Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 26 (28.6.1929)
- Date
- 1929-06-28
- Page
- Seite 346 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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34ö G. GeoMev Spk?ialh6us für feine Herren-Wüsche, LriKotagrn usw. BERLIN W CHARLOTTENSTRASSE 65 FERNSPRECHER: MERKUR 6330 stände im heutigen Deutschland und bekennt sich zu einer vernünftigen, gütigeren Lebensordnung. Lesen Sie auch des Malers I eh udo E P st e i 11 Erinnerungen, allerdings müssen Sie kleine Seitensprünge übersehen können, denn Epstein Plaudert manchmal nicht ganz echt aus der jüdischen Schule. Aber sein „Weg von Ost nach West", von Sluzk nach Wien ist schon bemerkenswert und typisch als ein Weg aus der Enge erstarrter, oft auch reizvoll gesehener Traditionen in eine gewisse Weite und Freudigkeit des Europäertums. Schalom A s ch hatte im Grunde einen weiteren Weg, aus dem alten russischen Ghetto nach Amerika. Aber er scheint tiefer verwurzelt, und so fanatisch sein Haß gegen den „Gott der Rache" schien, so wenig kam er eigentlich von seinem Ausgangspunkte los. Sein Weg von Ost nach West blieb wenigstens thematisch ein Lausen im Kreise, nur gilt sein Wort jetzt längst keinem Gotte mehr, sondern der Unmenschlichkeit menschlicher Einrichtungen, dem menschenfressenden Moloch amerikanischer Industrie, von derem Hintergründe sich das wehmütige Schicksal der jüdischen Mutter und des Einwanderers mit. dem Traum von Glück abhebt, manchmal rührend wie östliche Volkslieder, manchmal wie im Kino. Und nehmen Sie auch den Roman eines unbekannten Mannes, der Richmond A. B a r r e t t heißt, und das Buch heißt „Vor den Toren der Feinde." Er ist wohl ein paar Worte wert, zumal sie ihm in unseren: etwas frostigen Lande keiner zu gönnen scheint. Das Thema: Mischehe, letzten Endes aber die Mühe zu leben überhaupt/ ist wichtig, und Zeitnah genug; es wird in Barretts „Bor den Toren der Feinde" tragisch behandelt und seit dem Buche weiß ich, daß es anders nicht ausgenommen werden kann. Die Art der Behandlung, wenn es erlaubt ist, die Plastik und die hohe Schute der Charakterisierung. bei einem thematisch guten Werke vorauszusetzen, erschien mir so, als hätte ein alter Mann seine Erfahrungen in diese Erzählung extrahiert und komprimiert, also ähnlich einem Testament, einer Lebensbilanz. Ich versuchte nun zu erfahren, wer dieser alte Herr sei, was er in seinen: Leben sonst getan habe und dies und das, denn ich war überzeugt, hier sei ein einziges Buch und der Autor würde nie wieder eins schreiben. Es gibt ja solche Bücher, die ein ganzes Leben sind und darum die einzigen Kinder ihres Vaters bleiben müssen. Aber ich konnte über den alten Herrn nichts erfahren, keine Zeitung hatte über ihn geschrieben, die üblichen Daten, Lebensläufe und Anekdoten waren nirgends aufzutreiben. Schließlich aber gelang es mir, ein Bild des alten Herrn zu bekommen, und der alte Herr entpuppte sich darauf als ein junger Mann, freundlich, hübsch, melancholisch große Augen, rin junger Mann von höchstens süw undzwanzig Jahren*). Daraufhin habe ich das Rätselraten ausgegeben und das Buch noch einmal gelesen. Und wenn es sehr regnet, gnädige Frau, so tu:: Sie desgleichen und Sie werden es nicht bereuen. Und wenn Sie heimgekehrt sein werden, und wenn ich Ihnen Astern und Dahlien bringen muß. anstatt der gelben Rosen, dann sprechen wir uns wieder. Die Juden in Nuhlcmd. lieber die Gründe, die zur Entstehung der russischen Revolution geführt haben, sind viele Schriften entstanden. Aber kaum eine legt die Ursachen so klar auseinander, schildert aus Grund vieler neuer Quellen und vor allem aus eigener Anschauung diese Katastrophe so klar, wie das vor einiger Zeit erschienene Buch des bekannten russisch-deutschen Schriftstellers M i ch a e l S m i l g - B e n a r i o „D e r Z u s a m m e nb r u ch der Zaren m o n a r ch i e" (Amalthea-Verlag, Zürich, Leipzig, Wien). In seinen: Werk beschäftigt sich Smilg-Benario auch an vielen Stellen mit der Lage der Juden Rußlands während des Weltkrieges. Er zeigt uns, wie sie sofort nach Ausbruch des Krieges bei den Niederlagen der russischen Heere als Verräter gebrandunrrkt wurden, und schildert uns die entsetzliche Leidenszeit der jüdischen Bevölkerung, die ohne Unterschied des Geschlechts aus vielen Gebieten vertrieben wurde. Das alles geschah trotz der Treue, die die Juden gegenüber Rußland bekundeten, und ihrer Bereitwilligkeit, auf den Ruf des Zaren die Ehre des Landes zu verteidigen. Erst als es Zu spät war, lenkten auch die russischen Machthaber ein. So war es General Kurlow, einer der nächsten Mitarbeiter Proto- *) Die Bücher von Jakob Wassermann, Josef Conrad und „D'Jsraeli" von Andra Maurois sind bei <5. Fischer (Berlin) erschienen, die Bücher von V. B. Ibanez bei O r e l l F ü ß l i (Zürich), „Torcero Caracho" von R. G. de la Serna bei Weller u. Co. (Leipzig), Kiplings Werke bei Paul L i st (Leipzig), Jack London bei Universitas, Deutsche Verlags -A-G. (Berlin), Unamuno bei Meyer u. Jessen (München), Maurois' Shelley- Buch im Insel-Verlag (Leipzig), Paula Epsteins Briefe und Jehudo Epsteins Erinnerungen bei E n g e l h o r n (Stuttgart), Schalom Aschs Romane bei R. Löroit (Wien. Berlin) und der Roman von Varrett in der Reibe „Romane der Welt" bei Th. K n a u r (Berlin). Alle diese Bücber können auch durch Philo- V e r l a g und Buchhandlung G. m. b. H., Berlin SW 68, Lindenstraße 18, bezogen werden. Popows, der 1917 die vollständige Gleichstellung auch der Juden verlangte. Natürlich umsonst. Das Geschick nahm seinen Laus. Sunlg-Venario schildert uns sehr anschaulich (unterstützt von ausgezeichneten Bildern), wie der Zusammenbruch der Zarenmonarchie erfolgen mußte. K. Z. Essaps von Krmolö Zweig. Arnold Zweig: Herkunft und Zukunft. Zwei Essays zum Schicksal eines Volkes. Phaidon-Verlag, Wien. (1929.) In einem schmalen Band sind zwei Essays vereinigt: „Das ostjüdische Antlitz" in:d „Das neue Kanaan". Beide stammen aus früherer: Jahren (1919 und 1924) und treten nun „vereinigt und verwandt", im wesentlichrn unverändert, vor die Welt, damit sie, wie ihr Verfasser sagt, „ihre Ausgabe weiter erfüllen mögen: zu wirken, sei es als Weckruf, sei es als Erinnerung. . Aus der Betrachtung von BildernI leise anhebend, mit zarter Rücksicht forscherld und deutend, schwingt sich in glühender Beredsamkeit Bekenntnis und Apologetik zugleich empor: schönstes Bekenntnis eines Westjuden zu seinen ostjüdischen Brüdern, stärkste Verteidigung ihres Seins und Wesens, das er aus liebevoller Kritik heraus, aus dem Gefühl generationenalter Entfernung und Verbundenheit zugleich ganz zu erkennen, und den: er darum ganz gerecht zu werden vermag. Und ans der gleichen naturhaften Verbundenheit zum Jüdischen entstand das von hinreißender Hoffnung getragene Bekenntnis des Dichters zum Zionismus: „Das neue Kanaan". Es geht wie ein Ausatmen durch diese Blätter, die im Gegensatz zu der engen, bedrückenden Welt des Ostjuden eine neue, lichte, beglückende Zukunft malen. Unnötig, in dieser Zeitschrift zu betonen, daß wir uns die Zukunft des deutschen Juden anders vorstellen, unnötig zu erklären, daß wir den Zionismus grundsätzlich ablehnen. Dieser Unterschied der Anschauungen kann uns nicht hindern, das Buch eines Dichters vom Range A r n o l d Zweigs vorurteilslos zu betrachten. Kaum ist je Schöneres gesagt worden über die Hoffnung auf Erneuerung des jüdischen Menschen, auf seine „Remediterranisierung", wie der Dichter es nennt, über die Anpassung des Juden cm die neue Landschaft und seine Verwandlung durch sie; nie ist mit mehr Einfühlung die Revolution der jüdischen Jugend, ihre Freiheitssehnsucht, ihr Radikalismus behandelt worden. Dennoch wäre es nicht gerechtfertigt, wenn der bürgerliche Zionismus, der in Deutschland in der zionistischen Bewegung den Ton angibt, den Dichter Arnold Zweig ohne weiteres als ihren Parteigänger beschlagnahmte. Dem Dichter fehlt die rein nationalistische Einstellung. Ihm ist nicht die Hauptsache, daß eine jüdische Nation sich etabliert, sondern ihn interessiert, in welchem Zeichen, in w e l ch e r G e s i n n u n g dies geschieht. Wesentlich ist ihm, daß die Erneuerung des jüdischen Volkes den „unverfälschten Inden" ermögliche, und daß der Aufbau des Landes in sozialistischem Geiste, jedoch nicht in krampfhaftem Festhalten an einen: „dreimalheiligen Programm", sondern in der Vielfältigkeit, die „wahre Demokratie" zuläßt, vor sich gehe. Dem Dichter fehlt vor allem die vorschriftsmäßige nationalistische Ueberheblichkeit! Was Zweig über die Arabersrage schreibt, kann gar nicht oft genug zionistischen Lesern vor Augen geführt werden. „Nur unter den: Beifall der Araber Palästinas" wird das nationale Heim der Juden entstehen können (S. 217). Mit scharfer Ironie wendet sich der Dichter gegen den „Legionsmilitarismus", der sich in: neuen jüdischen Palästina auszubreiten droht, und gegen die Verkennung der Existenz einer arabischen Kultur: „Ist diese gänzliche Beiseitesetzung aller arabischen Empfindungen, die sich in gewissen Kreiser: drüben findet — im Okzident richtet sie nur Maulschaden an —, eines Volkes würdig, ja, darf sie überhaupt laut werden? —, das seit zwei Jahrtausenden von allen Völkern der Erde Atemsreiheit für seine eigene Art erlangen, mit allem Recht der Welt erlangen will?" In einem sehr bemerkenswerten Nachwort, nüt dem der Dichter den Essayband beschließt, kommt diese sozialistisch^pazifistische Tendenz noch stärker Zum Ausdruck. Zwei g gibt darin eine gewisse Veränderung seines Verhältnisses zun: Zionistischen Problem zu. Bei unveränderter zionistischer Ueberzeugung hat sich sein Interesse von der nur jüdischen der allgemein menschlichen Seite stärker zugewandt. Er ist heute mehr Sozialist als Zionist, d. h. er ist zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Verwirklichung des zionistischen Ideals abhängig ist von dem Vordringen der sozialistischen und pazifistischen Ideen: „Wir sehen heute die jüdische Sache eingebaut in die Sache der weißen Menschheit. Entweder siegen die Strömungen der Verbundenheit, der Solidarität und der Verhinderung von Gewalttaten, oder die reaktionären Kräfte siegen, die mittels Gewalt die bestehende Verteilung des Reichtums der Erde sesthalten wollen .. . Das Schicksal der Juden wird gelöst werden nur im Zusammenhang mit diesen Strömungen, nur getragen von der großen Flutung der Menschheit nach links." (S. 230.) Dr. Margarete Wiener, 9 Die Zeichnungen und Lithographien von Hermann Struck, deren Betrachtung dem Dichter zum Anlaß diente und die den Essays früher beigegeben waren, fehlen in dieser Ausgabe. Jetzt sind sie geschmückt mit Bildern von Max Sieber mau«, Mare Chagall, 2 io ne l Reisz, A. Kosloff und Joseph Budko und mit Photographien aus Palästina, von denen übrigens die Mehrzahl nicht das neue Kanaan, sondern das Leben des alten Jischuw zeigt. Lc Le #