Von deutsch-jüdischer Jugend
- Journal
- Von deutsch-jüdischer Jugend
- Volume
- 5 (1929)
- Issue
- 6 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- Seite 18 (sequence 2)
- Language
- German
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16 Im übrigen wollen wir die wichtigen Erörterungen über die von Gerson angeschnittenen Fragen hier fortsetzen und uns durch keinerlei „nationaldeutsche" oder unjüdische Betrachtungen darin stören lassen. Die Frage ist uns zu ernst, das Judentum zu lieb und zu wertvoll. Zur Aussprache über Gersons Aufsatz Von Hans Jolowicz (Hamburg) Der Nationalismus ist heutzutage in Mißkredit gekommen. Und sicher ist er es, wenn engstirnig, häßlich und lächerlich. Aber das selbstverständliche Nationalgefühl etwa der breiten Massen des Volkes hindert doch nicht ein Menschheitsgesühl, das auch jenseits der Grenze wirkt. Wobei ganz dahingestellt bleiben mag, ob nicht der Nationalismus überhaupt nur die augenblicklich gegebene, augenblicklich beste Lösung ist. Aber das steht fest: wer wirklich Deutscher sein will, der muß dieses deutsche Nationalgefühl in sich spüren. Das war auch von jeher die Auffassung des CentralvereüO (trotz des scheinbar weitergehenden Wortes „Staatsbürger"). Erziehung zum deutschen Juden Von Fritz Floth e mit einer Antwort von Werner Hosenstock Werner Rosenstocks Bericht über dieTagungdes „A elterenbu nd es Kameraden" (Nr. 4 vom 12. April 1929) fordert zum Widerspruch heraus. Eine sehr kleine Schar von ehemaligen aktiven Jugendbündlern hat sich im Aelterenbund Zusammengeschlossen, um die Verbindung mit der Jugendbewegung nicht zu verlieren. Diesen wenigen steht die große Menge derer gegenüber, die längst aus der Jugendbewegung ausgeschieden sind und die die Verbindung mit dem Bunde und mit Gleichgesinnten seit langem ausgegeben haben. Unter diesen, die heute — aus inneren und äußeren Gründen — nicht mehr aktiv an der Jugendbewegung beteiligt sind, kenne ich sehr viele, die heute, nach Jahren, mit einem Gefühl der Enttäuschung an die Zeit zurückdenken, in der sie selbst im Bunde tätig waren. Im Urteile dieser sehen die Erfolge jahrelanger intensiver Arbeit im Bunde wesentlich anders aus, als es Rosenstock hinstellt. Ihnen hat die Jugendbewegung injüdischer Hinsicht fast nichts gegeben. Es genügt nicht, daß immer wieder erklärt wird, daß die deutsch-jüdische Jugendbewegung ihnen jüdisches Selbstbcwußtsein gegeben habe; was wir vermissen, ist ein anderes: Wir sehen, daß die weitaus meisten Probleme ohne innereBe- Ziehung zum Judentum behandelt werden. Man setzt sich mit den Fragen des Lebens in einer Form auseinander, die sich am Denken der jüdischen Vergangenheit in keiner Weise orientiert. Die Sorge um die Durchdringung des Denkens der Jungen mit jüdischreligiösen Ideen überläßt man anderen Instanzen, der Religionsschule (die die wenigsten besuchen), der Schule der Jugend u. a. Gerade in dieser Taktik erblicke ich einen verhängnisvollen Irrtum, der seit Jahren von der Jugendbewegung in derselben Weise begangen wird. Nosenstock spricht in einem anderen Zusammenhang von bündischem Erleben. Ich behaupte: nur im Bund, in der Gemeinschaft der Jungen und Mädel, ist es möglich, diese Kardinalausgabe der deutsch-jüdischen Jugendbünde zu.erfüllen. Schule, Leben, Ge - s ch ä f t, P.o litik formen uns fortwährend zu Deutschen. Als Glieder der großen Volksgemeinschaft, in deren Mitte mx leben, orientieren wir unsere Denkweise an der ihrigen. Bei der zunehmenden Demokratisierung des Verkehrs und der Verknüpfung der Völker untereinander bildet sich auf den verschiedensten Gebieten des Lebens eine Gemeinsamkeit des Denkens heraus, die das individuelle Denken oftmals unterdrückt. Rolland spricht von einer „M a s s e n s e e l e". Es ist damit gesagt, daß Differenzierungen im Denken des einzelnen im Zusammenleben des Volkes mehr und mehr ausgeschaltet werden. Der natürliche Trieb der in den Städten in großer Masse zusammenlebenden „H e r d e n"-Menschen beschleunigt die Assimilierung der individuellen Denkweise an das Denken großer Volksgruppen. So hat im wesentlichen die Arbeiterklasse ihr eigenes, einheitliches Weltbild, das wohlhabende Bürgertum hat es u. s. s. Wer sich zu der einen oder der anderen Bevölkerungsschicht rechnet, übernimmt ihre Denkart. Der junge Jude ist von dem Augenblick an, wo er die Simultanschule besucht, der Beeinflussung durch das Denken seiner — nicht jüdischen — Umwelt ausgesetzt. Er lernt, um ein Beispiel zu wählen, im Geschichtsunterricht der Schule die Geschichtsauffassung seines Staates. Tie Schule sucht, da sie sich aus äuße-ren.' Gründen eine individuelle Erziehung' versagen muß, die Erziehung der ihr anvertrauten Jugend nach gemeinsamen Prinzipien durchzuführen. Sie kann aus die Sonderart des aus einem anderen Milieu stanuuenden Jungen keine Rücksicht nehmen. Es bedarf also keines weiteren: Beweises, daß Wie könnten wir sonst Anspruch darauf erheben, Volksgenossen zu fein. Nie aber kann die Rede sein von den „in Deutschland lebenden Menschen jüdischer "Abstammung". Selbstverständlich ist ein Interesse an den Juden anderer Länder mit dem Deutschtum vereinbar, denn jeder Mensch hat jedem Menschen zu helfen, also auch den unterdrückten Ausländsdeutschen, notleidenden Juden usw. Leiten aber soll doch der Grundsatz: „Wohltätig sein zuerst daheim!" Und nun zum Jüdischen. Hierzu kann ich nur wenig sagen. Denn das ist gefühlsmäßig und individuell; es gibt kein Schema. Nur eines für den C. V.er gewiß: etwas Nationales liegt nicht darin, nichts, das ihn vom Deutschtum trennen könnte. Und wenn wir „das Deutsche und das Jüdische in uns stärken" wollen, dann ist es nicht „letzteres besonders" (denn es unterscheidet uns von unseren Volksgenossen), sondern das verbindende Deutschtum, das zu stärken ist. - Das sei aber noch gesagt: „Deutschjüdisch" ist ein Begriff. Sucht nicht den Worten einen anderen Sinn zu geben. Eine Trennung der Geister in diesem Punkte ist nur natürlich, und sie wird sein, bis einmal der vollständige Ausgleich stattgesunden hat, der ja auch in der endgültigen Trennung bestehen kann. Für uns aber umfaßt dieser Begriff unser Wesen. Rührt nicht an unser Wesen; wir könnten niemals nachgeben! von früher Jugend an der junge Mensch systematisch in die Denkweise der Umwelt eingeführt wird und in ihr bewußt oder unbewußt ausgeht. Die deutsch-jüdische Jugendbewegung lockt die jüdische Jugend Deutschlands an und will sie für ihre Ideale gewinnen; die Jugend, die das Denken ihrer Umgebung mitbringt, die eine deutsche Jugend ist, weil sie in Deutschland lebt und unter Deutschen groß wird. 0,8 Prozent müssen notwendigerweise ihr Denkeil demjenigen der restlichen 99 Prozent angleichen. Ob diese Anpassung gut ist, soll hier nicht entschieden werden. Was soll die deutsch-jüdische Jugendbewegung mit dieser Jugend machen? Sie soll einen Ausgleich zwischen jüdischem und dem Judentum wesensfremdem Denken erstreben! Fast ohne Ausnahme kommen die Jungen und Mädel, die ich kennengelernt habe (wobei die rein religiös orientierten Bünde ausscheiden), aus einem Milieu, aus bem das Judentum entweder verbannt ist oder doch nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das Bedürfnis nach jüdischem Erleben führt diese Jugend in die Jugendbewegung, wo sie das Judentum sucht, aber nicht findet. Statt mit allem Nachdruck an dem Ausgleich zwischen jüdischem und nichtjüdischem Denken zu arbeiten, wird leider die Haupttätigkeit der Bünde immer noch auf die Klärung allgemeiner Probleme (die die Umwelt und uns gewiß in gleicher Weise beschäftigen) verlegt, jedoch ohne innere Verbindung mit dem Judentum. Es genügt nicht, nur als „Mensch" zu den großen Fragen Stellung zu nehmen. Deutscher, Jude und Mensch (wobei das letztere gern obenan gestellt wird) schließen einander solange aus, solange der Ausgleich zwischen den: Denken der Umwelt und dem des Judentums nicht erzielt worden ist. Und jetzt verstehen wir, was oben gesagt wurde: es geht nicht an, daß die jüdische Arbeit a u ß e r h a l b des Bundes verlegt wird. Nein, sie ist Aufgabe des deutsch-jüdischen Bundes. Gebt den Jungen im Bunde in Kursen, in Arbeitsgemeinschaften, von Mensch zu Mensch die Grundlagen, die das Wesen des religiösen Juden ausmachen! Der im Bunde positiv erzogene junge Jude ist erst dann ein deutscher Jude, wenn er als Jude, d. h. mit gutem jüdischen Wissen ausgestattet, an die Klärung der ihn beschäftigenden Probleme herangeht. Als bewußt jüdisch empfindender Mensch soll er sich in seine Umgebung einordnen. Er soll zum Problem des Sozialismus nicht als „Mensch" Stellung nehmen, sondern als Jude. Er soll sich gewiß am Denken der Umwelt orientieren, aber nur, um einen Ausgleich zwischenseinem und ihrem Denken herbeizusühren. Der deutsch-jüdische Bund sollte daher sein ganzes Gewicht aus die jüdische Arbeit legen. Sagt nicht, das sei einseitig. Tie Jugend weiß zu wenig vom Judentum, sie hat wenig oder gar nichts davon gelernt. Soll sie unbefriedigt und enttäuscht den Bund verlassen, wie die große Zahl derer, die vor Jahren im deutsch-jüdischen Bund aktiv waren und sich heute vergeblich die Frage vorlegen, wieweit der Bund zur Gestaltung ihrer deutsch-jüdischen Persönlichkeit beigetragen habe? Ter deutsche Jude soll seiner Umgebung das Beste von seiner jüdischen Eigenart geben. Um als „Mensch" im Sinne einer Idee zu arbeiten, bedarf es gewiß nicht der deutsch-jüdischen Jugendbewegung. Zu all diesen großen Problemen der Gegenwart soll im Bunde von der Warte jüdischer Denkweise Stellung genommen werden. Denn in der Einordnung des bewußt jüdisch empfindenden und denkenden jungen Menschen in die deutsche Umwelt besteht die Aufgabe, die die deutsch-jüdische Jugendbewegung zu erfüllen hat. Weniger Problematik, mehr positive Arbeit! Sorgt dafür, daß diejenigen, die heute als Junge im Bunde aktiv sind, nicht später ins Leben gehen, ohne deutsche Juden geworden zu sein; denn so abgegriffen das Wort auch ist, hier gilt es in seinem ganzen Umfang: Deutsches Judentum ist uns nicht gegeben, sondern auf gegeben!