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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-21 · 25 (21.6.1929) · p. Seite 332

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
25 (21.6.1929)
Date
1929-06-21
Page
Seite 332 (sequence 4)
Language
German
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Herr Dr. Goebbels nach seinen eigenen Worten von der „C. V.-- Zeitung" erwartete. Die öden Schimpfereien des obigen Artikels zeigen denen, die nicht in der Versammlung zugegen waren, welchen Ton die Redner anschlugen; sie beweisen zugleich die Richtigkeit meiner Kritik. Ich verzichte auf eine Klage, die dem Verfasser des Artikels Gelegenheit geben würbe, Richter und Publikum mit nationalsozialistischen Phrasen zu amüsieren. Ich stelle nur fest, daß ein Redner in der Versammlung erklärte, die nationalsozialistische Partei heiße deshalb so, weil sie ihre Volksgenossen als 8ozii, d. h. Kameraden, betrachte. Man muß sagen, daß zu dieser Behauptung der Ton dieses Artikels ausgezeichnet paßt! Nachspiel zu Lemberg. Erklärungen der Geistlichkeit. Die Hoffnung, die unser Sonderberichterstatter am Schlüsse seiner Darstellungen über die Exzesse in Lemberg und Posen in der letzten Nummer zum Ausdruck brachte, daß es sich hierbei nur um eine' der vielen unrühmlichen jüdenseindlichen Episoden handle und nicht etwa um den Auftakt zu einer großen antisemitischen Bewegung, scheint nicht ganz begründet zu sein. Meldungen, die im Verlaufe der letzten Woche aus Polen kamen, deuten an, daß die Erregung der Bevölkerung über den in seinen Ursprüngen so kleinlichen und unwichtigen Lemberger Vorfall k ü n st l i ch geschürt wird. Die .„Ger m a n i a" vom 17. Juni bringt unter der in diesem Blatte sehr charakteristischen U e b e r s ch r i f t „Katholische R assenschützler in Pole n" den Bericht über eine Warschauer judenfeindliche Kundgebung, in der eine Entschließung angenornmen wurde, wonach den Lemberger Studenten für ihre „heldenhafte" (!) Verteidigung der Religion Dank und Anerkennung ausgesprochen wurde. Zum Schluß wird zu einen: Boykott der jüdischen K a u s l e u t^e ausgesordert. Bedauerlicherweise ist von geistlicher Seite den Ausschreitungen nicht mit der nötigen Deutlichkeit entgegengetreten worden. Drei Erzbischöfe, die entgegen der Negierungsausfassung von der Unwichtigkeit des Zwischenfalls in einer Erklärung diejenige Lesart unterstrichen, die für die Studentenschaft bei ihrem Verhalten eine Nechtsertigung darstellt, haben einen erneuten Aufruf erlassen. In ihm werden die Studenten, die einige Tage lang die öffentliche Ruhe störten, zahlreiche jüdische Einwohner mißhandelten und mehrere öffentliche jüdische Institutionen zerstörten, als verdienstvolle Katholiken it n b ehrenwerte Patrioten hingestellt, bei denen parteiische M o t11> e keinerlei Rolle spielten. Wir haben uns überzeugt, heißt es in dem Ausruf, daß die heiligsten christlichen Gefühle in schwerer Weise beleidigt worden sind, und daß nur dies allein den Anstoß zu den Geschehnissen gegeben hat. Auf die jüdische Bevölkerung der Stadt Leinberg wirkt es peinlich, daß die Bestrebungen des Episkopats wie der staatlichen Behörden einzig und allein ans die Erhaltung der äußeren Ordnung gerichtet sind, ohne daß auf die Ehre und die Interessen der jüdischen Bevölkerung Rücksicht genommen wird. Die Gesinnung, die diesem Verhalten zugrunde liegt, erinnert an einen anderen für das polnische Episkopat höchst unrühmlichen, jetzt fast ein Jahrzehnt zurückliegenden Ausruf. Als 1920 die Rote Armee Warschau bedrohte, erließ das polnische Episkopat einen Ausruf an die gesamte Welt, in dem behauptet wird, daß die Führung des Bolschewismus in der Hand einer „Rasse" sei, die sich schon vorher die ganze Welt mittels des Geldes und der Banken unterworfen habe. Die Haltung des polnischen Klerus unterscheidet sich so in unerfreulicher Weise von der bei der hohen Geistlichkeit anderer Länder zu beobachtenden, von praktischer politischer Klugheit getragenen Toleranz. Es wäre sehr interessant, die Gedankengänge kennenzulernen, mit denen polnische' Bischöfe beispielsweise die grausamen, jeden Kulturmenschen erschütternden Katholikenverfolgungen in Mexiko vor dem Gewissen der Welt als ein Unrecht hinstellen wollen. Die Zuschüsse an die Spnagogengememöen. Wie der Landtag abstimmt. Bei der kürzlich im preußischen Landtag erfolgten Abstimmung über die in den Staatshaushaltsplan einzusetz-enden Zuschüsse an die Religionsgesellschnsten gab der^Abg. Linneborn seiner Verwunderung darüber Ausdruck, daß die SPD. gegen die Bewilligungen für die christlichen Kirchen und f ü r Beihilfen au die Shnagogengemeinden stimme. Der Grund für diese verschiedene Stellungnahme ist folgender: Alljährlich wird beim Haushalt des Ministeriums für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung in der Folge abgestimmt, daß zunächst die Beträge für die evangelische Kirche, sodann die für die .katholische Kirche und zum Schluß die Synagogengemeinden an die Reihe kommen. Die Mittel für die evangelische und katholische Kirche werden von einer Mehrheit bewilligt, die sich von den Völkischen bis zu den Demokraten erstreckt. Dagegen stimmen die SPD. und die KPD., weil diese Parteien grundsätzlich gegen jede staatliche Zuwendung an die Neligionsgesellschaften sind. Diese. Ablehnung seitens der SPD. schadet aber den Kirchen nicht, da die anderen Parteien die erforderliche Stimmenzahl ansbringen. Ganz anders liegen die Dinge bei den Staatszuschüssen für die Shnagogengemeinden. Für diese stimmen die DVP., die Wirtschaftspartei, das Zentrum und die Demokraten. Abgesehen von den Völkischen fehlen hierbei die Deutschnationalen! Dadurch würde eine Bewilligung für die Synagogengemeinden der Ablehnung verfallen, wenn jetzt nicht die SPD. für die Vorlage sich ausspräche. Das tut sie, unbeschadet ihres grundsätzlichen Standpunktes, n u r aus Gründen der Gerechtigkeit, um zu vermeiden, daß die als Körperschaften des öffentlichen Rechts anerkannten Religionsgesellschaften — dem Geiste der Verfassung zuwider^—- unterschiedlich behandelt würden. An sich steht die SPD. natürlich auch den Staatszuschüssen für die Synagogengemeinden ablehnend gegenüber und sie würde gegen diese stimmen, wenn die Mittel für die christlichen Kirchen gleichfalls gestrichen würden. Es liegt also durchaus kein Anlaß vor, der SPD. in diesem Punkt eine einseitige Judenfreundlichkeit nachzusagen. I. C. Zur „0rt"-Mtion in Amerika. Gespräch mit Dr. D. Lvovitsch. Als der „Ort" vor einem Jahre mit den Vorbereitungen zur „Ort"-Aktion in Amerika begonnen und die Frage der Jndustrialirung der deklassierten jüdischen städtischen Bevölkerung Osteuropas aufgeworfen hatte, fand er anfangs nur geringen Anklang. Die amerikanischen Juden glaubten, daß das Problem der Deklassierten in Sowjetrußland nur durch die landwirtschaftliche Kolon i s a t i o n radikal gelöst werden kann, und daß infolgedessen auch die Tätigkeit der großen jüdischen Organisationen sich hauptsächlich aus diesem Gebiete konzentrieren muß. Infolge dieser Einstellung der amerikanischen Juden war es nicht leicht, mit dem Jndustrialisierungsgedanken durchzudringen-und ihnen vor Augen zu führen, -daß das Produktivierungsproblem jener breiten Schichten der jüdischen deklassierten und bodenlosen städtischen Bevölkerung, die keine Möglichkeit haben, zur Landwirtschaft überzugehen, und deshalb gezwungen sind, in den Städten zu verbleiben, nicht weniger wichtig und aktuell ist als das Kolonisationsproblem. Eine radikale Aenderung dieser Stimmung führte die Aktion zugunsten der konstruktiven Verwandtenhilse herbei. Diese Aktion entwickelte sich zwar langsam, aber systematisch und erweckte tritt der Zeit das Interesse weiter Bevölkerungskreise. Ein Strom von Gesuchen und Zuschriften aus Sowjetrußland setzte ein, immer dieselbe Bitte enthaltend — zu einer Maschine zu verhelfen, um sich vor Not und Hunger zu retten. Menschen, die bis dahin sicherlich nie etwas vom „Ort" gehört haben, belagerten täglich das New Dorker Bureau dieser „merkwürdigen" Organisation, die ihre Verwandten im fernen Rußland retten kann. Es begann eine fieberhafte Tätigkeit. Die Volkstümlichkeit des „Ort" wuchs mit jedem Tage, bis sie schließlich die führenden Kreise erreichte, die auf einmal vor einer Tatsache standen, mit der sie sich befassen mußten. Der Jndustrialisierungsgedanke erschien mit voller Wucht auf der Tagesordnung, und es wurde einfach unmöglich, dieses Problem zu meiden. Dabei drängte sich eine sehr wichtige Frage in den Vordergrund: die Verwandtenhilse trägt einen rein individuellen Charakter und setzt voraus, daß der in Osteuropa Lebende einen Verwandten in Amerika besitzt. Was soll aber mit jenen Unglücklichen geschehen, die keine Verwandten in Amerika besitzen? Wie soll ihnen geholfen werden? Wie soll ihnen der Uebergang zu produktiver Arbeit ermöglicht werden? Die Notwendigkeit, dieses wichtige Problem zu lösen, hat die „Volks-Werkzeug-Campagne" ins Leben gerufen, die unter der Führung von Herrn B. W l a d e k (hervorragendem Führer der jüdischen Arbeiterschaft in Amerika) sich zu einer wahren Volksbewegung entwickelte. Ter Erfolg dieser Aktion, die von echtem Enthusiasmus und aufrichtiger Begeisterung getragen wird, findet in den zahlreichen Konferenzen und Geldsammlungen im ganzen Lande klaren Ausdruck. Gleichzeitig steigerte sich das Interesse für den „Ort", seine Bestrebungen und Ziele auch in den einflußreichen Kreisen des amerikanischen Judentums. Größere finanzielle Mittel für die „Ort"- Tätigkeit in Osteuropa zu schaffen — ist die Aufgabe der eine Million Dollar „Ort"-Rekonstruktionssonds-Campagne", die'von jungen, aber schon sehr angesehenen Vertretern dieser Kreise — Herrn Hovard C o l l m a n n und P a u l F. W a r b u r g — geleitet wird. Diese Aktion erfreut sich großer Sympathie und Aufmerksamkeit, und zwar nicht bloß in den jüdischen Kreisen — das hat uns, wie aus der Presse bekannt, das große Bankett am 21. Februar im Hotel Biltmore am besten bewiesen. Tie jetzt irn vollen Gange befindlichen zwei „OrL"-Campagnen in Amerika haben für uns eine ganz besondere Bedeutung. Wichtig sind nicht nur die unmittelbaren Ergebnisse, die Beträge, die direkt gesammelt werden. Eine nicht geringere, vielleicht sogar größere Bedeutung ist der Tatsache beizumessen, daß dank dieser Aktion in Amerika eine „Ort"-Bewegung entstanden ist, aus der sich eine ausgedehnte „Ort"-Organisation herauskristallisiert. Die Bestrebungen und Ziele des „Ort" gewinnen einen weiten und sicheren Boden. Selbstverständlich ist noch eine große und intensive Arbeit zu leisten. Wir hoffen aber, daß Dr. Singalowsky, der im Aufträge des „Ort"-Verbandes augenblicklich in Amerika weilt, zur Bewältigung dieser Ausgaben viel beitragen wird. Wir sind davon überzeugt, daß der „OrL"-Aktion ein voller..Erfolg-beschreden sein wird.

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