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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-21 · 25 (21.6.1929) · p. Seite 334

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
25 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
Seite 334 (sequence 6)
Language
German
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334 Drei ^ubilare. Professor Nahl. In diesen Tagen feierten ganz Deutschland und die rechtsgelehrte Welt des Nuslandes den 80. Geburtstag des Berliner Straf-. Staats- und Kirchenrechtlers Professor Tr. D. Wilhelm Kahl, M. d. R. In seltener Einmütigkeit ehrte man den Mann und sein Werk; eine Tatsache, um so bemerkenswerter, als der Jubilar nicht allein in der Gelehrtenstube, sondern auch aus der Tribüne der Politik wirkt. Als Vorsitzender des Neichstagsausschusses für die Strafrechtsreform leitet er mit belvunderungswürdigenr Geschick und umfassendem Wissen diese wichtige gesetzgeberische Arbeit. Mit dem praktischen Blick des Politikers hat er immer wieder die Probleme gesetzgeberisch zu gestalten gesucht, die im politischen und kulturellen Leben des deutschen Volkes Entscheidung sorderten. Gerade in diesen Verhandlungen hat sich gezeigt, daß das Ansehen Professor Kahls trotz aller politischen und weltanschaulichen Gegensätze von fast allen Parteien in gleicher Weise gewürdigt wird. Diese Gunst der verschiedensten politischen Richtungen hat er sich durch seine juristische Meisterschaft und seine richtunggebenden gesetzgeb er cschen Vorschläge, in erster Linie aber durch seinen tiefen Gerechtigkeitssinn erworben. Auch wir als deutsche Juden gedenken des Ehrentages mit Wärme und Dankbarkeit, fanden wir doch stets bei Geheimrat Kahl Verständnis und Förderung für berechtigte Forderungen. Als nach Kriegsende die jüdischen Gefallenen geschmäht wurden, nahm Wilhelm Kahl Gelegenheit, in öffentlicher Versammlung gegen diese Schande zu protestieren und jeden, der für das Vaterland ins Feld gezogen war, als einen bewährten Deutschen anznerkennen. Wir wünschen dem hochverdienten Gelehrten noch ein langes, segensreiches Wirken für Volk und Vaterland. Marlin Lövinson. Am 15. Juni beging Iustizrat Dr. Martin Lövinson (Berlin), Rechtsanwalt am Kammergericht, seinen 70. Geburtstag. Dieser hervorragende und beliebte Anwalt des Rechts war an seinem Ehrentage Gegenstand vielfacher Kundgebungen der Anerkennung und des Dankes aus den Kreisen seiner Berufsgenossen, insbesondere der Anwaltskammer, und des Publikums. Der Centralverein verehrt in ihm den langjährigen Vorsitzenden seines Rechtsausschusses und dankt ihm anläßlich dieses Geburtstagssestes erneut für seine unermüdliche und förderliche Tätigkeit, die er Zum Wohle des deutschen Judentums bis zu dem Zeitpunkt ausgeübt hat, da ihm Gesundheitsrücksichten den Zwang auferlegten, sich von dieser besonders 'schwierigen und anstrengenden Arbeit zurückzuziehen. Die Ernennung L ö v i n s o n s zum Ehrenm i t g l i e d e des E. B. gab Martin. Lövinson damals seiner Wertschätzung innerhalb unserer Organisation Ausdruck. Hieran erinnerte unser Hauptvorstandsmitglied "Kaminergerichtsrat Dr. Stern, der dem Jubilar unter Ueberreichung einer Blumenspende die Glückwünsche des C. V. zum 70. Geburtstage überbrachte und dabei auch betonte, daß Martin Lövinso n einer Familie angehöre, auf die das deutsche Judentum mit Stolz blicke, die außer ihm in seinen Geschwistern, der unvergeßlichen Henriette May und dem Historiker E r m a n n o Lövinson, bedeutende Persönlichkeiten auszuweisen habe. Mögen dem Jubilar noch viele Jahre glücklichen Familienlebens und segensreicher Berufstätigkeit beschieden sein! Professor Dr. Max ftpt beging am 15. Juni seinen 60. Geburtstag. Apt ist Allreger zur Gründung der Berliner Handelshochschule und als langjähriger Syndikus der Kaufmannschaft von Berlin eine in weitesten "Berliner Kreisen bekannte und verehrte Persönlichkeit. Aus seiner wissenschaftlichen Arbeit muß gerade an dieser Stelle mit besonderem Dank eine Untersuchung erwähnt werden, die die strafrechtlichen Probleme unserer Arbeit wohl erstmalig zusammensafsend darstellte: die unter dem Pseudonym Maximilian' Parmod 1894 erschienene Studie „Au-tisemitisluils und Strafrechtspflege, zur Auslegung und Anwendung der §§ 130, 166, 185, 193, 360,11 RStB." Wir beglückwünschen unser langjähriges Mitglied herzlichst. NalUriiches Mlnerahasser Wirkt vorbeugend! Fachinger Versandstelle. Berlin SW 11, Sehöneberger Strasse 16a* Telefon: Lützow 8260 j 6F / Zur Berliner Festsptelwoche. Das kleine bei Oesterheld & C o. erschienene Buch von Karl Th. Bluth ist der erste, ernsthafte Versuch, das künstlerische Wesen des Regisseurs Leopold Jeßner zu ergründen und darzustellen. Der Versuch ist sogar um einen Grad ernsthafter und gründlicher als gut ist. Das heißt, er geht allzusehr vom Prinzipiellen, vom Theoretischen aus und gibt dann scharf beobachtete Einzelheiten Jeßnerscher Inszenierungen erst allmählich als Beispiel und Beleg. Ein Theaterbuch aber, das von Kunstwerken handelt, die nur verhältnismäßig wenige gesehen haben und die man nicht wie Bilder in Reproduktion und Gedichte in Textproben daneben legen kann, müßte schon, um einem größeren Kreise verständlich zu werden, immer mit einer möglichst anschaulichen Schilderung des wirklich Geschehenen beginnen und erst aus Betrachtung und Vergleichung des Konkreten langsam das Allgemeine, die* geiftige Bedeutung abstrahieren. Es kommt dazu, daß in der Betrachtung künstlerischer Werke für den Autor selber der Ausgang von der Theorie eine große Gefahr ist, da er dann stets unwillkürlich dazu neigen wird, die realen Tatsachen nach seiner vorgefaßten Meinung zu retouchiereu. (Das gefällige Gedächtnis läßt weg oder verstärkt.) Bei der konkreten Darstellung zu beginnen, ist deshalb auch das solidere und zuverlässigere Verfahren. Bei diesem formalen Einwand und mancherlei innerlichen Bedenken, die sich aus ihm ergeben, hat das Buch von Bluth doch sehr ernsthafte Verdienste. Es arbeitet (wenn auch recht umständlich und mit vielen Wiederholungen) vor allem als die eigentliche Leistung Jeßners heraus, die theatralisch selbständige Kunst, die Raumgestaltung, die mit der Verteilung des Bühnenraums, der Anordnung und der Bewegung der Figuren in ihm selbst schon Ausdruck, nicht bloß Mittel für einen psychologischen Ausdruck ist. Und es ist sehr geistreich, wie Bluth diese Schöpfung eines selbständigen, in sich geschlossenen Theaterkunstwerks bei Jeßner in einen gründlichen, weltanschaulichen Gegensatz stellt zu der sensationellen technischen Umformung des Theaterstosfs von außen her, wie ihn namentlich Piscator bietet. Bei Jeßner handelt es sich um eine organische, bei Piscator um eine organisatorische Leistung, weil Jeßner das beseelte Meuschwesen erlebt, von dem aus sich der Raum und das Verhältnis zur Maste der Mitwirkenden gliedert, während Piscator, gut marxistisch, den Menschen im Grunde nur als ökonomisch bestimmten Massenteil kennt, und ihn deshalb von außen her organisatorischen Zwangsmaßnahmen unterwirft. Bluth sagt auch Interessantes über die Art, wie sich nach seiner Meinung Jeßners Bühnenkunst organisch aus der von B r a h m und Reinhardt entwickelt. Aber er ist freilich nicht frei von dem berüchtigten „Furor thematicus“ — von Jener Verblendung, ohne die ein Autor so selten für einen Gegenstand sehend wird! Auch er sieht in der I e tz n e r s ch e n T h e a t e r f o r m nicht eine neue und wichtige Möglichkeit der Bühnenkunst, sondern die Bühnenkunst schlechthin, die einzig wahre, zu der alles andere nur Vorbereitung und Weg war. Diese Blindheit des Enthusiasmus hängt schon damit Zusammen, daß Bluth beinahe nur von der R a u m gestaltung und den künstlerisch bedeutenden „Gängen" bei Jeßner spricht. Aber das Theater ist ja durchaus kein reines Ramnkunstwerk. Die akustische Wirkung besteht schon offenbar zu gleichem Recht und nur einmal, sehr viel kürzer, kommt Bluth auf die Behandlung des Klanglichen bei Jeßner zu sprechen. Es wäre aber durchaus möglich und nötig, Jeßners Bemühen um die Durchführ unge inerein heitlichenKlanglinierneiner Szene und an einem Abend genau so eingehend zu entwickeln, wie Bluth das mit dem Optischen getan hat. Nun ist aber das Theater noch viel mehr als eine einfache Komposition der optischen und akustischen Wirkung. Schon der lebendige Schauspieler wirkt noch mit ganz anderen Mitteln als dem bloß Sichtbaren und Hörbaren auf uns ein — eben mit der Gesamtsuggestion seiner Lebendigkeit, die sich durchaus nicht in Linien und Klängen erschöpft und die ein stärkstes Wirkungsmittel des Theaters ist und bleiben wird. Aber das tote Raummaterial und der instrumental erzeugte Klang und der Schauspieler, der sich zwischen den beiden bewegt, sie alle zusammen bilden ja noch nicht das ganze Theater, sie werden ja Zusammengehalten, geführt, wesenhaft gemacht erst durch das Werk des Dichters, mit dem sie zu einer Einheit verschmelzen. Und hier erhebt sich erst das Problem, von dem Bluth gar nicht spricht, nämlich ob für den autonomen Theaterkünstler, den genialen Regisseur, so wie Raummaterial und Klang und (in schon sichtbar begrenzter Weise) der lebendige Schauspieler, auch der dichteü ■i i i i

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