönen Büchern in die stille Ferne, in den Sommer ziehen zu lassen. Nicht, daß ich diesen Büchern nicht gönnte, von Ihnen gelesen zu werden, nicht, daß ich fürchtete, mein Geschmack würde dem Ihren nicht entsprechen, nein, das ist es nicht, aber mich erschreckt der Gedanke, daß Sie diese — lassen Sie mich sagen: — meine Bücher mit einer gewissen Eile lesen werden, verschlingen werden, bloß weil es Sommer ist und weil Sie verreist find und weil Sie außer dem Lesen nicht gar viel zu tun oder zu versäumen haben werden. Lachen Sie mich darum nicht aus, lächeln Sie nicht, meine Gnädigste, wenn ich Sie nun bitte: lesen Sie mit Leiden Augen, halten Sie beide Augen offen, lesen Sie mit dem Herzen, meine Gnädigste. Wie billig wäre es, wollte ich sagen, daß es für die Autoren eine langwierige Arbeit war, die vielen Seiten zu schreiben, die Sie in hastigen Minuten ablefen oder überschlagen. Nein, langwierige Arbeit ist auch die Beschäftigung minderer Leute und Tierchen, aber was sie im Buche vielleicht überschlagen und damit erschlagen, ist vielleicht ein Stück Leben, leidendes, mühseliges, doppelt gelebtes Leben. Vergessen Sie nicht: Dichter, zumal solche, sind wie Gott; ihnen liegt es ob, aus dem Nichts ihrer selbst und ihres Erlebens jedesmal eine ganze Welt noch einmal zu schassen, und Sie wissen ja, was es bedeutet. Lebendiges in sich zu tragen und zur Welt zu bringen, zu nähren und wachsen zu lassen, aufzuziehen und zu bilden. Und wenn Sie Jack Londons hinreißende und bis in den Tod hingerissene Selbsterziehung „Martin Eden" gelesen haben, so halten Sie ein wenig inne. Jack London ist sehr jung gestorben, und Martin Edens Schicksal ist nicht ohne Schuld, nicht ohne unsere und Ihre Schuld so herzerregend. Weil ein Stück von Ihnen in jedem großen und schönen, wahren Leben ist, lesen Sie Biographien so gern, und wenn Sie die Biographien von Andre M a u r o i s lesen, den „T^Jsraeli" und das Shelley-Buch „Ariel" von diesem König der Biographen, so bedenken Sie eins- Maurois hatte in vielen Jahren einen Shelley-Roman geschrieben und immer wieder umgeschrieben, und niemals war es der Shelley-Roman, den er hatte schreiben wollen. So begann er von neuem und begann eine Shelley-Biographie; sie ist romantischer, spannender und fast edler geworden, als ein Roman es hätte sein können. Denn der Zauber des großen Lebens ist ja immer der Zauber des großen Buches, und da man im allerletzten Grunde nur sein eigenes Leben schreibt, wessen Leben man auch schreibt, und da man im allerletzten Grunde nur sein eigenes inneres Leben liest, wessen Leben man auch liest, darum ist Ihr Leben so gefangen in diesen Büchern. Noch ein paar Kleinigkeiten habe ich auf dem Herzen, meine Gnädigste. Wenn Sie Pausen machen wollen und Zwischenaktsbücher ernstreuen, kleine Perlen, so nehmen Sie Paula Epsteins „Briefe an die tote MutterNehmen Sie auch Georg Hermanns „Zeitlupe", um zu erstaunen und sich zu freuen, wie dieser reizend gefällige Schriftsteller den sanften Vorhang der Historie zur Seite schiebt und hell und wach die Gegenwart betrachtet. Ganz ohne müde Resignation, zuweilen mit ätzender Schärfe seziert er Miß-

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