Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- Seite 289 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nie Zubiläumstagung der Kant-Gesellschaft. I Sonderbericht für die „C. V.-Zertung". Die Kant-Gesellschaft, die größte philosophische Bereinigung der Welt, beging das Jubiläum ihres 25jährigen Bestehens durch eine F e st t a g u n g, die unter stärkster Beteiligung des In- und Auslandes vom 21. bis 24. Mai in Halle stattfand. Der Geschäftsführer und Leiter der Gesellschaft, Professor Arthur Liebert (Berlin), bezeichnete es als „die hohe Aufgabe der Kant-Gesellschaft, mitzuwirken an der Verbreitung des Geistes der Humanität und Gerechtigkeit aus der schrecklich zerrrssenen Erde". Dies ist das gleiche Ziel, das auch der Centralverein durch seine ausklärende Arbeit und durch seinen Kampf gegen den Antisemitismus anstrebt. Der soeben beendete Kongreß darf aber noch aus einem besonderen Grunde auf das Interesse der Leser dieser Zeitung rechnen. Die Vorträge und j Verhandlungen waren dem Thema „Staat und Sittlichkeit" gewidmet, behandelten also ein Problem, das weit über den Kreis der Fachgelehrten hinaus von Wichtigkeit ist und das in hohem Maße den Aufgabenkreis des Centralvereins berührt. Von allen Rednern wurde die Durchdringung des politischen Lebens mit dem Geiste wahrer Sittlichkeit gefordert. Dazu ist nötig, daß eine philosophische Besinnung über Politik und Ethik einsetzt. Die politische Praxis wird gefördert, wenn es gelingt, auch diese Probleme wissenschaftlich aufzuhellen. Der Philosoph soll nicht weltj abgewandter Grübler sein; mitten in den Nöten des täglichen Lebens;; hat er seinen Standort. Daher wurde es allseits lebhaft begrüßt, % daß die Kant-Gesellschaft nicht nur das Staatsproblem im all- | gemeinen, sondern auch Einzelsragen, wie etwa das Problem der \ politischen Parteibildung, zum Verhandlungsgegenstand wählte. Wenn - einer der Referenten ausführte, die politische Theorie sei in Deutschland vernachlässigt und die deutsche Politik brauche wieder mehr echte Reflektion, um echte Taten zeitigen zu können, so deckt sich dieses k Verlangen beinahe wörtlich mit der Forderung Dr. Holländers, l im Kampf gegen politische Verhetzung die Grundprobleme einer 8 wissenschaftlichen Klärung zuzuführen. fl Von den Vortrügen der Tagung machten die Ausführungen des h früheren badischen Staatspräsidenten Professor Willy Hellpach •i (Heidelberg) über „Partei und Weltanschauung" den I stärksten Eindruck. Hellpach führte aus, daß eine politische Partei I mit Notwendigkeit intolerant werde, wenn sie eine Weltanschauung J zum Parteiinhalt mache. Dadurch entstehen d o g m a t i s ch e Par- | feien, die kein Kompromiß zulassen und die ohne Rücksicht aus die § jeweiligen Umstände ihr bestimmtes und unabänderliches Parteiprogramm durchzuführen suchen. Den dogmatischen Parteien stehen g. bie pragmatischen Parteien gegenüber, die ohne weltanschauliche Festlegung und ohne dogmatische Bindung nach dem Gebot der Stunde z 3um Grundihema. 1 Von Julius Bab. I I In den Diskussionen, die in letzter Zeit das Leben innerhalb des Centralvereins in erfreulicher Weise vertieften und verstärkten, ist | vielfach mit großem Nachdruck hervorgehoben worden, daß der Cen- I tralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens etwas anderes ■] als ein reiner Abwehrverein sei. Daß er nicht nur nach außen hin tz gegen Schmälerung der verfassungsmäßig verbürgten Rechte der Juden si zu kämpfen und gesellschaftliche Kränkung von ihnen abzuwehren habe, i Daß ihm vielmehr, weit darüber hinaus, die positive Ausgabe obß liege, zu klären und zu festigen das innere Verhältnis zwischen Deutschf turn und Judentum. Das lebendige und fruchtbare Jneinander- 1 wirken dieser beiden Mächte, diese Tatsache, von der alle Bestrebungen des C. V. ausgehen, — ihre Erörterung bildet das Grun'di t h e m a, zu dem wir von jedem Gedankenslug, von jeder praktischen j Einzelarbeit mit Notwendigkeit immer wieder zurückkehren müssen. Z Daraus folgt aber, daß unsere Stellungnahme 1 z u m Zionismus keineswegs nur deshalb gegnerisch jf ist, weil die Haltung der Zionisten den Abwehrkamps, das Gleichberechtigungsstreben eines deutschen Staatsbürgers jüdischen Glaubens außerordentlich erschwert. Unsere Gegnerschaft ist keine taktische, sondern eine denkbar prinzipielle; sie beruht darauf, daß die Zionisten'das Verhältnis von Deutschtum und Judentum grundsätzlich anders empfinden und bewerten als wir. — Diese Tatsache ift sattsam bekannt und viel erörtert, und bod) verschleist sich ihre einschneidende, alles trennende Schärfe im Geschäft des Tages allzuleicht, doch ist es nicht überflüssig, ihre grundlegende Bedeutung an einem brennenden Beispiel wieder einmal ins Licht zu rücken. d Vor einigen Monaten erschien in der „Jüdischen Rund- | schau" ein größerer Aufsatz von Siegfried Weitzmann, der § unter der Ueberschrift „Los vorn Zionismus" die gleichnamige Bro- 2$9 handeln. Der Pragmatismus kommt mn reinsten in der demokratischen und republikanischen Partei in den Vereinigten Staaten von Amerika zur Darstellung. Hier bestehen keine weltanschaulichen Trennungen, sogar die Bezeichnungen Demokraten und Republikaner find völlig belanglos, sie könnten ebensogut „die einen oder die anderen" heißen. Den Gegensatz hierzu bilden die Bolschewisten in Sowjetrußland, die ihr Programm dogmatisiert haben und versuchen, ohne Kompromiß und mit Unterdrückung aller abweichenden Richtungen ihr weltanschaulich sestgelegtes Parteiprogramm durchzuführen. Hellpach kam dann auf die politische Parteibildung in Deutschland zu sprechen. Bei uns herrschen „Fülle und Wirrnis". Deutschland gleiche dem alten Griechenland, das auch in der Philosophie am stärksten, in der.Politik am schwächsten gewesen sei. Ueberall rede man in Deutschland von Weltanschauung, aber man habe den Begriff verwässert. Man könne z. B. von einer völkischen Weltanschauung ebenso wenig reden wie von der „Weltanschauung der Detaillisten". Die Meinung, „bestimmte Rassen feien mehr oder weniger wertvoll", sei noch keine Weltanschauung; hierzu gehöre eine wohlfundierte Auffassung von dem Ganzen der Welt. Die einzige Partei in Deutschland, die wenigstens in kirchenpolitifchen Fragen noch weltanschaulich gebunden sei, ist das Zentrum. Einen stark dogmatischen Gehalt spricht Hellpach auch den rechtsradikalen Parteien und den Kommunisten zu; daraus erkläre sich die Intoleranz dieser Parteien. Alle anderen Gruppen seien heute mehr oder weniger pragmatisch, auch das Zentrum entscheide in allen nicht religiösen Problemen nach dem Gebot der Stunde. Hellpach glaubt, daß die immer mehr hervortretende Pragmatisierung auch Deutschlands Schicksal sei. Außer dem Christentum des Zentrums gäbe es kein Parteidogma mehr, daß dauernde Zugkraft habe. Deutschland werde, so prophezeite Professor Hellpach, in irgendeiner Form ein pragmatisches Zweiparteiensystem erhalten, das nach seiner Auffassung die stetige Entwicklung des Staates gewährleisten könne. Die Ausführungen Hellpachs über die Zukunft der Parteien und die Parteien der Zukunft sind auch für die Beurteilung der Parteien mit antisemitischem Parfeidogma äußerst interessant. In der Diskussion bezweifelte Dr. Emanuel Laster (Berlin), ob es überhaupt Parteien ohne Weltanschauung geben könne und ob sich die llnterscheidnng Hellpachs von Pragma und Dogma in voller Strenge durchführen lasse. Zmn Schluß sei nod} eine Bemerkung gestattet. Professor T a t a r i n - T a r n Heyden (Rostock) sprach in seinem Bortrag über die Konflikte zwilchen staatlicher Notwendigkeit und individuellem Gewissen. Die Lösung sah er in einem religiös .fundierten Bolksethos gemäß dein '^atze: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst". Dieses Prinzip erklärte der Referent für das Besondere und Wesentliche der chrisflichen Ethik. Es muß immer wieder betont werden, daß dieser Grundsatz der jüdischen Lehre entstammt und vom Christentunr ausgenommen wurde. Er befindet sich bekanntlich im 3. Buch Moses, Kapitel 19, Vers 18. Welch Zentrale Stellung er in der Ethik des Judentums einnimmt, erhellt aus dem Aussprüche Hillels. dieses Gebot enthalte das ganze Judentum, und alle anderen Vorschriften seien nur Erläuterungen dieses einen Satzes. Dr. S. Weinberg. schüre kritisierte, die von Ernst Pi n n e r und einigen anderen herausgegeben worden war. In biefem Aufsatz finden sich die folgenden Sätze: „Wer immer unter uns die Werke deutschen Geistes in sich aufnahm, der empfindet, je vollkommener es ihm gelang, desto unmittelbarer, wie wenig er davon innerlich besitzt, wie er eben nur fähig ist, sie zu erleben, aber ohnmächtig, aus Eigenem etwas mitzubringen. Wir Westjuden sind wirklich in der verzweifelten Lage, eine Kultur Zu haben, die uns nicht gehört, und einer Kultur cmzugehören, die wir noch nicht haben. Ob das deutsche Volk uns haßt oder gelten läßt, bleibt gleichgültig neben der Tatsache, daß wir selbst uns in seiner geistigen Welt nicht beheimatet fühlen: Hier begann unser jüdisches Erlebnis. Es hat uns von dem Wahn befreit, zur d e u t s ch e n N a t i o n Zu gehören, und unseren Zionismus begründet." Hier ist wirklich mit äußerster Klarheit ausgedrückt alles, was uns vom Zionismus trennt, alles, was wir als gefährlich, falsch empfinden und dem wir die Wahrheit unseres anderen Erlebens entgegensetzen. — Wenn hier von einem Manne, der wahrscheinlich deutscher Staatsbürger ist und jedenfalls in deutscher Sprache und in Deutschland schreibt, erklärt wird, er fühle sich tu Deutschlands geistiger Welt nicht beheimatet, so wäre das eine Tatsache, die man mit lebljaftem Bedauern für den Unglücklichen, der in einer so durchaus problematischen * Situation lebt, zur Kenntnis nehmen, aber eigentlich nicht weiter diskutieren kann. Man brauchte nur für sich und viele Freunde als gleichermaßen unumstößliche Tatsache zur Kenntnis zu geben, daß man sich in der deutschen Welt, jeder Verleumdung und Anfeindung zum Trotz, ties beheimatet fühlt. Aber in diesen sehr typischen Sähen des Weitzmann steckt doch noch mehr — und steckt Widerlegbares. Er behauptet nämlich, daß die so viele lebhafte Geister auch in Deutschland umfassende zionistische Bewegung ausgebaut sei auf der Tatsache, : daß die Juden kein deutsches Heimatgesühl haben, daß die Bewegung . in ihrer Breite also ein irgendwie verbindlicher Beweis für diese Tatsache seil „Hier begann unser jüdisches Erlebnis!" Wir wollen davon absehen, daß das ein außerordentlich negatives jüdisches Erlebnis ist, weil es ja zunächst gar nichts enthalt als das Nichtdeutsch-, sein. Aber st i m rn t d e n n d i e T a t s a ch e? Ist der Zionismus