Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- Seite 317 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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W;1 Die Hamburger Veltkonserenz jüdischer Frauen. Sonderbericht für die „C. V. - Zeitung". Hamburg, 7. Juni. I Der menschliche Erkenntnisdrang, der Blick in die Welt, lassen j erkennen, daß geistige Strömungen, wirtschaftliche, kulturelle und i technische Begebenheiten ebensowenig wie soziale Nöte an Landesl grenzen gebunden sind. Wenn in Gens neue Grundlagen für ein! friedliches Zusammenleben der Völker geschaffen werden sollen, wenn \ sich in Berlin in den nächsten Wochen Frauen aller Nationen und! Konfessionen zu gemeinsamen Beratungen über die Rechte und i Pflichten der Frauen in der neuen Welt, die ste mitgestalten wollen, i treffen, dann ist es begreiflich und verständlich, daß jüdische Frauen in allen Ländern nach gemeinsamen Richtlinien für ihre Stellung in der jüdischen Gemeinschaft und die gegenseitige Unterstützung in jüdischem Leid und jüdischer Not suchen. Deshalb trafen sich jüdische Frauen aus Amerika, Belgien, Deutschland, England, Frankreich, Holland, Lettland, Oesterreich, Palästina, Polen, der Schweiz und der Tschechoslowakei vom 3. bis 7. Juni in Hamburg. Der äußere Rahmen der Tagung entsprach dem besonderen Ereignis. Der humanitäre israelitische Frauenverein Hamburg lud die Delegierten und Gäste der Konferenz zu einen: Begrüßungsabend ein, an dem Sidonie Werner als Vertreterin des Vereins und viele i Vertreter und Vertreterinnen anderer Organisationen und aller be- ' teiligten Länder ihre Sympathie für die Konferenz Ausdruck gaben. | Einen zweiten festlichen Abend veranstaltete die deutsche israelitische ff Gemeinde in Hamburg. Es zeugt für das Zusammenleben und das;j Zusammenwirken aller Konfessionen in Hamburg, daß die Vertreter und die Vertreterinnen des Senats der Stadt Hamburg, des Bundes deutscher Frauenvereine und des interkonfessionellen Stadtverbandes i Hamburger Frauenvereine nicht nur in herzlichen Worten ihre guten 4 Wünsche sür ein Gelingen übermittelten, sondern auch den Verhandle lungen an allen Tagen folgten. Den Höhepunkt der festlichen Verh anstaltungen bedeutete der Empfang der Delegierten im Hamburger | Rathaus. Als Vertreter des Senats sprach Bürgermeister 1 Dr. Peters e n bemerkenswerte Worte über die Gemeinschaft der \\ Notleidenden und der Helfer und die Solidarität der Frauen. Frau K o h u t (Amerika), die würdevolle Präsidentin der Konferenz, ) dankte.mit einem Hinweis aus die Freiheit des Judentums, die Frei-;j heit Amerikas, die Freiheit Deutschlands und der freien Stadt I Hamburg. Die Teestunde in dem herrlichen Hamburger Rathaus, j bei der außer Dr. Petersen noch andere Vertreter des Senats teilnahmen, wird allen deutschen und ausländischen Gästen eine bleibende i Erinnerung sein. Die liebenswürdige Gastlichkeit der Familie War- Z bürg in ihrem Heim in Blankenese und eine gemeinsame Fahrt in die 1 reizvolle Elblandschaft waren besonders dazu angetan, die Aus- ' länderinnen unser Land kennen zu lehren und ihnen unsere Veri wurzelung mit unserer deutschen Heimat zu Zeigen. Eine anregende I Teestunde vereinte zahlreiche Mitglieder der Frauengruppen des J Centralvereins aus Ost und West, aus Nord und Süd des Reiches. J Frischer, praktischer Arbeitswille beherrschte die Tagung. In?■ nüchterner Arbeit will man die neuerwachsenen Aufgaben lösen. I Richtunggebende Leitsätze formulieren die Bestrebungen; in ihnen heißt H es u. a.: i „Ein internationaler jüdischer Frauenbund soll dem Gesamtwohl des Judentums dienen. Er hat den Zweck, die Jüdinnen der ganzen Welt zu vereinen, ohne die nationalen Gefühle der Einzelnen und ihre praktische Betätigung in ihren Heimatländern berühren zu wollen, zur Lösung folgender Aufgaben: Stärkung der Bekenntnistreue zum Judentum, Errziehung zum Judentum, soziale Fürsorge für die Juden, Durchl'i führung der allgemeinen Frauenforderungen innerhalb des Ü Judentums“ jj Die Tagung hätte eines wesentlichen Reizes entbehrt, wenn nicht | die verschiedenen Meinungen und Weltanschauungen wiederholt auf- 4 einandergeplatzt wären. Man fühlte die ethischen Bindungen der | Frauen an die Grenzen und Eigenarten ihrer Heimatländer, und das jf am stärksten bei den deutschen, amerikanischen und englischen Frauen.? In diesen nationalen Bindungen liegen aber auch Schwierigkeiten der | gemeinsamen Arbeit begründet. Bei den Beratungen der Satzungen jl kamen diese Differenzierungen und verschiedenen Orientierungen an: stärksten zum Ausdruck. i Die überragendste Persönlichkeit der Konferenz war Rebekkah 7 Kohut (Amerika), deren starker Geist und energischer Wille diese | Tagung zustande gebracht hat. Als Tochter, Gattin und Mutter von | bedeutenden Rabbinern hat diese mütterliche Frau stärkste Bindungen an das Judentum und Verantwortungsgefühl für die jüdische Religionsgemeinschaft. Mit politischer Geschicklichkeit und straffer- Strenge führte sie die Konferenz. Sie leitete die Verhandlungen in ihrer Muttersprache, denn „the language of the heart speaks to the heart“ — die Sprache des Herzens spricht zum Herzen. Und wenn Paula O l l e n d o r f, Sidonie Werner und Bettina Brenner mit dem Schwung ihres Geistes und ihrer Liebe zur Sache die Referate in unserer deutschen Muttersprache wiederholten. dann war auch das die Sprache ihrer und unserer Herzen und unseres jüdischen und deutschen Wollens. Die Leitsätze fanden ihren Niederschlag in zuin Teil groß angelegten Vorschlägen, die auch für uns deutsche Jüdinnen besonderes Interesse hatten. Die jüdischen Heirats- und Scheidungsgesetze, über die Miß Hands (England) sprach, gewinnen sür uns besondere Bedeutung, wenn man sich klarmacht, daß etwa vier Millionen Jüdinnen in Osteuropa und im Orient das rabbinische Gesetz als einzige Autorität in ihren: Familienleben anerkennen. Oberrabbiner Dr. C a r l e b a ch (Altona) und Rabbiner Dr. Italiener (Hamburg) griffen lebhaft in die Diskussion ein. Eindrucksvoll waren die Berichte von Dr. Rosa Welt-Strauß (Palästina), die erschütternde Einzelheiten über jüdische Kinderehen, Vielweiberei unter den Jemeniten, Rechtlosigkeiten, Ehescheidungs- und Erbschwierigkeiten der jüdischen Frauen in Palästina erzählte. Siddh Wronsky (Berlin) fand mit ihrem sachlichen Referat über wichtige bevölkerungspolitische Fragen die Aufmerksamkeit der Zuhörer ebenso wie Mrs. H e n - r i q u e s (London) mit ihrem Bericht über englische Settlements. Mrs. P o l l a k (Amerika) sprach über „Vorurteile gegen jüdische Frauen und Mädchen in ihrem Berufsleben". Sie gab der Vertreterin der F r a u e n g r n p p e n des Centralvereins willkommene Gelegenheit darauf hinzuweisen, wie stark uns deutsche Juden diese Fragen beschäftigen, und wie der Centralverein in mühevoller und konsequenter Abwehr- und Aufklärungsarbeit und durch praktische Unterstützung den: Antisemitismus im Wirtschaftsleben zu begegnen sucht. Mil besonderer Begeisterung wurde das formvollendete Referat von Frau Ottilie S ch ö n e w a l d (Bochum) "übrigens auch Mitglied des Hauptvorstandes des Centralvereins, ausgenommen, das wertvolle Hinweise über die Mitarbeit und die Gleichberechtigung der Frau in der Gemeinde brachte. Paula O l l e n d o r f (Breslau) charakterisierte, gestützt auf ihre persönlichen Erfahrungen, die soziale Arbeit in den verschiedenen Ländern, und Frau Wijsenbeek- Franken (Holland) behandelte die Bedeutung des Völkerbundes für den Frauen- und Mädchenschutz. Die Bedeutung der Kulturarbeit in Palästina hätte zweckmäßig, wie die Referentin Frau Anita M ü l t e r- Cohen (Wien) eingangs sagte, nicht nur von Zionistinnen, sondern auch von Anhängerinnen anderer Weltanschauungen gewürdigt lverden sollen, um die Frage der sozialen und charitat'iven Arbeit in Palästina jedes leidenschaftlichen zionistischen Bekenntnisses zu entkleiden. Sachlicher und instruktiver waren die Ausführungen von Hanna Helene Thon (Palästina). In vornehmer Form wies Grete Bial (Breslau) die Propaganda von Mrs. L i n d h e i m (Amerika) für die Jewish Agency zurück, die im Nahmen dieser Konferenz und in der vorgetragenen Form geeignet sei, Empfindungen andersdenkender Frauen zu verletzen. In der Aussprache wurde auch auf die Arbeit der „Ort" und ihre Ziele hingewiesen und dadurch gezeigt, daß es auch außerhalb Palästinas wichtige jüdische Siedlungsarbeit gibt. Ms Rebekka Kohut in ihrem glänzenden Schlußreserat die Notwendigkeit der gemeinsamen jüdischen Frauenarbeit bejahte, erhob sich keine Stimme gegen die Gründung des „Weltbundes jüdischer Frauen". Niemand kann nach dieser Tagung, die zweifellos in allen Teilnehmern starke Eindrücke Hintersassen hat, die zukünftige Entwicklung dieses Bundes voraussehen. Immerhin dürfte nach den Leitsätzen auch für die deutsche Staatsbürgerin jüdischen Glaubens, die hier Mitarbeiten will, sich ein reiches Betätigungsfeld bieten. Sie wird sich dabei ganz besonders ihrer Verantwortlichkeit dem Staate gegenüber, in dem sie lebt, ihrer Verwurzelung mit dem deutschen Vaterlande, stets bewußt bleiben müssen. Life Leibholz. Scherz — und tiefere Bedeutung. * Der „Illustrierte Beobachter", das Vildorgan der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei, veröffentlicht in seiner Witzecke (Folge 22, S. 247) folgende nette Anekdote-. Als ein neugewählter Abgeordneter der deutschen Minderheiten in Rumänien dem Ministerpräsidenten Bratianu in Bukarest vorgestellt wurde, bemerkte Bratianu ironisch: „Also, Sie sitzen auch aus der Linken, Herr Deputierter?" „Gewiß, Exzellenz," lautete die schlagfertige Antwort, „denn meine Wähler besitzen leider keine Rechte." Sehr gut und geistvoll, sagen auch wir. Aber, fragen wir weiter: Wenn der „Illustrierte Beobachter" die Antwort des Deutschen sür so gut und Zutreffend hält, warum wundert er sich dann darüber im politischen Teil, daß im Vorkriegs-Deutschland deutsche Juden und jüdische Politiker zahlreich bei den Linksparteien zu finden waren? Es scheint, daß das politische Verständnis des Nationalsozialismus sich am stärksten in der Witzecke ihrer Organe erkennen läßt. ßidens.