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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-14 · 24 (14.6.1929) · p. Seite 318

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
24 (14.6.1929)
Date
1929-06-14
Page
Seite 318 (sequence 6)
Language
German
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ZIS „Burschenschaft und Zudensrage." Die Widerlegung einer Geschichtslüge. Aus allen Gebieten menschlichen Wissens und Erkennens gibt es Bücheran denen dernicht Vorbeigehen kann, der eine gründliche Kenntnis des stressenden Gebiets erwerben will. Auf dem Gebiete oes akademischen Judenhasses gehört zu diesen „Standardwerken" eine Schrift, die vor einiger Zeit unter dem Titel „Burschenschaft und Judenfrage, der Rassenantisemitismus in der deutschen Studentenschaft", erschienen ist. Ihr Verfasser, der als Studentenhistoriker bereits rühmlichst bekannt gewordene Wiener Arzt Oskar F. Scheuer, hat hier mit souveräner Beherrschung des nicht leicht zugänglichen Materials über sein eigentliches Thema, die Judenfrage in der deutschen Burschenschaft, hinaus eine gründliche Untersuchung über das Eindringen antisemitischer Gesinnung in Deutschlands akademische Jugend gegeben. Die deutsche Burschenschaft hat in der Nachkriegszeit stets zu den treuesten Bannerträgern der Hakenkreuzsahnen gehört. Ein Aufschrei der Entrüstung ging durch die gesamte gesittete Welt Deutschlands, als die berüchtigten Eisenacher Beschlüsse des Burschentages von 1920 veröffentlicht wurden, in denen dem Burschenschafter die Heirat „mit einem jüdischen oder farbigen Weibe" verboten wurde, also die M ü t t e r , S ch w e st e r n und Bräute der Kriegskameraden von einst mit Mulatten- und Hottentottenweibern auf eine Stufe gestellt wurden. Man war damals über diese, ihre Urheber weit mehr als die schutzlosen Frauen diffamierenden Beschlüsse um so erstaunter, weil man sich der freiheitlichen und liberalen Tradition der alten Burschenschafter, dieser unermüdlichen Vorkämpfer für einein igesundsreiesDeutschland, erinnerte, jener Tradition, die untrennbar mit den Begriffen „Wartburgfest, Karlsbader Beschlüsse und 1848" verbunden sind. Angesichts dieser Vergangenheit wirkte es geradezu grotesk, wenn die führenden Persönlichkeiten der „Deutschen Burschenschaft" versuchten, den Nachweis zu erbringen, die gegenwärtige völkische Haltung basiere auf den Ideen der alten Burschenschaft und sei lediglich eine folgerichtige Fortführung ihrer Gedankengänge. Bereits 1905 hat Bruno Weil in seiner Schrift „Juden in der deutschen Burschenschaft" überzeugend nachgewiesen, daß die alte Burschenschaft in ihrer Mehrheit den Judenhaß abgelehnt und jüdischen Studenten, soweit sie ihrer gesamten Persönlichkeit nach hierzu geeignet waren, die Aufnahme nicht verweigert hat. Scheuer schließt sich diesen Feststellungen an und begründet seine Ansicht durch eine Untersuchung der historischen Entwicklung, die hier eingehend wiedergegeben werden soll, weil sie ein unwiderlegbares Gegenmaterial gegen die Behauptungen der heutigen völkischen Burschenschaftler bildet. Die Urburschenschast kennt keine Rasseufrage. Scheuer stellt gleich anfangs fest, daß die Urburschenschast von 1815 den RassenantisemiLismus weder als Begriff noch als Tatsache gekannt habe. Die Verfassung der sogenannten Urburschenschast in Jena von 1815 weist keine die Aufnahme von Juden einschränkende Klausel auf, obwohl die Juden bereits seit 1790, also längst vor der staatsbürgerlichen Emanzipation, zum Studium in Jena zugelassen waren. Nach § 79 der Versassungsurkunde konnten alle Burschen, d. h. alle vollimmatrikulierten Studenten, der Universität Jena Ln die Burschenschaft eintreten; lediglich „Franzosen und Welsche", als die ewigen Feinde des deutschen Namens, sollten ausgeschlossen sein. Auch die anderen Burschenschaften wiesen bei ihrer Gründung die gleiche universale Tendenz auf wie die von Jena. Einigen von ihnen, so z. V. der Berliner Burschenschaft, gehörten bei ihrer Gründung bereits Juden an, ja die Freiburger Burschenschaft ist sogar von dem jüdischen Studenten der Medizin Marx gegründet worden. Der Streit über die Aufnahme von Juden in die Burschenschaft begann erst unter dem Einfluß der sogenannten „Eießener Schwarzen". In Gießen hatte sich eine Burschenschaft gebildet, die aus Anregung von Arndt und unter dem Eindruck seiner Schriften über den „deutschen Studentenstaat" und dem „Entwurf einer Deutschen Gesellschaft" das studentische Leben von Grund aus reformieren wollte, ltnb den alten Komment mit seinen zum Teil allerdings recht wüsten Sitten ablehnte und den Zweikampf verwarf. Unter der geistigen Leitung der Brüder Follen wandte sie sich-nicht nur einem sozialen und politischen Radikalismus mit starkem republikanischen und kommunistischen Einschlag, sondern auch einem schwärmerischen Christentum zu. In ihrem „Ehrenspiegel" heißt es, daß es „des Burschen Bestimmung ist, zu einem echten Christen und teutschen Bürger sich zu bilden". Aus dieser religiösen Grundtendenz forderte sie den Ausschluß von Nichtchristen und Ausländern aus der Burschenschaft. Konnten also aus dieser Grundtendenz heraus Juden und Ausländer in die Gießen er Burschenschaft nicht ausgenommen werden, so sollten sie nach dem „Ehrenspiegel" jedoch berechtigt sein, in den Versammlungen der Burschenschaft gegen jeden Beschluß oder Vorschlag, der allgemeine Menschen- und Vurschenrechte verletzen tonnte, aufzutreten. Das Wartburgfest. Einen ganze anderen Charakter hafte jedoch die 1817 gegründete Allgemeine Burschenschaft in Heidelberg. Unter dem Einfluß Friedrich Wilhelm C a r o v 6 s bestimmten die Heidelberger in ihrer Verfassung, daß jeder, der durch I m m a t r i k u l er t i o n das a kadenrische Bürgerrecht erworben habe, Bursche seirr und jeder Bursche mit denr anderen gleiches Recht haben sollte. Danach stand auch Juden der Eintritt in die Heidelberger Burschenschaft frei. Der Kampf über die Aufnahme von Juden in die Burschenschaft entbrannte offen zum erstenmal aus denr Wartbur g f^e st, jener am 18. und 19. Oktober 1817 aus der Wartburg tagenß den berühmten ersten Versammlung aller inzwischen gegründeten deutschen 1 Burschenschaften. Dort hielt der Heidelberger Professor Fries, der ß bereits durch seine Schrift „Die Gefährdung des Wohlstandes und Chaz rakters der Deutschen durch die Juden" bekannt geworden war, eine auf- : reizende Rede. Ihm sekundierten die „Gießener Schwarzen". Auf dem 1 Wartburgfest selbst konnte sich die teutsche Bewegung der „Gießener f Schwarzen" noch nicht durchsetzen; vor allem Carovö trat ihnen in einer I überaus wirkungsvollen Rede entgegen. Doch bald nach dem Wartburg- I fest begannen die Ideen der „Gießener Schwarzen" sich in Jena aus- \ zuwirken. In ihrem Geist ist bereits jene deutsche Burschenj fchaftsordnung gehaften, die die Vertreter der jenaischen Burschenj schast auf dem Burschenschaftstage von 1818 vorlegten. In ihr heißt es: f „Um Mitglied einer Burschenschaft sein zu können, ist erforderlich, daß - man ein ehrenhafter teutscher Bursche ist, Christ ist." Auf Betreiben der I Heidelberger Burschenschaft wurde dieser Bestimmung jedoch durch den | Zusatz, es bleibe der Entscheidung der einzelnen Burschenschaft überlassen, 'i ob Nichtchvisten Zugelassen werden sollen, die Spitze abgebrochen. Auch die K ö nigsberger Burschenschaft soll sich besonders scharf gegen',) die Ausschließung der Juden gewandt haben. Im An-? schluß an Heidelberg und Königsberg lehnte nochz eine Reihe anderer Burschenschaft en es ab, sichs auf den geforderten Ausschluß der Juden in ihren j Satzungen fe st zulegen, so gehörten z. B. derBres-' lauer Burschenschaft 1818 zwei jüdische Studentena n. Auch die M a r b u r g e r Burschenschaft nahm nach ihrer Vers sassung von 1819 jeden unbescholtenen Marburger Burschen auf. Aber an;j den judenseindlichen Ausschreitungen im Rhein-Main-Gebiet 1819 haben wiederholt Burschenschaftler in ihrer christlichen Schwärmerei sie fühlten sich als neue Kreuzritter — teilgenommen. Anders jedoch kam \ es in Heidelberg. Als dort am 25. August 1819 der Pöbel die Wohnungen der Juden zu plündern versuchte, und die Bürgerwehr sich - weigerte, die Bedrohten 311 schützen, ries der berühmte Rechtslehrer T h i - 5 baut mit dem Ruse „Burschen heraus" die Studentenschaft zu den : Waffen, und mit Schlägern und Säbeln trieben die Burschenschaftler den ■' Mob auseinander. j Für und gegen das christliche Prinzip. Doch allmählich machte sich der Einfluß der damals im Lande Herr- £ sch enden judenseindlichen Stimmung auch in der Burschenschaft mehr und s mehr bemerkbar. Auf einem zu Dresden 1820 abgehaltenen geheimen Vurschenschaststag wurde in die Verfassung die Bestimmung eingesügt, ß daß Juden nicht ausgenommen werden könnten, „als solche, die kein Vaterland und schon für unseres kein Interesse haben könnten". Dieser Beschluß hat jedoch einen interessanten Zusatz, dessen Gesinnung der Geistesart der heutigen Burschenschaftler gegenüber gestellt zu werden verdient. Es heißt dort: „Daß den Juden aber keineswegs der Weg abgeschnitten werden solle, sich uns zu nähern und allseitig auszubilden, und daß sie selbst ausgenommen werden könnten, wenn erwiesen wäre, daß sie sich chriftlich-teutsch für unser Vaterland ausbilden wollten." Ter bekannte Bonner Historiker und alte Burschenschaftler Geheimrat Er man erläutert diesen Zusatz dahin, daß „christlich" nicht im engherzigen Sinne des Bekenntnisses, sondern im Sinne der allgemeinen Geistesrichtung aufgesaßt werden müsse, so daß also dieser Beschluß noch kein striktes Verbot der Aufnahme von Juden bedeute. Auch in den folgenden Jahren habe eine Reihe von Burschenschaften Juden ausgenommen, so die G rerfs w a! d e r „Arminia". Heinrich Heine war im Wintersemester 1819/20 in Bonn, im Jahre 1820 in Göttingen Mitglied der Burschenschaft, auch der bekannte konservative Staatsrechtler Friedrich Julius Stahl trat 1819, noch vor seiner Taufe, in die Burschenschaft zu Würzburg ein. Stahl hat sich bekanntlich so „christlich-teutsch" ausgebildet, daß er der hervorragendste staatsrechtliche Führer der preußischen Altkonservativen wurde. Bereits nach 1825 vollzieht sich jedoch ein Wandel. Die meisten Burschenschaften ändern ihre Verfassung so, daß auch Juden der Eintritt ermöglicht wurde. Allen voran die Jenaer Burschenschaft; sie verlangt von dem Bewerber lediglich a) er mutz ein Teutscher sein, d. h. Herrisch sein und sich zum teutschen Volk bekennen, b) er muß ehrenhaft sein. Der Frankfurter Burschentag von 1831 stellte die gesamte Burschenschaft wieder auf den Boden der Jenner Burschenschaft, gestattete aber die Aufnahme aller deutschen Burschen ohne Unterschied der Konfession. Die von Gießen ausgehenden judengegnerischen Strömungen haben also nur zeitweise in wenigen teutonistischen Burschenschaften geherrscht und sind trotz des Dresdener Beschlusses nicht in allen Burschenschaften anerkannt worden. Schon Ende der zwanziger Jahre war diese antisemitische Tendenz nicht nur in Jena, sondern auch in anderen Burschenschaften bereits wieder verschwunden. Sie schloß nicht aus, daß Juden und Judenstämmlinge selbst in teutonistische Burschenschaften zur Aufnahme gelangten, von rassischen Gegensätzen war nie die Rede. Insbesondere ging der Antisemitismus nie so weit, das Studentenr-echt jüdischer Kommilitionen zu verletzen. Entehrende Kundgebungen, die letzten Endes auf den Urheber selbst zurücksallen, wie der Waidhofener Standpunkt, nach dem der jüdische Student nicht als satissaktioissähig angesehen wird, „da er wegen seiner Ehrlosigkeit und Charakterlosigkeit deren unwürdig sei", oder die Eisenacher Beschlüsse von 1920, sind burschenschaftlicher Auffassung fremd. Cs ist daher eine Geschichtslüge, von einer rassenantisemitischen Einstellung der Burschenschaft zu sprechen. In den Jahren nach 1830 verschwindet die In den frage aus den Erörterungen der deutschen Burschenschaft. Ueber ein halbes Jahrhundert vereinte nunmehr die Liede zu den gleichen Idealen und das Band der Bundesdrnderlichkeit Juden und Christen in der Deutschen Burschenschaft. Viele hervorragende Deutsche jüdischen Glaubens haben die Vurschenschastercvuleur getragen: Verth old Auerbach, der als Tübinger Germane die Kerkerluft des Hohenasperg zu kosten bekam, und sein Bruder Emil; der Präsident des ersten deutschen Parlaments Eduard S i m s 0 n, die bekannten liberalen Politiker Ludwig Vamber g et, * .rr|lr^,1„., .. ja-—^ -.»w—:

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