Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 25 (21.6.1929)
- Date
- 1929-06-21
- Page
- Seite 330 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277858--05322-2286048- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
330 Werkes, die übrigens nach Abzug des andersartigen Milieus die genaue Analogie zu den Krisen der deutsch-jüdischen Assinülativn bilden. Wir sind dabei freimütig genug zu bekennen, daß die Analyse der damaligen jüdisch-liberalen Geistesfituation, namentlich in der großen Art, wie sie Herzl übte, manches Wahre und Zutreffende enthielt, aber sie schoß zu ihrem und unserem Verhängnis über das Ziel hinaus, indem sie über die peripheren Entartungserscheinungen hinweg die Gesundheit des Kernes in Abrede stellte. Denn sie verkannte, daß die geschichtliche Entwicklung (also in unserem Falle die deutschjüdische) im Gegensatz zu der unrealisierten Idee dualistischen Charakter trägst), genau so, wie sie heute noch verkennt, daß der palästinensische Siedler mit seiner harten und hingebungsvollen Arbeit nichts anderes tut als — die Gesinnung des Liberalismus in Tat umzusetzen. Denn diese Gesinnung lautet: „Schwerer Dienste tägliche Bewahrung, sonst bedarf es keiner Offenbarung (G o e t h e)." Wir versuchen daher im folgenden weder eine Verteidigung des Liberalismus noch eine neue Sinngebung, weil wir es für ausreichend erachten, feinen ursprünglichen Sinn und Inhalt von Entstellungen gereinigt wiederherzustellen. Der moderne Liberalismus ist die kodifizierte Politische Ethik der Aufklärungszeit: er bildet mithin die Ouvertüre zu der großartigen Auseinandersetzung zwischen der feudalistischseigneuralen und der bürgerlich-proletarischen Welt. Er trat hierbei als Vollstrecker des rationalen Natur- und Vernunftsrechts auf den Plan und forderte in dessen Namen eine freie Entfaltung der individuellen Kräfte: überdies schuf er durch seinen Aufgaben- und Pflichtenkreis die feste Lebenssystematik der bürgerlichen Moral, die sich in einem ständigen Verantwortungsgefühl gegenüber dem Leben aussprach. Der Liberalismus hatte für den Gleichberechtigungskampf des Bürgertums das Programm abgegeben; als nun diese Gleichstellung mit den privilegierten Ständen errungen war, gab sich ein Zweig, der legitimistisch-historifche Liberalismus, mit dem Errungenen zufrieden, während der andere, der demokratischegalitäre Liberalismus, gegen die revanchelüsterne Reaktion weiterhin in Frontstellung blieb; es handelt sich, aus deutsche Verhältnisse bezogen, um die nationälliberale und die eigentliche Fortschrittspartei. Nur angesichts dieser Konstellation läßt sich die moderne Lage des deutschen Judentums überhaupt verstehen. Es muß nämlich gerade in Anbetracht der gefährlichen Stimmung, die den eigentlichen Charakter unserer Position verwischen möchte, immer wieder darauf hingewiesen werden, daß das liberale Judentum Schulter an Schulter mit der bürgerlich-proletarischen Bewegung seine Gleichstellung dem feudalistisch-seigneuralen Herrentum abgerungen hat. Und es ist ein folgenschwerer Irrtum, wenn die Zionisten behaupten, daß dieser Entwicklungsprozeß feit der Durchführung der Emanzipation für uns abgeschlossen sei, während er doch heute im republikanischen Deutschland infolge der von den feudalistisch-seigneuralen Mächten betriebenen „Bürgerblockpolitik" zur Entscheidung drängt; ebenso wie es seitens der Zionisten eine böse Täuschung ist, wenn sie die deutsch-jüdische Synthese als von der gesamten christlich-deutschen Mitwelt verneint hinstellen, wo doch schon die harmonische und unter geschichtlichem Aspekte symbolische Zusammenarbeit zwischen E b e r t und P r e u ß, zwischen W i r t h und R a t h e n a u sie eines besseren belehren könnte. Wer erst einmal dieses unser Verwachsensein mit dem Grundproblem der deutschen Geschichte voll erlebt hat, für den sinkt die nationaljüdische Perspektive in ihrem realen Gehalt auf das Niveau einer politischen Romantik Herab, wobei natürlich mitnichten die subjektive Ueberzeugung der Zionisten in ihrer Integrität angezweifelt werden soll. Gewiß haben sie recht, wenn sie aus die Konflikte und Kompromisse unserer Situation Hinweisen, aber wir haben diese Situation nicht gewollt, sondern wir wurden in sie hineingestellt, um sie zu gestalten: sicherlich erfordert sie eine männlich harte Entsagung, aber es ist die Entsagung des Goethe der Wanderjähre, es ist vor allem die heroische Entsagung eines Max. Weber, von dem Troeltsch in seinem Nachruf sagte, er habe die moderne Demokratie lediglich als notwendiges Schicksal auf sich genommen. In dem Festhalten am F r e i h e i t s p r i n z i p e, in der Mitarbeit an einem freiheitlichen und humanen deutschen Gemeinwesen liegt demnach die Ausgabe des deutschen Judentums. Versailles. Zum 28. Juni 1929. Die Frist, die uns von dem Gedenktag an den Friedensschluß von Versailles trennt, ist für den wahrhaft um das Vaterland besorgten und mit ihm verbundenen deutschen Menschen voll schmerzlicher Erinnerung, aber auch von tiefer Nachdenklichkeit erfüllt. Vor den: geistigen Auge taucht die von allen Teilnehmern an den Friedensverhandlungen geschilderte erschütternd eindrucksvolle Szene wieder auf: irn. riesigen Saale, an endlosen Tischen Vertreter der ganzen Welt, wie ein Gerichtshof. Und in der Mitte eine kleine Gruppe, die deutsche Delegation. Alle gegen einen. Bei zahllosen Gelegenheiten haben sich in den verschiedensten Kreisen des deutschen Volkes Protestbewegungen gegen den Versailler Vertrag erhoben. Kindlich und irreführend die Formel der Nationalsozialisten: Brechung des Versailler Vertrages. Politisch ernsthafter die Vorschläge der anderen Parteien, wenn auch verschieden in ihrer Bewertung der politischen und wirtschaftlichen Konsequenzen von Versailles. Einheitlich und einig jedoch alle Kreise in der aus tief st er vaterländischer und manschl i ch e r E n t r ü st u n g quellenden Ablehnung des S ch u l d p a r a g r a P h e n. Politische Machtminderung, w i r tschastliche Not, nationale Bedrückung, alles war, wenn auch knirschend oder resignierend, zu ertragen. Aber die moralische Stigmatisierung eines ganzen Volkes — das widersprach dem Gefühl von Recht und Gerechtigkeit! Unfaßbar erschien es und erscheint es noch heute, daß man die lebendige, sich ewig wandelnde, wachsende, sich entwickelnde und zu höheren Daseinsformen strebende Gemeinschaft eines großen Volkes in die versteinerte Formel eines nicht aufhebbaren Urteils pressen will. Erbitternd wirkte die Zumutung, einzelne preiszugeben, von ihnen abzurücken, um sie den: Feind als Sühneopfer, als Zeichen guter Gesinnung darzubieten. Lächerlich, wenn der Gegenstand nicht'so schmerzlich wäre, die Vorstellung, daß die Wahrheit nur v o m M ächtigen gesunden werden könne. Alle Kreise des deutschen Volkes eint deshalb der Protest gegen den Schuldparagraphen. Die deutsche Judenheit ist in diese Reihen eingegliedert. Für sie ist der Schuldparagraph eine ins Gigantische vergrößerte Wiederholung des Schicksals der eigenen Gemeinschaft. Wie ein böser Traum wiederholte sich die vom Geschlecht zu Geschlecht neu und immer wieder schmerzlich gewonnene Erfahrung: verurteilt zu sein, ohne gehört zu werden; beurteilt zu werden von Menschen, die das Wesen des Anklagten nicht kennen; mit dem Stigma einer Verleumdung durch die Zeit und die Geschichte zu gehen. Das Schicksal des Judentums gab der deutschen Judenheit die starke seelische Widerstandskraft, die Männer aus ihren Reihen befähigte, im allgemeinen Niederbruch schon die Hände zürn Wiederaufbau zu regen. Das Vertrauen der Juden auf die Ueberwindung der Macht durch den Geist und der Verleumdung durch die Wahrheit kann, auch hier wieder in gigantischer Vergrößerung, dem deutschen Volke die seelische Kraft für seinen Kampf ums Recht stählen helfen. Nicht nur seelisch traf der Versailler Vertrag die jüdischen Deutschen in gleichem Maße wie die übrigen Volksgenossen. Von den wirtschaftlichen Folgen, die den jüdischen Mittelstand, auch bei uns der Kern der Gemeinschaft, in gleichem Maße erschütterten wie den Mittelstand überhaupt, soll hier nicht die Rede sein. Die Menschen dagegen müssen erwähnt werden, die die deutsche Judenheit durch den Vertrag von Versailles einbüßte oder die, von ihren Wohnsitzen vertrieben, ihre Heimat verloren, die 30 600 Juden in Elfaß-Lothringen, die 14 000 in Danzig und Westpreußen, die 26 000 in Posen, die 9000 in den verlorenen Teilen Oberschlesiens und die 1000 im Memelland. 80 000 Menschen, gute Deutsche und treue Juden, verlor die deutsche Judenheit, Kraftquellen ihrer Erneuerung wurden verschüttet, Bande Zwischen Eltern itnb Kindern jäh zerschnitten. Dieser Verlust an Menschen und an Mitteln, der keine einheitlich geschlossene oder fremdartige Masse von uns löste, sondern mit dem Gesamtjudenkum Deutschlands durch zahllose Fäden verknüpfte, ihm organisch verbundene Menschen verlorengehen ließ, kostete das deutsche Judentum seine geistige Führerstellung unter den Juden der Welt, die es seit anderthalb Jahrhunderten behauptet hatte. Wie die deutsche Wissenschaft muß sich auch die Wissenschaft des Judentums langsam den Platz an der Spitze wieder erkämpfen, um unter den Juden der Welt das Ansehen Deutschlands als Ausgangspunkt jüdischer Lehre und Weisheit wieder herzustellen. Der Gedenktag an Versailles ist ein T r a u e r t a g für das deutsche Volk. Alle religiösen Gemeinschaften haben Trauertage, Bußtage. Die staatliche Gemeinschaft wird ihre Trauertage mit ähnlichem Inhalt erfüllen müssen wie ihre religiösen Gruppen. Voraussetzung bei diesen ist Verwirklichung derjenigen Wünsche, die man an_ andere stellt, durch die eigene Tat. Die Forderung nach dem ^ieg des Rechts über die Macht, der Wahrheit über die Verleumdung, der Befreiung vom Stigma durch Anerkennung der lebendigen Wirklichkeit wird das deutsche Volk dann vor dem Forum des Weltgewissens mit stärkerem Nachdruck erheben können, wenn es sie in seinen eigenen Reihen erfüllt. Der 28. Juni 1929 sei dem deutschen Volk Buß- und Trauertag. Tw. Alfred Hirschberg. *) Vgl. Fr. Oppenheime r, „CD, V.-Zeitung", 5. Iahrg., Nr. 49.