Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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I. Iacobi und Professor Ludwig H ä n ß e r. Der Lüneburger Rechtsanwalt Johann Hermann Detmold war ein Bundesbruder Heines in Güttingen,.- auch Lass alle gehörte während seiner Studentenzeit der Breslauer Burschenschaft der Nazceks an. Erst als in den achtziger Jahren unter dem Einfluß Stöckers und der Vereine deutscher Studenten (V. d. St.) die Ideen des Rassenantisemitismus in die deutsche Studentenschaft hinoingetragen wurden, begannen sich auch in der Burschenschaft judenfeindliche Strömungen 'bemerkbar zu machen. Zwar das offizielle Organ der Burschenschaften, die „Vurschenschaftlichen Blätter", lehnten es zunächst ab, den Antisemitismus als ,,einen für viele Leser unangenehmen Gegenstand" auch nur zu diskutieren. Doch unter dem Einfluß der besonders radikalen österreichischen Burschenschaften änderte sich diese Haltung. Die damals wie heute besonders fanatischen österreichischen Burschenschaften hatten sich auf den Boden des Waidhofener Standpunktes gestellt. Die österreichischen Burschenschaften, denen häufig Juden angehört hatten — auch Theodor Herzel war Wiener Burschenschaftler —, versuchten mit allen Mitteln, dieses Waidhofener Prinzip und die ihm entsprechende Gesinnung in den deutschen Burschenschaften einzuführen. Mit geradezu dramatischer Bewegtheit schildert Scheuer den Kampf, der über diese Frage durch Jahre hindurch nicht nur in den deutschen Burschenschaften, sondern auch in den anderen großen Verbänden, die bis dahin Juden aufnahmen. geführt wurde. Die Anhänger der alten freiheitlichen Tradition setzten sich machtvoll zur Wehr. Sie unterlagen jedoch der Zeitströmung: auf dem Burschentage 1896 wurde der offizielle Ausschluß der Juden beschlossen. Eine große Anzahl von Alten Herren der Burschenschaften wandte sich gegen den Beschluß, jedoch ohne Erfolg. Immerhin haben die deutschen Burschenschaften um Gegensatz zu den österreichischen ihre bisherigen Mitglieder jüdischen Glaubens nicht zwangsweise ausgeschlossen. Die Burschenschaft der Nachkriegszeit. Scheuer behandelt dann noch kurz die scharf judengegnerische Haltung der Burschenschaft in der Nachkriegszeit. Es wäre hier am Platze gewesen, auf den maßgebenden Einfluß, den die Deutsche Burschenschaft stets in der deutschen Studentenschaft ausgeübt hat, etwas näher einzugehen und aud) ihre führende Stellung in den anderer: großen akademischen Organisationen judengegnerischen Charakters, wie etwa in der Arbeitsgemeinschaft völkischer akademischer Verbünde, näher zu beleuchten. Scheuer gibt dann auch noch eine kurze Darstellung der Verhältnisse in den anderen großen studentischen Verbünden; auch hier waren es meistens die österreichischen Korporationen, die die Aufnahme des Arierparagraphen in die Satzungen forderten. Scheuer irrt übrigens, wenn er annimrnt, daß der C. V., der größte katholische Verband, sich auf den Boden des Arierprinzips gestellt hat. Ein dahingehender Beschluß der C. V.-Versammlung in Regensburg im Jahre 1920 wurde später wieder aufgehoben. Scheuer schließt seine von der ersten bis zur letzten Zeile fesfelnden Betrachtungen mit der Hoffnung, die Burschenschaft möge bald wieder zu den Idealen ihrer großen Vergangenheit zurücksinden. Scheuer ist, wie bereits erwähnt, als Studentenhistoriker verschiedentlich hervorgctreten. Er ist seit vielen Jahren gemeinschaftlich mit Sanitätsrat Dr. Friedlaender (Berlin) Schriftleiter der „Deutschen Hochschule", der Zeitschrift des B. C?), und besitzt eine studentengeschichtliche Bibliothek von über 1200 Nummern, die, wie das Jahrbuch der deutschen Biblivphilengesellschaft zu Wien vom Jahre 1926 sestftellt, weit über den Kreis seiner engeren Fachgenossen hinaus berechtigtes Ansehen gemeßt, und die der Altmeister der deutschen Studentengefchichte, Profssor Paul Sshmank in Göttingen, als einzig in ihrer Art dastehend bezeichnete. Scheuer ist Jude. Seine hervorragenden Forschungen auf dem sonst wenig bearbeiteten Gebiet der Studentengeschichte ist ein erneuter Beweis für die schöpferische Mitarbeit der deutschen Juden auf allen Gebieten des deutschen Kulturlebens. Werner Rosenberg (Berlin). Antike Spnagogen. Ern Vortrag von Dr. Sukenik. Ter deutsche Verband zur Förderung der Universität Jerufalenr, die Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums und die Gesellschaft der Freunde der Jerusalem-Bibliothek hatten am Dienstag, den 4. Juni, zu einem Vortrag in die staatliche Kunstbibliothek eiugeladen. Der Dozent der Archäologie an der Universität Jerusalem, Dr. S u k e n i k, sprach vor einem zahlreich erschienenen Publikum über das Thema; „D i e neu entdeckten M o s a i k e tt \ n palästini s ch e n Synagogen aus byzantinischer Zeit." Herr Dr. Sukenik setzte sich zunächst mit der Arbeit von Kohl und W a tz i n g e r , „Antike Synagogen in Galiläa", auseinander. Er zeigt auf, wie durch die genannte Arbeit außerordentlich Wertvolles aus dem Gebiet der jüdischen Archäologie geleistet wurde. In der Zeit nach dem Kriege hat sich das Material um ein Vielfaches vermehrt; man hat bis heute bereits 40 Synagogen ausgegraben. Als figürliche Darstellungen in den Synagogen finden sich hauptsächlich Tierstatnen; steinerne Löwen, die den Thoraschrein flankieren, auch viele Vögel. Watzinger hatte aus dem Vorhandensein des Bilderschmucks geschlossen, diese 11 Synagogen in Galiläa seien nicht von Juden^ sondern vom römischen Kaiser erbaut worden. Dem widerspricht Tr. Sukenik energisch. Schon das Faktum des Bilderschmucks in allen 11 Synagogen spreche dagegen. Dann aber weisen die Zahlreichen Inschriften Namen von Stiftern der Basilika oder auch einzelner Säulen auf; nirgends aber sei in diesen Inschriften der Name eines römischen Kaisers gesunde:: worden; und die Juden hätten zweifellos den Namen des Kaisers erwähnt, wenn er der Stifter gewesen wäre. Ter Redner geht dann zur Frage des Bilderverbots ganz allgemein über und faßt seine Ansicht, die sich aus viel neues, noch nicht veröffentlichtes Material stützt, dahin zusammen: Das Bilderverbot („Du sollst Dir kein Bildnis machen und keinerlei Gestalt") hatte zwar für reine Kultnrzwecke Bedeutung, nicht aber für Zwecke dekorativer Art. Tie Erklärung, der Bilderschmuck der antiken Synagogen befände sich nur in denen der sogenannten „reformierten" Juden, lehnt Dr. Sukenik mit den: Hinweis auf die Synagoge im alten Liberias, dem Zentrum der jüdischen Orthodvrie, ab. Bon den figürlichen Darstellungen ist fast alles zerstört *) Der V. L. (Burschenschafts-Convent, Verband paritätischer Korporationen an deutschen Hochschulen) wurde 1919 in Berlin gestiftet, und zwar mit dem Prinzip der unbedingten Satisfaktion und der Bestimmungsmensur. Die einzelnen! Burschenschaften bestanden bereits seit langen:. Sein Wahlspruch ist: Für l Deutschtum, Freiheit, Recht und Ehre. 3G Hautpflegemittel gibt es gar viele ~ ^rVar wenige nurßhren %um 2ielex cfiodhflaiserxflerax exframrßmiert kleines der besten.das existiert. worden; nur in einer einzigen von den bisher ausgegrabenen Synagogen sind die figürlichen Darstellungen ganz geblieben. Diese Synagoge ist iin 4. Jahrhundert verlassen worden. Dr. Sukenik folgert nun daraus, daß es noch während des 4. Jahrhunderts erlaubt war, figürliche und bildliche Darstellungen beim Symrgogeubau Zu verwenden. Dam: aber setzt eine Zeit der „Bilderstürmer" ein, bei der Dr. Sukenik zwei Perioden unterscheidet; eine solche, die die plastische Darstellung für unerlaubt hält, nicht aber die Mosaiken; so hat man im 5. und 6. Jahrhutwert den Fußboden mit Mosaiken geschuü'lckt. Während des 7. Jahrhunderts sind dam: auch diese Mosaiken zerstört worden. Den Ausführungen folgen dann Lichtbilder, in denen uns die beiden Synagogen von Naharan und Beth Alfa gezeigt werden. Wir sehen die Mosaiken des Fußbodens, die den Tierkreis darstellen; wir sehen den Thoraschrein, der von den beiden Löwen flankiert wird. Es ist völlig primitive Kunst, die uns in diesen Mosaiken entgegentvitt; aber die Tatsache der bildlichen Darstellung an sich zeigt doch, daß es eine jüdische Volkskunst gegeben hat, die vielleicht auch nicht ganz oh::e Einfluß auf die frühchristliche Kunst gewesen ist. Doch für diese Frage des Einflusses liegt nach der Ansicht von Dr. S u k e n i k noch nicht genügend Material vor. Dr. Ellen Littmann. Die Gründung der Arbeitögemeinschmt U ' ‘ , WWk Mil Mlfl »M«. Gelegentlich der Schau „Das Judentum in der Geschichte Schlesiens" in B r e s l a u trafen Freunde und Leiter jüdischer Museen und Sammlungen zusammen, mit dem Erfolg, daß die „A rbeitsgern e i n s ch a s t für Sammlungen jüdischer Kunstunb Altert ü m e r" gegründet wurde. Nach dem Protokoll der Versammlung wurde zur Ausarbeitung der Geschäftsordnung und Richtlinien der losen Vereinigung zunächst eine Kommission berufen, der ich — ohne ihrer Arbeit vorgreifen zu wollen — gleichsam zum Gruß und zur Anregung einige Gedanken entbieten möchte: A Dieser Spitzenverband jüdischer Musenmsvereine Deutschlands kam: 'meines Erachtens nur bezwecken, eine wissenschaftliche Leistung zu vollbringen, nänckich die Arbeit der einzelnen provinziellen Mufeumsvereine mit einer von gelehrter Hand ZusammenzusteNenden Gesamtverösfentlichung mit dem ungefähren Titel „Die jüdischen Geschichts- und Kulturdenkmäler in Deutschland" Zu krönenH. Einerseits soll in diesem Werk der Ersatz für ein jüdisches Zentralmufeum geschaffen werden, anderseits soll damit ein Buch von fachwissenschaftlicher wie allgemeiner Bedeutzmg entstehen, das gleichzeitig für die Arbeit des Centralvereins von hervorragender Bedeutung sein kann, ein Abwehr- und Aufklärungsbuch edelster Art. So wird die Tätigkeit der neuen Vereinigung von vornherein festgelegt und zugleich begrenzt. Fest steht, daß außer Bibliotheken, auf deren Ausschluß sich schon die Breslauer V e r s a m m l u n g festlegte, Gesellschaften, die sich mit der gegenwärtigen Kunst beschäftigen, nicht in den Nahmen des Verbandes passen, sondern nur Vereine, die sich mit der Sammlung von tunst- und kulturgeschichtlichen Gegenständen beschäftigen ' oder Heimatgeschichte pflegen. Die Arbeitsgemeinschaft kann sich meines Erachtens erst nach Erfüllung dieses innerdeutschen Aufgabegebietes Bestrebungen mit allgemein jüdischen Richtlinien znwenden und sich dazu mit außerdeutschen Verbänden zusammenkun. Mit begrenzter Sachlichkeit und tiefgehender Gründlichkeit muß die Bearbeitung des Spezialgebietes der jüdischen Kunst- und Kulturgeschichte in Deutschland von der Arbeitsgemeinschaft vorbereitet r:nd überwacht werden, mit Liebe zur deutschen Heimat und Freude an den jüdischen Dingen. Diese Tätigkeit kann auch nur daun erfolgreich sein, wenn in den einzelnen Landesteilen die notwendigen Unterlage:: durch Ausstellungen — wie jetzt mustergültig in Breslau — und Museen, dirrch Photos und Auszeichnungen bereitgestellt werden. Ilm eine Inventarisierung in ganz Deutschland durchführen z:: können, muß vor allem auf Gründung weiterer Provinzialvereiue hingewirkt werde::, deren notwendige Arbeit in einzelnen Landesteilen bis jetzt vollkommen fehlt, und die sehr wohl überall wie hier in Mainz ehrenamtlich und nebenberuflich ohne größeren Kostenaufwand geleistet werden kann. Nur durch systematisches Vorgehen kann die neue Bereinigung ernste Ausgaben erfüllen und die Gefahr von sich abwenden, ein Kunftverein neben anderen zu werden, die ästhetischer Laune und künstlerischer Passion huldigen. Ter nach dein Protokoll vorgesehene Austausch von Gegenständen, insbesondere von Dubletten und Photographien, wird sich auch leicht abwickeln, sobald die einzelnen Vereine in der Provinz sich aus die Samrnlung von Gegenständen, die mit der Geschichte ihres Heimatsgebiets in Zusammenhang stehen, beschränke::. Photos wird man auch nur von diesen: Gesichtspunkte aus austauscheu, während sonst ihre Ilcberseuduug eine überflüssige und kostspielige Mühe bedeutet, wenn u:an die Herausgabe eines Gesamtwerts vor Augen hat. Doch möge es zunächst der eingesetzten Koumüssion gelingen, ihre Richtlinien zweckn:äßig und zielbewußt auszustellen, um unter Unterstützung der wissenschaftlichen Institute wie der bestehenden großen jüdischen Organisationen die Arbeit zu leisten, die nun: von ihr für das deutsche Kulturleben erwartet. Dr. jnr. Karl Ladenbrrrg (Mainz). r) Man vergleiche die Aussprache in der „C. V.-Ztg." vom 24. Juni und 9. September 1927. C^0A