Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 23 (7.6.1929)
- Date
- 1929-06-07
- Page
- Seite 298 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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298 ■A. Karlsruher Lebensoersldierungsbank B.- G. Ursprung 1835 Lebens-, Aussteuer- und Studiengeld Versicherungen. Mitarbeiter überall gesamt. Erkennt die Feinde in euren Reihen und sorgt dafür, daß sie ausscheiden! . . . Werdet nicht aus mißverstandenem.Treubegriff und wegen abgelegter Gelübde zu Verderbern unseres Volkes." Es sind bittere Worte, die die Stahlhelmführer sich hier sagen lassen müssen/ bitter allerdings nur dann, wenn sie Ludendorff ernst nehmen. Aber wenn sie ihn nicht ernst nehmen sollten: Wann und wo beginnt er für sie nicht mehr Vorkämpfer und Führer zu sein? Wo ist der Bruch? Den Nationalsozialisten freilich wird der Stahlhelm gewisse Antworten geben müssen, wenn aus den von Stadler und anderen so eifrig propagierten Einheitsfrontbestrebungen ernsthaft etwas werden soll. Der „V ö l k i s ch e B e o b a ch t e xK widmet den Münchener Gästen des Stahlhelms ausgedehnte Begrüßungsartikel. Die Herren Rosenberg und Weiß, die sie verfaßten, führen einen mit anerkennenswerter Geschicklichkeit durchdachten Eiertanz auf. Es muß Herrn Hitler und feinem Kreis-sehr schmerzlich gewesen sein, daß eine nationalistische Vereinigung, die nicht ihrer Leitung untersteht, derartige Massen in ihrer Hochburg München auf die Beine bringen konnte, zumal zu befürchten ist, daß ein Teil der jüngeren Hitler-Anhänger durch den noch militärischeren Prunk des Stahlhelms, durch die noch zahlreicheren Fahnen und Trompeten an Hitlers Führung irre werden könnte. Dem galt es vorzubeugen. Und so schrieb man hinreißende und hingerissene Worte über Frontkämpfertum und Frontkämpfergeschlecht — und streut Spitzen und Bosheiten gegen die Organisation des Stahlhelm ein. Im „Völkischen Beobachter", 2./3. Juni, schreibt Alfred Ro send erg unter der Ueberfchrift „Hakenkreuz und Stahlhelm, notwendige Voraussetzungen einer politischen Wiedergeburt": „Wenn der politische Berater des Stahlhelm erklärt, der Bund der Fontsoldaten sei antimarxistisch, so glauben wir ihm, was den Willen anbetrifft, aufs Wort. Durch seine politischen Kampsmethoden hat der Stahlhelm aber den Kampf gegen den Marxismus nicht gefördert, weil er den sterbenden Bürgerliberalismus und einen hohlen Dawes - Patriotismus durch seine Kraft immer' wieder gestützt hat . . . Als Dank dafür blieben alle Stahlhelmer im Preußischen Landtag und im Reichstag beim ersten Konflikt auf seiten Stresemanns und nicht auf feiten der Stahlhelmleitung . . . Die Deutschnationalen haben die Verlängerung des Republikschutzgesetzes auf dem Gewissen. . . Und anstatt dieser Jämmerlichkeit Kampf anzusagen, hat die Stahlhelmleitung z. B. jetzt wieder in Mecklenburg die Losung der Wahl der zusammen geschlossenen Bürger gegeben, d. h. sie fordert auf, eine konzentrierte Impotenz zu fordern, nicht die einzige nationalrevolutionäre Bewegung ... die nationalsozialistische." Der Kampf innerhalb der nationalistischen Kreise geht also weniger um den Geist, als-um die Mitglieder. Aber einen anderen Gedanken ernsterer Art legt die Lektüre der zahlreichen Verherrlichungen des Frontgeistes und des früheren Frontkämpfergeschlechts als politische Führer nahe. Als der Weltkrieg ausbrach, standen Millionen deutscher Soldaten zur deutschen Staatssorm und zum deutschen Staatsinhalt ungefähr genau so, wie es heute bei großen Massen der Republik g e g n e r der Fall ist. Die sogenannten Vaterlandsfeinde sagten: „Deutschland über alles, wir stehen im Kampf, wir wollen Soldaten sein, die Pflicht gegen das Vaterland erfüllen." Und als der Krieg zu Ende ging, waren sie wieder Bürger und dienten dem Vaterlande mit Mitteln des Friedens. Die anderen Kreise aber verweigern dem Staate, der heute noch immer im Kampf steht, der Pflichterfüllung und Hingabe braucht, wie sie bei Frontkämpfern üblich ist, die Gewährung dieser srontkämpferischen Eigenschaften, weil der Staat nicht so tanzt, wie ihre Sturmabteilungen pfeifen. Es bleibt die Frage zu stellen, auf welcher Seite die Phrase vom Frontkämpfergeist zu finden ist und auf welcher die nationale Tat. Dr. Alfred Hirschberg. Gegen die ileberwerlung des Rationalen. Von Professor Dr. Julius Goldstein (Darmstadt). Im Neue Geist-Derlckg, Leipzig, ist soeben das höchst beachtenswerte ‘ Buch „Nationalismus" von Carlton I. Hohes, in Nebersetznng aus dem Englischen von I. F. Friedländer, erschienen. Der Herausgeber, Professor Julius Gold st ein (Darmstadt), hat dem Buch eine Einführung vorangesteüt, die wir nachfolgend hier wiedergeben. „Wer den Nationalismus als eine typische Erscheinung gegenwärtiger Weltkultur angemessen darstellen will, der muß mit der Schaukrast des Historikers die Schulung des Soziologen verbinden; er muß die politischen Ereignisse und Parteirichtungen der verschiedenen Völker ebenso sicher beurteilen können wie die seines eigenen. Bei solchen Anforderungen darf es daher nicht wundernehmen, daß bisher eine umfassende, systematische Arbeit über den Nationalismus gefehlt hat. Vorarbeiten, nebenher laufende Betrachtungen, Darstellungen von Teilerscheinungen, gibt es in Fülle. Aber das Buch über den Nationalismus besitzen wir erst in diesen vorliegenden „Essays on Nationalism“. Der Verfasser, Professor für Geschichte an der Columbia-University N. Y., besitzt jene Eigenschaften, die als Voraussetzung für die Abfassung eines solchen Werkes angegeben worden sind. Hayes kennt in ungewöhnlichem Maße die Literaturen der Hauptkulturvölker; er handhabt mit sicherem Stilgefühl die angelsächsische Form des Essays, und sein etwas sarkastisch angehauchter common-sense scheut sich nicht, die Dinge beim richtigen Namen zu nennen. Diese Vorzüge erhalten noch dadurch einen besonderen Reiz, daß die Schrift reiches Tatsachenmaterial ans Amerika bringt. Dieser Kontinent hat es in Ansehung des Nationalismus schon längst nicht mehr besser als Europa. Er hat es schlechter. Jenseits des Ozeans wird alles gleich „biggest“. Auch der amerikanische Nationalismus kann für sich diesen Superlativ beanspruchen, in dem die naive Vorliebe für das Quantitative zum Ausdruck kommt. Zweierlei versteht Hayes unter Nationalismus. Erstens den historischen Prozeß, welcher Nationalitäten, d. h. Gruppen mit gemeinsamer Sprache und Kultur, zu staatlichen Einheiten zusammensaßt und der aus Stämmen und Stammesgruppen die Institution des nationalen Staates gestaltet. Zweitens aber bedeutet Nationalismus, der zeitgenössische populäre Glaube, die eigene Nationalität oder der eigene nationale Staat besitze einen solchen Vollkommenheitswert und eine die anderen Nationalitäten überstrahlende Erhabenheit, daß alle menschlichen Verbandsformen und Treuverhältnisse bedeutungslos werden gegenüber dem Treuverhältnis zur Nation, und daß ihr und ihren Symbolen wie einer Gottheit höchste religiöse Verehrung zukomme. Diese an Hybris grenzende Ueberwertung des Nationalen ist das gefährlich Neue, das, wie Hayes nachweist, weder in der Antike noch im Mittelalter bis zur Französischen Revolution vorhanden war. Nationalitäten hat es schon immer gegeben — sie finb eine besondere Form des menschlichen Geselligkeitstriebes; Patriotismus als Liebe zur Heimat und zum sinnenhast gegebenen Vaterland hat es auch schon immer als eine echte menschliche Empfindung gegeben; aber Nationalismus als eine alle andere entwertende Liebe zu Millionen und Millionen von größtenteils unbekannten Menschen, die über ungeheure Lünderstrecken verteilt wohnen, dieser Nationalismus ist ein künstlich gezüchtetes Gefühl des letzten Jahrhunderts. Wie sich dieses Gefühl zu Intoleranz und zu hochmütigem Haß gegen die unbekannten Menschen anderer Nationalstaaten gesteigert hat, wie eine pseudowisfenschast^che Literatur und wie wirtschaftlich interessierte Klassen aufreizende Ideologen biologischer und politischer Auserwähltheit für ihre besondere Nation geschaffen haben, wie ferner diese Ideologen durch Staatsschulen, Militär und Presse propagiert werden — das zeigt Hayes an zahlreichen Beispielen und Zeugnissen aus aller Herren Länder. Man steht erschüttert vor diesem Schauspiel geistiger Verirrungen und Verwirrungen, die um so verhängnisvoller sind, als in ihnen opferbereiter Idealismus und religiöses Verehrungsbedürfnis der Massen sich auswirken. Hayes weist darauf hin, wie stets in Zeiten religiösen Verfalles Staat und Volk vergottet wurden. In der Französischen Revolution wurde das Vaterland — la patrie — zum Gegenstand der Anbetung und des Gottesdienstes. Den Wert nationaler Sondergebilde erkennt Hayes durchaus an und würdigt ihre kulturelle und sittliche Bedeutung. Der Nationalismus aber, der die Nation zu einem alle sittlichen Werte vernichtenden Götzen macht und die Menschen mit Hochmut gegen Angehörige anderer Nationen erfüllt, dieser von Hayes als patriotic snobbery gekennzeichnete Patriotismus, gilt ihm als das Verhängnis unserer Zeit. — Der Verfasser dieses Werkes ist im Jahre 1882 im Staate New Dort geboren. Seine Voreltern, mütterlicher- und väterlicherseits, leben seit der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Amerika. Er selbst hat an der Columbia-Universität studiert; seine beiden hauptsächlichen Lehrer, Burgess und James Hardy Robinson, haben ihre historische Ausbildung in Deutschland genossen. Hayes selbst ist von 'Lessing und Herder aufs tiefste beeinflußt worden. Seit 1910 ist er Professor für Geschichte an der Columbia-University und feit 1922 „head of the department of history“. Er hat den' Krieg als Hauptmann beim amerikanischen Generalstab mitgemacht."