Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 24 (14.6.1929)
- Date
- 1929-06-14
- Page
- Seite 313 (sequence 1)
- Language
- German
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lenhttt VWtter füriteutfrhhira^] unölrwentunr Vierteljabrsabonnement ,50 RM. (zuzUgl. Bestellgeld). Serlin, 14. Juni 1424 VIU. Jahrgang * Nr. 24 Einzelnummer 2Spfennig 'vryan des ^enlrrüV^reius ücutscker Sümtsvüry«' iüöifcden vlauvens Allgemeine Zeitung des Judenrums s _ _ . , . Verlag u. SchrifLleitung: Berlin SW 68, ßlitbenflc. 1B. Fernsprecher: Amt Dönhofs 8594, 3598. Postscheckkonto: Berlin 30472. Bankkonto: Dresdner Bank, Wechselstube v. Berlin SW 68, Andenstr. 7, und von GoldschmidEothschild & Lo., Berlin W 8. „ Alleinige Anzeigenannahme: Annoncen-Expe^ition Rudolf Moffe, Berlin 8W 106, und deren Filialen. Anzeigenpreise: 0,90 JlcM. für die 7gespaltene Zeile nach Rudolf Mosses Normalzeilenmesser Nr. 4, Familienanzeigen und Stellengesuche (nicht Stellenangebote) fUr Mitglieder d. Lentralvereins 0,45 MS,, die 90 mm breite Reklamezeile 4,80 ül<*» Rutinirßrr der MtemW. SM« brn ..Stürmer" und feine SefinnnnsSveMliOten. Sen * * * Hegel hat bekanntlich die „L i st d e r V e r n u n f t" entdeckt, die das Interesse lmd die Leidenschaft des Individuums unbewußt für ihre Zwecke arbeiten läßt... Die ältere Schwester dieser List der Vernunft aber ist die List der Moral, die in einer bestimmten Menschenart unablässig um das Problem kreist: Wie kann ich auf eine moralisch e A r t — u n m oralischsein? Wo man auf diese Denkungsart stößt, steht man vor dem Charaktermal derjenigen Menschenklasse, mit der man nie fertig wird, mit der man sich niemals rechtschaffen auseinandersetzen kann, weil sie sich nicht auseinandersetzen, sondern nur verstecken will: der Menschenklasse der Heuchler. Mit ihnen redet man am besten überhaupt nicht; denn ihnen fehlt der Nerv für den Hochwert der Wahrheit. Von ihnen redet man nur, wenn es gerade sein muß. Und es muß sein. Denn mit einem Gefühl' des Grauens muß festgestellt werden, daß die List der Moral mit großem Eifer und rühriger Geschäftstüchtigkeit in einem gewissen Teil der Presse gezüchtet wird, und zwar unter dem Schleier des Antisemitimus. Man erinnere sich: Wenn man so etwa 1919 und 1920 durch die Straßen ging, so leuchtete über nahezu allen Kinos das Schlagwort „Aufklärungsfilm". Der Reklametext besagte von jedem dieser Filme dasselbe: er sei eigens dazu „geschaffen", nun endlich ungeschminkt und mit reiner Wahrhaftigkeit das wüste Leben und Treiben der Lasterhöhlen zu zeigen, um durch diese Wahrhaftigkeit — die furchtbaren Gefahren für Mann und Weib jedermann vor die Augen zu führen. Der Schaukasten zeigtet im Bild die „Wahrhaftigkeit" — die gemeint war: Nacktheit und Zote. Das Geschäft war vorzüglich. Die „Wahrhaftigkeit", die „Abschreckung" machten volle Häuser. Man brauchte sich gar nicht zu genieren, wenn man hinging . ..; man tat es beileibe nicht angelockt durch die Schaukästen, sondern — wer dürste einem anderes zumuten — der tieferen „Einsicht", der Unterweisung und Wahrhaftigkeit wegen, die auf den Plakaten stand. Die völkische Presse — sie merkt bekanntlich alles — feit* artikelte damals entrüstet über die heuchlerische Unmoral des Films, und man sähe daran wieder, was in der „Judenrepublik" möglich sei. Sie irrte sich: die Republik machte der „sexuellen Aufklärung" durch Schundfilme sehr bald ein sehrenergisches Ende. Aber die List der Moral ist ein gutes Geschäft, und gute Geschäfte sind lebensfähig. Was lebensfähig ist, findet immer einen Unterschlupf. Auch die List der Moral fand ihn. Da, wo man sie so eingehend bekämpft und wo man sie als gutes und lebensfähiges Geschäft kennengelernt hatte: in der völkischen Presse. Da blüht sie, da wirbt sie Abonnenten, Käufer, scheinheilig schmunzelnde Leser . . . In der Tat: der Antisemitismus ist heute ihr fruchtbarster Sumpfboden. „Angriff", „Stürmer", „Flamme" und wie sonst die wackeren, wutgeschwellten Namen der papiernen Hetzapostel i heißen mögen, sie alle rufen: Fort von der Entartung! Zu reinem Denken, zu keuscher, arischer Gesinnung, der die Scham noch heilig ist! Das ist sehr moralisch. Aber offenbar ist es verlagstechnisch nicht mehr recht fruchtbar. Es hebt nicht den Absatz. Der steigt aber sofort, wenn man auf jene moralische Art doch auch — etwas Pikantes bieten kann. Etwas Erotisches, das man in drei Zentimeter hoher Ueberschrift aus der ersten Seite ankündigt. Damit es in die Augen fällt. Und von dem man dann im Schlußsatz sagen kann: „Pfui! Wir erzählen es euch natürlich nur, damit ihr wißt, wie das Böse aussieht. Um das Schwert des Ritters Georg dagegen zu ziehen. Und da der Arier nur rein denkt, kann das Unreine einzig und allein von Juden kommen. Also ans Werk. Nieder mit den Juden!" Das Geschäft ist gut kalkuliert und leicht zu bewerkstelligen: Man suche nur, und man findet. Irgendwo ist ein Dienstmädchen verschwunden. Es war in einem jüdischen Hause angestellt. Ein objektiver Tatbestand liegt nicht vor. Ausgezeichnet. Man kann verdächtigen, munkeln, pikante Vermutungen aufstellen, die gruselig-sadistisch erregenden Schauermärchen vom gefolterten oder gar „geschächteten" blonden Mädchen anbringen, und man hat, was man braucht: eine Ueberschrift, die den hartgesottensten Ausklärungssilmproduzenten vor Neid zum Platzen bringen muß. Etwa: „Das Drama des Dienstmädchens von Ottensoos. Margarete Hauenstein, die Tochter des Steinbrucharbeiters. Ihre jüdische Dienstherrschaft. Eine viehische Behandlung. Der nächtliche Eindringling. Jüdische Frivolität." („Der Stürmer" 1929, Nr. 11.) Wohlgemerkt: Diese ganze Ueberschrift fett gedruckt. Auf der ersten Seite. Wie sieht die Menschenart aus, die damit gelockt wird? Wir kennen sie, die Schmunzelnd-Entrüsteten an den Bücherständen, die nicht der völkische Eifer, sondern der „nächtliche Eindringling" interessiert. Gewiß, man „vermutet" und erfindet nicht nur. Man studiert die Sittlichkeitsprozesse. Zunächst auf die Geeignetheit des Falles für „aufklärende" Ueberschriften. Sodann auf die Konfession des Angeklagten. Ist der Angeklagte Arier, so kann man mit dem Fall kein Geschäft machen. Man kann sich nicht entrüsten. Hat man aber einen „Fall" mit guter Gelegenheit zu „vielversprechender" Ueberschrift, in dem ein Jude angeklagt ist, so ist das Geschäft gemacht. Man „muh" sich!!III!II>II!II>I!IIIII!!IIIIl!>!I!!l!I!III!!IIII>IIi!!I!IIIIII!!!III!I!IIiII!l!l!I!IIIII!!IIIHI!II!IIIIIII!IIII!IlIIIi!I>!III!II!!III!I'II!IIII!IIII!IIIII>i!IIII!! Seite 315: Stadtrabbiner Br* Paul Riegen Offenbarung . — Seite 318: Br* Werner Rösenberg: Burschenschalt und Judenirage* — Seite 320 ff: Buchbesprechungen von Robert Neumann (Wien), Rabbiner Br* Hahn (Essen) u* a. m*