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Von deutsch-jüdischer Jugend · 1929-06-21 · 6 (21.6.1929) · p. Seite 17

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Journal
Von deutsch-jüdischer Jugend
Volume
5 (1929)
Issue
6 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
Seite 17 (sequence 1)
Language
German
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*iMvivrnrr; ITc. 6 öerttn, 21. Juni 1929 Iahcgang S „Deutsch-jüdisch“ oder unjüdisch Von Ludwig Tietz Hermann Gerson hat sich in Nr. 4 dieser Beilage mit dem Begriff „deutsch-jüdisch" beschäftigt und ihn seiner Auffassung gemäß erklärt. Mit diesen Ausführungen befassen sich zwei Artikel in dem „Mitteilungsblatt des B er band es Nationaldeutscher Juden" (Nr. 5 und 6). Ton und Inhalt dieser Artikel zwingen zur kurzen Erwiderung. In einer einleitenden redaktionellen Vorbemerkung zu dem Aufsatz von Boris Silber (Nr. 6) wird besonders darauf hingewiesen, daß diese vom Verbände „oft erhobenen Forderungen und Folgerungen auch außerhalb der organisierten jüdischen Jugend lebendig sind" — wohl nur außerhalb — glücklicherweise. Ich muß dabei gestehen, obwohl mir die organisierte jüdische Jugend im allgemeinen nicht gerade fremd ist, daß ich nicht weiß, ob es o r g a n i s i e r t e „nationaldeutsche" jüdische Jugend noch gibt. Jedenfalls stände diese in ihrer Bescheidenheit und Zurückhaltung in wohltuendem Gegensätze zu der Prätention des außerhalb des Verbandes stehenden Artikelschreibers, der glaubt, für die „Heranwachsende deutsche Jugend jüdischen Glaubens" im Zusammenhang mit seinen Ausführungen reden zu dürfen. Wir werden schwerlich eine gemeinsame Diskussionsbasis mit den Verfaflern dieser beiden Artikel, Studienrat Wachsn e r und Boris Silber, finden. Hermann Gerson geht wie wir von der Voraussetzung aus, daß wir das Judentum erhalten wollen, daß unsere Liebe und innere Verbundenheit mit dem Judentum uns dazu zwingt, und er versucht, neue Begriffe für alte überholte Schlagworte zu finden. Wir können hinzufügen, daß sich in dieser Richtung die gesamte organisierte deutsch-jüdische Jugend bemüht, daß im einzelnen die Auffassungen sicherlich divergieren werden, daß aber die gemeinsame Grundlage der Aussprache die innere Verbundenheit mit dem Judentum ist und besten Erhaltung die gemeinsame Aufgabe. Herr Wachsner hält es für passend, in wenig geschmackvoller Weise und frei von dem — vom Verband abgelehnten — jüdischen Humor, die Gedanken von Hermann Gerson zu glossieren und als bedeutendstes Argument vor der „Vermischung deutscher und jüdischer Belange" zu warnen. Er führt dabei die alten, bei dem Verband Nationaldeutscher Juden hinreichend bekannten Phrasen vom „Ganzdeutschsein" wieder an, wobei er vergißt, daß Gerson, ebenso wie wir, so nicht nur sein wollen, sondern wirklich sind, daß es sich für uns gerade darum aber um die Frage der positiven Arbeit für unser Judentum handelt. An dieser Kernfrage geht Herr Wachsner vorbei und er hält es für notwendig, mit Sätzen wie „dem E. V. nach bist Du zwar Deutscher. Nun ja, das ist einmal Dein Schicksal,-mit dem Du Dich abzufinden hast, oft mehr, oft weniger freudig" zu argumentieren. Weder dem Wortlaut noch dem Gedanken nach kann man das, wenn man den Aufsatz von Hermann Gerson ernsthaft liest und wenn es einem e r n st m i t dem Begriff „deutsch-jüdisch" ist, aus ihm entnehmen, es sei denn, man benutze ihn'nur dazu, um als piaoeoptor Germaniae aufzutreten. Weit betrüblicher, offen gesagt geradezu abstoßend ist nach Form und Inhalt, was Herr Silber spricht, dessen Schweigenwirklich Gold gewesen wäre. Es ist traurig, wenn wir uns auch nicht mehr darüber wundern, wie der marktschreierische Patriotismus immer wieder in den Verlautbarungen des Verbandes hervortritt. Wir kennen diese Melodie von den Zeiten her, wo man Schn itzler als undeutschen Dichter ablehnte, wo man sich gegen den „Einstein-Rummel" wenden zu müssen glaubte, über die beschämende Hetze gegen die Ostjuden bis zur jüngsten Zeit, wo man wiederum in gleicher Tonart gegen Arnold Zweig die Stimmt erhob und jetzt zu den hier behandelten Ausführungen Stellung nimmt. Die jüdische Jugend in Deutschland wird für derartige Gesänge, so hoffen und glauben wir, auch weiterhin kein Verständnis zeigen. Was soll in Silbers Aufsatz die unsinnige Frage: „Weimar oder Jerusalem?", die man entscheiden soll. Man muß glauben, daß der Verfasser weder mit der Republik von Weimar, noch mit dem Judentum von Jerusalem wirklich innere Verbundenheit hat. Sonst würde er, wenn wir ihm die Gutwilligkeit zubilligen wollen, solche irreführenden Formulierungen unterlassen. Wer an der Begrifssklärung „deutsch-jüdisch" Mitarbeiten will, wer das Recht in Anspruch nimmt, an der Auseinandersetzung der jungen jüdischen Generation teilzunehmen, die, wie Hermann Gerson eingangs hervorhebt, „die theoretischen Grundlagen, auf denen ihr Leben und ihre Einstellung beruht", durchdenken will, der sollte andere Beziehungen zum Judentum haben, als daß er ans der unverdienten Tatsache seiner jüdischen Abstammung das Recht herleitet, anderen Juden ihr jüdisches Gefühl und Verantwortungsbewußtsein vorzuwerfen und ihnen deshalb ihr Deutschtum abzusprechen. „Das Kaufmannswesen darf nicht im kleinsten mehr mit Schacherei Verbindung haben, gleichgültig, ob dieser Vorwurf jetzt zu Recht oder zu Unrecht erhoben wird, er muß verschwinden! Handel und Geschäft sind heute freilich weder in Deutschland noch anderswo frei von ostjüdischem Geschäftsgeist . . läßt Herr Silber sich sehr charakteristisch weiterhin vernehmen. Merkt Herr Silber, merkt die Schriftleitung des Mitteilungsblattes, die diesen Artikel noch ausdrücklich empfiehlt, nicht, wie beschämend es ist, durch so formulierte Verneinungen in unzweideutiger Klarheit sich mit Terminologien und Begriffen der Antisemiten zu identifizieren? Herr Silber irrt im Grundsätzlichen. Die dentschjüdische Jugend, die den Willen zum Judentum hat, und nur d i e s e d a r f s i ch s o n e n n e n, hat so viel Selbstwürde, so viel Mut zu sich selbst, daß sie frei und offen die sie bewegenden Fragen erörtern kann. Wir glauben mit Herrn Gerson — dem wir sachlich nicht vorgreifen wollen—, daß es dieAusgabe dieser und der kommenden Generation sein wird, das Judentum in Deutschland zu erhalten und zu festigen. Wir sind Deutsche und lehnen es ab, bei allen Erörterungen über unser Judentum, über die jüdische Erziehung unserer Jugend immer wieder mit tönenden Phrasen unseren Patriotismus zu verkünden. Die Entwicklung des Verbandes Nationaldeutscher Juden, seine völlige Ablehnung seitens der Jugend aber sind G r a d m e s s e r s ü r d e n G e s u n d h e i t s st a n d im deutschen Judentum. Zum Schluß soll den unentwegten nationaldeutschen Artikelverfastern ein Wort M o mm s e n s ins Gedächtnis zurückgerufen werden, das sich gegen Treitschke richtet, der ja, subjektiv sicherlich mit größerer innerer Berechtigung, "den Juden ebenfalls empfohlen hat, sie sollen bessere Deutsche werden: „Was heisst das, wenn er von unseren jüdischen Mitbürgern fordert, sie sollen Deutsche werden? Sie sind es ja so gut wie er und ich. Er mag tugendhafter sein als sie, aber machen denn Tugenden die Deutschen?“ Nein, sicher nicht! Sonst würden viele, die es laut von sich verkünden, heute nicht und nie Deutsche gewesen sein. Aus dem Inhalt: Fritz Tlotke und Werner Bosenstock: Erziehung zum deutschen Juden. — Rudolf Stahl: Rabbiner und Jugend♦ — Friedrich Georg Lennhoff: Das Zugscharen-Jugendhaus,

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