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Central-Verein-Zeitung · 1929-06-07 · 23 (7.6.1929) · p. Seite 300

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Journal
Central-Verein-Zeitung
Volume
8 (1929)
Issue
23 (7.6.1929)
Date
1929-06-07
Page
Seite 300 (sequence 4)
Language
German
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300 ‘Unsere ßeser schreiben: Ehenot — Jugen-rrot! An die Schriftleitung der „C. L. - Zeitung". Soest, im Mai 1929. Sie druckten kürzlich einen Brief ab von Herrn I. Heller (Regensburg), „Ehenot?" betitelt. Darin schreibt Herr Heller über das bedrohte jüdische Familienleben. Zu diesen Ausführungen möchte ich, um unserer heutigen Jugend gerecht zu werden, folgendes sagen: Die jüdische Jugend, deren Kindheit in die Hunger- und Mordzeit 1914 bis 1918 fiel, deren erste Jugend die Jnslations- und Deslationsjahre sah, ist ganz anders, als Herr Heller sie malt. Sie hat gesehen, wie das Leben, die Lebensarbeit der älteren Generation zusammengebrochen ist in den Geburtswehen der neuen Zeit; sie hat gesehen, wie das Lebensideal der älteren Generation der rauhen Wirklichkeit nicht standgehalten hat, und sie ist auf der Suche nach einem neuen Ideal. Da ist es ganz natürlich, daß diese Jugend auf ihrer Suche auch mal fehlgeht. Jedoch „das sind die Weisen, die durch Irrtum zur Wahrheit reisen". Wie sah denn eigentlich die Jugend um die Jahrhundertwende aus? Herr Heller scheint ihr so sehr nachzutrauern. Ihre Freizeit brachte sie in Wirtshäusern und bei den Karten Zu. Wer am meisten Alkohol vertilgte, am „leistgngssähigsten" in den Bordells war, der war „der Mann". Die Religion war ihr eine Erfindung raffinierter Geister zur Verdummung der Menschen. Religiosität wurde als Beschränktheit verlacht. Und wie Zeigt sich uns hu Vergleich dazu die Jugend der Nachkriegszeit? Ich möchte Herrn Heller die Augen öffnen und ihm zeigen, wie ich sie sehe. Und da sehe ich ernsthafte Arbeit, Ringen im frühen Daseinskampf. In den Feierstunden Turnens Wandern, Boxen, Schwimmen zur Ertüchtigung des Körpers. Statt geistlosen Kartenspiels ernsthaftes Ringen um Menschentum und Menschheitsprobleme, ein Suchen nach dem Gotte der Väter. — — Daß trotzdem der junge Jude auch im Kabarett und in der Revue zu sehen ist, will ich nicht abstreiten. Er sucht alles, will alles sehen und alles kennenlernen im Streben nach seinem eigenen Ich. Aber das ist der Unterschied der heutigen Jugend im Vergleich zur früheren: Nicht der erfolgreichste Alkoholvertilger, der größte Don Juan wird von der heutigen Jugend als der Führer seines Kreises angesehen, sondern der beste Sportler, der tiefste Denker. Und das scheint mir. kein schlechtes Zeichen für unsere Jugend zu sein. — Habt nur Vertrauen zur heutigen Jugend und zeigt Verständnis für sie! Dann wird sie euch nie enttäuschen. Im übrigen bin ich mit Herrn Heller einer Meinung, wenn er die Ehenot der jungen Generation beseitigen helfen will. Ich glaube auch, daß die Eheanbahnungsstelle viel Gutes schaffen könnte. Ebenst» wichtig aber scheint mir zu sein, daß gründlichst aufgeräumt wird mit den veralteten Vorurteilen über die Vorbedingungen zur Ehe. Wenn das junge Mädchen auch in der Ehe ebenso wie vorher ihrem Berufe nachgeht, wenn sie neben und mit ihrem Manne arbeitet, um ein eigenes Heim aufzubauen, wenn sie die Ehe nicht als Versorgung, sondern als treue Kameradschaft fürs ganze Leben betrachtet, wenn der Mann lernt, in seiner Frau die Arbeitsgenossin zu sehen, dann ist das ein guter Schritt vorwärts zur Frühehe. Dann wird sich auch schon ein Weg finden, um die Familie sicherzustellen, wenn Kinder der Frau die Berufstätigkeit verbieten. Wo ein Wille war, da hat sich noch stets ein Weg gefunden! Und die Jugend wird ihn finden, wenn zum Segen auch das Vertrauen und das Verständnis der Eltern nicht fehlt! Dr. med. Rudolf Locwenstein (Soest i. W.). Ein unvollständiger Zeitungskatalog. An die Schriftleitung der „C. V.-Zeitung". München, im Mai 1929. Gelegentlich einer beruflichen Arbeit lag es mir kürzlich daran, die Namen und Adressen der in Deutschland erscheinenden Zeitungen und Zeitschriften, die jüdische Belange verfolgen, festzustellen. Ich griff zu diesem Zweck zu dem großen Zeitungskatalog, den die Ala alle zwei Jahre herausgibt und der sich sonst als ziemlich zuverlässiges Jnformationsmittel darstellt. Schlägt man in Fachzeitschriften-Stichwort-Verzeichnissen nach, so findet man lediglich Zwei einschlägige Stichwörter. Es sind dies „Jüdische Literaturblätter" und „Jüdische Religion". Blättert man dann nach, so kann man seststellen, daß in der Abteilung IV, die überschrieben ist „Belletristik, Literatur, Politik", nach der ersten Unterabteilung „Illustrierte llnterhaltungsblätter" eine zweite Unterabteilung folgt: „Literaturblätter und Revuen", in der auf S. 124 u. a. ausgeführt ist „Jüdische Rundschau, Zentralorgan der Zionistischen Vereinigung für Deutschland". Wenn auch den Verfasser des Katalogs der Name „Jüdische Rundschau" dazu verleiten konnte, in dieser eine Revue etwa nach Art der „Neuen Rundschau" zu erblicken, so hätte er aus dem Untertitel doch unbedingt merken müssen, daß die Aufführung an dieser Stelle gänzlich verfehlt ist. Nicht aufgeführt ist dagegen „Der M o r g e n" an dieser Stelle, der hier in erster Linie in gleicher Weise wie etwa das ausgeführte „Hochland" (katholische Revue) und die „Zeitwende" (protestantische Revue) aufzuführen gewesen wäre. Es folgen sodann in dem Katalog S. 126 ff. „Politische und kulturelle Wochenschriften". Hier fehlt die „Jüdische Rundschau" — die natürlich in diese Kategorie gehört — und ebenso die „C. V. - Zeitung", die anscheinend überhaupt im ganzen Katalog nicht zu finden ist. Aufgeführt sind lediglich an dieser Stelle die „Jüdische liberale Zeitung", das Organ der Vereinigung für das liberale Judentum, und „Der Nationaldeutsche Jude", das Mitteilungsblatt des Verbandes nationaldeutscher Juden. Zahlreiche andere Zeitungen und Zeitschriften, die in' diese Rubrik gehören würden, sind entweder überhaupt nicht aufgeführt oder an falscher Stelle, nämlich im XXVIII. Abschnitt („Theologie, Religion, Erbauungsliteratur") nach der evangelischen und katholischen Theologie in einem 3. Titel (S. 264) „jüdische Religion". Die dort aufgeführten Zeitungen seien des Interesses halber, so wie sie aufgeführt sind, wiedergegeben: Berlin: „Gemeindeblatt der Jüdischen Gemeinde zu Berlin." Amtliches Organ des Gemeindevorstandes. „Der Jude." „Der Morgen", Zweimonatsschrift für das religiöse Judentum. Breslau: „Breslauer Jüdisches Gemeindeblatt." Jüdische Zeitung für Ostdeutschland. Kassel: „Jüdische Wochenzeitung für Kassel, Hessen und Waldeck." Frankfurt a. M.: „Gerneindeblatt der Israelitischen Gemeinde. Frankfurt a. M.". Hamburg: „'Deutsche Israelitische Zeitung und Laubhütte" Gemeindeblatt der Deutsch-Israelitischen Gemeinde. Köln: „Kölner Jüdisches Wochenblatt." M a n n h e i m : „Israelitisches Gemeindeblatt." M ü n ch e n: „Baverische Israelitische Gemeindezeitung." Offizielles Organ der Israelitischen Kultusgemeinde München und des Verbandes Israelitischer Gemeinden. Nürnberg: „Nürnberg-Fürther Israelitisches Gemeindeblatt." Stuttgart: „Gemeindezeitung für die Israelitischen Gemeinden Württembergs." Es ließe sich selbstverständlich darüber streiten, ob die verschiedenen Gemeindeblätter, die ja nur bedingt etwas mit Theologie zu tun haben, am rechten Ort sind. Immerhin kann man diesen Standpunkt vertreten, wenn man keinen geeigneteren Platz im Katalog ausfindig zu machen vermag. „Der Jude" und „Der Morgen" gehören natürlich nicht hierher, da sie Revuen sind. Ebensowenig selbstverständlich die „Deutsche Israelitische Zeitung und Laubhütte". Diese gehört, ebenso wie das fehlende Hamburger „Israelitische Familienblatt", „Der Israelit" und wohl auch die „Jüdische Wochenzeitung für Kassel", die „Jüdische Zeitung für Ostdeutschland" und zahlreiche andere Zeitungen zu den politischer und kulturellen Wochenschriften. Der Katalog der Ala, der von jeder aufgeführten Zeitung und Zeitschrift insbesondere das enthält, was für den Inserenten von Bedeutung ist, unterrichtet also über die Presse, die jüdische Belange behandelt, höchst nnzutreffend und unvollständig. Auch ein Beweis dafür, wie wenig die Allgemeinheit über jüdische Belange unterrichtet und wie notwendig die Tätigkeit des Cen - t r a l v e r e i n s ist. Es dürfte haher im Interesse der in Frage kommenden Zeitungen und Zeitschriften liegen, die Ala besser zu unterrichten, damit die Inserenten, die aus irgendeinem Grund in solchen Zeitungen inserieren wollen, sich ein richtiges Bild von dem Inhalt und der Bedeutung der in Frage kommenden Zeitungen und Zeitschriften machen können. Rechtsanwalt Dr. Rudolf Wassermann (München). Die Schulder Erwachsenen. An die Schristleitung der „C. B.-Zeitung". Bad Homburg, im Mai 1929. Sie veröffentlichen unter Ihren Zahlreichen Protesten gegen die Schändungen jüdischer Friedhöfe in Deutschland auch einen von Walter v o n M o l o. Selbst Christ und christlicher Familie stammend, deren Stammbaum auf mehrere Jahrhunderte hinaufreicht, frage ich mich, wie derartige Schandstücke, für die auch der stärkste verurteilende Ausdruck noch zu milde ist, überhaupt möglich sind? Mag der Christ, aus Grund selbstgebildeten Urteils oder anderseits Vorurteils, dem Judentum gegenüberstehen, wie er will, er muß solch grundgemeine, bestialische Schandstücke nicht nur aufs tiefste beklagen, er muß sie in Grund und Boden verurteilen, und damit komme ich zu dem von v. Molo angeführten Kapitel von der „Schuld der Erwachsenen". In der Tat, hier liegt eine schwere, wenn auch nur indirekte Schuld insofern vor, als die Erwachsenen, sobald sie nur von solchen Schandstücken hören, die unbedingte moralische Verpflichtung haben, im Schoße der eigenen und der befreundeten Familien den Anwesenden das Scheußliche einer Grabschändung vor die Seele zu führen. Pfui der Feigheit, die zu schänden, die sich nicht mehr wehren können! Wenn ihr Krieg führen wollt, führt ihn mit den Lebenden, die sich noch wehren können, aber nicht mit den Toten, nicht mit einst lebenden Weibern und Kindern! — Sind wir Christen. Richter über die Juden oder vermeinen es wenigstens zu fein, so frage ich: Wo ist das Gegenfchandstück, wo schänden Juden unsere Ruhestätten, die uns im Andenken an die uns unvergeßlichen Angehörigen hellig sind? Jeder anständig denkende Christ sollte in engerem oder weiterem Kreise sorgen, für das einzutreten, was ihm seine Sittenlehre vorschreibt. aiuO. Heine fett. ans dem Reichstag. Im Reichstag hatten die nationalsozialistischen Abgeordneten Dr. Fr ick, S t ö h r und Goebbels Einspruch erhoben gegen ihren in der Sitzung am 16. Mai erfolgten Ausschluß, über den wir in der „C. V.-Zeitung" seinerzeit berichtet haben, lieber diesen Einspruch wurde in der Reichstagssitzung am 4. Juni entschieden. Dr. Frick versuchte mit allen geschästsordnunasmäßigen Mitteln ein für sich günstiges Ergebnis zu erzwingen bzw. Obstruktion zu treiben. Zunächst beanspruchte er, seinen Einspruch zu verlesen. Dieser Antrag wurde gegen Nationalsozialisten und Kommunisten abgelehnt, ebenso die Anträge, die Einsprüche der beiden nationalsozialistischen Abgeordneten zu verlesen. Nun forderte Dr. Frick namentliche Abstimmung über jeden einzelnen Einspruch. Die erforderliche Unterstützung von 50 Stimmen sür die namentliche Abstimmung war aber nicht vorhanden, da auch hier nur die Kommunisten hilfreich einsprangen. Jetzt bezweifelte Dr. Frick die Beschlußfähigkeit des Reichstags. Dieser Einspruch wurde als nicht stichhaltig zurückgewiesen. Nunmehr kam es zur Abstimmung über die Einsprüche selbst. Dr. F r i ck s Einspruch wurde gegen die Stimmen der Nationalsozialisten, der Christlichnationalen Bauernpartei, der Deutschnationalen und der Kommunisten abgelehnt. Für S t ö h r traten die gleichen Parteien ohne Erfolg ein, während Goebbels nur die Stimmen seiner Partei und die der Kommunisten erhielt. A. PH.

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