Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 23 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- Seite 304 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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304 Selbstverständlich gibt es im Landesverband Württemberg ebenso wie im Vorstand des Centralvereins verschiedene Ansichten darüber, wie weit man mit solchen Einladungen gehen soll. Ich will im folgenden den Versuch machen, die Gründe darzulegen, welche meines Erachtens für die Stellung des Württembergischen Arbeitsausschusses maßgebend waren. Wenn man bei der Heranziehung von Studenten vom Parte ist and Punkt ausgeht, wenn man mehr oder minder offen das Ziel verfolgt, die Zahl der Vereinsmitglieder zu vermehren, dann darf man nickst so Vorgehen wie wir; denn die Ausländer können überhaupt llücht Mitglieder des Centralvereins deutscher Staatsbürger werden, und die im Zionismus Verankerten werden ihrer Ueberzeugung nicht deshalb untreu werden, weil sie sich vielleicht einmal bei uns gut unterhalten haben. Aber der Zionismus hat in den letzten Jahren eine außerordentliche Wandlung durchgemacht, so daß er etwas ganz anderes darstellt als etwa vor zehn Jahren. Und schließlich müssen wir uns darüber klar sein, daß Centralverein und Zionismus Begriffe von heute sind, ja für manche sogar schon Begriffe von gestern. S e l b st v e r st ä n d - I i ch denken wir Centralvereinler nicht daran, von unserer Stellung zum d e u t s ch e n Vaterland irgend etwas Pr e i s z u geben. Wir beharren daraus, daß wir ein Teil des deutschen Volkes sind und bleiben, ganz gleichgültig ob es uns von Juden oder von Christen bestritten wird; wir suchen unsere Heimat nur in Deutschland, und nicht in Palästina, und wir hoffen, daß auch unsere Urenkel den Ausdruck ihrer eigenen Gefühle bei den Dichtern deutscher Zunge suchen und finden werden. Aber müssen wir deshalb mtt den wenigen Juden, die anders eingestellt sind, in Streit leben? Unseren völkischen Gegnern ist es letzten Endes ganz gleichgültig, zu welcher jüdischen Partei wir uns zählen, und wenn wir immer wieder die Fehler unserer Vorväter machen, die sich Jahrhunderte hindurch zu streiten pflegten, wenn schon der Gegner Mauern und Wälle überstiegen hatte, dann ist uns nicht zu Helsen. Die Zukunft des Judentums ist in Westeuropa von der Gleichgültigkeit der Ganz- und Halbgebildeten und in Osteuropa von der Religionsfemdschaft der Sowjetunion mehr bedroht als von allen Völkischen. Alles hängt davon ab, daß wir das allen Juden Gemeinsame mehr sehen als das Trennende und daß wir unsere Handlungen danach einrichten. Wir wollen deshalb nicht danach fragen, welcher jüdischen Partei ein Student angehört. Wir wollen ihm nur Gelegenheit geben, mit anderen jüdischen Studenten und mit einigen älteren jüdischen Akademikern zusammenzukommen, und wir wollen allen diesen jungen Juden den Beweis liefern, daß nicht Parteileute oder Vereinsmitglieder, sondern Jude n schlecht h in sich zusammenfinden, um friedlich alles Große und Schöne des Judentums miteinander zu erörtern. Wir fragen den einzelnen auch nicht nach dem Grad seiner Gläubigkeit oder Unglüubigkeit, der orthodoxe und der liberale Jude find uns gleich erwünscht; denn das, was wir den jungen Leuten nahebringen wollen, das ist nicht die Glaubenssormel, sondern der Glaubensinhalt, das ist nicht die synagogale Gestaltung der jüdischen Gemeinde, sondern das sittliche Gut des jüdischen Menschen. Wir bewegen uns hierin fern von jeder völkischen oder rassischen Auffassung, weit weg von scholastischen Meinungsverschiedenheiten über die Ausbeutung der Lehre, aber geeint in der überlieferten Reinheit der sittlichen Anschauung und der A ch t u n g v o r d e m G ö t t l i ch e n. In diesem Sinn und in diesem Streben glauben wir jeden jüdischen Studenten und jede jüdische Studentin zur Teilnahme an unseren Nachmittagen ausfordern zu dürsen. Welches Ziel könnte edler und welcher Weg könnte schöner sein als der, junge Juden zusammenzuführen im Geiste eines wahren, reinen Judentums, ohne Kckbetonte Absicht, ohne greifbaren Vorteil für uns, aber mit rem Nutzen für unser aller Seele? Wird sich nicht der Ausländer noch nach Jahren mit Freude daran erinnern, daß es deutsche Juden gewesen sind, die ihm einen Beweis der weltumfassenden Geistigkeit des jüdischen Gedankens gegeben haben? Und wird nicht auch der überzeugte Zionist anerkennen müssen, daß hier Männer des Centralvereins den Parteigegensatz völlig überwunden haben, daß sie nur das große, geeinte Judentum vor sich sehen und dadurch unserer Jugend Einen leitenden Beamten suchen wir für einen unserer Landesverbände im östlichen Deutschland. Er muss eine gute allgemeine und politische Bildung besitzen, in jüdischen Angelegenheiten bewandert, rednerisch, stilistisch und organisatorisch befähigt sein und möglichst auch Kenntnisse des modernen Propagandawesens besitzen. Wir bitten, uns handschriftliche genaue Angebote mit ausführlichem Lebenslauf einzureichen. Eine mehrmonatige Einarbeitungszeit in der Berliner Zentrale wie in einem unserer Landesverbände ist erforderlich. Central er ein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens, Berlin SW68, Lindenstr. 13. einen Weg öffnen, der den Katholiken und Protestanten aller Länder schon lange osfensteht? Von diesen Gedanken ausgehend, haben wir erstmals am Sonntag, den 9. Dezember 1928, die jüdischen Studenten von Tübingen und Stuttgart eingeladen und Rudolf Hallo aus Kassel gebeten, ihnen etwas aus seinem Arbeitsgebiet zu erzählen. Der Kreis war nicht groß, kaum die Hälfte der eingeladenen Studenten war dem Ruf gefolgt. Außer ihnen waren die Mitglieder des Württembergischen Arbeitsausschusses mit ihren Frauen sowie einige Eingeladene anwesend. Rudolf Hallo sprach in außerordentlich anziehender Weise über „Die B e r u f s u m s ch i ch t u n g im Zeitalter der Emanzipation", eine Tatsache, die uns allen unbekannt war und jedem von uns neue Erkenntnisse auf den Weg gab. Die Zweite Nachmittagsgesellschaft fand am 17. Februar 1929 statt. Die Zusammensetzung der Zuhörer war ähnlich wie das erste Mal; als Redner hatten wir Eduard Strauß (Frankfurt a. M.) gewonnen, der in geistvollem Vortrag „Das Wesen des religiösen Genies" erörterte. Auch dieses Mal hatten alle Anwesenden das Bewußtsein, neue und interessante Gedankengänge gehört zu haben. Man kann uns fragen, ob dieser bescheidene Erfolg uns genügt, ob eine so kleine Zahl von Studenten die Mühe und den Aufwand einer solchen Veranstaltung lohnt und ob wir irgendwelche greifbaren Beweise eines Erfolges verzeichnen können. Den ersten Teil der Frage beantworte ich unbedenklich mit einem entschiedenen Ja. Es kommt nicht auf die Zahl der Hörer an; denn wenn die Wirkung aus die Hörer eine gute ist, dann wird sie sich fortpflanzen wie eine Welle und wird ihre Kreise viel weiter ziehen, als wir es ahnen können. Und wenn unsere jungen Studenten von diesen Nachmittagen befriedigt sind, dann dürfen wir hoffen, in Zukunft immer mehr Studierende bei uns zu sehen. Auch haben wir eine Erweiterung dieser ckieg aeackemlei insofern vorgesehen, als wir in Zukunft auch unselbständige jüngere Akademiker dazu einladen wollen. Was aber die letzte oben gestellte Frage betrifft, so kann man den Erfolg geistiger Bestrebungen nicht auf der flachen Hand vorzeigen. Der Gedanke arbeitet im stillen under arbeitet um so mächtiger, je wahrer er ist. Wenn unsere Voraussetzungen richtig sind, dann werden wir das Ziel erreichen, sei es in kurzer, sei es nach längerer Frist. Wir müssen nur mutig und überzeugt unseren Weg weiter gehen. Wir müssen die Jugend an uns Ziehen, auch wenn sie uns nur langsam folgt, und die Jugend wird mit uns gehen, wenn sie von unserer Uneigennützigkeit überzeugt ist. Wir werden die akademischen Nachmittage in Stuttgart fortsetzen. Wir hoffen, daß auch die anderen Landesverbände des Centralvereins sich der akademischen Jugend annehmen, sei es auf dem von uns begangenen oder auf einem anderen Wege. Sicher wird sich noch manches besser machen lassen. Möge jeder, der einen guten Weg weiß, ihn auszeigen! Ein Mißerfolg am einen oder anderen Platz darf nicht abschrecken. Das Ziel ist so wichtig und die Notwendigkeit, die Jugend für das Judentum zu begeistern, ist so groß, daß keine Mühe zu viel scheinen darf, das Gewollte durchzusetzen. DlulMLIlliMn. sii?Mceü,MkL Zur Haustrinkkur: bei Nierenleiden, Harnsäure, Eiweiss, Zucker 1928: 22000 Badegäste ‘MmmeSk Badeschriften durch die Kurverwaltung