Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- Seite 290 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2277379-2277833-2277855--05279-2286002- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
290 «A. «Srosfee Spk?ls!hsus für feine Hrrren-Wgsche, LriKotagen usw. BHFSL.1IM W CHARLOTTENSTRASSE 65 FERNSPRECHER: MERKUR 6330 wirklich nicht als ungeduldige Entgegnung auf verschmähte Liebeswerbung entstanden, '„gleichgültig, ob das deutsche Volk uns haßt oder gelten läßt", sondern aus einem ursprünglichen Fremdgefühl? Ist nicht Herzl ein vollkommen „assimilierter" Mann gewesen, dem der Zorn über den vielseitig spürbaren Judenhaß die Idee eines selbständigen, wo inuner zu errichtenden Judenstaats eingab!? Ist nicht diese vage politische Idee eines ganz europäischen Journalisten erst nachträglich auf Palästina fixiert worden? Und hat man nicht erst ganz nachträglich mit jahrelanger heißer Bemühung diese Volts- und Staatsidee mit Theorien von einer volksmüßig gebundenen, das Aufgehen in jede andere Nation verhindernden jüdischen Eigenart unterbaut?! Ter Hohn, mit dem Weitzmann den Brunuerschen Saß „Der Zionismus ist die falsche Reaktion der Juden auf den Judenhaß" zurückweist, ist gegen geschichtliche Tatsachen ohnmächtig. Die auf Nassetheorien aufgebaute jüdische Volksidee ist tatsächlich in einem zwiefachen Sinne des Wortes als „Reaktion" auf die rassentheoretisch fundierte Judenseindschnst im Westen entstanden, und sie hat es zur Macht gebracht, weit sie die völlig wesensandere messianische Idee der Ostjuden teilweise ergreifen und mißleiten konnte. Eine aus innerem jüdischen Wesen quellende, von äußerer Befeindung unabhängige Fremdheit gegenüber dem europäischen, speziell dem deutschen Wesen, steht keineswegs an der Wiege des Zionismus! Vielmehr hat diese politische Theorie erst nachträglich das Zusammenhangsgesühl, die vorhandene innere Einheit der deutschen Juden aufzuspalten versucht, und hat hier und da mit Erfolg das Gefühl von Heimatlosigkeit gezeitigt, von dem sie jetzt abzustammen vorgibt. Man braucht keineswegs zu leugnen, daß die zionistische Bewegung Gutes gewirkt hat, wo sie als ein scharfes Gift gegen Gedankenlosigkeit und Feigheit westlicher Juden sich spürbar nmchte, wo sie „Assimilation" in jenem schäbigen Sinne durchkreuzte, der ein Davonlaufen aus dem Judentum bedeutet. Man braucht das nicht zu leugnen, denn die Geschichte ist voller Beispiele dafür, daß beinahe jede Bewegung, auch eine ganz irrtümliche und falsche, an irgendeinem Punkt, in irgendeinem Zusammenhang Gutes zu wirken vermag. Aber für die anderen Juden, die solche Gegenwirkung nicht nötig hatten, deren Assimilation auch nicht Flucht bedeutete, sondern Gewußte Pflege ihrer tatsächlich vorhandenen Lebenseinheit — Einheit aus jüdischen und deutschen Elememen —, für diese Juden war und blieb der Zionismus nichts als ein großer, gefährlicher Irrtum. Tenn tatsächlich besteht seit vielen Jahrhunderten diese vollkommene und fruchttragende Verwurzelung der Juden in der deutschen Heimat,, die die Zionisten so leidenschaftlich aus der Welt reden wollen. Sie besteht seit den miLtelalterlichen Tagen, da die aus Deutschland vertriebenen, in Polen angesiedelten deutschen Juden in höchst unpraktischer Weise aus einem leidenschaftlichen Zusammenhangsgefühl heraus ihre mittelhochdeutsche Sprache festhielten, die bis heute als das lebendige „Jiddisch" fortlebt. Sie besteht bis zur heutigen Stunde, wo Max Liebermann, ein Stolz Deutschlands in der Welt, der vielleicht gültigste Repräsentant alten Berlinertums -— und ganz unleugbarer und nie geleugneter Maßen ein Jude ist! Denn dies ist die andere Seite des Problems: so wenig wie das heimatmäßige Einleben in die d e it tsche Nation eine rassische Zugehörigkeit voraussetzt, so wenig bedarf das Judentum in einem Menschen volksmäßiger Zugehörigkeit, bewußter nationaler Umgrenzung, um lebendig und höchst bedeutsam wirkend zu sein. Judentum setzt sich als eine geistige Kraft, als eine produktive Eigenart in jeder menschlichen Entfaltung durch und mengt seine besonderen Kräfte jeder, auf nationalem, deutschem oder anderem, Grunde erwachsenen Leistung bedeutsam bei. Es ist der lebensseindliche Wahn der Rassetheoretiker zu verkünden, daß nur aus dem Ungemischten, Einfachen, Gradlinigen das Wertvolle kommt. Jede einzige geschichtliche, ja biologische Erfahrung lacht über diese unsinnige Behauptung. Immer wieder sind es Mischungen gewesen, aus denen neues Leben entsprang, und aus kompliziertesten Mischungen oft das Höchste und Feinste. Ter Jude hat das besondere, keineswegs leicht zu tragende Schicksal, am Kreuzpunkt vieler kultureller Kräfte zu leben. Aber der Geist des Judentums ist es immer gewesen, so komplizierte Situationen zu tragen und fruchtbar zu machen. Durch eine brutale Theorie der Vereinfachung, sich das Leben zu erleichtern, aber auch verarmen zu wollen, nur die Produkte einer ungemischten Kraft legitim erklären zu wollen, das ist im Grunde eine a u ß e r o r d e n t l i ch u n j ü d i s ch e Art, und es kennzeichnet die Zionistische Theorie als entlehnt von jener Kulturstufe, die Goethe die unterste nannte, nämlich die nationalistische, und als Abfall vom eigentlich jüdischen Wesen. Aus schiefem Rationalismus des Westens ist die zionistische Volks¬ und Staatstheorie vom Judentum gewachsen; um für die Juden des Ostens überhaupt wirksam zu werden, mußte sie aus einer in zlveitausend Jahren zum religiösen Symbol gewordenen Erinnerung das 1 unerfüllbare Versprechen einer plumpen Realität machen. Tie 1 messianische Hoffnung, das „Wieder in Jerusalem", sollte für fünfzehn ß Millionen über den Erdball zerstreuter, in völlig verschiedenen Kul- | kuren eingebetteter Juden plötzlich eine realpolitische Lösung werden.— | Großzügig ist die Gewaltsamkeit dieser Wendung zweifellos. Aber sie kann doch nur ganz naiven Seelen aus die Tauer verbergen, wie seelisch arm, wie ungeistig der heftige Reiz ist, den sie ausübt. Nicht, daß er ein „unerfüllbares Ideal" aufstellt, muß man dem Zionismus vorwersen — im Gegenteil, das tun alle wahrhaft großen und fruchtbaren Bewegungen der Menschheit! Das Streben nach einem ewig Unj erfüllbaren bleibt auch der letzte Sinn jüdischer Frömmigkeit. Vielmehr, jj daß er als höch stes Ziel des Strebens eineso karg um- | grenzte Realität aufstellte (das Gegenteil von einer Idee!) — j das ist der entscheidende Einwand gegen den Zionismus. Und gerade j daß diese Realität in dem sehr bescheidenen Maße, in dem das überz Haupt möglich ist, sich schon heute beinahe erfüllt hat, das bedeutet die tödliche Krise, in die die Zionistische Bewegung gegenwärtig gerät. Man ist dem Punkt der Erfüllung schon viel Zu nah; die an allzu Materielles, allzu Nahes geknüpfte Spannung läßt nach! Mit vielem stilistischen Geschick rettet sich der Zionist Weitzmann vor dieser schrecklich ernüchternden Tatsache in das Wunder der göttlichen Lebenskraft, das, wie es die bisherigen Erfolge in Palästina gezeitigt haben, ja irgendwie aus dieser dürren, von Arabern besiedelten Erde doch noch eine Heimat für 15 Millionen Juden machen könne. Dabei hat er den Gedanken der jüdischen Majorität in Palästina — diesen wahrhaft abscheulich unjüdischen Gedanken, bei dem es als herrlich nationalistischer Traum erscheint, daß nun eine jüdische Mehrheit | einmal Andersgläubige tyrannisieren könne! — diesen häßlichen Traum hat Weitzmann, wie die meisten verständigen Zionisten, schon ausgegeben. Aber er wartet auf Wunder. Wunder auf dem Gebiete der Politik sind eine etwas starke Zumutung. Wollen wir sie nicht lieber dort erwarten, wo sie jederzeit zu Hause waren und sind — int Bereich des Geistes!? — Sein und aller Zionisten Hauptargument ist ja immer wieder die Frage: Wie soll nach der Assimilation, nach der Einbettung in das nationale Heimatgesühl der Deutschen und anderer Nationen denn noch Judentum lebendig bleiben? — Wäre es nicht ein zugänglicheres Wunder, wenn der jüdische Geist, der durch so viele Jahrtausende seine Lebenskraft bewiesen hat, auch unter diesen neueren Lebensbedingungen den Weg fände, sich zu behaupten, sich zu erfüllen? Wäre es nicht erlaubter zu glauben daß das Judentum dauern wird, solange noch irgendeine Sendung, eine Kraft in ihm steckt? Wäre diese Kraft erloschen, was läge daran, neben Liberia und Afghanistan einen Jndenstaat in Palästina zu erhalten? Lebt sie aber, die jüdische Wesenskraft, welche äußeren Bedingungen sollen sie vernichten? Die jüdische Sendung, die im messianischen Sinnbild das Wesen dieser Menschen durchglüht, ist nichtftür irgendein Morgen als materiell zu umgrenzende Tat vorstellbar, ^ie vollbringt 1 sich täglich in jedem Juden, der aus die unvollendbare hohe Idee seiner \ Tradition zulebt, der das Leben seines Heimatvolkes mit seinen ) jüdischen Wesenskräften bereichert. So wie es ein deutscher Dichter? gesagt hat: Jeder, der auf den Messias wahrhaft, das heißt tätig, wartete, ist schon selber der, der da kommen soll! Arthur Silbergleit. Zu seinem kürzlich erschienenen Gedichtband „Bajazzo Herbst". Abseits vom geschäftigen und sensationsgierigen Literaturbetrieb, fern jeder verkrampften Kunstpose und origmalitätssüchtigen Sprach- - künstelet, lebt Arthur Silbergleit, ein besinnlicher, stiller Poet unserer hastenden Tage, seinem lyrischen Werke. Daß er, der Verträumte, Versponnene, über den Tag hinaus Zeitloses schafft, daß er, ein echter, klangseliger Troubadour, in einer Zeit der kühlen Gedankenlyrik dem Liede zu einer neuen Blüte verhilft, das beglückt den Leser seines soeben erschienenen Gedichtbandes: „Bajazzo Herbst." (Drei-Kegel-Derlag, Berlin.) Nach seinen letzten, sehr geschliffenen, sehr formbewußten Prosabünden, dem „Füllhorn Gottes" und „Farbenfest", die in ihrem Farben- und Arabeskenreichturu, ihrem Wortprunk und feinzifelierten Sprachzierat mehr [ Dekoratives und Kunstgewerbliches als dichterisch Erlebtes gaben, hat | Silber gleit int „Bajazzo Herbst" zum Vers und Klang und zu einer r reinen, ge süh! sinnigen Sprachmelodie zurückgefunden. Volkstiedhaft I schlicht, in ihrer Anmut und Sangbarkeit den Prunklosen Versen STÜCK. SEIT 1826 2)€ÖTSCH6R fillUI mumm BERLIN 2 KCELN