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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-07 · 23 (7.6.1929) · p. Seite 301

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
23 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
Seite 301 (sequence 5)
Language
German
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Das Ende des Kapitalismus? / Die MrWaftsentwiülung der Nachkriegszeit. Von Dr. Kurt Zielenziger Die deutsche Revolution ist noch nicht beendet. Nicht, weil die Republik gefährdet erscheint, nicht weil die Radikalen von links oder rechts immer mit Putschen den jungen Staat bedrohen, sondern, weil der soziale Umbildungsprozeß noch nicht zum Abschluß g e k o m m e n ist. Der Krieg und die Nachkriegszeit haben die Struktur der deutschen Wirtschaft verwandelt. Schon die Zwangswirtschaft des Krieges schuf große Veränderungen, die der Friedensschluß fortführte. Der Verlust an Land, an Kolonien, die schweren Reparationsverpflichtungen mußten dazu beitragen, der deutschen Wirtschaft ein neues Gesicht zu geben. Dazu kamen die ideologischen Wandlungen, die sich besonders im letzten Jahrzehnt bemerkbar machten. Wenn auch die Revolution von 1918 mehr ein Einsturz als ein Umsturz war, wenn sie auch nicht den Zusammenbruch des bisherigen wirtschaftlichen Systems nüt sich gebracht hat, und es zunächst galt, aus der Konkursmasse zu retten, was noch lebenswert erschien, so hat sie doch Gedanken zum Durchbruch verholsen, deren Verwirklichung im alten Deutschland als Utopie erschien. Die Vergesellschaftung der Produktionsmittel fand ihren Ausdruck m dem Ruf nach Sozialisierung. Die Ueberführung des Privateigentums in das gemeinschaftliche Eigentum sollte nicht erst in ferner Zukunft, sondern sofort verwirklicht werden. Wir wissen, daß dem Privateigentümer durch die Revolution kein Haar gekrümmt worden ist. Nirgends ist eine gewaltsame Enteignung enolgt. Und doch hat eine sozialeVer Wandlung von größtem Ausmaß eingesetzt. Was die Revolution nicht erreichte, haben Inflation und Deflation beendet. Die Entthronung des Mittelstandes und die zunehmende Unselbständigkeit unter den Erwerbstätigen wirken mit, um der deutschen Volkswirtschaft einen anderen Charakter zu verleihen. Die Entstehung von Niesengebilden mit ihren weitreichenden Bindungen, die immer bedeutender werdende Tätigkeit des Staates als Unternehmer, die Macht der Arbeitnehmerorganisationen tragen dazu bei, diese Verwandlung zu vollenden. Die Mechanisierung der geistigen itnö die Vergeistigung der mechanischen Arbeit erwecken m den Millionen von Arbeitnehmern den Wunsch, jetzt auch in der Wirtschaftsführung mitbestimmenden Einfluß zu erlangen. Besonders in der letzten Zeit drehen sich deshalb alle Debatten der Wirtschaftler um die Frage nach dem Schicksal der deutsch e n W i r t f ch a f t. Aber nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen Ländern erhebt sich die Frage nach der wirtschaftlichen Zukunft. In England ist es der jüdische Führer der englischen Industrie, Lord Melchett, der neue Wege durch eine Arbeitsgemeinschaft mit den Gewerkschaften zu weisen versucht. Auch in Frankreich und selbst in dem streng individualistischen Amerika gehen Wandlungen vor sich, die zu der Frage führen: Wohin gehst du, Kapitalismus? Auf den w i r t s ch a f t l i ch e n' K o n g r e f s e n des vorigen Jahres stand diese Frage im Vordergrund. In Wien war es, wo der bekannte Betriebswissenschaftler Prof. Dr. Eugen Schmalenb a ch seinen aufsehenerregenden Vortrag über den „Gefesselten Kapitalismus" hieltH, in dem er erklärte, es sei völlig hoffnungslos, „auf die Wiederkehr der freien Wirtschaft zu rechnen". „Was ist es denn im Grunde genommen anders als die Erfüllung der Voraussagen des großen Sozialisten Marx, die wir erleben?" Schmalenbach führt den Systemwechsel aus die Verschiebung der Produktionskosten innerhalb des Betriebes zurück, bei denen der Anteil der fixen Kosten b e st i m m e n d für die Produktionsgestaltung wurde. Hierdurch sei die moderne Wirtschaft des Heilmittels beraubt, das selbsttätig Produktion und Konsumtion in Einklang bringe und so das wirtschaftliche Gleichgewicht herstelle. So gestalte sich immer mehr aus der freien die gebundene Wirtschaft. Diese Anschauung fand Unterstützung im sozialistischen Lage r. Auf dem Kongreß des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, der größten Arbeitnehmerorganisation der Welt, war es Fritz Naphtali, der darauf hinwies, wie der Kapitalismus sich von selbst immer mehr Schranken auserlegt, wie die freie Wirtschaft immer mehr Organisationselemente eingebaut habe, die zur Einschränkung der freien Konkurrenz hätten führen müssen. „Heute ist der Konkurrenzkapitalismus durch den Monopolkapitalismus verdrängt. Die Produzenten, vor allem die Schwerindustrie, haben sich in Organisationen verschiedenster Art — Kartellen, Trusten, In te re ss engem eins ch af ten usw. — zusammengeschlossen und diktieren dem Markt ihren Willen." Dazu kommen die rechtlichen Wandlungen des Arbeitsverhältnisses. Die Tendenz wächst, „die Verfügung über die Produktionsmittel der Alleinherrschaft der Unternehmer zu entreißen". In der Forderung auf Demokratisierung der Wirtschaft erblickt Naphtali nichts anderes als den Ausdruck des Strebens, „den praktischen Weg zu finden zur Verwirklichung des Sozialismus"^). In Gegensatz zu dem Führer der Betriebswirtschaftslehre und dem Theoretiker der sozialistischen Gewerkschaften stellte sich der große Bankier. Auf dem Kölner Bankiertag war es Jakob Goldschmidt, der erklärte: „Der Staat sollte nicht in der Wirtschaft, sondern über der Wirtschaft stehen", der ferner darauf hinwies, daß es der Kapitalismus verstanden habe, in Deutschland etwa 20 Millionen Menschen mehr 51t ernähren, als unser Boden zurzeit zu versorgen -0 Vgl. „Vossische Zeitung" Nr. 255 vom 1. Juni 1928. 2) Vgl. auch „Wirtschaftsdemokratie. Ihr Weg und Ziel", herausgegeben im Aufträge des Allgemeinen Deutschen Eerverkschaftsbundes von Fritz Naphtali. Berlin 1928, Verlagsgefellfcha-ft des Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbundes, G. m. b. H. vermöge, und noch zahlreiche Milliarden an die ehemaligen Kriegsgegner abzuführeu. Trotzdem mußte auch Goldschmidt bekennen: „Es wird in der Welt niemals weder eine k a p i t a l i st i s ch e noch eine s 0 z i a l i st i s ch e Gesellschaftsordnung in Reinkultur geben." Diese Auseinandersetzungen fanden ihren Höhepunkt aus der Tagung des Vereins für Sozialpolitik in Zürich, über die jetzt der gedruckte Berichts vorliegt. Hier war es Professor Werner Sombart, der in seinem groß angelegten Referate über die „Wandlungen des Kapitalismus" ähnliche Gedanken in konzentriertester Form zum Ausdruck brachte, wie er sie in den beiden Schlußbünden seines Werkes über den Kapitalismus „Der Hochkapitalismtls" bereits niedergelegt hatte. Wie Spengler einst den Untergang des Abendlandes prophezeit hatte, so proklamierte Sombart jetzt das Ende des Kapitalismus. Jenes Wirtschaftssystem, das mit Beginn der Neuzeit, also ungefähr nüt dem Eintritt des 16. Jahrhunderts, seinen Einzug in Europa gehalten, das aber erst vom 19. Jahrhundert ab die europäische und mit ihr die Wirtschaft der übrigen Weltteile in ungeahnter Weise entfaltet hat, steht nach Sombarts pessimistischer Auffassung vor seinem Ende. Sombart glaubt unsere Epoche als Spätkapitalismus charakterisieren zu müssen. Nach Karl Marx hat wohl niemand es verstanden, die großen Linien der Wirtschaftsgestaltung tiefer zu durchforschen als Werner Sombart. Seinen Ausführungen muß deshalb eine besondere Bedeutung Zukommen. Die Wandlungen des Kapitalismus erblickt Sombart erstens in den territorialen Wandlungen, zweitens in den Gestalts- und drittens in den Bereichswandlungen. Sombart glaubt, derneueKapitalismus werde ein farbiger sein, weil er Asien und Afrika in seinen Bann ziehe. Aber die Beteiligung Europas an dem Neuaufbau dieses Kapitalismus werde nicht annähernd so groß sein, wie es der Anteil war, den die westeuropäischen Nationen im vergangenen Jahrhundert genommen haben, weil die nötigen Kapitalsmengen fehlen und weil sich die Kapitalanhäufung verlangsamen werde. Die Produktivität der Arbeit wird nach seiner Auffassung in Zukunft nicht mehr in dem Tempo der letzten 100 Jahre steigen. Die hochkapitalistische Entwicklung ist nur durch die Steigerung der Arbeitsproduktivität in der Landwirtschaft ermöglicht worden. Frische Böden gibt es nicht mehr, die Ausbeutung der Agrarvölker ist am Ende. Auch der Jndustrieexport muß sich verlangsamen, die jungkapitalistischen Volker decken ihren Bedarf zum Teil selbst. So werden die altkapitalistischen Völker gezwungen, ihre Agrarbasis zu erweitern. Eine Rückbildung ihrer Struktur muß eintreten: „die weltwirtschaftlichen Beziehungen, die sich im letzten Menschenalter schon mehr und mehr reduziert hatten, werden noch weiter einschrumpfen". Dazu kommt als zweiter Faktor die G e st a l t w a n d l u n g. Sombart rechnet hierzu die Zentralisation des Kapitalismus, die Konzentration der Betriebe. Zweitausend Kartelle in Deutschland, 200 internationale Syndikate. Eine neue Feudalität entsteht. Ein neues System von Abhängigkeit verschiedenster Art. „Die Wirtschaft, d. h. das Kapital, d. h. das Großkapital, d. h. das Finanzkapital, beherrscht die Welt und läßt unsere Staatsmänner wie Marionetten am Drahte tanzen." Sombart steht aber hierin eine Abkehr von den Ideen des Kapitalismus in seiner reinen Gestalt. „Die starke Spannung zwischen Irrationalismus und Nationalismus, zwischen Spekulation und Kalkulation, zwischen Unternehmergeist und Bürgergeist läßt nach." „Die Zahl der wißbaren Umstände wird größer und größer." „Der Chef einer Unternehmung bekommt den Charakter eines Finanzministers." Damit, glaubt Sombart, verringere sich daS Gewinn st reben und der Wagemut des alten Nnternehmertypus. Eine Tendenz zur Verrentung tritt ein. Die freie Rechtsordnung geht in eine gebundene über. „Der Unternehmer arbeitet in wachsendem Maße in einem gebundenen System, einem System der Selbstbindung, das er sich geschaffen hat durch Bureaukratisierung der Betriebe, durch die Kartelle u. ä." „Das Arbeits- Verhältnis nimmt immer mehr den Charakter eines Beamtenverhältnisses an." Tritt Arbeitslosigkeit ein, so wird der Arbeiter gleichsam zur Disposition gestellt mit Weiterzahlung seines Gehalts. Tritt Invalidität und Alter ein, so wird der Arbeiter pensioniert wie der Beamte." Wer mit Sombart als typisches Moment kapitalistischer Wirtschaftsführung die Produktion für den Markt steht, die im Gegensatz zu früheren Wirtschaftsepochen in freier Konkurrenz sich nicht nach dem jeweiligen individuellen Bedarf richtet, wird in seiner Behauptung: „die alte Marktmechanik ist aus geschalt et", den Kernpunkt seiner Darlegungen erblicken. Hinsichtlich der Bereichswandlungen glaubt Sombart, daß neben dem Kapitalismus die vorkapitalistischen W irisch a f t s s y st e m e, also Eigenwirtschaft, Handwerk und Bauerntum, weiterbestehen bleiben, daß sich die nachkapitalistischen wie Staats- und Gemeindebetriebe sowie Genossenschaften weiter entwickeln werden. „Weil sie gewollt werden, weil hinter ihnen starke Kräfte des Gesellschaftslebens stehen, die derartige Wirtschaftssysteme anstreben." So sieht Sombart vor uns ein Wirtschaftsleben, „das alle Merkmale einer U e b e r g a n g s w i r t s ch a f t in sich trügt, in der kein Wirtschaftssystem vorherrscht, in der das bislang vorherrschende Wirtschaftssystem Züge des folgenden Wirtschaftssystems annimmt, in der das neue Wirts chaftssy st em zur Entfaltung drängt". 2) Verhandlungen des Vereins für Sozialpolitik in Zürich, 1928. Schriften des Vereins für Sozialpolitik, 175. Band. Verlag von Duncker u. Humblot, München und Leipzig, 1929.

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