Central-Verein-Zeitung
- Journal
- Central-Verein-Zeitung
- Volume
- 8 (1929)
- Issue
- 22 (31.5.1929)
- Date
- 1929-05-31
- Page
- Seite 288 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Nationalsozialistische Propaganda an -er Mosel «nim Hochwald. Nun hat das schöne und stille Moseltal auch seine Judenhetze. Seit einigen Wochen hat im Hochwald und anschließend im Moselgebiet von Zell bis Berncastel mit Einschluß von Traben- Trarbach eine umfangreiche nationalsozialistische Propaganda eingesetzt, die eine starke Unruhe in diese Gegend gebracht hat. Die Moselaner sind liebenswerte, freundliche Menschen, denen der Haßgedanke an sich fern liegt. Sie sind unglaublich fleißig und lebten in früheren Jahren in durchweg guten wirtschaftlichen Verhältnissen. Viele Mißernten der letzten Jahre, dazu die allgemeine wirtschaftliche Depression und nicht zuletzt die starke Konkurrenz durch die französischen Weine haben schwere Lebenssorgen in das Gebiet gebracht. Daß auf einem solchen Boden die Predigten der nationalsozialistischen Heilsapostel Erfolg haben würden, war vorauszusehen. Der einfache Weinbauer kennt seine eigene Not und glaubt in frommem Selbstbetrug gern, was sich so gut anhört. Daß aber die nationalsozialistischen Rezepte nur Redensarten bedeuten, die eine Besserung der Lage noch unmöglicher machen, daß insbesondere ihre Behauptungen über die Juden meist Verleumdungen sind, so weit wird kaum gedacht. Entgegen der gegnerischen Unwahrheit die Wahrheit in die Bevölkerung zu tragen, bedeutet wohl hier die entscheidende Aufgabe. Die Mosel ist in der Hauptsache katholisch. Es gibt aber noch einige stark evangelische Zentren, deren Vorhandensein auf geschichtliche Gründe zurückzusühren ist. Ein solcher Mittelpunkt ist Enkirch, ein Ort, der zugleich auch als Zentrum nationalsozialistischer Propaganda gelten kann. Als weitere Hochburg ist Veldenz im Kreis Berncastel zu nennen. Damit soll aber nicht gesagt werden, daß sich die Anhängerschaft der Nationalsozialisten nur in evangelischen Gebieten ausbreitet. Einen Gegenbeweis liefert der Ort Hermeskeil im Hochwald, der zu neun Zehntel katholisch ist und heute bereits zum größten Teil nationalsozialistisch verseucht ist. Die Juden des Moselgebietes sind gleich der christlichen Einwohnerschaft fleißige, genügsame Menschen, die sich durchweg keine Reichtümer erworben haben. Sie sind mit ihrem Heimatboden als Rheinländer und Deutsche aufs engste verwachsen und haben mit der übrigen Bevölkerung stets auf dem Boden gegenseitiger Achtung und Freundschaft zusammengelebt. Es darf wohl gehofft werden, daß dieses Band der Zusammengehörigkeit, das im Verlauf einer langen Geschichte durch gemeinsames Erleben und durch gemeinsam getragene Schicksale gewebt worden ist, sich stärker erweisen wird als der Zersetzende Einfluß nationalsozialistischer Haßgesänge. Die Bewohner des Moselgebietes leben zum großen Teil direkt und indirekt vom Fremdenverkehr, und nicht wenige Juden sind es, die jährlich als Touristen das liebliche Tal durchwandern oder an den freundlichen Plätzen darin ihre Erholung suchen. Ich glaube^ man würde in Zukunft zum größten Teil aus diese Gäste verzichten müssen, wenn die antisemitisä)en Wühlereien sich weiter ausbreiten sollten. Schließlich schmeckt auch der Rheinwein gut. Es ist nur zu hoffen, daß der gesunde Sinn der Moselaner im wohlver- Smdenen Jnteresie der eigenen wirtschaftlichen Lage den rechten eg finden wird, um Ruhe und Frieden zu wahren, die im Augenblick durch eine verantwortungslose Arbeit der Nationalsozialisten gefährdet sind. E. F. Hitler ln Königsberg. Der diesjährige Gautag der Nationalsozialisten Ostpreußens am 25. und 26. Mai in Königsberg erhielt durch die Anwesenheit Adolf Hitlers ein besonderes Gepräge. Schon in den ersten Tagen des Monats hatten große Plakate, auf dnien Hakenkreuze und schwarzweißrote Fahnen prangten, auf die bevorstehende Rede Adolf Hitlers in der Stadthalle aufmerksam gemacht, und auch während des Stahlhelmtages am 4. und 5. Mai war nicht versäumt worden, unter den in Königsberg vor ihrer Bundesführung ausmarschierenden ostpreußischm Stahlhelmern rege Propaganda für den Hitler-Tag zu entfalten. Die nationalsoziaMischen Sturmabteilungen der Provinz aber hatten den letzten Mann für den Gautag in Königsberg mobilisiert, um ihren Mitgliedern Gelegenheit zu geben, eine der rhetorisch so überaus wirksamen Reden Adolf Hitlers mitanhören zu können. So kam es, daß der große Saal der Königsberger Stadthalle. der mehrere tausend Personen faßt, trotz der hohen Eintrittspreise von 5, 3, 2 und 1 Mark bis auf den letzten Platz beseht war. Gut Tausend der Anwesenden waren Hitler-Leute aus der Provinz, die geschlossen angerückt waren; der Rest bestand aus Konigsberger Parteimitgliedern, unter ihnen auffällig viel Frauen und eine großen Anzahl von Stahlhelmern. Die Versammlung wurde vom Königsberger Gauleiter K o ch geleitender die Begrüßungsansprache sehr kurz hielt, nur mit wenigen Worten die Anwesenheit des Führers feierte und nachdrücklich erklärte, daß zwei vereidigte Stenographen im Saal anwesend seien, die man ja nötig habe, um Entstellungen der Worte Adolf Hitlers zu verhindern. Dann ergriff, von tosendem Beifall begrüßt, Adolf Hitler das Wort. Seine Rede bot in keinem Sinne etwas Neues; aber die Art, wie der nationalsozialistische Führer die altbekannten Schlagwörter, ja selbst klischeeartige Gemeinplätze wiederzugeben verstand, riß die Hörerschaft zu Beifallsstürmen hin. Nach den kurzen Dankworten des Gauleiters Koch stimmte die Sturmabteilung das Hitler-Lied an. Vor der Stadthalle formierten sich dann die Parteimitglieder zum Marsch nach dem Alten Schühenhaus, wo der eigentliche Parteitag begann. . Die große Mehrzahl der Königsberger Bevölkerung, vor allen Dingen die Arbeiterschaft, hat von der nationalsozialistischen Veranstaltung keinerlei Notiz genommen. I S 1 Die Erben -es Rabbi Tableau. Der Emil-LuDwLg?Bries des — „SimpLizissirrms". Es ist noch nicht lange her, daß der „Völkis che Beobachter" aus dem zusammenfassenden ironischen Schlußwort eines Aufsatzes in einer jüdischen Zeitung „Tablea u" einen Rabbiner des gleichen Namens machte und gegen diesen das Deutschtum lästernden „Rabbi Tableau" wütend zu Felde zog. Blinder Eifer, verbunden mit mangelnden französischen Sprachkenntnissen, hatte hier einen alle Unbeteiligten herzlich erfreuenden Reinsall hervorgerufen. Das logische Gesetz, daß gleiche Voraussetzungen zu gleichen Ergebnissen führen, hat sich neuerdings an einem niedlichen Begebnis bewahrheitet, in dessen Mittelpunkt Emil Ludwig steht. Die gesamte judenjeindliche Presse kann Herrn Ludwig die Form seiner Darstellung historischer Persönlichkeiten — in erster Linie Bismarcks und Wilhelms II. — nicht verzeihen und findet als Hauptargument gegen ihn die Tatsache, daß sein Vater Cohn hieß. Cohn hören — und für vernünftige Erwägungen unzugänglich zu sein, ist für diese Blätter ein. Was tut man also, wenn man eine Notiz liest, in der es von Emil Ludwig folgendermaßen heißt — „Sie können sich gar nicht vorstellen, wie froh ich bin, daß ich nun den Menschensohn hinter mir habe! Wie Sie aus den Waschzetteln wissen, lebe ich mich in die zu biographierenden Personen immer so intensiv ein, daß ich beispielsweise bei Bismarck kahl, bei Napoleon genial und bei Wilhelm dem Zweiten größenwahnsinnig wurde. Außerdem störte mich bei letztgenanntem Werke ein kaum nnterdrückbarer Trieb zum Holzhacken und Heiraten. Malen Sie sich aus, wie ich beim Menschensohn gelitten habe! Dafür habe ich auch noch höhere Prozente verlangt. Zur Erholung werde ich mich jetzt in Casanova einleben. Sehen Sie, die Kleine da drüben winkt schon." — man übersieht, daß es sich um einen Scherz der bekannten satirischen Wochenschrift „Siinpliziss imus", in dem Emil Ludwig unter das satyrische Vergrößerungsglas gelegt wurde, handelt, wie er in gleicher Form aber auf andere Schriftsteller und Künstler angewendet wurde, und wütet gegen „Cohn" mit „Selbstentlarvung", „Selbstbekenntnis", „Prozente für Golgatha". Blinder Eifer und mangelnde Sprachkenntnisse, diesmal des deutschen Sprachgefühls, ergeben Reinfall. Man sieht: Dte Rechnung stimm t. Tableau! Ridens. Nachwort zur Memeler Ritrralmordlegeride. Eine Reihe von Tageszeitungen wie von jüdischen Blättern hatte in bezug auf das kn Memel kursierende Ritualmordgerücht behauptet, daß seitens der Memeler Staatsanwaltschaft tatsächlich eine Anklage wegen Ritualmordes gegen den jüdischen Kaufmann Schocher erhoben worden sei. Wie wir von unserem Königsberger Syndikus S a b a tz k y, der im Einvernehmen mit dem Verein zur Wahrung der Interessen der Juden im Memelgebiet die Angelegenheit bearbeitet hat. erfahren, entbehren diese Gerüchte jeglicher Begründung. In der ganzen Angelegenheit ist niemals Anklage gegen irgendeine Person erhoben worden. Die Staatsanwaltschaft hatte auch seinerzeit, wie wir in der „C. V.-Zeitung" Nr. 19 vom 10. Mar berichteten, bereits der Memeler Presse mitgeteilt, daß keine Anhaltspunkte für ein Verbrechen bestünden. Es liegt vielmehr ein Unglückssall infolge einer Vergiftung durch Leuchtgas vor. Die „C. V.-Zeitung" hatte sich von vorherein von allen dreien Gerüchten ferngehalten und nur authentisches Material über die Angelegenheit veröffentlicht. Es wäre zu wünschen, daß in der übrigen Presse die Falschmeldung von einer Anklageerhebung dementiert würde. Eppingen und Köthen. In Nr. 49 der „C. V.-Zeitung" von 1928 hatten wir berichtet, daß am 27. November 1928 vier Grabsteine auf dem jüdischen Friedhof in Eppingen (Baden) von unbekannten Tätern umgeftürzt worden waren. Trotz .einer ausgesetzten Belohnung von 200 Mark blieben alle Nachforschungen nach den Tätern vergebens, bis sich zwei 14jährige Volksschüler aus Eppingen durch Prahlereien in der Kvnfirmationsstunde verrieten. Das Jugendgericht hatte beide Knaben freigesprochen mit der Begründung, daß sie intellektuell und moralisch unreif seien und die Tak ein Lausbubenstreich gewesen sei. Der eine der Schüler wurde unter Schutzaufsicht gestellt, der andere in Fürsorgeerziehung gegeben. Der Staatsanwalt legte Berufung gegen dieses Urteil ein und beantragte gegen beide Täter Freiheitsstrafen mit Bewährungsfrist. Die Strafkammer urteilte jedoch dahin, daß das Jugendgericht die Persönlichkeiten der Täter und die Tat selbst zutreffend gewürdigt habe, und wies die Berufung Zurück. - Die Friedhosszerstörung in Köthen hat sich erfreulicherweise als ein Kinderunfug Herausgestellt. Die Prepemeldungen, die unter dem ersten Eindruck der zertrümmerten Grabstätte ergingen, sind ohne Zusammenhang mit uns oder unserer K vthener Ortsgruppe entstanden. Gegenüber der von nationalsozialistischer Seite gern vorgebrachten Behauptung, daß wir an den Friedhofsschändungen interessiert seien, legen wir auf die Feststellung besonderen Wert, daß uns dieser Köthener Fall bereits seit drei Wochen bekannt war, daß wir ihn aber nicht der Oesfentlichkeit übergeben haben, da uns der Tatbestand von vornherein die Böswilligkeit auszuschlietzen schien.