Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- Seite 321 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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321 Aber weder das einzelne Kapitel noch die zuletzt zitierten im Buche verstreuten Ansichten können isoliert betrachtet werden und in ihrem Zusammenhänge mit dem Ganzen liegt eine gewisse Gefahr für die Wirkung. Gerade unter all den subjektiven Anschauungen stechen sachliche Feststellungen durch ihren Seltenheitswert hervor und bleiben dadurch unwillkürlich stärker im Gedächtnis hasten, und so werden die unrichtigen und nicht zurückgewiesenen Behauptungen leicht als Fakten und in antisemitischem Sinne nachwirken. Und da in dieser Frage eine Verschiebung des Standpunktes überhaupt eingetreten ist durch Einführung eines Kollektivbegrifses in dieses Buch der Persönlichkeitswertung, so wird, wenn auch ungewollt, die Wertung ungleicher Werte veranlaßt. Es mag aber sein, daß gerade der jüdische Leser diese Gefahr stärker empfindet, als sie tatsächlich auf den unbefangenen Leser wirkt, denn er findet uraltes Judenschrcksal wieder: den Kollektivbegrisf: „die Juden, gegen die es immer wieder anzukämpfen gilt", Marie Baer (Wiesbaden). Ernst Lissauer, „Luther und Thomas Münzer". Verlag Oesterheld u. Co., Berlin 1929. Ueber Ernst Lissauers Person und literarische Gesamterscheinung muß den Lesern dieser Zeitung nichts gesagt werden. Sie kennen ihn: den Mann, dessen Stern kurz vor dem Kriege aufging, der dann durch die beklagenswerte Aktualität jenes Gesanges in Kriegszeit so bekannt geworden ist wie wenig andere — und der seither durch eineinhalb Jahrzehnte die Früchte ernstester und reifster Arbeit vom Schatten jener Strophen überschattet sieht. Seine Tragik — die Tragik seiner Stofswahl, die Tragik seiner Helden. Als bezahlte er immer weiter für jenes eine aktuelle Lied den Zoll, so ist er seither unaktuell, ja anti-aktuell in der Wahl seiner Stoffe geworden: sein bedeutendes Iorck-Drama schrieb er knapp nach dein Kriege, da alles höher im Kurse stand als eine Uniform, sein Goethe-Schauspiel schrieb er, da in Deutschland der Expressionismus grassierte und alles höher im Kurse stand als Weimar, und dann, als die Zeit sich ihrer eigenen Apokalypse besann und nach nichts so sehr zu verlangen begann wie nach ihrem Dokument, nach der Auseinandersetzung mit ihrem unmittelbarsten Stossgehalt, nach Zeugenschaft und Bericht der letzten fünfzehn Jahre — dann, sage ich, schrieb Lissauer ein biblisches Drama „Das Weib des Jephta", und eben jetzt sein großes Schauspiel, sein bedeutendstes: „Luther und Thomas Münzer". Eine Scheu vor dem Aktuellen also, ein llorror aetualitatis, wie es einen horror vacui gibt. Man verstehe richtig: nicht daß diese Stücke „unaktuell", daß sie antiquarisch wären. Das entschiedene Gegenteil ist der Fall. In jedem von ihnen sagt Lissauer, was er über brennendste, aktuellste Fragen zu sagen hat (und er hat etwas zu sagen); aber er sagt es (horror actualitatis!) übersetzt, sublimiert, verinnerlicht, vergeistigt, verallgemeinert. Er sieht im Aktuellen das Typische, im Typischen das Aktuelle — und handelt danach. (Womit er, nebenbei gesagt, dem breiten Erfolg seiner Stücke im Wege steht: eine Zeit, die noch an ihrem stofflichen Erlebnis zu kauen hat, die mit sich selbst noch nicht im reinen ist, ist wenig geneigt, zu übersetzen — was von einer anderen Warte heißt: sie ist kunstfern, kunstfeindlich; inter arma silent musae — und wir stehen unter Waffen.) Nochmals: was Lissauer gibt, ist transponierte Aktualität, ist heutiges Erlebnis in mythischem oder historischem Gewand. Und blickt man genauer hin — immer ist essei n Erlebnis. Lissauer ist Jude in jenem tiefsten, messianischen Sinne des Mittlertums, des Tazwischenstehens. Tragischer Mittler, verkannter Mittler. (Man erinnere sich, wie er, der C. V.-Jude, eben als ein Dazwischenstehender von jüdisch-völkischer und von deutsch-völkischer Borniertheit angeseindet wird!) Tragisch verkannter Mittler also. Und darum sind all seine Helden tragisch verkannte Mittler, in Hader liegend nicht nur mit den beiden Mächten, Zwischen denen sie stehen, sondern in Hader liegend vor allem und höchst charakteristischer Weise mit sich selbst. Das gilt für Iorck, das gilt für Mose (in einem noch unvollendeten Schauspiel), das gilt für Fephta — und das gilt für Luther. Alle heißen sie Lissauer (und einer, der Held seiner „Gewalt", heißt sogar Ernst). Aufgabe eines Berichtes in diesem Nahmen ist Erkenntnisvermittlung und nicht Kritik. So gehörte das Schwerwiegende, das für, und das beträchtlich Leichterwiegende, das gegen dieses Drama „Luther und Thomas Münzer" vom theatertechnischen, vom kompositionellen — vom „zünftigen" Standpunkt zu sagen ist, auf ein anderes Blatt. Hier sei mitgeteilt, daß es die Tragödie von Luthers sinkendem Sterne ist. Das Stück setzt (nach einem Vorspiel) ein, da er, von der Wartburg Zurückgekehrt, auf der Höhe seines Ansehens, und damit beschäftigt ist, das Erkämpfte zu verankern, zu konsolidieren. Er macht Ordnung, wie er das Volk schützt, schützt er auch die Autorität der Fürsten gegen das Volk — und verdirbt es sich so, tragischer Mittler, mit dem Radikalismus, mit der Entfachtheit, die kein Wasser in ihren revolutionären Wein tun will: mit Thomas Münzer. Ein Duell um die Liebe des Volkes, in dem Luther recht hat und unterliegt, in dem Münzer, der Schwärmer, siegt — und auf die Richtstatt geführt wird. Luthers Drama? Münzers Drama? Das sei hier nicht untersucht. Das Stück strömt breit, gibt eine breite Fülle dramatisch gesteigerter Szenen (darunter Massenszenen von besonderer Wucht), die, über die Einzelschicksale Luthers und Münzers hinaus, jene ganze 'Zeit unb ihren Jdeenkreis derb, grell, anschaulich überwölben. Und hervorgehoben sei: wie es in der richtigen Tragödie sein soll — jeder hat recht und jedem geschieht recht. Luther wie Münzer, dem Protestantismus wie dem Katholizismus. So wird da Lissauers Mittlerstellung zum künstlerischen Verdienst. Und dessen wollen gerade wir uns mit ihm freuen. Robert Reumann (Wien). andschathich schönster Kurort in den baver. Alpen- Seit 60 Jahren bewährt .. bei: Asthma. Bronchitis Hals- Nöäervu.Kehikopfieiden - ___Hl«™.IHlfll.«»»»VNIMMW,», Die gesundheitlichen Nachwirkungen der Grippe werden durcheinen AufenthaiMndiesem heilkräftigen Bad beseitigt. Der Sieg -es Riten Testaments. Buchbesprechungen von Rabbiner Dr. Hahn (Essen). Die Kampflage um das Alte Testaments verschlechtert sich von Tag zu Tag für die Antisemiten. Nach anfänglichen Teilerfolgen, die in der Nachkriegszeit^ unter dem aufreizenden Schlachtruf „Fort mit dem Alten Testament!" erzielt wurden, hat der Antisemitismus an dieser Front fast alles Terrain wieder verloren. Man hatte offenbar die Kraft, die noch immer von diesem alten Neligionsbuch ausgeht, unterschätzt. Mit der jüdischen Gegenwehr muhte man rechnen. Sie brauchte man aber nicht allzuhoch einzuschätzen, denn inan hat im antisemitischen Lager noch immer MitteU und Wege gesunden, den Verteidiger in eigener Sache zu verdächtiMn und in den Augen der Oesfentlichkeit herabzumindern. Anders stand es mit den nichtjüdischen Freunden des Alten Testaments. Ihre Macht konnte nur gebrochen werden, wenn man sich der Bundesgenossenschast einer wissenschaftlichen Autorität sicher wußte. Zu dieser wenig beneidenswerten Führerstellung ließ sich vor allem der in Gelehrtenkreisen hochangesehene Assyriologe Professor Friedrich Delitzsch mißbrauchen. In seiner Kampfschrift „Die große Täuschung" (Stuttgart-Berlin 1920/21) versuchte er alle Argumente, die gegen die Werthastigkeit des Alten Testaments vorgebracht worden wareu, in allgemeinverständlicher Form Zusammenzufassen. Der Generalangriff war mit schwerstem Geschütz eröffnet. Der Sieg konnte nicht ansbleiben. „Die große Täuschung" ist aber für die Gegner des Alten Testaments eine große E nt täuschung geworden. Sie war nämlich die Fanfare, die gleichzeitig auch die Bibelgetreuen einander näherbrachte. Konfessionelle, dogmatische und kritische Gegensätze, die bisher ein einheitliches Vorgehen der Freunde des Alten Testaments verhindert , hatten, mußten in dem Augenblick in milderem Licht erscheinen, als f es galt, die Bibel als Ganzes zu erfassen und zu verteidigen. Menschen f unterschiedlicher religiöser Prägung konnten sich nunmehr finden, um das ihnen gemeinsame Neligionsbuch vor weiterer Verunglimpfung zu schützen. Ausklärnngsschristen konnten jetzt erscheinen, in denen die Vertreter der verschiedenen Konfessionen willig voneinander lernten, um dem Alten Testament die ihm gebührende Stellung innerhalb der europäischen Geisteswelt zu sichern. Die Arbeit am Alten Testament wurde auf diese Weise versachlicht, und das unsichtbare Band, das alle umschließt, die sich zu diesem Buch bekennen, wurde fester geknüpft. So findet sich Z. B. in der leider recht trocken geschriebenen Broschüre von Professor Dr. Wilhelm Fauser: „Das Alte Testament und seine Verwendung in Kirche nnd Schule" (Verlag Adolf Bonz & Co., Stuttgart 1928, 85 <b.) eine Stelle, in der nach einer sehr ungenügenden Charakterisierung des heutigen Judentums folgender Vorschlag gemacht wird: „Die Juden könnten sich der größeren und reineren Vergangenheit ihrer Religion erinnern und sich demgemäß noch mehr als bisher auf den Boden des universalen und nichtgesetzlichen Monotheismus der Propheten stellen, und ebenso könnten die Christen der Verwandtschaft eingedenk sein, welche von Anfang an zwischen der christlichen Religion und der prophetischen Israels bestand — dann würde die prophetische Religion Israels die gemeinsame Brücke bilden, aus welcher Juden und Christen sich freundlich begegnen, und es wäre damit ebenso der Gesetzlichkeit und dem Partikularismus auf der jüdischen wie dem unchristlichen Antisemitismus auf der christlichen Seite die Spitze abgebrochen." Ich führe dieses Zitat, mit dessen Einzelheiten ich mich hier nicht auseinandersetzen kann, nur deshalb so ausführlich au, weil es zeigt, zu welcher Brandmarkung des Antisemitismus ein evangelischer Christ kommen muß, wenn er die religiösen nnd erzieherischen Kräfte, die im Alten Testament verborgen sind, von seinem Standort aus unvoreingenommen prüft und bejaht. i) Man vergleiche die Aufsätze des gleichen Verfassers in der „C. V.-Zeilung" vom 30. April 1926 und 10. Juni 1927.