Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 23 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- Seite 302 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277856--05292-2286016- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
302 AU S E R L E SEN STE Q U ALITÄT LEIBNIZ KEKS ZARTE BISKUITS SCHOKOLADEN'UND ERFRISCHUNGSWAFFELN FEINE GEBÄCKMISCHUNGEN In der sich anschließenden Debatte aus diesem Kongreß, bei der führende Köpfe der deutschen Wirtschaft, der Wissenschaft und Praxis zu Worte kamen, und die auf einer Höhe stand, wie man sie nur vor einem solchen Forum findet, wurde von verschiedenen Seiten versucht, Sombart Zu widerlegen. Sombarts Auffassung von dem nahen Ende der kapitalistischen Wirtschaft mag übertrieben sein. Niemand aber kann leugnen, daß besonders die d e u t s ch e W i r t s ch a s t e i n e große Umwandlung d u r ch m a ch t, über deren Tragweite sich die wenigsten bisher klar geworden sind. Die Abweichung von Sombarts Anschauung kann deshalb nur gradueller Natur sein. Auch er gibt ja zu, daß wir uns noch im Zustand des Kapitalism u s befinden. Es ist ein Spiel mit Worten, ob wir dieses Stadium als Hoch- oder Spätkapitalismus bezeichnen. Der alte Kapitalismus der Vorkriegszeit ist tat, ist überlebt auch in den Ländern, die ähnliche Veränderungen durchleben wie Deutschland. Damit wird noch nicht behauptet, daß der neue Weg in das Land des Sozialismus führen muß. Denn auch der M a r x i s m u s i st längst überwunden. Hierfür bezeichnend war es, daß einer der klügsten Köpfe der deutschen Gewerkschaftsbewegung, Fritz Ta r - n o w. der Vorsitzende des Holzarbeiterverbandes, auf dem Hamburger Gewerkschaftskongreß einem Kommunisten, der in der Forderung nach Wirtschaftsdemokratie eine Abweichung von dem orthodoxen Marxismus zu erblicken glaubte, entgegenhielt: „Wenn Marx heute lebte, würde er auf unserer Seite stehen." ^Wie sich in sozialistischen Kreisen, wenn auch erst schüchtern, die Ueberzeugung durchringt, daß der Unternehmer nicht völlig aus der Wirtschaft ausgeschaltet werden kann — erinnert sei an die Forderungen des jungen Sozialisten Wilhelm Stürmsels: „Also muß irgendwie die wirtschaftliche Funktion des Unternehmers vom Standpunkt der Wirtschaft aus erhalten bleiben, wenn auch unter völlig veränderten Umständen"^) —, so malt Sombart für den Kapitalismus ein zu düsteres Bild. Das Wagen und Wägen, das erst den echten Unternehmer ausmacht, wird auch in einer neuen Wirtschaftsepoche sein müssen, denn a u ch s i e w i r d k a P i t a l i st i s ch sein. Vielleicht ein Sozialkapitaliswus im Gegensatz zum bisherigen reinen Privatkapitalismus. Gerade wenn man diese Auffassung vertritt, wird man der Meinung, daß auch diejenigen, die in Zürich Sombart entgegentraten, ihn nicht restlos haben widerlegen können. Das gilt auch für das hervorragende Korreferat, das der neue Vorsitzende des Vereins für Sozialpolitik, Professor Dr. Christian Eckert (Köln), hielt. Denn auch Eckert mußte zugeben, das deutsche Wirtschaftssystem der Gegenwart habe in eigener Art kapitalistische und staatssozialistische Elemente in einer in keinem anderen Lande bisher gekannten Weise gemischt. Gewiß engt der Sozialkapitalismus das Profitstreben nicht ein, aber der Drang der Arbeiter nach Mitverantwortung beweist, daß eine Veränderung des alten Kapitalismus vor sich gegangen ist. So muß auch Eckert bekennen: „Der Kapitalismus kann in Zukunft um so stärker sich auswirken, je mehr er von wahrem sozialen Geiste durchdrungen sein wird." Die soziale Demokratie als das Ideal der neuen Zeit ist es, die vor allem Gerhard von Schulz-Gaevernitz vorschwebt. Mit ihr allein, so führte er in Zürich aus, werde man „dem Titanen Kapitalismus Fesseln anlegen und ihn sich dienstbar machen" können. Die alten demokratischen Ideale der Freiheit und Gleichheit, die Menschenrechte, die vor mehr als zweihundert Jahren in Amerika von den Pilgervätern gefordert und dann in der Französischen Revolution zum Prinzip erhoben worden sind. 4) Vgl. Wilhelm Sturmfels: „Gewerkschaften und Staat, Wissen und Wirken", 46. Band, verlegt bei G. Braun, Karlsruhe i. B., 1928. sollen jetzt auch in der Wirtschaftsführung zum Ausdruck kommen. Nur so werde es möglich sein, den Kapitalismus zu einer höheren Wirtschafts- und Gesellschaftsstufe emporzuheben. „Vor unserem geistigen Auge erhebt sich der Gedanke des ,Serviceh insbesondere der großen Wirtschastssührer. Es ist sehr wohl denkbar, daß Menschen, die von diesem Geist durchdrungen sind, als große Organisatoren an der Spitze der Wirtschaft Klassengegensätze überbrücken und Millionen von Menschen in Freiheit an sich fesseln." Aus der Debatte in Zürich mögen noch die Ausführungen des großen rheinischen Industriellen Generaldirektor Dr. Paul Silverberg hervorgehoben werden, der darauf hinwies, daß sich der Kapitalismus seit langem in einer evolutionären Bewegung befinde. Als entscheidend sieht er die A b st r a k t i o n zwischen Besitz und Unternehmen an. Aus dem Unternehmen wird immer mehr die Unternehmung. Alle leitenden Persönlichkeiten in den großen Aktiengesellschaften feien schließlich leitende Angestellte. Recht hat Silverberg, wenn er darauf hinweist, daß das gemischtwirtschaftliche Unternehmen gemischtwirtschaftlich sei nur nach der Besitzseite; „nach der Betriebsseite, nach der Führung des Unternehmens, ist es kapitalistisch oder es ist überhaupt nicht". Die Auseinandersetzungen von Zürich sind inzwischen von anderen bedeutenden Gelehrten fortgesetzt worden. Von dem Münchener Nationalökonomen Professor Dr. Adolf Weber ist soeben eine Schrift erschienen: „Das Ende des Kapitalismus?"4 5), in der er Sombarts Ausführungen zu widerlegen versucht. Weber glaubt unter Bezugnahme aus die Verhältnisse in Rußland, es sei eher dasEndedesSozialismusalsdasdesKapitalismus gekommen. Aber er betont doch, „daß die staatliche Macht immer mehr Gebiete des ökonomischen Lebens ordnet und bindet, sie insofern also aus dem Mechanismus der Konkurrenzwirtschast herausnimmt oder doch herauszunehmen scheint"; wenn er auch darauf hinweist, daß diese staatlichen Betriebe kapitalistisch verwaltet werden. Weber glaubt, daß der Prozeß der Marktmechanik nicht dahin gegangen sei, daß auch Kartelle und Truste die erforderliche Elastizität der Wirtschaft nicht haben einengen können. Er scheint hierbei die starken Preisbindungen der Kartelle und Konventionen zu unterschätzen. Aber auch Adolf Weber muß.— ähnlich wie Schulze-Gaevernitz — bekennen: „Es ist keineswegs so, daß die kapitalistische Wirtschaftsordnung Menschen verlangt, die im Profit das Alpha und Omega ihres Daseins erblicken. Der wahrhaft große Unternehmer . . . wird bemüht sein müssen, das sich will verdienen' dem sich will dienen' unlerzuordnen." Aehnlich muß auch Professor Dr. H e r b e r t v. Beckerath in feinem Vortrag „Politische Ideen und Wirtschaftsverfassungen von heute im internationalen Vergleich"") zugeben, daß sich die heutige kapitalistische Wirtschaftsgestaltung zweifellos wesentlich von derjenigen der liberal-kapitalistischen Epoche unterscheide. Auch er behauptet wie Sombart, daß man jetzt Vorbeugungsmaßnahmen gegen Konjunkturschwankungen und gegen Marktspannungen getroffen habe. „Grundsätzlich hat sich überall die Auffassung durchgesetzt, daß auch als Arbeiter der Mensch nicht Mittel, sondern Zweck der Wirtschaft ist." Trotz aller gegenteiligen Auffassungen sehen wir also, daß in den verschiedensten Lagern, bei Gelehrten, bei Unternehmern und Arbeiterführern, die Auffassung eines bedeutungsvollen Wandels unserer Wirtschaft vertreten wird. Es scheint so, als ob die freie Wirtschaft in völliger Ungebundenheit niemals mehr wiederkehren wird, als ob der Kapitalismus des ungehemmten Erwerbsstrebens sich überlebt hat. Wir wissen, daß man mit Unrecht die Juden als die alleinigen Väter des Kapitalismus bezeichnet hat. Soweit wir Sombart in seinen Ausführungen über den Wandel des modernen Kapitalismus auch zustimmen konnten, so scharf ist gerade an dieser Stelle stets fern Versuch abgelehnt worden, die Juden für den Kapitalismus verantwortlich zu machen. Hierbei soll gar nicht untersucht werden, ob es für die Menschheit wirklich ein Unglück war, daß die kapitalistische Wirtschaftsführung sie so viel reicher und so viel unabhängiger gemacht hat als alle früheren Wirtschaftsepochen. Die jüdischen Deutschen, denen man jahrzehntelang alle Auswüchse der kapitalistischen Wirtschaft in die Schuhe geschoben hat, könnten es heute mit besonderer Genugtuung verzeichnen, daß alle Spitzenverbände der deutschen Wirtschaft, in Handwerk und Landwirtschaft wie in Handel und Industrie, in ihrem Ruf nach Wiederh e r st e l l u n g der freien Wirtschaft als ihr Ideal den kapitalistischen Unternehmer verlangen, den man zu Unrecht als „jüdischen Spekulanten" glaubte bisher verfemen zu müssen. Die deutschen Juden finden sich heute in allen Lagern. Sie kämpfen für die Erhaltung des alten Kapitalismus wie für die Wege in eine neue Wirtschaftsordnung. Ihr Schicksal ist unlöslich mit dem der deutschen Wirtschaft verknüpft. Noch aber weiß niemand, wohin der Weg dieser Wirtschaft geht. Der deutsche Jude Walther Rathen au war es, der in seinem tiefsten Werke „Von kommenden Dingen" sagte: „Wirtschaft ist nicht Privatsache, sondern G e m e i n s ch a f t s s a ch e, nicht Selbstzweck, sondern Mittel zum Absoluten, nicht Anspruch, sondern Verantwortung." 6) Max H u e b e t, Verlag, München, 1929. ß) Schriften der Vereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Heft 18, Berlin 1929, Verlag Fr. Messen.