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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-14 · 24 (14.6.1929) · p. Seite 320

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
24 (14.6.1929)
Date
1929-06-14
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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J&ikfiet Met Mm, Sir Frederic Ponsonby: „Briefe der Kaiserin Friedrich". Verlag für Kulturpolitik,. Berlin 1929. Die Briese der Prinzessin und späteren Kaiser Friedrich, die in den Jahren 1859—1900 im wesentlichen an ihre Mutter, die Königin von England, gerichtet sind und jetzt auch in deutscher Nebersetzung vorliegen, haben in Europa beträchtliches Aussehen erregt. Weniger, weil sie die bekannte Tatsache bestätigen, daß die englische Prinzessin eine ungewöhnlich kluge, für Politik begabte, künstlerisch interessierte un§ auch als deutsche Prinzessin liberal eingestellte, allzu temperamentvolle Persönlichkeit war, als dadurch, daß die Briese neue und wichtige Beiträge zur KrankheitsgeschichLe Kaiser Friedrichs III., zur Stellung Wilhelms II. sowohl zu seiner Mutter, wie auch zu seinem Vater und zum Verhältnis B i s m a r ck — K r o n p r i n z e n P a a r liefern. Diese Feststellungen würden noch nicht eine Besprechung des Buches in diesen Blättern rechtfertigen. Aus folgenden Gründen erfolgt sie aber hier: Fast jeden Brief durchzieht wie ein roter Faden der heiße Wunsch des Kronprinzenpaares, einst als K a i s e r P a a r Deutschland liberal z u. r e g i e r e n. Was die Erfüllung dieses Wunsches für die Entwicklung des innerpolitischen Lebens bedeutet Hütte, ist heute schwerlich zu ermessen. Das eine aber kann wohl behauptet werden: Das Streben einer liberalen Negierung, alle geeigneten E l e m e n t e ohne Unterschied von Rang und Stand, v o n Klasse und Religion als gleichberechtigt zu fördern und die Fähigen der Negierung, der Berw a l t u n g, dem Heere, der Wissenschaft nicht fernz u h a l t e n, hätte d e m de u t s che n I ud e n t u m die schweren Zurücksetzungen erspart, die es i m früheren Kaiserreiche nur mit dem Taufschein überwinden konnte. Daß auf das konservative Regiment B i s m a r ck s ein die gleiche Weltanschauung noch, stärker betonendes Wilhelms II. folgte, war sicher kein Segen für Deutschland, und Wilhelm II. hat recht, wenn er in einer klugen und abgewogenen Einleitung, die er den für ihn als Sohn besonders Peinlichen Briefen voranschickt, ausspricht, durch die Nachfolge Wilhelms II. auf Wilhelm I. sei eine Generation übersprungen worden. Eine Generation nicht nur in zeitlicher, sondern auch in weltanschaulicher Hinsicht. Daneben offenbaren die Briese an manchen Stellen die humane Einstellung der Kronprinzessin. Die Stöcker-Partei, die Graf Waldersee und Prinz Wilhelm nebst Gemahlin förderten, war ihr ein Greuel. Sie sagt (S. 405): „Die Stöcker-Partei ist in Deutschland verhaßt, und Fürst Bismarck ist klug genug, um zu wissen, daß es keinen Zweck hätte, sie offen zu unterstützen (obgleich sie aus seinen Anhängern, Konservativen usw. besteht)/' * Offen schreibt sie (S. 288): „Ich habe immer die heftigen Sektierer, Antisemiten und Antikatholiken vermieden, da ich sie für intolerant und hartherzig halte." Als sie 1891 im Einvernehmen mit ihrem Sohn Paris besucht und dort aus Herzensneigung Künstlerateliers und Sammlungen besichtigt, wird ihr nachher vorgeworfen, daß sie „alle möglichen jüdischen Sammler" besucht habe, eie schreibt dazu (S. 449): „Ich habe nur die große Sammlung Spritzer angesehen, der zu Lebzeiten gewiß ein Jude war . . (Schade, daß hier im Briestext etwas ausgelassen ist! Der Vers.)" Eine Stelle, die sozusagen das Negierungsprogramm des Kronprinzenpaares wiedergibt, lautet (S. 289): „Bismarck ist ein großer Mann, ein Genie und eine Macht, tut alles, was er kann, und hat viel für sein Land geleistet. Man muß gerecht und dankbar sein, aber, da man von Dornenbüschen keine Weintrauben und von Disteln keine Feigen ernten kann, so darf man auch von ihm nicht das erwarten, nach dem das moderne Deutschland hungert und dürstet: d. h. Friede zwischen seinen Gesellschaftsklassen, Rassen, Religionen, Parteien, gute und freundliche Beziehungen mit seinen Nachbarn, Freiheit und Respekt vor dem Recht anstatt der Gewalt. . Die Lektüre dieses Buches, das die Briefe durch selbständigen Text und oft durch Briefe und Mitteilungen Dritter ergänzt, ist, wenn auch von dem englischen Standpunkte des Herausgebers vieles abzuziehen ist, für uns, die wir noch mitten in den Folgen des Jahres 1888 leben und die wie die Personen des Buches zu einem großen Teil im Leben gesehen haben, mehr als ein historischer Genuß, es ist ein tiefes, oft erschütterndes Erlebnis: Weit in den Briefen nicht allein eine Kaiserin, sondern vor allem eine vom Unheil schwer betroffene Mutter und Gattin heroisch mit dem Schicksal ringt. A. W. Anton Erkelenz, M. d. R.r „Zehn Jahre deutsche Republik". (Sieben Stäbe-Vcrlags- und Druckerei-Gesellschaft m. b. H., Berlin-Zehlendorf,) Vorstehendes Werk nennt sich in seinem Untertitel ein Handbuch für republikanische Politik. Es erfüllt seinen Zweck. Die namhaftesten demokratischen Politiker und Parlamentarier behandeln in Einzeldarstellungen jedes Gebiet, das in dieser Hinsicht den politischen Menschen interessiert. Nach einer Schilderung *) Wer. Ernst Feders vortreffliches Paul-Nathan-Buch kennt, ist dort dein (christlichen) Kölner Museumsdirektor Aldenhoven, einem intimen Freunde Paul Nathans, begegnet. Warum er seine Stellung am Gothaer Museum als Liberaler aufgeben mußte, erzählt die Kaiserin in einem Briefe an ihre Mutter vom 14. Dezember 1889 (S. 419). £Uemtm und 9teiiqion. der Entstehung der Republik und der Demokratischen Partei sowie ihrer Reichs- und Länderfraktionen werden die Friedensverträge, der großdeutsche Gedanke, die Stellung Deutschlands im Völkerbund und unter den Weltvölkern, Kirche und Staat, Schulwesen, Ernährung, Landwirtschaft, Wehrshstem, Auswertung und Fürstenabfindung, Beamtenbewegung, Wohnungsfragen, Sozialpolitik, Frauenbewegung und viele andere Gebiete betrachtet. Mit besonderen deutsch-jüdischen Fragen befaßt sich das Werk außer einer selbstverständlichen Ablehnung der völkischen Bestrebungen und Programme nicht, braucht es auch bei der politischen Einstellung seiner Verfasser nicht. Demokratie, Parlamentarismus, Republik werden von gegnerischer Seite als „jüdische Erfindungen" gebrandmarkt. Insofern liefert das Handbuch in seiner reichen objektiven Materialsammlung dem jüdischen Deutschen wertvolle Waffen im Abwehrkamps. H. L. Erich Stock, „Wirtschafts- und sozialpolitische Bestrebungen der Dcutschkonserpativen Partei unter Bismarck 1876—1890". Verlag M. u. H. Marcus, Breslau 1928. Eine kurze, aber erschöpfende Zusammenstellung einer bedeutsamen Seite der deutschen Wirtschaftsgeschichte, die auch eine Reihe von heute wichtigen, vom Centralverein behandelten Problemen berührt. L. H. Otto Flake, „Freund aller Welt". Verlag S. Fischer, Berlin 1928. Der fünfte Band aus der Reihe der „Romane um Ruland" von Otto Flake, der „Freund aller Welt", ist ein Buch besonderer Art. Es steht so vollkommen im Banne einer weltanschaulichen Willenseinstellung, daß von ihr aus die ganze Stosfgestaltung ihre eigenartige charakteristische Prägung erhält. Und zwar ist es unverkennbar das Bestreben, zum Mittelpunkt des Lebens wieder die Persönlichkeit zu machen, gerade in einer Zeit, in der sich „die Masse ohne Persönlichkeitsgefühl breitmacht". 11m dieser Persönlichkeitswertung willen werden Zeit und Umwelt meist nur in der seelischen Reaktion dargestellt, als subjektives Erleben gestaltet, werden ihre geistige Struktur sowie das zeitgenössische Geschehen zum kaum angedeuteten, wenn auch charakteristisch gefärbten Hintergründe, von dem sich die Persönlichkeit als der letzten Endes allein schicksalformende Faktor um so stärker abhebt. Weiter werden um der individuellen Entwicklungsnotwendigkeiten willen materielle, soziale, nationale Bindungen zu leicht abstreifbaren veränderlichen Begriffen gestempelt. Und selbst die Gleichheit der Anlagen, die lange, ehe sie sich als Erbteil eines allen gemeinsamen Ahnens herausstellt, die Menschen des Rulandkreises in unbewußter Wahlverwandtschaft zusammensührte, wird zum Mittel stärkster Persönlichkeitsbetonung, indem gerade diese Wesensverwandtschaft in den einzelnen Charakteren individuell umgestaltet und schicksalsmäßig grundverschieden ausgewertet wird. Die Entscheidungen, vor die der im „Freund aller Welt" behandelte Lebensabschnitt seine Menschen stellt, sind in den Grundzügen fast immer die gleichen: die Auseinandersetzung mit der Frau und über die Form des Zusammenlebens mit ihr, sowie die freiwillige, bewußt bejahende Einordnung in den Beruf. Selbstverständlich sind die Lösungen aller Probleme rein individuell bedingt und erheben in ihrer Abhängigkeit von der Persönlichkeit keinerlei Anspruch auf Allgemeiugültigkeit und prinzipielle Bedeutung. Es ist klar, daß in einem Buche dieser Einstellung die sachlich objektive Behandlung eines Problems nicht die gleiche Wirkung auslöst wie in anderem Rahmen und daß deshalb in diesem Zusammenhang ein Kapitel mit Tatsachenbehauptungen und -begründungen anders beurteilt werden muß, als für sich allein betrachtet. Vor diese Aufgabe stellt uns das Kapitel „Antisemitisches". In Form einer Diskussion zwischen dem Haupthelden, Ruland, und dem antisemitischen Redakteur Scholz bringt es inhaltlich meist bekannte, rein antisemitische Behauptungen vor; von der Wesensart der Juden, ihrem Witz, ihrer Schnoddrigkeit und Melancholie, die einen Fingerzeig geben, woher man kommt und mit wem man marschiert, von ihrenc Haß oder bestenfalls ihrer Gleichgültigkeit und Beziehungslosigkeit zur deutschen Vergangenheit, von ihrem zahlenmäßigen Ueberwiegen in der deutschen Literatur und den daraus entstehenden Folgen usw., Behauptungen, die an sich unwidersprochen bleiben und nur mit geschichtlichen Aus- und Rückblicken erklärt werden. Und doch ist die Tendenz sicher nicht antisemitisch. Das ergibt sich aus den Schlußfolgerungen, zu denen Ruland kommt: „Die Juden waren da — es handelte sich nicht um ein kündbares Provisorium, sondern um ein unkündbares. Sie waren Schicksal für die Gastnationen, wie die Gastnationen Schicksal für sie. Woraus folgt, daß der Kampf mit ihnen ein Kamps um etwas Gemeinsames war, um eine Auffassung vom Leben, zu der jede Partei ihre Ideen beitrug." Wenn auch selbst in diesem Satze vom Standpunkte des C. D.- Jnden die Ideologie anfechtbar ist, angefangen beim „unkündbaren Provisorium" bis zur „Gastnation", so kann doch Rulands Wille zur Objektivität nicht verkannt werden. Denn die Idee der Schicksalsgemeinschaft zwischen Gastnation und Juden widerspricht einer ausgesprochen antisemitischen Einstellung und bleibt im Rahmen seiner Ueberzeugung von der Berechtigung dessen, was ist, aus Grund deren er „weder an den Sieg einer Partei glaubte, uoch ihn je wünschte". Ä

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