Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- Seite 333 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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25 labte Iü-isther Zrauenbunö von Deutschlanö. Zugleich mit der 11. D el egierten tagu ng, die vom!9. bis zum 12. Juni d. I. in Berlin stattsand, beging der Jüdische Frauenbund in festlicher Weise sein 2 5 jähri - g e s I u b i l ä u m. Die Fest- und Arbeitssitzungen ließen in Festreden, Referaten und Diskussionen erkennen, daß die jüdische Frauenbewegung seit ihren ersten Anfängen neue Entfaltungsmöglichkeiten für die Kräfte der Frau gefordert hat und weiter fordert. Im Juni 1 9 0 4 rief Berta P a p P e n h e i m in jüdischer Wohlfahrtspflege stehende Frauen zusammen, und am 15. Juni 1904 konstituierte sich unter ihrer Führung der Jüdische Frauenbund von Deutschland. Das Programm des neuen Bundes forderte „die notwendige Umgestaltung der herkömmlichen Art der jüdischen Wohltätigkeit in eine rationelle Wohlfahrtspflege. Uebertragung der Guttat auf das Gleis der disziplinierten sozialen Handlung! Die Festsitzung. Rabbiner Dr. V a e d, der die Weiherede bei der feierlichen Eröffnung der JubiläumsLagung am Sonntag, 9. Juni, in der Musikhochschule hielt, gab diesem Grundgedanken des Bundes in eindringlicher Form Ausdruck. Der Aufstand der Frau, die lebensheroische Gestaltung des Frauenschicksals erkennt Dr. Vaeck als die revolutionärste Erscheinung unserer Zeit. Die Frau tritt schöpferisch in das Leben ein, der Gedanke der Gleichheit reift Zur Erkenntnis und Auswertung der Ungleichheit. Die Frauen wollen ihren eigenen persönlichen Einschlag in die Kultur tragen. Wurzelnd in ihrer fraulichen und jüdischen Eigenart, wollen sie die Fülle menschlichen und sozialen Strebens vergrößern. Wie der Jude zunächst für Gleichheit kämpft, um dann einzusehen, daß sein Kampf für sein Besonderes geführt werden muß, wodurch erst seine innere Freiheit, seine wahre Humanität entfaltet wird, so erkennt auch die jüdische Frau, die den Geist der Zeit versteht, daß Frau sein und Jüdin sein besondere Verantwortung auferlegt. Die Bewegung der Frau ist das „Schir chadasch", das neue Lied unserer Zeit. Eine große Festversammlung, zahlreiche Delegierte und Gäste des Bundes, Vertreter von Behörden, jüdischen und interkonfessionellen Organisationen nahmen erhebende Eindrücke von der Weihefeier des Jüdischen Frauenbundes mit. Musikvorträge, Psalm 23 von Schubert, zwei Arien von Händel rahmten die Ansprachen der Vertreter des Bundes deutscher Frauen-- vereine und des Stadtverbandes Berliner Frauenvereine (Dr. Erna Kort e), des Preußischen Landesverbandes Jüdischer Gemeinden (Kammergerichtsrat Wolfs), der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden (Dr. Ollendorff) und des Council ok Jewish Women of America (Frau Sternberger, New Port) ein. Zahlreiche Behörden und Organisationen hatten ihre Glückwünsche schriftlich ausgesprochen, u. a. das Reichsministerium des Innern, das Reichsarbeitsministerium. das Polizeipräsidium und der Magistrat Berlin. Ein Chor aus „Elias" von Mendelssohn schloß die festliche Eröffnungsfeier. Am Abend begrüßte die Vorsitzende des Verbandes Berlin, Frau Berta F a l k e n b e r g, die Delegierten unb auswärtigen Gäste bei einem Festmahl, das die Groß-Verliner Frauen ihren Schwestern aus dem Reiche gegeben hatten. Berliner Gastlichkeit lernten die Versammlungsteilnehmer am Montag nachmittag bei festlichen Teeveranstaltungen in verschiedenen Privathäusern kennen. Die Arbeitstagung. Bettina Brenner eröffnete die Arbeitssitzung am Montag mit einem kurzen Ueberblick über die Ideen und den Aufgabenkreis des Bundes und seine Entwicklung in den letzten zehn Jahren. Paula O l l e n d o r s (Breslau) charakterisiert die soziale Arbeit des Bundes, die in den Heimen in Neu-Isenburg und Wyck a. Föhr ihre stärkste Konzentration gefunden hat. Berta Pappenheim, Sidonie Werner und die leider so früh verstorbene Henriette May, drei deutsche Jüdinnen, die in ihrer Arbeit stets ihre stärkste Verbundenheit mit dem deutschen Vaterlande zum Ausdruck gebracht haben, sind für alle Zeit mit der Geschichte des Bundes unlöslich verknüpft. 52 000 Mitglieder, die in 35 Ortsgruppen, 11 Landesverbänden und 400 angeschlossenen Vereinen erfaßt sind, gedenken mit Stolz ihrer Führerinnen. Hannah Karminski, die Geschäftsführerin des Bundes, spricht in ihrem Referat über das Schicksal der Führernatur, sie fordert eine überparteiliche Einstellung, sachliche soziale Arbeit, die gemeinschastsbindend über alle Parteien und Richtungen hinweg ist. Die soziale Arbeit jüdischer Frauenvereine wurde von Frau Berta Eschelbacher (Düsseldorf) gewürdigt. Sie beleuchtete die Verpflichtung jüdischer Frauen aus unserm Sittengesetz und kennzeichnete die Entwicklung der Arbeitsgebiete des Frauenbundes aus dem alten Chewrogedanken heraus. Frida Weinreich, Referentin der Zentralwohlfahrtsstelle der deutschen Juden, sprach über soziale Arbeit als Beruf, über Arbeitsfeld und Arbcitsinhalt der Frauenwirksamkeit. Einen ausführlichen Bericht über die Weltkonferenz jüdischer Frauen*) gab Helene Meyer- Stargard (Berlin). Einige Spezialfragen der Bundesarbeit wurden in den Referaten von Professor Selma Meyer (Düsseldorf) über die bevölkerungspolitischen Aufgaben der jüdischen Frau in Deutschland und Rechtsanwalt Dr. Margarete Bereut in ihrem Referat über „Neuere Gesetzentwürfe zur Frage der Vevölkerungspoliiik" behandelt. Die Kommissionen im Bunde hielten geschlossene Fachsitzungen ab und gaben ausführliche Berichte über die Gefährdetenfürsorge in Isenburg, über Tuberkulosenfürsorge in Whck, Pflegestellcn und Adoptionsvermittlungen, Kinderversicherung, nachgehende Fürsorge. Bahnhofshilfe, Hauswirtschaft und Gemeindewahlrecht. Das Wahlergebnis. In den Vorstand des Bundes wurden bei der Wahl folgende Frauen gewählt: Bettina Brenner (Leipzig), 1. Vorsitzende, Paula Ollend o r f f (Breslau), Hannah K a r m i n s k i (Berlin), Marta Ollendorff (Berlin), Helene M e y e r-S t a r g a rd (Berlin), *) Vgl. den Bericht in Nr. 24 der „C. V.-Ztg." Ernestine Eschelbacher (Berlin), Clementine Krämer (München), Clara Samuel (Elberfeld), Jda Auerbach (Köln), R.-A. Dr. Margarete Bereut (Berlin), Ottilie S ch ö n e w a l d (Bochum), Else L e w y (Stettin). Eine öffentliche Kundgebung, in der Frauen aus Deutschland, Amerika, Holland, England, Polen, Oesterreich und Palästina über soziale Frauenarbeit in ihren Heimatländern berichteten, beschloß die interessanten Sitzungen und Kundgebungen. C. v.-§rauerrkun-gedung. Wir deutschen Staatsbürgerinnen jüdischen Glaubens, die wir uns in den Reihen des Centralvereins getroffen haben, hatten die Freude, eine große Anzahl von Gesinnungsfreundinnen bei der Tagung des Jüdischen Frauenbundes zu treffen. Die Frauengruppen des Centralvereins Groß- Berlin unter Leitung von Margarete Fried hatten die Freundinnen aus dem Reiche zu einem Teenachmittag und einer Frauenkundgebung des Centralvereins eingeladen. Mit Genugtuung stellten wir fest, daß trotz der starken Inanspruchnahme der arbeitsreichen Tage zahlreiche Frauen aus München und Königsberg, Breslau und Krefeld, aus Görlitz und Bielefeld, Dresden und Halberstadt und aus zahlreichen anderen Städten, vom Norden und Süden, aus Ost und West des Reiches der Einladung ltnserer Groß-Berliner Frauen Folge geleistet haben. Frau Grete Bial (Bresla u), die während der ganzen Bundestagungen in Hamburg und Berlin ihrer starken deutschjüdischen Ueberzeugung wiederholt in öffentlichen und geschlossenen Sitzungen in warmherziger Weise Ausdruck gegeben hatte, betonte bei der Teeveranstaltung noch einmal die Notwendigkeit und die Möglichkeiten der Frauenarbeit im Centralverein, und Life L e i b h o l z (Berlin) ergänzte Frau Bials Referat. Wenn es noch einen äußeren Beweises bedurft hätte, die Mitarbeit der Frauen im Centralverein und -die Gründung von Frauengruppen und Frauenarbeitsgemeinschasten zu bejahen, dann wäre die überfüllte Kundgebung an einem herrlichen Juniabend nach drei anstrengenden Sitzungstagen für alle Zweifler überzeugend gewesen. Der Vorsitzende unseres Landesverbandes Groß-Berlin, Dr. Bruno G l a s e r f e l d , der die Kundgebung mit einer Ansprache eröffnete, gab ein Bild von der erfolgreichen Frauenarbeit in Groß-Berlin, die sich zahlen- und inhaltmüßig außerordentlich erfreulich entwickelt hat. Paula Ollendorf (Breslau). Clementine Krämer (München), Elsa W o l f s h e i m (Königsberg), Jda I ü d e l (Mannheim) brachten die Grüße ihrer Heimatsgebiete, schilderten kurz ihre Erlebnisse in der Mitarbeit für Deutschtum und Judentum und gaben der Hoffnung Ausdruck, daß die noch außenstehenden Frauen aus der Arbeit und Begeisterung der bereits im C. V. organisierten Frauen den Willen und den Weg zur Mitarbeit im Centralverein schöpfen mögen. Dr. Alfred Wiener, Syndikus des Centralvereins, kennzeichnete die großen Richtlinien der Centralvereins-Arbeit im allgemeinen und erörterte die besonderen Wirkungsmöglichkeiten für unsere Frauen. Künstlerische Darbietungen, Rezitation und Gesangsvorträge gaben der Kundgebung einen festlichen und würdigen Rahmen. Wir haben aus dieser Veranstaltung die Gewißheit mitgenommen, daß nach dem Anschluß der Frauengruppen des Centralvereins an den Jüdischen Frauenbund die deutschen Jüdinnen, die auf dem Boden unserer Weltanschauung stehen, stärker als je empfinden werden, daß über den Rahmen der sozialen, charitativen und kulturellen Arbeit des Jüdischen Frauenbundes hinaus, eine straffere Zusammenfassung der Frauen -im Centralverein im ganzen Reiche eine gebieterische Pflicht ist. Sie zu fördern, muß unsere nächste Aufgabe sein. Life Leihholz. Dr. Josef Uatzenstein (Dassel) gestorben. Zu unserer tiefen Trauer ist am Freitag, den 14. Juni, in Berlin, wo er sich beruflich aushielt, das Mitglied des Hauptvorstandes des Centralvereins und Mitglied de ^Vorstandes unseres Landesverbandes Hessen-Nassau Rechtsanwalt Dr. Josef Katzen st ein (Kassel) verschieden. Der Verstorbene, der seit langen Jahren unserer Bewegung als wärmster Freund und eifrigster Mitarbeiter nahe stand, war eine Persönlichkeit, die es mit ihren beruflichen Pflichten, aber auch mit ihrer ausgebreiteten ehrenamtlichen Tätigkeit äußerst genau nahm. Zu jeder Sitzung des Landesverbandes und des Hauptvorstandes war er anwesend, um in seiner ausgleichenden Art nud seiner abgeklärten Ueberlegung die Verhandlungen zu fördern. Seine persönliche Hilfsbereitschaft, sein offenes, gütiges Wesen schufen ihm überall Freunde. Die Israelitische Religionsgemeinde Kassel betrauert ihren langjährigen Vorsitzenden; der PreußischeLandesverbandjü bischer Gemeinden ein tätiges Mitglied seiner Tagungen und seines Rechtsausschusfes. Unser herzliches Mitgefühl weilt bei seiner Gattin, seinen Kindern und allen seinen Familienangehörigen. Das Andenken dieser gütigen, vornehm-bescheidenen Persönlichkeit wird in unserer Mitte segenspendend fortleben. * Am Montal, den 17. Juni, wurde der Verstorbene auf dem Kasseler Friedhof zu Grabe getragen. Landesrabbiner Dr. Walter zeichnete ein Lebensbild des Verstorbenen. Rechtsanwalt Dr. Dalberg feierte ihn als den selbstlosen Führer der Gemeinde. Rabbiner Dr. Lazarus (Wiesbaden) würdigte den Ex-Präsidenten Joses Katzenstern als wahren Förderer der Humanität. Namens des Hauptvorstandes des Centralvereins, des Vorstandes des Landesverbandes Hessen-Nassau sowie der Ortsgruppe Kassel legte Syndikus Dr. Alfred Wiener (Berlin) das Zeugnis herzlichster Dankbarkeit und treuesten Gedenkens an der Bahre ab.