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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-14 · 24 (14.6.1929) · p. Seite 314

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
24 (14.6.1929)
Date
1929-06-14
Page
Seite 314 (sequence 2)
Language
German
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doch entrüsten. Man „muß" doch dem armen, betörten, deutschen Volke die Gefahren vor Augen halten . . . Die Maske herunter. Es ist kein sittlicher Eifer. Es i st Gesch äft8 eifer. Es ist nichL AnLife mitismus als Gesinnung, sondern als Deckmantel der Gesinnungslosigkeit. Sittlicher Eifer registriert den Tatbestand. Kurz, hart, eisern, knapp. Kein Wort, das zuviel ist und im Unreinen wühlt. Aber eben dies ist der genaue Gegensatz zu dem „moralischen" Stil der völkischen Presse, Auffällig muh hier das Unreine gebracht werden. Auf der ersten Seite. Dick. Mit Wittern und Wühlen, mit Untermalen und. spitzem Anbeuten der frivolen Einzelheiten . . . Nein, das ist nicht Warnen. Das ist Anlocken. Nicht einmal verhülltes Anlocken mehr. Vor mir liegt ein ganzer Stoß völkischer Blätter, die alle, eins wie das andere nach derselben Methode auffällig hergerichtet, eins wie das andere sehr lauter Zeuge dieser obszönen Methode, die List der Moral auszunutzen. Es ist mir widerlich, hier Beispiele zu häufen. Jeder kann es selbst mit ein ein paar Blicken aus den Zeitungskiosk an der nächsten Straßenecke tun. Beredter als Beispiele spricht dies Erlebnis. Kommt da zu mir ein junger Student. Eben Ostern hat er seine Neiseprüfung bestanden. Auf dem Regal neben meinem Schreibtisch liegt jener Stoß völkischer Zeitungen, die ich mir für diese Zeilen bereitgelegt hatte. Obenauf eine Nummer des „Angriffs". „Sexualorgien am Weihnachtsabend" heißt hier die knallige Ueberschrift des „moralischen" Teiles. Es fehlte für diese Nummer zwar an Material, aber nicht an der geschäftstüchtigen Ueberschrift. So wurde denn der, der sich auf die „Sexualorgren am Weihnachtsabend" stürzte, bitter enttäuscht. Denn unter den Orgien wurde nun — die Aufführung eines Pariser Sittenstückes im Waünertheater „gegeißelt" . . . Mein junger Student sieht den Stoß, blättert flüchtig Frarin, als er daran vorübergeht, und lächelt in sich hinein: „Die Sachen kennen Sie auch, Herr Doktor?" „Warum — auch?" Und nun erzählt er: „Ich dachte. Sie hätten so eine ähnliche Erinnerung daran wie ich. Von der Schulzeit her. So in der Tertia, wenn die große Neugier aufwacht und die Jungen vor jeder Postkarte grinsen, aus der ein nackter Arm zu sehen ist, da sind sie »scharst auf jedes zotige Stück Papier. Es wird verschlungen. Man fühlt sich dann fo recht männlich und abenteuerlich. Aber man muß verflucht vorsichtig sein, denn wenn man mit dieser abenteuerlichen Lektüre erwischt wird, geht's einem übel. Deswegen war bei uns der lange Paul ein begehrter Mann. Der brachte zuweilen von Hause den »Stürmer' oder ähnliches mit. ,Hallo! Heute habe ich wieder eine saftige Sache', sagte er dann. »Knorke? Dann wurden die Artikel mit sexuellem Inhalt rausgeschnitten und in Umlauf gesetzt. Zuweilen legten vier zusammen, jeder fünf Pfennig, und man suchte sich eine »saftige' Nummer am Zeitungsstand aus." Genug davon. Wir rechten nicht mit dieser Art der völkischen Presse. Sie weiß, was sie tut, wo das Geschäft liegt. Nicht ihr legen wir die Frage vor. Was ist denn nun eigentlich „zersetzend": das Judentum oder der unter dem Deckmantel der „völkischen Erlösung" in Haus und Hof, an jung und alt lüstern herangeschteppte Schund und Schmutz? Die völkischen Blättchenredakteure werden die Augen aüfschlagen und entrüstet rufen: „Diese Frage ziemt sich nicht. Die echte deutsche Wahrhaftigkeit nimmt eben kein Blatt vor den Mund ... Sie ist treu und offen." Worauf zu erwidern wäre, daß es in sexuellen Dingen nur dem echten seelischen Takt möglich ist, Wahrheit und Schamlosigkeit zu unterscheiden. Und daß die antisemitische Wahrheit — eben jene Sorte von moralischer Aufklärung ist, die dieselben Zeitungen, die uns jetzt damit überfluten, mit heiligem Zorn als verlogenes Geschäft bekämpften, solange dies Geschäft von anderen, insbesondere vom Film gemacht wurde. Wir rufen nicht nach dem Zensor. Nicht nach einem neuen Schund- und Schmutzgefetz. Aber was not tut, ist dies, daß die anständige Presse jeder Richtung sich dieses Schandfleckes am deutschen Pressewesen erinnere. Und sich erinnere, daß hier mit der Journalistenehre ein skrupelloses Spiel getrieben wird. Es gibt keine ärgere Heuchelei als Heuchelei aus Geschästsgründen. Es ist eine Schande, d a ß, d i e a n t i s e m i t i s ch e hetzpresse unwidersprochen ihre obszöne Heuchelei bis an die de utschenJ ungen herantragen darf. Man prüfe, sammle, sehe — und widerspreche. In allen Lagern des deutscheu Schrifttums, in dem man sich jenes Treibens schämt. Vom Feldherrn zum Politiker Ludendorffs Protest. — Aus den Erinnerungen I seiner Frau. f Die Bogen des Manuskriptes von Margarete Ludendorsfs Erinne-! rungen „Als ich Ludendorsfs Frau war" (Drei-Maskenß Verlag, München 1929) waren kaum in Druck gegeben, als J Ludendorsf bereis in seiner „Wochenschau" einen scharfen J Protest gegen das Buch und gegen seine frühere Frau los- § ließ. Der Mann, der 17 Jahre mit dieser Frau ver- I heiratet war, die mit ihm die Höhepunkte seiner militärischen Lausj bahn erlebte, die aber auch den tiefen Absturz, die bitteren Ent- | täuschungen, die Leiden des entlasienen Feldherrn, die Verbitterung f der freiwilligen Verbannung und die verfehlten Pläne des rechts- I radikalen Politikers mit durchlitten hat — dieser Mann hätte von 1 vornherein wissen müssen, daß eine Frau wie Margarete Ludendorsf | ein solches Buch ihrer ganzen Natur nach nicht anders als in vor- 'j nehmer Gesinnung schreiben konnte. Es würde sich lohnen, die Rede- Wendungen gegenüberzustellen, die Margarete Ludendorsf zur Charakj terisierung ihres Mannes gebraucht, und die Ausdrücke, in denen Erich 1 Ludendorsf von seiner früheren Frau spricht. Nur wenige seien hier f zitiert. Margarete Ludendorsf schreibt: „Im August 1909 heiratete j ich den Major im Großen Generalstabe Erich Ludendorfs. Starke Liebe jj von beiden Seiten führte uns zusammen." „Die Aufzeichnungen bejj ginnen mit meiner Verheiratung mit Ludendorsf. Daß ich gerade ß diesen Anfang wähle, mag verwunderlich erscheinen, da das Band J Zwischen meinem Mann und mir zerrisien ist. Aber unser Erleben jj in großen erhabenen wie in schweren unglückseligen Zeiten ist so un- | zertrennlich stark miteinander verquickt, ineinander verwoben und jj verflochten, daß es sich nie — mag geschehen sein . . . mag kommen | was wolle — nie wird lösen können." — Das ist der Grundton des jj ganzen Buches, den sie auch in jenen Kapiteln noch wahrt, in denen § sie die Vereinsamung Ludendorsfs und seine Entzweiung mit den g militärischen und politischen Kampfgenossen schildert. Wie anders § Ludendorsf. So schreibt er in der „Deutschen Wochenschau" 8 vom 10. März: | Den freien Deutschen überlasse ich das Urteil über die Herausfj gäbe solches Buches, ganz gleich wie auch der Inhalt wäre, hinter 8 meinem Rücken durch diese Frau, die heute noch sich mit meinem A Namen ehrt. I Der einzig mildernde Umstand für dieses der guten Sitte gef schiedener Menschen widersprechende Verhalten ist darin zu S suchen, das; sich die Frau durch Morphium und andere Rauschf gifte schon vor dem Weltkriege und fortschreitend mehr und mehr j in jeder Beziehung zerstört hat. i Das brachte es mit sich, das; ihr jede ernste Gedankenarbeit t und jede Anteilnahme allmählich unmöglich wurde und ich sie § immer weniger und schließlich jahrelang überhaupt nicht mehr j irgendwie an meinem Leben teilnehmen ließ. Historisch Wichtiges kann so dieses Buch nicht enthalten. i Aus Mitteilung eines Bekannte«, der Einblick und Kenntnis i: von einigen Stetten des Manuskripts erhalten hat, entnahm ich $ heute, daß das Buch über meine erste Ehe ein objektiv unwahres; Bild entwirft: an Stelle des tatsächlichen Unheils einer Ehe mit f einer gegen meine Person nrit stärkstem Haß erfüllten Morphi- & niftin wurde durch die gewandte schriftstellerische Feder mit! Worten der Verehrung für mich und in sentimentaler Phantasie i eine glückliche Ehe gezeichnet, um dann die sachliche und auft opfernde, von der Kranken erbetene ärztliche Hilfe meiner jetzige« 1 Frau als Ursache der Zerstörung einer bis dahin überaus glück- $ liehen Ehe mit einer besonders hochstehenden Frau hinzustellen. Z Ob es sich daun im übrigen noch um sonstige Aeutzerungen « jener Charakterzüge handelt, die einst viele Jahre hindurch das * Unheil meines Hauses waren, wird sich Herausstellen. \ Daß Margarete Ludendorff sich als Bearbeiter ihrer Erinnerungen den Schriftsteller Zier sch gewählt hat, der „auch die P Briefe der Jüdin Marion und Ludwig Thomas bearbeitet hat", [j gibt Ludendorsf in seiner Erklärung noch besonderen Anlaß zur s Entrüstung. fl Der Mensch Ludendorsf, der sich und seine Kampfgenossen so gern als „freie Deutsche" bezeichnet, drückt sich selbst durch derartige ■ Veröffentlichungen gegen seine geschiedene Frau herunter. Aber in diesen Blättern interessiert weniger der Mens ch als der Politiker Ludendorsf. Ihn lernen wir aus einigen Notizen seiner früheren Frau kennen, die sich auf solche Ereignisse beziehen, die er stets bemüht war, zu verschleiern. Sie schreibt: Die blaue Brille. „Ludendorsfs Freunde drangen in ihn, Deutschland zu verlassen. , Ich habe ihm nie dazu geraten, denn eine solche Handlungsweise erj schien mir seiner nicht würdig. Ich riet aber auch nicht ab, denn ich wollte und konnte die Verantwortung nicht übernehmen für einen •; solchen Rat. Ich schwieg. Seit dieser Zeit habe ich gelernt zu schweigen und mich meines Urteils zu enthalten-; Ludendorsf entschloß sich, zu fliehen und verließ mit falschem Bart jj und blauer Brille bei Nacht und Nebel das Haus, nachdem er pro Ij forma Ebert von seiner Abreise verständigt hatte. Er blieb Zunächst jj noch einige Tage in Potsdam in der Nähe seines Bruders, denn es ] war viel zu regeln, che der General nach Dänemark abreisen konnte. § Er trat die Fahrt an in Begleitung eines Hauptmanns, der der Z Deutschen Gesandtschaft in Kopenhagen zugeteilt war. Trotz seiner I Verkleidung wurde Ludendorsf schon auf dem Dampstr bei der lieber- 1

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