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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-14 · 24 (14.6.1929) · p. Seite 316

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
24 (14.6.1929)
Date
1929-06-14
Page
Seite 316 (sequence 4)
Language
German
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MachsiOSs« vom Lase. Die judenfeinölichen Vorgänge in Polen. Der politische Hintergrund der Lemberger und Posener Exzesse. Ihr materieller und moralischer Schaden. — Die Schnldfrage. — Voraussichtlich keine Ausbreitung der judenfeindlichen Wette. (S o n d e r b e r i ch t für die „C. V. - Z e i t u n g".) Dr. F. 8. Biclitz, den 11. Juni 1929. Tie innerpolltische Hochspannung in Polen und die ewigen hartnäckigen Machtkämpfe Zwischen der Linksregierung P i l f u d s k i s und der n a t i o n a l d e m o k r a t i s ch e n Rechten haben letztens a u ch auf das jüdische Lager, wohl nicht als Subjekt, sondern als Objekt der Handlung, übergegrifsen. Um es vorweg Zu sagen: die antijüdischen Exzesse in Lemberg haben sich heute bereits deutlich als ein Werk des unterirdisch arbeitenden nationalistischen „Lagers des Großen Polen" entpuppt, dazu angetan, dem Pilsudski-Regime durch Heraufbeschwörung chaotischer Verhältnisse das Grab zu schaufeln. Pilsudski hält die nationalistischen Parteien schon seit Jahr und Tag in Schach, und dieses Niederhalten der politischen Aktivität, die sich bekanntlich immer gegen die Zwei naheliegendsten und bequemsten Angrisfsobjekte, Juden und Deutsche, hemmungslos auszutoben pflegt, führt sporadisch immer wieder zu Explosionen. Gegenwärtig wird die Welle der Ausschreitungen gegen die Deutschen als Vergeltung für die Oppelner antipolnischen Exzesse von einer antisemitischen Hochflut abgelöst. Ein sinnloses Gerücht, Studenten des jüdischen Gymnasiums hätten eine Sonntagsprozession durch provozierende Gesänge und Zuwerfen von Brotkrumen geschändet, schwirrt aus, und Raserei bemächtigt sich jugendlichem nationaler Fanatiker. Auch jüdischerfeits wird die Möglichkeit nicht in Abrede gestellt, daß aus dem einen oder anderen Fenster des Gymnasiums vielleicht Brotkrumen hinausfielen und, bei dem jugendlichen Temperament der Mittelschüler durchaus begreiflich, Zurufe erfolgten. Daß aber keine ernstliche und vor allem bewußte Verletzung der Zeremonie vorlag, erhellt sowohl aus der amtlichen Voruntersuchung des Innenministers wie aus der Erklärung des zelebrierenden Geistlichen R o k i c k i, daß er keinerlei provozierende Haltung bemerkte und überhaupt erst nach der Prozession von der angeblichen Provokation erfuhr. Den schlagendsten Beweis bildet aber wohl der Umstand, daß die Prozession ungestört ihren Fortgang nahm und nach Schluß der zeremoniellen Handlung ihre Teilnehmer ruhig auseinandergingen. Erst volle 24 Stunden später, am darauffolgenden Montag, nachdem die antisemitische Presse die Mär von der Prozessionsschündung in die Welt gesetzt und die bösen Instinkte der judenfeindlichen Massen stark aufgepeitscht hatte, rottete sich ein großer Hausen von Studenten zusammen und veranstaltete einen mächtigen Demonstrationszug zum Redaktionsgebäude des jüdischen Blattes „Chwila", wo Druckerei und Redaktion völlig zertrümmert und ein Schaden von vielen zehntausenden Dollars ungerichtet wurde. Eine andere Gruppe tobte sich in der benachbarten Synagoge aus, und ein besonderer Stoßtrupp machte im jüdischen Gymnasium, der „Stätte der Sünde", alles dem Erdboden gleich, wodurch der Unterrichtsbetrieb für Monate hinaus lahmgelegt erscheint. Der Vandalismus machte selbst vor den Porträts des polnischen Dichterkönigs Mickiewicz und des Marschalls Pilsudski nicht halt. Im jüdischen Akademikerheim wurden der Speisesaal und die Kücheneinrichtungen ein Raub der Zerstörer. Auch an den nachfolgenden Tagen wiederholten sich tätliche Exzesse gegen alte bärtige Juden und die jüdische Jugend, die vielfach mit Stöcken bearbeitet wurde. Solidarisch mit der Lemberger Studentenschaft erklärten sich die Warschauer und Posener Akademiker: in Posen fielen die Exzedenten über jüdische Geschäfte her, die sie plünderten, doch mutzte hier die Kampflosung mit Rücksicht auf die soeben stattfindende polnische Landesausstellung schleunigst abgeblasen werden. Und die Schuldfrage? Um es vorweg zu sagen: die Negierung kann von einer Unterlassungssünde nicht gänzlich freigesprochen werden; denn weder hat sie vorbeugend den sonst so streng gehandhabten Zensur- und KonsiskationsaPParat gegen die Hetzpresse in Bewegung gesetzt, noch im entscheidenden Augenblick energisch genug eingegrifsen — der Vizewojwode erklärte sich trotz des Hinweises aus den Ernst der Lage in diesem Falle für „inkompetent!" — und auch die Polizei hat sich im kritischen Augenblick nicht bewährt. Biel gewaltiger als der materielle Schaden der Juden, den man auf rund 100 000 Dollar beziffert, ist wohl die politische und moralische Einbuße für den polnischen Staat. Fürs erste hat -die polnischjüdische Zusammenarbeit, die während des Pilsudski-Kurses immerhin einige Früchte gezeitigt hatte, einen ernsten Stoß erlitten, und es bleibt abzuwarten, ob die zumindest wohlwollend neutrale Haltung des Jüdischen Klubs im Sejm angesichts dieser Vorfälle sich in Zukunft wird ausrechterhalten lassen. Dazu kommt die Prestigeeinbuße Polens im A u s l u n d e, das 8 gerade jetzt angesichts der Ausrollung der Minderheitenfrage bei der j Madrider Völkerbundstagung gespannt aushorchen wird. Man erwartet allenthalben gerechte Sühne. Wie die Dinge gegenwärtig; liegen, sind die Lemberger Vorfälle wohl nur als eine der vielen? unrühmlichen judenfeindlichen Episoden und nicht etwa als Auftakt l zu einer großen antisemitischen Bewegung zu werten. i Die Unverbesserlichen. Parlamentarische „Arbeit" ver Nationalsozialisten! t in Bayern. c (Sonderbericht für die „C. V. - Z e i t u n g".) f I w. I. München, 11. Juni 1929. j \ Die vor kurzem abgehaltene Tagung des oberbaye- 1 5 rischen Kreistages war erfüllt von Radau, den die wenigen § t nationalsozialistischen Mitglieder unter der.bewährten Leitung des S i Redakteurs Hermann Esser vollführten. Der „B ö l k i s ch e B e- |? obachte r" rühmte diese Tätigkeit damit, daß er zum Schluß 1 \ der Tagung erklärte, erst die Nationalsozialisten hätten es erreicht, 1 1 daß die Oefsentlichkeit den früher ziemlich unbeachtet verlaufenen | \ Beratungen des Kreistages überhaupt Aufmerksamkeit geschenkt [j; hätte. Daß sich Esser aber als Quittung für seine Leistung im ks Kreistag hatte Vorhalten lassen müssen, daß er eine wegen schwerer, f [ ehrenrühriger Beleidigung erhobene Privatklage gegen einige Journaf ' listen knapp vor dem Termin fang- und klanglos wieder zurückgezogen 1 \ hatte, davon schwieg des „Beobachters" Höflichkeit. " i \ Ter Radau im Kreistag bildete aber nur den Auftakt für die noch? j ernsthaftere „parlamentarische Arbeit" der NaLionalfozialisten im * Landtag. Ter bayerische Kultusminister Dr. Goldenberger hat [j; vor kurzein den hellen Zorn der Nationalsozialisten erregt, weil er,! herausgefordert durch einen völkischen Zwischenruf, die I u d e n a l s i „d eutsche Volksgenossen" bezeichnet hatte. Er verbesserte j feine Stellung bei den Nationalsozialisten natürlich nicht, als er gegen- | ‘ über der Studentenschaft an den bayerischen Universitäten erklärte, ß er müsse die Auswüchse, die sich in der Geschäftsführung und in den | | Verlautbarungen örtlicher, bayerischer Studentenschaften gezeigt 1; hätten, mißbilligen und habe die Senate der Hochschulen ersucht, die 4; Studentenschaften anzuweisen, sich auf die Erfüllung ihrer 1 satzungsmäßigen Zwecke zu beschränken. Man darf wohl annehmen, daß diese Erklärung vor allem auf die Kund- 3 gedungen der Studeukenausschüsse in Erlangen und Würzburg zielte, die mit den abgebrauchtesten völkischen Agitai tionsphrafen den nuinenis clausus gegen die jüdischen Studenten gefordert hatten. Diese Erklärung des Ministers, die Z von allen Einsichtigen nur gebilligt werden kann, veranlaßt die J Nationalsozialisten, nicht nur das Gehalt des Ministers abzulehnen, 1 sondern auch nach der Art ungezogener Schulbuben immer wieder 1 in Zwischenrufen die „Volksgenoffen des Herrn Ministers" zu erf wähnen. 1 Da hiermit aber das Radaubedürfnis noch nicht befriedigt war, i suchte der Abgeordnete Hellmuth (Marktbre-it) trotz der Ab- 1 machung im Aeltestenrat, daß die Schächtsrage und der Kindermord l in Manau erst beim zweiten Teil der Etatberatung erörtert werden 3 solle, sofort eine Aussprache über den angeblichen Ritualp mord zu entfesseln. In demagogischer Weise suchte er dabei den 3 Minister wegen seiner Aeußerung, „ein moderner Mensch könne nicht Z an Ritualmord glauben", in Gegensatz zu angeblichen Aeußerungen jj der Päpste zu bringen. Erst nach wiederholten Ordnungsrufen gelang 4 es dem Präsidenten, den Willen der Mehrheit des Hauses durchzusetzen i und dem ungebärdigen Nationalsozialisten das Wort zu entziehen, der p dann mit dem Rufe: „Parlamentarischer Schwindel!" die Tribüne 1 räumte. 4 Tiefe Heldentat ließ offenbar den Landtagsarchivar und Abri geordneten 93 u 11 m et n n nicht ruhen. Er trat in einer persönlichen 4 Bemerkung dem Abgeordneten Domprobst Wohlmuth entgegen, 3 der in einer vorhergegangenen Sitzung die Entrüstung Buttmanns 1 darüber, daß Juden als „deutsche Volksgenossen" bezeichnet wurden, | sarkastisch damit abgetan hatte, man erzähle in der Pfalz, daß sogar I die Familie Buttmann von Franzosen abstamme. Wenn Buttm a n n zur Widerlegung dessen darauf hinwies, daß die französischen Emigranten einen Teil des deutschen Volkes ausmachen, sich in , jj deutschen Diensten große Verdienste erwarben und sich als Volksp genossen bewährt hätten, so gut wie die Nachkommen von anderen j Leuten, so ist dies zwar sicherlich richtig, aber nicht ganz im Einklang ■ mit den Blut- und Naffetheorien, die er und seine Freunde sonst vorj tragen. Offenbar fand er auch selbst, daß dieses Argument in den 3 Kreisen seiner Freunde nicht durchschlagend genug fei, und hielt es \ deshalb für nötig, seine Beweisführung durch die Aeußerung zu ver- 1 stärken, er hätte dem Abgeordneten Wohlmuth eine Ohrfeige | hineingehauen, wenn ihn nicht sein geistliches Gewand davor schützen | würde. \ „Parlamentarische Arbeit", wie die Nationalsozialisten sie auf- 1 fassen! ■ 1

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